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Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael u.a. (Hrsg.): Vorgeschichte der Gegenwart

Cover Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael, Thomas Schlemmer (Hrsg.): Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 502 Seiten. ISBN 978-3-525-30078-7. 80,00 EUR.
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Thema

Der vorliegende Band beschäftigt sich mit Zeitgeschichte „Nach dem Boom“ und damit einer als Vorgeschichte der Gegenwart verstandenen Problemgeschichte. Zeitlich verankert man die Zeitgeschichte nach dem Boom von der Mitte der 1970er Jahre bis in das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts und charakterisiert sie als eine Phase, die durch eine Vielzahl von Umbrüchen, Innovationen, neuen Trends und auch schweren Krisen geprägt wurde. Der Sammelband präsentiert hierzu Forschungsbeiträge zum Formwandel und zu Strukturbrüchen in der Arbeitswelt, zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Kontinuitäten wie auch Brüchen, zur Entwicklung von der Konsum- zur Konsumentengesellschaft und abschließend zu verschiedenartigen Zeitdiagnosen.

Herausgeber

Bei den Herausgebern dieses Sammelbandes handelt es um den Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Seminars für Zeitgeschichte der Universität Tübingen Dr. Anselm Doerring-Manteuffel, den Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier Dr. Lutz Raphael und Dr. Thomas Schlemmer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München – Berlin und zugleich Privatdozent an der LMU München.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband präsentiert Ergebnisse eines 2007/08 begonnenen Forschungsprogramms unter dem Titel „Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970“, zu dem bereits einige Studien erschienen sind.

Aufbau

Der Band wird eröffnet mit einer grundlegenden Einführung von Doering-Manteuffel und Lutz Raphael („Nach dem Boom. Neue Einsichten und Erklärungsversuche“) zum gesamten Forschungsprogramm „Nach dem Boom“ und beinhaltet anschließend zahlreiche Beiträge zu dieser „gegenwartsnahen Zeitgeschichte“, wobei vier übergeordnete Forschungsthemen die einzelnen Aufsätze strukturieren:

  1. Formwandel und Strukturbrüche der Arbeit: Die Aufsätze thematisieren den Wandel der Arbeit im hier interessierenden Zeitraum, nämlich die Beiträge von Dieter Sauer („Permanente Reorganisation. Unsicherheit und Überforderung in der Arbeitswelt“), Andreas Boes/Tobias Kämpf und Thomas Lühr („Von der ‚großen Industrie‘ zum ‚Informationsraum‘. Informatisierung und der Umbruch in den Unternehmen in historischer Perspektive“),Thomas Schlemmer („Befreiung oder Kolonialisierung? Frauenarbeit und Frauenerwerbstätigkeit am Ende der Industriemoderne“), Dietmar Süß („Der Sieg der grauen Herren? Flexibilisierung und der Kampf um Zeit in den 1970er und 1980er Jahren“), Wiebke Wiede („Zumutbarkeit von Arbeit. Zur Subjektivierung von Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland und in Großbritannien“) und.Tobias Gerstung („Vom Industriemoloch zur Creative City? Arbeit am Fluss in Glasgow während und nach dem Boom“)
  2. Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zwischen Kontinuität und Bruch: Der zweite Forschungsbereich analysiert wirtschafts- und gesellschaftspolitische Gegenstände, im Einzelnen die Beiträge von Stefan Eich/Adam Tooze („The Great Inflation“), Christian Marx („Der Aufstieg multinationaler Konzerne. Umstrukturierungen und Standortkonkurrenz in der westeuropäischen Chemieindustrie“), Lutz Leisering („Nach der Expansion. Die Evolution des bundesrepublikanischen Sozialstaats seit den 1970er Jahren“), Wolfgang Schroeder/Samuel Greef („Gewerkschaften und Arbeitsbeziehungen nach dem Boom“) und Maria Dörnemann („Modernisierung als Praxis? Bevölkerungspolitik in Kenia nach der Dekolonistation“)
  3. Von der Konsum- zur Konsumentengesellschaft: Ein dritter Themenkomplex beschäftigt sich mit dem Konsum bzw. der Konsumentengesellschaft und beinhaltet zum Teil originelle Beiträge von Frank Trentmann („Unstoppable: The Resilience and Renewal of Consumption after the Boom“), von Maren Möhring („Ethnic food, fast food, health food. Veränderungen der Ernährung und Esskultur im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts“), Hannah Jonas („Fußballkonsum zwischen Kommerz und Kritik. England und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich“) sowie Tobias Dietrich („Laufen nach dem Boom. Eine dreifache Konsumgeschichte?“)
  4. Zeithorizonte und Zeitdiagnosen: Der vierte Themenbereich des Sammelbandes schließlich widmet sich wieder mehr grundsätzlich den Komplexen der Zeithorizonte und der Zeitdiagnosen in den Aufsätzen von Martin Kindtner („Strategien der Verflüssigung Poststrukturalistischer Theoriediskurs und politische Praktiken der 1968er Jahre“), Fernando Esposito („Von no future bis Posthistoire? Der Wandel des temporalen Imaginariums nach dem Boom“), Elke Seefried („Bruch im Fortschrittsverständnis? Zukunftsforschung zwischen Steuerungseuphorie und Wachstumskritik“), Dennis Eversberg („Destabilisierte Zukunft. Veränderungen im sozialen Feld des Arbeitsmarkts seit 1970 und ihre Auswirkungen auf die Erwartungshorizonte der jungen Generation“) und Morten Reitmayer („Britische Elitesemantiken vor und nach dem Strukturbruch“).

