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Peter Buttner (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege (...)

Cover Peter Buttner (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege – eine Frage der Zeit? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 106 Seiten. ISBN 978-3-7841-2920-4. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Herausgegeben im Auftrag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 02/2016.
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Thema und Entstehungshintergrund

Zeit ist eine wichtige Determinante bei der Bewältigung von beruflichen und familiären Aufgaben. Der Deutsche Verein stellt „Zeitpolitik“ in der Diskussion rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit diesem Themenheft besonders in den Mittelpunkt.

Das Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit erscheint vierteljährlich und widmet sich aktuellen Fragen der Sozialen Arbeit, des Sozialrechts und der Sozialpolitik.

Prof. Dr. Peter Buttner ist Herausgeber der Reihe. Er lehrt seit 1997 an der Hochschule München.

Aufbau

Das Buch teilt sich in neun Aufsätze. Diesen vorgestellt ist ein Editorial der Geschäftsführerin des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. Jeweils zu Beginn der Artikel finden sich in einer Randspalte Angaben (incl. Foto) zu den einzelnen AutorInnen.

Inhalt

Im ersten Text „Erwerbsbeteiligung von Müttern und Vätern in Ost- und Westdeutschland: Stukturstarre oder Trendwende?“ geben Esther Geisler, Michaela Kreyenfeld und Heike Trappeeinen Überblick zu familienpolitischen Reformen der letzten zehn Jahre. Darüber hinaus stellen sie Ergebnisse zur Erwerbsbeteiligung von Müttern in Zusammenhang mit diesen Reformen vor. Die gleichmäßige Verteilung von familiärer Arbeit auf Mütter und Väter wäre für die Autorinnen Voraussetzung für eine Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienarbeit von beiden Geschlechtern. Familienpolitische Entscheidungen und Umsetzungen bis auf die Ebene der Betriebe wären notwendig, um die offensichtlichen Geschlechterunterschiede in Bezug auf die Aufteilung von Familien- und Arbeitszeit zu reduzieren.

Hans Bertram zeigt sich für den zweiten Aufsatz: „Die Rushhour des Lebens: Auswege und Lösungsmodelle“ verantwortlich. Im ersten Teil beschreibt Bertram in aller Kürze, aber dennoch gespickt mit interessanten Details, Fakten rund um die Zeitbudgets und Fürsorgearbeit von Müttern seit den 1950er Jahren. Darauf folgt die Beschreibung der Lebensphase, die „Rushhour des Lebens genannt wird“. Mütter wie Väter erleben, durch eine spätere Elternschaft zwischen 28 und 40 Jahren besondere Herausforderungen in beiden Sphären, privat wie beruflich. Zur Analyse der Situation widmet sich der Autor wiederum genauer Zeitstrukturdaten. Als Lösung schlägt Hans Betram die Kombination von Zeitsequenzen und flexiblen Arbeitszeiten im Lebenslauf vor. Es sei zu prüfen, wie unter den Vorzeichen einer „Lebenszeitpolitik“ Männer wie Frauen zwischen 30 und 40 ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren können. Dazu wäre es schlüssig Bildungsphasen ebenfalls auf die Zeit nach der Rush-Hour zu legen.

