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Erhard Fischer, Reinhard Markowetz (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung

Cover Erhard Fischer, Reinhard Markowetz (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 340 Seiten. ISBN 978-3-17-024247-0. 40,00 EUR.
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Thema

Inklusive Bildung hat es in Deutschland seit Verabschiedung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geschafft, sich als ein zentrales Thema pädagogischer und bildungspolitischer Diskussion zu etablieren. Allerdings besteht insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit einer geistigen Behinderung eine auffällige Diskrepanz zwischen der normativen Forderung nach Inklusion und der faktischen Situation in vielen Bundesländern: der vielfach weiterhin dominierenden Unterrichtung in Förderschulen. Zudem existieren unübersehbar große Forschungsdesiderata hinsichtlich der Planung, Umsetzung und Evaluation inklusiver pädagogischer Ansätze, insbesondere mit Blick auf Kinder und Jugendliche, deren „geistige Entwicklung“ als besonders förderdürftig angesehen wird. Das ist der Ausgangspunkt für den Sammelband „Inklusion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ (2016), zugleich Band 6 der Reihe „Inklusion in Schule und Gesellschaft“ des Kohlhammer Verlags.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber des Bandes, Erhard Fischer (Universität Würzburg) und Reinhard Markowetz (LMU München), sind als Professoren für Pädagogik bei geistiger Behinderung tätig. Hinzu kommen elf weitere Autorinnen und Autoren, die überwiegend im universitären Bereich im deutschsprachigen Raum arbeiten.

Entstehungshintergrund

Der hier besprochene Band ist Teil einer Reihe, deren ersten vier Bände sich auf verschiedene schulische bzw. gesellschaftliche Bereiche beziehen: Primarstufe, Sekundarstufe, Beruf und Gemeinwesen. Die Bände 5 bis 11 fokussieren auf die verschiedenen sonderpädagogischen Förderschwerpunkte; der abschließende Band 12 greift interdisziplinäre Zugänge auf. Zurzeit sind sieben der geplanten zwölf Bände erschienen.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Anthologie enthält zehn Kapitel, deren Struktur und Ausrichtung sich deutlich voneinander unterscheiden.

Dem einleitenden Text der beiden Herausgeber Fischer und Markowetz folgt ein Kapitel über die historische Entwicklung (Feuser), wobei der Fokus auf die gesonderte Bildung für Menschen mit geistiger Behinderung gelegt wird. Der Abschnitt über den Bildungs- und Erziehungsbedarf (Fischer) fragt angesichts des oftmals bestehenden Ressourcenmangels nach den Realisierungsmöglichkeiten inklusiven Unterrichts in einem heterogenen Lernumfeld.

Es folgen zwei Kapitel mit Forschungsübersichten zur sozialen Inklusion (Preiß) und zur Schulleistungsentwicklung (Ratz), wobei internationale Studien einbezogen werden. Es schließt sich ein Text zu schulischen Organisationsformen (Thümmel) an. Hierbei wird deutlich, dass ungeachtet intensiver Reformbestrebungen die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung in allgemeinen Schulen noch immer gering ist. Das Anforderungsprofil der Lehrkräfte, insbesondere unter Einbezug der Studien Hatties, ist Thema des sich anschließen Kapitels von Pitsch und Thümmel.

Eher theoretische Aspekten und didaktische Fragen inklusiver Bildung thematisiert Markowetz in seinem Beitrag. Fallbeispiele in ausgewählten Regionen – Bayern, Südtirol, Österreich und Basel – werden von Dworschak, Kapfer, Demo, Köpfer und Moser aufgegriffen und diskutiert.

Der abschließende Beitrag ist mit der grundlegenden und weiterhin aktuellen Frage überschrieben „Meint Inklusion wirklich alle?“ (Terfloth).

Diskussion

Alle Texte des Bandes basieren auf der im Vorwort dargelegten Position, das Recht auf Inklusion sei „unteilbar“ (Fischer & Markowetz, 2016, 11). Doch was bedeutet Inklusion konkret? In der internationalen Diskussionen lassen sich dazu zwischen vier und sechs unterschiedliche Bedeutungsdimensionen ausmachen. Die Antwort auf die Frage, ob Inklusion „wirklich alle“ umfasse, wird in der Publikation dahingehend einheitlich beantwortet, dass ein Recht auf Bildung unteilbar sei.

Unterschiedliche Perspektiven treten jedoch in den einzelnen Beiträgen auf, etwa in Feusers Position „Es gibt keinen Rest!“ (2016, 47) und Terfloths Sichtweise, dass auch „begrenzte Zeiten der äußeren Differenzierung sinnvoll sind“ (2016, 335). Dabei sind diese divergierenden Standpunkte eher ein Gewinn, repräsentieren sie doch die Breite der Fachdiskussion.

Besonders lesenswert sind in diesem Kontext die beiden Beiträge zu den empirischen Befunden zu inklusiver Bildung. Die Forschungsergebnisse sind durchaus uneinheitlich, sowohl die soziale Situation in der Klasse betreffend (Preiß) als auch hinsichtlich der Entwicklung von Schulleistungen (Ratz).

Als besonders bedeutsam erscheint in diesem Zusammenhang eine Verlagerung des Fokus von einem eher medizinisch-kategorial zu einem eher sozial-relational geprägten Behinderungsverständnis, das die Anpassung der Umwelt – des Unterrichts, des Klassenraums usw. – und der sozialen Beziehungen in den Blick nimmt. In der Konsequenz bedeutet dies einen „grundlegenden Transformationsprozess des Erziehungssystems“ (Markowetz, 2016, 244) und die „Anerkennung der Subjekte in ihrer Gleichheit und Verschiedenheit“ (246). Ob aber ein solcher elementarer Wandel in den Bundesländern bildungspolitisch gewollt und durchsetzbar ist, kann in der gegenwärtigen Situation bezweifelt werden.

Fazit

Auch fast zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen befindet sich die schulische und gesellschaftliche Inklusion in Deutschland noch immer eher am Anfang. Ermutigende Einzelbeispiele stehen zum Teil ernüchternden Erfahrungen gegenüber, insbesondere was die Situation von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung betrifft. Der Bedarf für weitere, sowohl quantitativ als auch qualitativ angelegte Forschungen ist weiterhin groß. Der Band von Fischer und Markowetz kann hierbei wichtige Hinweise liefern.


Rezensent
Dr. Thomas Barow
University of Gothenburg, Department of Education and Special Education. Universität Erfurt, Fachgebiet Sonder- und Sozialpädagogik
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Zitiervorschlag
Thomas Barow. Rezension vom 02.10.2017 zu: Erhard Fischer, Reinhard Markowetz (Hrsg.): Inklusion im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-024247-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21005.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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