Ausgewählte Inhalte

Um den Rahmen einer Rezension nicht zu sprengen werden im Folgenden nur einzelne Aufsätze des Sammelbandes eingehender vorgestellt, was auch auf die durchaus subjektiven Interessen des Rezensenten zurückzuführen ist.

Doering-Manteuffel und Raphael eröffnen den Sammelband mit einer grundlegenden Einführung in die Thematik einer neuen, gegenwartsnahen Zeitgeschichte als Problemgeschichte der Gegenwart, was auch ein Ziel ihres 2007/2008 begonnenen Forschungsprogramms „Nach dem Boom“ war. Damit habe die Zeitgeschichte neue Wege beschritten, denn die bekannte dreißigjährige Sperrfrist bei der Nutzung von Archiven sei dadurch außer Kraft gesetzt. Bei Themen wie dem Wertewandel oder dem Finanzmarktkapitalismus erweitert sich der Zeithorizont noch auf die 1960er Jahre wie einige der Beiträge des Sammelbandes zeigen. Der hier gewählte Periodisierungsvorschlag für das Projekt „Nach dem Boom“ als Vorgeschichte der Gegenwart verortet seinen Anfang in die Mitte der 1970er Jahre, was u.a. auch die Folge hat, dass bisherige Zäsuren wie 1989/1990 oder 1914/1918, 1933 oder 1945/49 ihren Stellenwert verlieren. Blicke man nun von der Gegenwart auf etwaige Binnenzäsuren der hier interessierenden Epoche nach dem Boom, so erscheinen die Jahre von 1995 bis 2000 zumindest für die Bundesrepublik als plausibel. Für diese Sicht wird u.a. auf die Entwicklung der digitalen Kommunikation durch die Einführung des world wide web 1995 wie auch neuer Regelungen zum Finanzmarktkapitalismus sowie politisch die Implementierung einer neoliberalen Wirtschafts-, Währungs- und Sozialpolitik angeführt. Methodisch nähert sich die Zeitgeschichte weiter den Sozialwissenschaften an, wobei die Gegenwartsgeschichte des Kapitalismus ein gemeinsames Thema sowohl für die Sozialwissenschaften als auch die Zeitgeschichte darstellt. Weitere Themen vor allem im deutschsprachigen Raum bilden der Wertewandel oder der Komplex des Neoliberalismus.

Als neue Problemfelder einer gegenwartsnahen Zeitgeschichte nach dem Boom bzw. eventuelle Lücken und „blinde Flecken“ identifizieren die beiden Herausgeber z.B. eine weitere technikgeschichtliche wie auch wissenschaftsgeschichtliche Erforschung der Digitalisierung. Generell gelte es im Übrigen bei der Forschung für die Epoche nach dem Boom den historischen Vergleich und die Transfergeschichte nutzbar zu machen, um über eine „nationalzentrierte Problemgeschichte der Gegenwart hinauszugelangen“. Eine vergleichende Perspektive werde gerade im Hinblick auf die Debatten um die wichtigste Zäsur nach dem Boom – die Mitte der 1990er Jahre – von besonderer Bedeutung sein. Weitere Untersuchungsgegenstände betreffen die Zukunft der westlichen Demokratien seit den 1970er Jahren, wobei ungeachtet der noch weitgehenden Stabilität der diesbezüglichen Institutionen zunehmend kritische Stimmen aufkommen und neben einer Politikverdrossenheit einen Hang zum Populismus in zahlreichen westlichen Staaten konstatieren (ein Donald Trump ist nur einer von vielen in der unmittelbaren Gegenwart). Auch der Wandel der Staatsfunktionen hin zu einer Anpassung an die Erfordernisse von „Märkten“, insbesondere Finanzmärkten, unter Preisgabe staatlicher Souveränität, bedarf noch eingehender Erforschung. Schließlich sollten auch die vielfältigen Aufbrüche, erweiterten Handlungsspielräume oder etwaige Illusionen nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen ins Blickfeld rücken. Für westliche Gesellschaften sei hier nur beispielhaft die Ära Thatcher in Großbritannien mit ihren unterschiedlichen Gruppen von Gewinnern wie auch Verlierern genannt.

