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Jan E. Hellbusch (Hrsg.): Barrierefreies Webdesign

Cover Jan E. Hellbusch (Hrsg.): Barrierefreies Webdesign. Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen. dpunkt.verlag (Heidelberg) 2004. 392 Seiten. ISBN 978-3-89864-260-6. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 76,00 sFr.
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Barrierefreie Informationstechnik - die Umsetzungsfristen laufen ab und endlich gibt es ein Buch, das sagt, wie es geht

Barrierefreiheit sorgt zwischen Internetschaffenden und Ihren Auftraggeberinnen zunehmend für Gesprächsstoff und ist in Folge häufig Bestandteil von Verträgen oder Pflichtenheften. Besonders bei öffentlichen Aufträgen gehört Barrierefreies Webdesign zum Pflichtprogramm: Mit der BITV (Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung) vom 17. Juli 2002 hat sich die öffentliche Verwaltung auf Bundesebene eine Verbesserung Ihrer Internetangebote verordnet, um "...behinderten Menschen im Sinne des § 3 des Behindertengleichstellungsgesetzes, denen ohne die Erfüllung zusätzlicher Bedingungen die Nutzung der Informationstechnik nur eingeschränkt möglich ist, den Zugang dazu zu eröffnen. "

Viele Auftraggeberinnen, die nicht der BITV oder einer der an die BITV angelehnten Landesverordnungen verpflichtet sind, haben für sich erkannt, dass ihrer Internetpräsenz Barrierefreiheit gut zu Gesicht stehen könnte. Und das nicht nur im Dienst der Imagepflege. Barrierefreie Websites sind von Haus aus nach inhaltlichen Gesichtspunkten strukturiert und können dadurch wesentlich in Sachen Suchmaschinen, Benutzerfreundlichkeit und Flexibilität punkten. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass mit dem vorliegenden Titel erst Ende 2004 ein deutschsprachiges Buch zum Thema erschienen ist.

Entstehung des Buches

  • Jan Eric Hellbusch, der hier mit Unterstützung seiner Co-Autoren das erste deutschsprachige Buch zum Thema vorlegt, hat auch schon 2001 das Heft "Barrierefreies Webdesign" beim KnowWare-Verlag veröffentlicht. Während es jedoch in dem Heft ausschließlich um HTML-Techniken geht, umfasst das Buch auch andere Webtechniken, wie PDF und Flash, sowie auch die Barrierefreiheit von Software. Einige der Spezialthemen werden von den Co-Autoren bestritten, um "ein hohes Niveau zu gewährleisten und der Komplexität des Themas gerecht zu werden".
  • Herausgeber des Buches ist Christian Bühler vom AbI (Aktionsbündnis für barrierefreie Informationstechnik, www.abi-projekt.de), einem vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (www.bmgs.bund.de) geförderten Projekt. Das AbI fordert unter anderem eine Vereinheitlichung von Testverfahren für barrierefreie Websites und will zukünftig eine Zertifizierung anbieten.
  • Co-Redakteur des Buches ist Tomas Caspers, der den Internetauftritt der Aktion Mensch betreut.

Was erwartet die Leserin?

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Ein Anhang informiert über die Autoren und enthält den vollständigen Text der BITV mit Verweisen auf die entsprechenden Textstellen im Buch.

Das erste Kapitel ist eine recht ausführliche Einführung über 50 Seiten in die Themen:

  • Nutzungspraxis verschiedener Computerhilfsmittel und Bedarf von Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen
  • Entstehung der BITV und Kontext internationaler Richtlinien
  • Nachbardisziplin Usability (Nutzerfreundlichkeit)

Die Leserin erfährt hier unter anderem, wie Blinde mit Hilfe von Vorlesesoftware und Braillezeile (ein Zusatzgerät, welches Informationen mit Hilfe von kleinen Stiften als tastbares Muster darstellt) den Bildschirminhalt auslesen und warum manche Hörgeschädigte Schwierigkeiten mit Texten haben können, aber auch, welche Kriterien der Usability nach ISO 9241 Kriterien der BITV entsprechen.

