Ullrich Kamuf: Pädagogik und Politik bei Otto Rühle
Rezensiert von Dr. Sebastian Engelmann, 16.09.2016
Ullrich Kamuf: Pädagogik und Politik bei Otto Rühle. Frei selbständig wahr solidarisch. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2016. 186 Seiten. ISBN 978-3-8340-1622-5. D: 18,00 EUR, A: 18,60 EUR.
Thema
Otto Rühle ist kein Unbekannter in der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Als einer der Ersten setzte er sich mit der Individualpsychologie Alfred Adlers auseinander und beschrieb so die Prägung von proletarischen Kindern durch ihr Milieu. Sein Text „Zur Psychologie des proletarischen Kindes“ überzeugt durch eine genaue Beschreibung von Einflussfaktoren auf die Kinder der Arbeiterschicht. Trotzdem hat er in der Pädagogik nur eingeschränkt Beachtung gefunden. Zwar wurde ein Otto-Rühle Archiv – gefördert durch die DFG – eingerichtet und es setzten sich einige Publikationen mit seinem Werk auseinander, Breitenwirkung konnte Rühle aber nicht entfalten. Studierenden ist der Name sicherlich nur in seltensten Fällen ein Begriff. Kamuf macht es sich in seinem Buch dementsprechend zur Aufgabe den Namen Otto Rühle wieder ins Gedächtnis zu rufen. So hat das Buch das doppelte Anliegen eine Biografie zu liefern und zugleich eine -vielleicht sogar systematische – Auseinandersetzung mit den pädagogischen Ideen von Rühle zu liefern.
Autor
Dr.phil. Ullrich Kamuf ist sowohl Werkzeugmacher als auch Maschinenbauingenieur. Er legte die 1. Und 2. Staatsprüfung für das Lehramt an Berufsschulen ab. Er wirkte als Lehrer für Mathematik und Physik und ist nun im Ruhestand. Zusätzlichen verfügt er über einen Magister in Pädagogik, Politik und Literaturwissenschaften. Er promovierte über den Neukantianer und Vertreter des ethischen Sozialismus Leonard Nelson und dessen Beitrag zur Bildungstheorie. Die Dissertation zu Nelson ist auch heute noch ein sehr relevanter Beitrag zur Forschung.
Aufbau
Der Band ist mit drei Oberpunkten gegliedert. Eingerahmt werden die Kapitel Pädagogik und Politik, Politik und Pädagogik und Pädagogik und Politik durch eine Einleitung, Biografische Notizen, ein Fazit, einen Comic und Ausführungen zur Materialistischen Pädagogik. Das Buch schließt mit einer Auflistung der verwendeten Literatur. Der Band hat den übersichtlichen Umfang von unter 200 Seiten.
Inhalt
Den Auftakt macht eine Einleitung, welche die normative Stoßrichtung und die Zugewandtheit zum Autor durch Sätze wie „[d]as Aufwachsen in proletarischen Verhältnissen zeitigte Auswüchse beschädigten Lebens“ (Kamuf 2016:7) oder „Es ist die bessere Tradition der Pädagogik“ (Kamuf 2016: 9) verdeutlicht. Das Anliegen, Otto Rühle darzustellen und seine Gesellschaftskritik wieder ins Gedächtnis zu rufen wird deutlich gemacht. Die Motive der Darstellung werden fast schon biographietheoretisch eingeholt; Kamuf verspricht, neuralgische Punkte der Biographie zu verdeutlichen und zugleich eine Geschichte in all ihrer Nicht-Kohärenz zu erzählen. Die doppelte Kapitelüberschrift wird ebenfalls eingeholt: „Die Kapitelüberschriften meinen immer beides: Pädagogik und Politik. Beide als Substantive, das eine nie nur als Adjektiv des Anderen.“ (Kamuf 2016: 11) Das Buch überraschte mich aufgrund seiner fragmentarischen Struktur – diesen Zugang wähle ich nun auch für diese Darstellung, um in der Diskussion erneut darauf zurückzukommen.
Mit diesen methodischen Vorüberlegungen, die den Zugang ein wenig explizieren wird in die biographische Notiz übergeleitet. Diese geht in großen Schritten voran, springt durch die Kindheit von Rühle und setzt dann bei seinen Schriften wieder an. Undeutlich bleibt, wie Rühles Verhältnis zur Reformpädagogik nun war. Wurde in der Einleitung noch von einer „besseren“ Tradition der Pädagogik gesprochen, ist die Rede nun von einer „kritische[n] Distanz zur Reformpädagogik“ (Kamuf 2016:12), die in einem Werk von ihm deutlich werde. Die informative Dichte der Notiz – die definitiv keine mehr ist – überzeugt. Lediglich die Verweisstruktur hätte deutlicher werden können.