Zum ersten Themenfeld

Das erste Themenfeld des vorliegenden Bandes untersucht den Formwandel und Strukturbrüche der Arbeit und wird eröffnet von dem soziologischen Beitrag von Sauer, der von einem „Strukturbruch“ in der Arbeitswelt seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts ausgeht und in Deutschland allmählich zur Auflösung der sog. fordistischen Arbeitsgesellschaft führte. Diese Arbeitsgesellschaft war u.a. durch die sog. Normalarbeitsverhältnisse, eine niedrige Frauenerwerbsquote, konsensorientierte Arbeitsbeziehungen und einen ausgebauten Wohlfahrtsstaat gekennzeichnet. Die Entwicklung hin zum Wandel der Unternehmensorganisation und Arbeitswelt mit einer permanenten Reorganisation, permanenten Arbeitsdruck, fortwährender Bedrohung oder permanenter Bewährung mit zwiespältigen Auswirkungen für die Beschäftigten habe sich in den 1990er Jahren nach dem Boom als ein „ historischer Einschnitt“ durchgesetzt. Die seither zu konstatierenden instabilen Verhältnisse hätten sich nicht wesentlich geändert, d.h. es sei „kein Ende in Sicht“. Letztlich sei im Hinblick auf die „postfordistische Übergangsphase“ die Frage gestellt, ob nicht über das System hinausgehend „eine mögliche Transformation der kapitalistischen Produktionsweise sui generis„ denkbar werde, ob also der Kapitalismus als Gesamtsystem auch noch das 21. Jahrhundert bestimme. Der Beitrag von Boes, Kämpf und Lühr verdeutlicht den Vormarsch der Computertechnologie, die die Arbeit durch die Möglichkeiten Daten zu speichern und durch die digitale Kommunikation gesellschaftlich neu organisierte, wobei die „Informatisierung als zentrales Moment der gesellschaftlichen Produktivkraftentwicklung“ erscheint. Zu einer ambivalenten Einschätzung von Frauenarbeit nach dem Boom kommt Schlemmer und unterstreicht, dass sich diese Thematik nicht einfach in einem üblichen politischen Links-Rechts-Schema verorten lässt. So seien in den 1970er und 1980er Jahren durchaus mehr Spielräume zur Entfaltung, Emanzipation und alternativen Lebensentwürfen entstanden, was jedoch in den 1990er Jahren wieder zurück in Richtung Lohnarbeit mündete. Der Beitrag bringt viele statistische Ergebnisse zur Frauenerwerbstätigkeit von den 1960er Jahren bis in die frühen 1990er Jahre und deren Schwerpunkte sowie Formen wie die Teilzeitarbeit als weit verbreitetes Phänomen, die ein „zweischneidiges Schwert“ mit allen damit verbundenen Risiken sei. Auch Fragen der Kinderbetreuung und die intensiven Debatten um den Charakter bzw. Wert von Hausarbeit sowie um die These, ob nur Erwerbstätigkeit zu Gleichberechtigung und Emanzipation führen, werden diskutiert. Schließlich aber wurden vor allem im Kontext der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 etwaige alternative Vorstellungen zur Frauenerwerbstätigkeit wieder in den Hintergrund gedrängt und eine breite Koalition aus Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Wohlfahrtsverbänden propagierten die möglichst in Vollzeit auszuübende Frauenerwerbstätigkeit auch von Müttern und eine frühe Betreuung von Kleinkindern in Krippen und Kindergärten. Letztendlich mündete der Weg in die „uneingeschränkte Arbeitsgesellschaft“ seit den 1990er Jahren ein, die aber Anpassungsleistungen sowohl von Männern wie auch Frauen und Kindern notwendig machen werde. Mit Zeit als Gegenstand von Macht- und Herrschaftsverhältnissen in der Arbeitswelt und hier im besonderem unter dem Stichwort der Flexibilisierung setzt sich Süß auseinander. Flexibilisierung als umfassender Begriff erscheint als neues Zauberwort der industriellen Krisenbewältigung im Gefolge des zunehmenden Weltmarktdrucks und als „eine Form der semantischen Neucodierung des Kapitalismus“. Der Autor beschreibt die verschiedenen Bedeutungen und Handhabungen des Begriffs „Flexibilisierung“ in der Arbeitswelt und im Kontext vielfältiger Arbeitszeitmodelle und geht auf die intensiven Auseinandersetzungen um die 35-Stundenwoche auf dem Hintergrund der wachsenden Arbeitslosigkeit in den 1980er Jahren ein. Auch verweist er auf Gewinner und Verlierer der Flexibilisierung von Arbeitszeiten. Insgesamt sei die Zeitpolitik seit den 1970er Jahren in Bewegung geraten und mit Blick auf veränderte Grenzen zwischen Arbeit und Lebenswelt sei erneut die Frage nach den Herrschaftsbeziehungen in kapitalistischen Gesellschaftsordnungen gestellt. Mit dem Aspekt der Zumutbarkeit von Arbeit in Großbritannien und in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Hintergrund einer in den 1970er Jahren wieder als permanentes Problem auftretenden Arbeitslosigkeit beschäftigt sich Wiede und verankert diesen Begriff in den Kontext über Rechte und Pflichten von Arbeitslosen gegenüber der Gesellschaft wie auch umgekehrt. Die sich wandelnde inhaltliche Ausgestaltung von zumutbarer Arbeit und deren juristische Handhabung zeichnet der Beitrag mit plastischen Beispielen in der Bundesrepublik nach. Zusammenfassend wird hervorgehoben, dass sowohl in der Bundesrepublik wie auch in Großbritannien zwischen 1975 und 1982 zumutbare Arbeit zu einem Instrument zunehmender Anpassung des Verhaltens von Arbeitnehmern an die Anforderungen des Arbeitsmarktes geworden sei. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Großbritannien und der Bundesrepublik liegt in dem deutschen Prinzip der Beruflichkeit, das immerhin einen zeitweisen Qualifikationsschutz beinhaltete, während in Großbritannien der berufliche Abstieg steiler von statten gehen konnte und seit 1989 jede angebotene Arbeit prinzipiell zumutbar war. Den ersten Themenkomplex schließt der Beitrag von Gerstung ab, der sich mit der Entwicklung der Hafen- und Industriestadt Glasgow während und nach dem Boom auseinandersetzt. Schwerindustrie und der Schiffsbau waren bis in die 1970er und 1980er Jahre die zentralen Branchen Glasgows, bevor ein beschleunigter Wandel der städtischen Ökonomie mit den neuen Leitsektoren im Bereich der Dienstleistungen einsetzte. Seit den 1990er Jahren veränderte sich auf dem Hintergrund der wirtschaftlichen Erholung Großbritanniens Glasgow zu einem wichtigen Standort für Finanzdienstleistungen und bescherte viele neue Arbeitsplätze, allerdings kaum mehr für ungelernte Kräfte. Der Fluss Clyde als Kern der städtischen Ökonomie hatte seit den 1960er Jahren seine Bedeutung verloren und spielte für das neue Glasgow keine Rolle mehr.