Das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf – ein Blick auf das erste Jahr nach Inkrafttreten der neuen Regelungen“, so lautet der Titel des dritten Artikels, verfasst von Christine Stüben, Ministerialrätin und Leiterin des Referates „Familienpflegezeit, Pflegende Angehörige“ im BMFSFJ. Sie beschreibt die Neuregelungen nach der Gesetzesreform 2014 und hebt unter anderem folgende wesentlichen Punkte hervor: – das Pflegeunterstützungsgeld als Lohnersatzleistung, – der Rechtsanspruch auf Familienpflegezeit und Freistellungen bei verschiedenen Betreuungssituationen, – die zeitgemäße Weiterentwicklung des Begriffs der „nahen Angehörigen“ z.B. durch Einbezug von Stiefeltern oder LebenspartnerInnen. Bis 2017 finden wissenschaftliche Erhebungen statt, um die Umsetzung und Inanspruchnahme der seit 1.1.2015 in Kraft getretenen Regelungen zu prüfen. Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf soll den gleichen Stellenwert bekommen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im vierten Aufsatz: „Neue arbeitsrechtliche Ansätze: Wahlarbeitszeit“ widmet sich Johanna Wenckebach Möglichkeiten des Arbeitsrechts in Richtung lebensphasenorientierte Arbeitszeitregulierung hinzuwirken. Die Kommission für Arbeits- und Wirtschaftsrecht des deutschen Juristinnenbundes, deren Mitglied sie ist, hat einen Vorschlag für ein Wahlarbeitszeitgesetz ausgearbeitet. Damit soll eine Grundlage für geschlechtergerechte Arbeitszeitmodelle geschaffen werden. Wichtig ist der Kommission, dass Betriebe ein handhabbares Modell vorfinden. Arbeitszeit-Checks stellen die Basis für individuelle betriebliche Wahlarbeitszeitkonzepte dar. Für den jeweiligen konkreten Betrieb sollen konkrete Maßnahmen und Modelle entwickelt werden.

Andrea Martin beschreibt in ihrem kurzen Artikel die „Ausbildung in Teilzeit als Perspektive für junge Mütter und Väter“. Martin ist Verwaltungsdirektorin eines Kreisjobcenters. Teilzeitausbildung auf Basis des Paragraphen 8 Berufsbildungsgesetzes ermöglicht eine reduzierte Arbeitszeit von 20-30 Stunden während der Betrieblichen Ausbildung. Leider wird diese Möglichkeit nur sehr selten genutzt. In der Praxis sieht sie die Probleme in dem geringen betrieblichen Teilzeitausbildungsangebot, dem Mangel an Kinderbetreuungsplätzen sowie einer komplizierten rechtskonformen Umsetzung. Als Lösungsansätze werden in ihrem Jobcenter beispielsweise eine Kinderbetreuungseinrichtung des Jobcenter selbst, sowie betriebliche Teilzeitsaubildungen in Form von betrieblichen Umschulungen angeboten.

Sind Beruf und Pflege zeitlich vereinbar? Beratung für pflegende Angehörige“ fragen sich Frank Schumann und Petra Kather-Skibbe. An Hand eines Fallbeispiels beschreiben die AutorInnen die Pflege als Familienaufgabe und in welche persönlichen und zeitlichen Konflikte Familienmitglieder im Falle notwendiger Pflege kommen können. In ihrem Beratungskonzept für pflegende Angehörige arbeiten sie nach dem „Arbeitsbewältigungs-Coaching“ um Arbeitsbewältigungsfähigkeit zu erhalten/zu verbessern. Dieser Ansatz beruht auf dem „Haus der Arbeitsfähigkeit“ (Tehmel/Ilmarinen), einem Konzept das Ratsuchenden die Komplexität von Arbeitsfähigkeit sehr klar verdeutlicht. Die Rolle der Betriebe bei Vereinbarkeitsfragen ist sehr zentral. Zeitliche Flexibilität muss den pflegenden ArbeitnehmerInnen vom Betrieb ermöglicht werden. Geeignete Maßnahmen sind z.B. reduzierte persönliche Anwesenheit. Damit erhalten die Betriebe loyale und motivierte MitarbeiterInnen.

Der aktiven Rolle der Unternehmen widmet sich auch der nächste Beitrag von Christa Beermann: „Das Tabu brechen und aktiv Lösungen anbieten: Wie Unternehmen die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege unterstützen können.“ Auf Grund des Tabus der Pflege wissen Unternehmen oft über die Bedarfe ihrer MitarbeiterInnen nicht Bescheid. Im Rahmen des Netzwerks (Wiedereinstiegs) wurde im Ennepe-Ruhr-Kreis ab 2012 eine Informationskampagne zur Sensibilisierung für UnternehmerInnen gestartet. Offenheit und aktive Ansprache des Themas von Führungskräften wird gefordert. Aus dem Bereich der Vereinbarkeit von Eltern lassen sich einige Ideen in den Unternehmen abwandeln. Betroffene wie Nicht-Betroffene müssen in erfolgreiche Lösungen miteinbezogen werden. Fachleute (z.B. aus dem Bereich Pflegestützpunkte) stehen zur Beratung und als Kooperationspartner bereit. Im Idealfall werden verbindliche Betriebsvereinbarungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege getroffen.