Pädagogik und Politik setzt dann als erstes Kapitel an einer Stelle, ein die in der Biographie bereits erwähnt wurde. Rühles Gedanken werden ab dieser Stelle hauptsächlich wiedergegeben und kommentiert. Insgesamt wird festgehalten, dass Rühle die „bürgerliche Pädagogik, von Comenius bis in seine Zeit […] für seine Argumentation nutzt. Ausgrenzung aus der Gesellschaft bis zur Verwahrlosung hin darf nicht sein; Verwahrlosung lässt sich pädagogisch überwinden.“ (Kamuf 2016: 15) Diese grundlegende sozialpädagogische Idee wird dann weiter ausdifferenziert. So erfährt die Leserin etwas über Rühles Erfahrungen im Lehrerseminar in Oschatz, als Wanderredner der SPD, seine bekannte Schrift zum proletarischen Kind, und die Erziehung zum harmonischen Menschen. Ergänzt werden diese Ausführungen durch Anekdoten die den Menschen Otto Rühle greifbarer machen. Eine Systematik entwickelt das Kapitel nicht, es bleibt als Fragment bestehen. Historische Informationen werden mit pädagogisch-theoretischen Inhalten vermischt und ergeben so ein Gesamtbild.
Der zweite Teil mit der Überschrift Politik und Pädagogik verfährt auf die gleiche Weise, lässt aber eine Systematik aufscheinen. Der Begriff der Selbstbewusstseinsentwicklung wird als Aufhänger genutzt, um das weitere Leben von Rühle zu fassen. Hierbei werden, ganz dem Titel des Kapitels entsprechend, noch mehr politische Ereignisse eingeflochten, welche die Argumentation von Kamuf stützen. Spannend ist besonders die herausgearbeitete Differenz zwischen Partei und Rühle: „Der Proletarier hat mit den allgemein gesellschaftlichen Bedingungen genug zu tun. Da muss es (sic!) nicht auch noch von einer Parteibürokratie gegängelt werden.“ (Kamuf 2016: 66) Im Sinne einer Entwicklung von Selbstbewusstsein – so Rühle nach Kamuf – gelte es viele Faktoren zu beachten, die dieser im Wege stehen würden. Es folgen weitere Unterkapitel zur Märzaktion, zu Karl Marx und auch zur Sozialisierung der Frau. Diese sind nicht werksgenealogisch zu verstehen – eine mögliche Darstellungsform – sondern als assoziative Elemente des Porträts von Rühle welches Kamuf anstrebt. Rühle erscheint hier als informierter und progressiver Reformer.
Das abschließende Kapitel mit dem Titel Pädagogik und Politik knüpft ebenfalls weder chronologisch noch thematisch an die vorherigen Kapitel an. Der Begriff des Selbstbewusstseins, das Ziel einer Erziehung zum Mut kann jedoch als hermeneutischer Schlüssel dienen. Zudem wird auch die Psychoanalyse erneut in den Blick genommen – Freud war bereits vorher ein Thema, nun wird er aber als Lesebrille für das Gesamtwerk angeboten: „Freud ist auch der lange Schatten, aus dem Alfred Adler, trotz der Beteuerung, er sein kein Schüler, sondern ein Mitdiskutant bzw. Mitarbeiter von Freud gewesen, nicht herausgetreten zu sein scheint.“ (Kamuf 2016: 129-130) Psychoanalyse und adlersche Individualpsychologie scheinen Rühle und auch Kamuf wichtig zu sein. Diese Ausführungen setzt Kamuf dann auch kurz mit seinen eigenen Vorarbeiten zu Nelson in Verbindung. Es sei eine spezifische Form von Mut die zu bilden sei. Auf diese Einlassungen folgt dann noch ein aus historischer Perspektive interessantes Teilkapitel zu den Blättern für sozialistische Erziehung sowie eine Explikation des während des bisherigen Textes bereits öfter erwähnten Programms für eine Arbeitsschule in Mexiko(vgl. Kamuf 2016: 142 ff.). Hier greift Kamuf ein sehr spannendes Thema auf. Pädagogische Vorgänge und Pläne im Mexiko dieser Zeit sind noch kaum abgeschrittenes Gebiet. Sicherlich, „Rühles Vorschläge zur sozialistischen Erziehung dürfte (sic!) dabei nur ein Aspekt der Diskussion gewesen sein“ (Kamuf 2016: 143), gerade die Ausdifferenzierung der Einflussfaktoren wäre aber mehr als spannend. Auch sollte untersucht werden, wo die Differenzen zur Arbeitsschulpädagogik nach Seidel, Kerschensteiner, Gaudig oder Blonskij liegen. Hierauf geht Kamuf leider nicht ein, liefert aber noch weitere Ausführungen zu Rühles Zeit in Mexiko.