Zum zweiten Themenfeld

Das zweite Themenfeld des Sammelbandes hat die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik im hier interessierenden Zeitraum zum Gegenstand. Eich und Tooze sehen in der Geschichte der Jahrzehnte nach dem Boom zugleich eine Geschichte der „Großen Inflation“ der 1970er Jahre und deren Überwindung bis in die Mitte der 1980er Jahre. Dabei zeichnen sie die Entwicklung der internationalen Geldpolitik seit dem Ende des 1944 installierten Systems der festen Wechselkurse von Bretton Woods nach. Letztlich lief demzufolge diese Finanzpolitik auf eine Entpolitisierung der Wirtschaft und deren Herauslösung aus einer Gestaltung durch demokratische Politik hinaus. Diese antiinflationäre Politik konnte sich auf eine breite Zustimmung in den westlichen Gesellschaften – insbesondere während der Regierungszeit Thatchers und Reagans in der angelsächsischen Welt – stützen. Mit Umstrukturierungen und dem Aufstieg multinationaler Konzerne in der westeuropäischen Chemieindustrie setzt sich Marx auseinander und analysiert hierbei die Multinationalisierung westdeutscher Chemiekonzerne, die aufgrund der Erwartung höherer Wachstumsraten und der Attraktivität des europäischen Marktes sowie einer Verbreiterung der Produktpalette – vor allem durch den Zukauf von Firmen – erfolgte. Der zu Beginn der 1990er Jahre weltweite konjunkturelle Abschwung, die Herauskristallisierung des Finanzmarktkapitalismus und die innerhalb der Europäischen Union von der Europäischen Kommission forcierte Liberalisierung trugen zu weiteren Konkurrenzverschärfungen und neuen Fusionen im Geiste des sich durchsetzenden Shareholder Value-Prinzips bei. Mit dem bundesdeutschen Sozialstaat nach seiner Expansionsphase seit den 1970er Jahren beschäftigt sich Leisering und fragt danach, warum sich der Sozialstaat dennoch behauptet hat und wie er sich quantitativ und qualitativ entwickelte. Nachdem die Sozialleistungen – gemessen an der Sozialleistungsquote in Relation zum Bruttoinlandsprodukt – bis 1975 überproportional gewachsen waren, blieb diese Quote auch nach der Boomphase im Bereich von 30 Prozent. Um diese Konstanz näher zu erklären, skizziert der Beitrag zunächst sozialwissenschaftliche Theorien zum Verlauf des Sozialstaats, beginnend mit der „Logik der Industrialisierung“ im 19. Jahrhundert, also sozioökonomischen Prozessen wie die Industrialisierung und die Urbanisierung mit ihren Begleiterscheinungen. Dazu kamen politische, „konflikttheoretische Ansätze“, die den Einfluss politischer Mobilisierung auf die Sozialpolitik betonen, d.h. „ausschlaggebend sind in dieser Sicht vielmehr politische Faktoren“. Für die postexpansive Phase wird auf die institutionelle Pfadabhängigkeit der einmal getroffenen Entscheidungen verwiesen, d.h. unabhängig von veränderten Verhältnissen werde am Hergebrachten festgehalten, wofür Interessen breiter Gruppen am bestehenden Sozialstaat verantwortlich seien. Variierend hierzu erwähnt der Beitrag auch die Theorie von Kaufmann, der eine kulturelle Pfadabhängigkeit betont, so sei beispielsweise in Deutschland schon frühzeitig eine Festlegung der sozialen Frage als Arbeiterfrage prägend gewesen und habe den Weg in den auf Arbeit basierenden Sozialversicherungsstaat bis zum heutigen Tag bereitet. Auch gibt es Theorien, die den Sozialstaatsverlauf nach der Boomphase durch globale Faktoren wie z.B. den Einfluss internationaler Organisationen wie der Europäischen Union oder der UNO zu erklären versuchen. Leisering hebt „organisationale Dynamiken“ hervor, die auch für die postexpansive Phase des Sozialstaates wichtig seien. In Anlehnung an Kaufmann verweist er auf die „institutionelle Eigendynamik des Sozialsektors oder Wohlfahrtssektors “, worunter man die soziale Bürokratie der Umverteilung, soziale Dienstleistungseinrichtungen, Sozialversicherungen, Wohlfahrtsverbände, kommunale Institutionen, Sozial- und Arbeitsgerichte usw. subsumiert, insgesamt also bei weitem nicht nur staatliche Einrichtungen. Zur Entwicklung der Sozialpolitik nach dem Boom stellt der Autor zwei Hypothesen vor, nämlich die Kontinuitätshypothese und die Bruchhypothese und umreißt die jeweiligen Phasen des Verlaufs. Die Phase nach dem Boom wird unterteilt in den „Sozialstaat in Bedrängnis“ von 1975 bis in die Mitte der 1990er Jahre, in der tatsächlich ein „gewisser Sozialabbau“ stattfand bei zugleich einsetzender neuer Expansion wie etwa durch die 1995 ins Leben gerufene Pflegeversicherung und anschließend in eine „Krise des Sozialstaats“ bis in unsere Gegenwart, in der zum Teil einschneidende Maßnahmen durchgesetzt wurden und neue Leitvorstellungen Eingang fanden wie z.B. die Generationen- oder die Geschlechtergerechtigkeit. Unterhalb von makrosozialen Veränderungen habe sich