Während das erste Kapitel so allgemein gehalten ist, dass es auch für Internetverantwortliche ohne Programmierkenntnisse Interessantes bietet, richtet sich Kapitel zwei an Programmiererinnen, Webdesigner und Redakteure und ist mit 157 Seiten das Umfangreichste. Es geht u.a. um Programmier-Techniken für barrierefreie Intnernetseiten, Farben und Kontraste, Schrift und Vergrößerung und um einfache Sprache. Besonders der Abschnitt zur einfachen Sprache macht deutlich, dass Barrierefreiheit nicht nur eine Frage der richtigen Technik, sondern auch der Gestaltung von Inhalten ist.

Kapitel drei gibt auf 44 Seiten einen Überblick über Aspekte von Barrierefreiheit bei der Verwendung von Multimedia-Elementen in Internetauftritten. Der erste Abschnitt führt in die Standardsprache SMIL (Synchronized Multimedia Integration Language) ein, mit der die Bereitstellung von Untertiteln bei Internet-Videos und Textbeschreibungen von Audiospuren realisiert werden kann. Während SMIL vor allem für Videos und Tondokumente zum Einsatz kommen kann, gibt es mit Flash (Grafik- und Animationsformat der Firma Macromedia) und PDF (Portable Document Format) noch zwei weitere populäre Anwendungsformate, die Benutzerinnen von Vorlesesoftware vor große Schwierigkeiten stellen können. Bei beiden Formaten wird im Fazit kritisiert, dass Sie bei weitem nicht so umfassend barriefrei gestaltet werden können wie HTML-Dokumente, aber für einige Anwendungsfälle die leistungsfähigste Lösung darstellen. Das sind beim Flash-Format die Programmierung von Spielen und anderen interaktiven Modulen und beim PDF-Format die Bereitstellung von digital signierten Dokumenten.

Grafische Oberflächen von Software sind das Thema des vierten Kapitels, das mit 28 Seiten nicht sehr umfangreich ist. Da die BITV nicht nur auf Internetauftritte angewendet wird, sondern auch für öffentlich zugängliche Software gilt, stellt das Autorenteam im ersten Abschnitte eine Übersetzung der "Leitlinien zur Entwicklung zugänglicher Software von IBM" zur Verfügung und greift in den folgenden Abschnitten mit Macromedia Director und Java Instrumente heraus, die zum Beispiel bei der Entwicklung von Kundenterminals zum Einsatz kommen. Die IBM-Leitlinien sind allgemein gültig, das heißt unabhängig von einer Programmiersprache gehalten, und ergänzen den Text der BITV um Handlungsanweisungen für Programmiererinnen von Software. Die Abschnitte zu Java und Director sind sehr kurz gehalten, bieten aber entscheidende Hinweise.

Nach dem ausführlichen Kapitel über die Barrierefreiheit von Internetseiten und dem knappen Kapitel zu allgemeiner Software geht es im fünften Kapitel auf 60 Seiten um die Überprüfung von Barrierefreiheit mit Hilfe von Testwerkzeugen und Checklisten und um die Durchführung von Nutzertests. Außerdem wird im letzten Abschnitt ein fiktives Fallbeispiel "Barrierefreier Internetshop" dargestellt. Die Überprüfung einer Website oder eines Programms soll möglichst objektiv und standardisiert sein. Diese findet bei der Neugestaltung einer schon vorhandenen Website am Anfang des Projektes statt, um die Probleme der Ausgangssituation zu analysieren, während der Entwicklung dient sie als Korrektiv und im Rahmen der Qualitätssicherung erfolgt sie nach Fertigstellung. Die Autoren bieten hier einen sehr ausführlichen Überblick über die am Markt befindlichen Programme und Dienste, die zum Teil kostenfrei sind. Sie zeigen auch, welche BITV-Kriterien mit welchem Werkzeug wie überprüft werden können. Gleichzeitig weisen sie aber darauf hin, dass nicht alle Kriterien maschinell überprüft werden können, sondern manche einer fachlichen Beurteilung bedürfen.