Den Schluss des Buches bildet das, was sonst häufig zu Beginn einer wissenschaftlichen Ausarbeitung erfolgt: der Literaturbericht. Hier macht Kamuf erneut deutlich, dass Rühle nun nicht zu den Helden der deutschen Pädagogik gehört. Trotzdem kann er – so Kamuf – nutzbar gemacht werden. Der Literaturbericht ist nach Kenntnis des Rezensenten vollständig. Hier macht Kamuf es möglich selbst einen Einstieg in das Forschungsfeld Rühle zu wagen. Die kurzen Zusammenfassungen und Bewertungen von Kamuf können hierbei helfen.
Besonders hervorzuheben ist die Auseinandersetzung mit materialistischer Pädagogik. Kamuf zeitigt hier eine Differenzierungsleistung, die für Forscherinnen im Gebiet der sozialistischen Pädagogik überaus anschlussfähig ist – er stellt nämlich die Frage, was von einer proletarischen Pädagogik bleibe (vgl. Kamuf 2016: 166) Und hier wird auch der Titel des Buches deutlicher, wenn Kamuf schreibt, dass Rühle „Erziehung zur Freiheit, zur Selbstständigkeit, zur Wahrheit und zur Solidarität propagiert.“ (Kamuf 2016: 167) Die Fragen nach der Art der Freiheit und den Bezugsnormen der anderen Begriffe werden gestellt, müssen aber in genauerer Arbeit am Text nachvollzogen werden. Zum Abschluss schließt sich Kamuf dann Heydorn und Gamm – zwei bekannten Vertretern der kritischen Pädagogik/Erziehungswissenschaft – an. Mündigkeit sei das Ziel des pädagogischen Handelns und die Einbeziehung der Nachbardisziplinen Psychologie und Soziologie sei definitiv gefordert.
Nach Aussage Kamufs – der Beleg bei Rühle ist mir leider nicht bekannt – habe dieser nicht behauptet, eine Erziehungstheorie verfasst zu haben. Möglicherweise lässt sich diese aber anhand einer verstärkten Auseinandersetzung mit Rühle herausarbeiten.
Diskussion
Das Buch von Ullrich Kamuf beeindruckt durch seine Dichte und die schiere Anzahl an Informationen über politische Sachverhalte und biographische Daten. Das ist aber auch das Problem, welches mir als Rezensent während der Lektüre aufgefallen ist. Oft bleibt der rote Faden verborgen. Die ersten Worte verweisen darauf, dass es darum gehen soll, das Verhältnis von Pädagogik und Politik bzw. die Verknüpfung beider Elemente zu verdeutlichen. Dies geschieht dann aber nicht explizit, sondern stets nur implizit. Es fehlt die systematische Herangehensweise, die Leserinnenführung und die notwendige Rekapitulation von zentralen Begriffen und Zusammenhängen. Durch Layout und Duktus des Textes wird dies oft verstärkt. Die eigentlichen Argumentationsschritte sind nur selten ersichtlich – was aber nicht bedeutet, dass sie nicht vorhanden sind. Nach erneuter Lektüre stellte sich das Gefühl ein, der letzte, systematische, Teil könne als Schlüssel für den gesamten Text genutzt werden. Bildung zum Selbstvertrauen könnte genutzt werden um Rühles Leben noch konziser zu greifen. So könnte der Text noch um einiges besser werden, da die pädagogischen Elemente stärker hervortreten würden. So bleibt es eine informationsreiche, extrem Dichte, manchmal sprunghafte Erzählung eines Lebens. Das fragmentarische Leseerlebnis mag weniger geübte Leserinnen davon abhalten den Kern des Buches zu enthüllen; einige unglückliche Formulierungen und Wortabbrüche sowie die an einigen Stellen inkohärente Zitationsweise unterstützen diesen Eindruck. Das Leseerlebnis ist somit ambivalent – ein abschließendes Urteil fällt schwer, da Kritik und Lob sich gegenseitig neutralisieren.
Fazit
Das Buch von Ullrich Kamuf ist trotz all dieser Kritik ein wichtiger Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem pädagogisch-politischen Wirken von Otto Rühle. Allein der Fakt der Auseinandersetzung selbst ist richtig und auch wichtig. Die Dichte an Informationen macht es allerdings manchmal unnötig schwer dem Verlauf des Textes zu folgen. Das teilweise unübersichtliche Layout schafft da keine Abhilfe. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch jeder Forscherin zu empfehlen die sich mit Otto Rühle beschäftigen will. Allein der Literaturbericht ist Gold wert und dient als Anleitung für den Einstieg.
Rezension von
Dr. Sebastian Engelmann
Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Allgemeine Pädagogik
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