nunmehr der schon erwähnte dynamische Wohlfahrtssektor etabliert, der auch als eine Sozialpolitik zweiter Ordnung im Unterschied zur rein leistungsrechtlich bestimmten, bis in die 1970er Jahre vorherrschenden Sozialpolitik erster Ordnung, definiert wird. Sozialpolitik zweiter Ordnung wird als „Reaktion auf Steuerungsprobleme eines komplexen und alle Lebensbereiche berührenden institutionellen Sektors“ gedeutet, wobei organisationale Aspekte in den Mittelpunkt rückten. Zusammenfassend betont der Beitrag die Ausdehnung des bundesdeutschen Sozialstaats auch nach dem Boom. Mittlerweile sei „der größte Teil des deutschen Sozialstaats intermediärer, parastaatlicher und freigemeinnütziger Natur“ geworden, denn die starke deutsche Staatstradition beinhaltet zwar eine erhebliche Verantwortung des Staates für die Wohlfahrt der Menschen, bedeutet aber nicht, dass der Staat selbst die Leistungen erbringen müsse. Ausgehend von einem sozioökonomischen Strukturbruch in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland untersuchen Schroeder und Greef dessen Relevanz für die Gewerkschaften und die Arbeitsbeziehungen, wobei sie die These vertreten, der Bruch habe sich zeitverzögert auf die Gewerkschaften und die Arbeitsbeziehungen ausgewirkt. Die Autoren beschreiben die veränderten Rahmenbedingungen der in den 1970er Jahren einsetzenden Krise der industriellen Moderne mit den Umbrüchen in den Produktionsstrukturen und dem Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft wie auch bei der Beschäftigung hin zum Arbeitnehmer neuen Typs. Letzterer weist u.a. höhere Qualifikationen auf, beinhaltet mehr weibliche Beschäftigung und einen Rückgang sozialversicherungspflichtiger Vollzeitarbeitsverhältnisse sowie einen massenhaften Verlust einfacher Arbeitsplätze in der Industrie. Die Gewerkschaften hätten auf diesen Wandel hin zu einem flexiblen, globalisierten Kapitalismus spät reagiert, wofür die Autoren das westdeutsche Wirtschaftsmodell der Sozialen Marktwirtschaft bzw. einer koordinierten Marktwirtschaft mit vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen dem Staat und der Wirtschaft verantwortlich machten (Elemente dieses Modells sind die institutionell verankerte Tarifautonomie und die Betriebsverfassung sowie die Einheits- bzw. Branchengewerkschaft). Des Weiteren beschreiben sie die grundlegenden Herausforderungen, denen sich die Gewerkschaften zu stellen haben wie die problematische Mitgliederentwicklung u.a. bei den Dienstleistungen bzw. bei der Rekrutierung von Frauen oder höher Qualifizierten, die veränderte Stellung des DGB als Dachverband gegenüber den starken Einzelgewerkschaften, dem Niedergang der Gemeinwirtschaft und dem Aufkommen kleiner, berufsbezogener Gewerkschaften. Aber es wird auch auf zum Teil ähnlich gelagerte Probleme bei den Arbeitgeberverbänden verwiesen. Schließlich unterliege auch das Kerngeschäft der Tarifpolitik einem Wandel, der unter den Stichworten Dezentralisierung, Verbetrieblichung und Flexibilisierung subsumiert werden kann. Der erwähnte Konsens des bundesdeutschen korporatistischen Modells war auch verantwortlich dafür, dass es bei den Arbeitsbeziehungen zu keinem abrupten Bruch kam. Insgesamt konstatieren die Autoren somit einen einschneidenden Wandlungsprozess erst in den 1990er und 2000er Jahren, also 20 Jahre nach dem erwähnten sozioökonomischen Strukturbruch. Abschließend formulieren sie drei „Gewerkschaftswelten“ als Charakteristika für die Gewerkschaften und die Arbeitsbeziehungen, nämlich die weiterhin dem deutschen Sozialmodell entsprechende erste Welt mit ihrer Kontinuität der Arbeitsbeziehungen in den sozialpartnerschaftlichen Arrangements mit Flächentarifverträgen und Mitbestimmung, dann eine davon bereits partiell abweichende zweite Welt mit weniger starken Gewerkschaften und einer dezentralisierten Tariflandschaft etwa mittels Firmen- und Haustarifverträgen sowie aufkommenden berufsgewerkschaftlichen Konkurrenzorganisationen und eine dritte Welt, in der die Organisationen der Tarif- bzw. Sozialpartner kaum mehr präsent seien wie vor allem im Dienstleistungssektor und in klein- und mittelständischen Betrieben. Das zweite Themenfeld der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zwischen Kontinuität und Bruch schließt ein Aufsatz von Dörnemann über die Phasen der Bevölkerungspolitik in Kenia nach der Dekolonisation ab, wobei zunächst die Bevölkerungspolitik ganz im Zeichen der Modernisierung nach westlichen bzw. europäischen Vorbild bzw. nur unter dem Aspekt der Technisierung stand und spezifische kulturelle Bedingungen vernachlässigte. Die Kultur als Bestimmungsfaktor wurde daraufhin auch als Grund für das Scheitern einer rein technisch orientierten Familienprogrammplanung identifiziert.