Ein Schlusswort bildet das sechste Kapitel. Die CD-ROM zum Buch ist selbst auch barrierefrei gestaltet und enthält sämtliche Code-Beispiele, sowie Demonstrationen wie sich z.B. eine Internetseite vorgelesen von Jaws, einer weit verbreiteten Vorlesesoftware, anhört. Über den Inhalt des Buches hinausgehend bietet die CD-ROM auch Tutorials an.

An wen sich das Buch richtet

Laut Umschlagtext richtet sich das Buch an Webentwicklerinnen, Webdesigner, Online-Redakteure und Programmiererinnen - kurz: an einschlägig Vorgebildete. Entscheider und Nutzer finden ebenfalls gute Informationen, könnten aber über weite Strecken überfordert sein, wenn nur wenig Kenntnis über die verschiedenen Sprachen und Techniken des Internet vorhanden sind.

Lohnt sich die Lektüre?

Konzipiert als Standardwerk für die Umsetzung der BITV bietet das Buch eine breite Informationsbasis für alle, die im Rahmen von Projekten tätig sind, die konform dieser Verordnung umgesetzt werden sollen. Besonders hilfreich ist der Abdruck des vollständigen BITV-Textes, wobei jedem BITV-Kriterium die passenden Abschnitte des Buches zugeordnet sind. Designern, Redakteuren und Programmiererinnen wird außerdem der Blick über den Tellerrand des eigenen Könnens geboten, denn fachübergreifendes Wissen ist für die Umsetzung von Barrierefreiheit Grundvoraussetzung. Auch für Leserinnen, die sich vielleicht schon mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandergesetzt haben, gibt es Einiges zu entdecken:

  • Wie schreibt und überprüft man einfache Texte?
  • Welche Schwierigkeiten können bei der Erstellung barrierefreier PDFs auftreten?
  • Welche Teststrategien und Werkzeuge erleichtern die Arbeit?

Bei der Konzeption leistet das Buch eine gute Hilfestellung bei der Einschätzung, welche Techniken relativ problemlos verwendet werden können und bei welchen Technologien mit Einschränkungen bei der Umsetzung zu rechnen ist oder ein großer zusätzlicher Aufwand notwendig ist. Einige häufig Fragen werden angesprochen: Kann bei einer barrierefreien Internetseite Flash eingesetzt werden? Reicht es aus, eine Information ausschließlich als PDF anzubieten? Was ist bei der Einbindung von Webvideos zu beachten?

Fazit

Das Buch bietet vor allem für Webdesigner, Programmiererinnen, Redakteure und Konzepterinnen eine Basisinformation und hilft bei der Interpretation und sicheren Anwendung der BITV. Für Projektverantwortliche oder Auftraggeberinnen ohne technisches Hintergrundwissen ist die Lektüre nur sehr eingeschränkt zu empfehlen. Ein deutschsprachiges Buch für diese Zielgruppe gibt es leider nicht, wohl aber eine Informationsbroschüre der Aktion Mensch (zu bestellen unter: http://www.einfachfueralle.de/)

Weiterführende Informationen

Links

Jan Eric Hellbusch: www.barrierefreies-webdesign.de

Aktion Mensch: www.einfach-fuer-alle.de

Literatur

Joe Clark: Building Accessible Websites, 2002, ISBN 073571150X

Eric Meyer: on CSS, 2002, ISBN: 073571245

Jeffrey Zeldman: Designing With Web Standards, 2003, ISBN 0735712018

Eric Meyer: More Eric Meyer on CSS, 2004, ISBN 0735714258

Kai Laborenz: CSS-Praxis, 2005, ISBN: 3898425770


Rezensent
Michael Gotzen
Werkstatt für interaktive Medien
Homepage www.gotzen.net
E-Mail Mailformular


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Zitiervorschlag
Michael Gotzen. Rezension vom 29.03.2005 zu: Jan E. Hellbusch (Hrsg.): Barrierefreies Webdesign. Praxishandbuch für Webgestaltung und grafische Programmoberflächen. dpunkt.verlag (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-89864-260-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2101.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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