Der achte Beitrag widmet sich folgendem Thema: „Kosten-Nutzen-Analyse einer kommunalen Familienzeitpolitik – ein erster Blick auf die Nutzen der Betreuungszeiten von Kitas und Schulen“. Autor ist Axel Plünnecke. Kommunale Familienzeitpolitik umfasst Maßnahmen die sich konkret auf Familien als Zielgruppe richten und in einem direkten Zusammenhang mit Zeitgestaltungsmöglichkeiten stehen. Eine spürbare Wirkung der auf kommunaler Ebene gestalt- und umsetzbaren Maßnahmen wird ebenfalls vorausgesetzt. Zur Analyse werden Nutzeneffekte auf verschiedenen Wirkungskanälen gemessen: – Bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf/Fachkräftesicherung. – Höhere Attraktivität der Kommune für Familien. – Bessere Teilhabechancen für Kinder und Jugendliche. – Stärkung des sozialen Miteinanders in der Kommune. Die bereits ausgewerteten Ergebnisse zum Nutzen der Betreuungszeiten zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen dem Umfang der Betreuungszeiten und den Erwerbsumfang der Eltern.

Last, but not least diskutiert Christiane Bomert in ihrem Artikel „Die Delegation von Hausarbeit in Form bezahlter Care-Arrangements.“ Dabei schildert sie in knapper Form die vornehmlich weibliche Berufstätigkeit in haushaltsnahen Dienstleistungen, regulär und in der Schattenwirtschaft. Gut verdienende Frauen beschäftigen andere Frauen (meist Migrantinnen) im Haushalt zur Entlastung. Das Phänomen wächst und wird von der Autorin in ihrem Dissertationsprojekt machtkritisch untersucht.

Diskussion

Der Band zeigt die vielfältigen Perspektiven auf Aspekte der Verteilung von Zeit auf Familien-, Pflege- und Erwerbsarbeit. Die eher kurzen Texte sind gut lesbar und bieten für PraktikerInnen und VerantwortungsträgerInnen in der Verwaltung umfangreiche Anregungen auf der Ebene der Programmgestaltung. Besonders positiv und erfrischend sticht beim Lesen hervor, dass die AutorInnen nicht nur im Wissenschaftsbetrieb verortet sind, sondern in verschiedenen Praxisfeldern ExpertInnen des Themas sind. Dabei ergänzen sich die Perspektiven z.B. von der Verantwortlichen aus einem Jobcenter mit jenen der Arbeitsrechtlerin oder jenen der PflegeberaterInnen. Wunderbar zu einem umfangreichen Gesamtbild, ohne inhaltlich in den Texten konkret aufeinander Bezug zu nehmen.

Fazit

Das Themenheft 2/2016 des „Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit“ vereint wissenschaftliche Befunde, Berichte aus der Beratungspraxis und Verwaltung zum Thema der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege als Frage des Zeitbudgets der betroffenen Männer und Frauen. Dabei werden die neuesten Innovationen zum Thema Familienzeitpolitik ebenso ins Auge gefasst, wie die mikrosoziologischen Grundlagen der Aufteilung der Zeit von Müttern und Vätern auf Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Damit sind exemplarisch zwei Aspekte der Diskussion genannt. Es ist ein Band der interessierten LeserInnen einen schnellen Überblick zum Thema bietet und beispielhaft aufzeigt welche vielfältigen Beiträge Wissenschaft, Politik und Praxis in der Sozialen Arbeit zu einem konkreten Thema leistet.


Rezensentin
Dr. Lea Putz-Erath
sefo femkom e.V. Darmstadt
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Zitiervorschlag
Lea Putz-Erath. Rezension vom 17.11.2016 zu: Peter Buttner (Hrsg.): Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Pflege – eine Frage der Zeit? Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2920-4. Herausgegeben im Auftrag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge. Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 02/2016. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21017.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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