Zum dritten Themenfeld

Das dritte Themenfeld, das die Entwicklung von der (Massen) Konsumgesellschaft zur pluralisierten und individualisierten Konsumentengesellschaft seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts analysiert, eröffnet ein Beitrag von Trentmann, der sich mit den Trends des Konsumismus und der relativ homogenen Konsumgesellschaft und einer sich pluralisierenden Konsumentengesellschaft in Europa und Nordamerika beschäftigt. Möhring skizziert die Veränderungen der Ernährung und der Esskultur im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts und betont auf dem Hintergrund einer intensivierten Globalisierung einerseits eine Homogenisierung angesichts von Fast Food durch Massenproduktion und Standardisierung des Angebots an Produkten, andererseits erlebte die „gastronomische Landschaft“ durch das Auftreten zahlreicher nicht einheimischer Küchen, in der Bundesrepublik vor allem in den 1970er Jahren, zugleich eine Pluralisierung der Esskultur. Europaweit spielte bei der Ausbreitung der ausländischen Gastronomieangebote auch die jeweilige koloniale Vergangenheit eine wichtige Rolle. Eine Vorreiterrolle nahm hierbei wie auch bei den amerikanischen Fast Food Ketten Großbritannien ein, wobei zusätzlich eine erhebliche Zunahme des Außer-Haus-Verzehrs im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu konstatieren ist. Des Weiteren entstand als Reaktion auf das für Zivilisationskrankheiten verantwortlich gemachte Fast Food eine Gegenbewegung, die nachhaltig Wert auf gesunde Ernährung legte und die Nachfrage nach „Bioprodukten“ wie auch – nun mehr politisch – nach fair gehandelten Produkten aus der Dritten Welt anregte, die sich jedoch nicht alle Konsumentenschichten leisten können. Diese Entwicklungen stehen letztendlich für eine „Moralisierung und Politisierung der Ernährung“ nach dem Boom, was es als Phänomen übrigens bereits in Deutschland um die Jahrhundertwende um 1900 im Kontext der Lebensreformbewegung gegeben hat. Dies implizierte eine Verantwortlichkeit der Konsumenten, die letztendlich individualisierend und durchaus neoliberal auf eine Privatisierung der Verantwortung auf den Konsumenten hinauslaufe, so dass, wie Möhring zurecht verweist, die strukturellen Rahmenbedingungen und Machtverhältnisse im Ernährungssystem „aus dem Blick geraten“. Resümierend verweist der Beitrag angesichts der aktuellen Debatten um Übergewicht und gesunde Ernährung darauf, dass dies vor allem im Hinblick auf ärmere Schichten thematisiert wird und als Ausdruck einer fehlenden Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft interpretiert wird. Es sollte hierbei gerade in Zeiten verschärfter Ungleichheit beachtet werden, dass eine gesunde und nachhaltige Ernährung für breite Konsumentenschichten einfach nicht zu bewerkstelligen ist. Einen auf den ersten Blick etwas ungewöhnlichen Beitrag im Themenfeld „Von der Konsum- zur Konsumentengesellschaft“ liefert Jonas, die sich mit dem Fußballkonsum in England und der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt, nachdem der Fußball gerade in den letzten Jahren aufgrund des erheblich gewachsenen Stellenwerts dieses Sports infolge internationaler Wettkämpfe (Champions League, Europa- und Weltmeisterschaften) und deren breiten Resonanz auch mittlerweile ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor geworden ist. Man denke nur an die enorm gestiegenen Ausgaben für Fernsehrechte für die diversen nationalen Ligen wie auch die internationalen Meisterschaften. Aufgrund dieses kommerziellen Aufstiegs des Fußballs wird von kritischen Stimmen scharf zwischen dem „Fußballgenuss“ im Stadion und dem weniger authentischen Betrachten vor dem Fernsehapparat differenziert. Einordnend in die gesamte Themenstellung des Aufsatzbandes bilden die Jahre nach dem Ende des Booms, also die 1970er und die 1980er Jahre, in beiden Ländern eine Phase des Übergangs im Vereinsfußball, denn einerseits fand ein erster „Kommerzialisierungsschub“ statt und andererseits sanken die Zahlen der Stadionbesucher und Gewaltausbrüche beeinträchtigten das Erscheinungsbild des Fußballs. Der Beitrag analysiert sodann zunächst den Ort des Fußballkonsums, d.h. also die veralteten Stadien wie auch die Fernsehübertragungen, die zunächst als bedrohliche Konkurrenz für Vereine aufgefasst wurden unter dem kritischen Schlagwort „weg vom Stadion, hin zum Fernsehen“. Der aufgrund der technischen Möglichkeiten entstehende „Fernsehfußball“ intensivierte sich auf dem Hintergrund des im politischen Zeitklima vorherrschenden Paradigmas der Privatisierung und der Deregulierung in den 1980er Jahren. Da die nunmehr privaten Fernsehanbieter viel Geld in die Übertragung der Spiele investierten, lag es nahe, dass weniger eine objektive Berichterstattung als vielmehr die positive Vermarktung zum Markenzeichen des neuen – privaten – Fußballkonsums wurde. In den 1990er Jahren begann der bis zur Gegenwart anhaltende Fußballboom jedoch auch in den nun neuen Stadien. Der Profifußball, der noch von den 1960er bis in die 1980er Jahre als ein Verlierer der Wohlstandsgesellschaft angesehen worden war, nahm in der Gestalt einer durchgreifenden Ökonomisierung einen enormen Aufschwung. Diese Entwicklung zur vollständigen Kommerzialisierung verlief in England radikaler als in der Bundesrepublik, denn die neue Premier League mit einer zentralen Vermarktung fungierte als Vorreiter. Das Themenfeld der Konsum- und Konsumentengesellschaft schließt ein Aufsatz von Dietrich ab, der sich mit der Geschichte des Ausdauersports, hier dem Laufen, beschäftigt und diese neue körperliche Praxis im Kontext der Konsumgesellschaft beleuchtet. Dabei bietet er einen knappen Abriss zur Sportartikelbranche in den Boomzeiten der 1970er und 1980er Jahre mit den heute noch bekannten Marken und illustriert den Zweikampf um die Vorherrschaft zwischen Adidas und Nike. Letztlich sei die Konsumgeschichte des Laufsports ein „Bestandteil der entstehenden Massenkonsumgesellschaft“ geworden.

Zum vierten Themenfeld

Das vierte Themenfeld rückt sich verschiebende Zeithorizonte und entsprechende Zeitdiagnosen nach dem Boom in den Mittelpunkt und thematisiert den Abschied von der Vorstellung eines stetigen Fortschritts. Dabei setzt sich Kindtner mit den Debatten um den Poststrukturalismus im Umfeld des Komplexes „1968“ auseinander, der zum Teil an Stelle marxistischer Gesellschaftskritik trat. Der Beitrag von Esposito beschäftigt sich ausgehend von den Thesen des Soziologen Hartmut Rosa zum Syndrom der Beschleunigung mit der Entwicklung von posthistorischen Zeitdiagnosen, die zeigen, wie sich in den 1970er und 1980er Jahren Vorstellungen von Zukunft-, Gegenwart- und auch Vergangenheit veränderten. Posthistoire rückte zu einem zentralen Begriff zur Beschreibung der Gegenwart auf. Das „Ende der Geschichte“ oder das „Ende der utopischen Systeme“ seien hier nur beispielhaft genannt, das Präfix „post“ tauchte in vielfältigen Zusammenhängen auf („Postmoderne“, „postfordistisch“, „postmaterialistisch“). Wie erwähnt war u.a. der Machbarkeitsglaube und der Fortschrittsoptimismus in den Jahren nach dem Boom verflogen und „Skepsis, Ohnmacht und Angst“ rückten in den Mittelpunkt. Fortschrittsskepsis in Verbund mit dem Verlust der Legitimation von Utopien des 19. Jahrhunderts verweisen auf die Prägekraft der neuen Rede von der Posthistoire. Aufsehen erregte das 1989 von Francis Fukuyama proklamierte „Ende der Geschichte“ angesichts des Untergangs des Ostblocks und des Zusammenbruchs des Kommunismus und den daraus abgeleiteten Triumph des liberal-kapitalistischen Systems. Letztendlich war diese Zeitinterpretation aber wieder eine – jetzt unter dem Generalbegriff Globalisierung – aktualisierte „Modernisierungstheorie 2.0“. Für die Geschichtsschreibung bleibt als Konsequenz eines wie auch immer gearteten Verständnisses von Posthistoire, dass es eine moderne Geschichtsentwicklung wie man im Denken des 19. Jahrhunderts noch grundsätzlich annahm, nicht gebe, sondern man habe es mit vielen Geschichten zu tun. Seefried untersucht die Zukunftsforschung am Ausgang der Boomphase, als noch die Vorstellung von planenden bzw. steuerbaren Prozessen vorherrschte, bis zur Krise dieses optimistischen Denkens und dem Beginn eines neuen Verständnisses von Wachstum im Anschluss an die Boomphase. Als Stichwort sei hier der Begriff Technologiefolgenabschätzung erwähnt. Schon um 1970 bröckelte der Glaube an eine umfassende Steuerung und Prognostizierbarkeit der Zukunft und es rückte eine Orientierung am Menschen und eine ökologische Wachstumskritik mehr in den Vordergrund. Nunmehr wurde ein qualitativer Wachstumsbegriff herausgearbeitet, der ökonomische, ökologische und auch menschliche Aspekte angemessen berücksichtigen sollte. Eversberg beschreibt die Folgen eines sich destabilisierenden Arbeitsmarktes für die junge Generation seit 1970 und arbeitet das Ende der Vorstellung eines klar planbaren Arbeits- und gesamten Lebens heraus, indem er drei dafür verantwortliche Ursachenkomplexe benennt: erstens ökonomisch-politische Ursachen infolge eines stagnierenden Wachstums und einer zunehmenden Wendung auf den Weltmarkt mit zunehmenden Konkurrenzdruck, zweitens technologische Ursachen wie der Einsatz von Computern und Internet mit den Folgen einer intensivierten Rationalisierung und drittens soziale Ursachen. Reitmayer setzt sich mit dem Wandel britischer Eliten und deren Differenzierung insbesondere nach dem Boom auseinander, dabei sei im Kontext eines Wertewandels, der nachhaltig während der Regierung Thatcher zum Ausdruck gekommen sei, ein neuer Menschentyp hervorgegangen, der entsprechend dem neuen Zeittrend der Beschleunigung schnell und flüchtig handle und stetig unter Vernachlässigung einer Gemeinwohlorientierung auf den eigenen wirtschaftlichen Vorteil bedacht sei. Diese neuen Eliten, die sich von der seit dem Zweiten Weltkrieg in der sog. Konsens-Ära vorherrschenden liberal-reformerischen Elitenbeschreibung unterschied, verkörperten die veränderte Arbeitswelt mit ihrer ideologischen Verankerung im Neoliberalismus. Zugleich erlebte seit den 1980er Jahren der Klassenbegriff eine „triumphale Rückkehr“.

Fazit

Insgesamt bietet der manchmal nicht leicht zu lesende, auf hohem Niveau angesiedelte Sammelband ein breites Themenfeld einer neuen gegenwartsnahen Zeitgeschichte mit vielfältigen und nur vordergründig „exotischen“ Untersuchungsgebieten. Vielfach ist jedoch ein bestimmtes Maß an Vorwissen von Vorteil, insofern erscheint das Werk für „Einsteiger“ auch mit historischem Wissen nur bedingt geeignet. Als durchaus persönlich gehaltene Anmerkung und weniger als Kritik sei auf die in einigen Beiträgen zum Ausdruck kommende Sprache hingewiesen, die offensichtlich in hohem Maße sozialwissenschaftlich geprägt ist, was aber aufgrund der in der Zeitgeschichte nachvollziehbaren engeren Beziehungen zwischen den Sozialwissenschaften und der Historie durchaus seine Berechtigung hat. Dennoch wünscht man sich gelegentlich doch mehr sprachliche „Klarheit“, wie der Rezensent hier mit leiser Stimme anmerkt. Nur als ein Beispiel sei aus dem an sich sehr informativen Beitrag von Wiede über die Zumutbarkeit von Arbeit zitiert: „Epistemisch evoziert die unterstellte Binarität von repressiver Herrschaft und produktiver Macht eine auf die Subjektprogrammatiken reduzierte Gouvernementalitätsanalyse und die Vernachlässigung sozialer Heterogenität in den historischen Subjektpraktiken.“ Von den Herausgebern selbst erwähnt, erscheint im vorliegenden Sammelband die „rein“ politische Sphäre und hier etwa die Umbrüche 1989ff. etwas vernachlässigt und man wünscht sich hier auch im Sinne einer problemorientierten gegenwartsnahen Zeitgeschichte weitere Analysen.


Rezensent
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 23.09.2016 zu: Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael, Thomas Schlemmer (Hrsg.): Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-30078-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21010.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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