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Kuratorium Deutsche Altershilfe (Hrsg.): Menschen mit Demenz erreichen - Hilfen zur Kommunikation

Cover Kuratorium Deutsche Altershilfe (Hrsg.): Menschen mit Demenz erreichen - Hilfen zur Kommunikation. KDA-Fachtagung am 24. November 2003 in Köln. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2004. 79 Seiten. ISBN 978-3-935299-60-2. 9,50 EUR.

Reihe: Thema - 192. Redaktion: Britta Wilken.
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Zur Thematik des Buches

Demenz bleibt seit einigen Jahren das Kernthema der stationären Altenhilfe in Deutschland. Die Hauptgründe für dieses unvermindert anhaltende Interesse an diesem Gegenstandsbereich liegen vorrangig in der zunehmenden "Alzheimerisierung" der Pflegeheime aufgrund der Klientelzentrierung auf Demenzkranke und zugleich auch in der Verpflichtung, die klientelspezifischen Versorgungsleistungen in Umfang und Qualität nachweisen zu müssen. Die Auflagen der Pflegeversicherung und besonders des Qualitätssicherungsgesetzes erzwingen geradezu Konzeptentwicklung, Planung, Realisierung und anschließend Evaluierung aller Maßnahmen im Rahmen der Pflege und Betreuung Demenzkranker. Auf der anderen Seite sind die Einrichtungen mit einem ständig wachsenden Angebot an diversen Modellen, Strategien und Handlungsempfehlungen in der Demenzpflege konfrontiert, das zu überblicken und sachgerecht zu beurteilen die Verantwortlichen in den Einrichtungen und Trägerverbänden oft überfordert. Orientierung ist somit gefragt, um die "Spreu vom Weizen" trennen zu können.

Die vorliegende Broschüre besteht aus der Dokumentation einer KDA-Fachtagung, die am 24. November 2003 in Köln stattfand.

Inhalt

Im Mittelpunkt der Veröffentlichung stehen sieben Fachbeiträge zu folgenden Themen:

  1. die besondere Bedeutung der Kommunikation im Umgang mit Demenzkranken (Christine Sowinski). Der Beitrag enthält ein Plädoyer für den Einsatz von so genannten "personenzentrierten" Ansätzen wie Validation, Mäeutik und Kitwoods Konzept in der Pflege und Betreuung Demenzkranker, die als eine "neue Kultur der Pflege" verstanden werden.
  2. Hilfen bei der Kommunikation mit Demenzkranken unter Berücksichtigung von Lehr- und Lernmaterial für den Pflegealltag (Dr. Willi Rückert). Der Referent stellt ein Fortbildungskonzept aus England vor, das besonders das Einfühlungsvermögen und die Notwendigkeit der Reflexion im Pflegeprozess hervorhebt.
  3. Musik zum Helfen und Heilen (Prof. Dr., Hermann Rauhe). Auf wenigen Seiten werden eine Falldarstellung bezüglich der Wirkung einer bestimmten Melodie bei einem Schlaganfall-Patienten, die Bedeutung der so genannte "musikalischen Anamnese" und der Stellenwert der Musik bei der nonverbalen Kommunikation dargestellt.
  4. Die Bedeutung der Erinnerung für die Kommunikation mit Demenzkranken (Brigitte Reich). In diesem Beitrag wird die Bedeutung der Erinnerung anhand eines Modells der "Lebenslandschaft", bestehend aus den wesentlichen Elementen der Biografie (Herkunft, Arbeit, bedeutsame Menschen u. a.), erläutert. Zusätzlich werden Themen für gemeinschaftliche "Erinnerungsstunden" und Gegenstände für "Erinnerungskisten" empfohlen, die von "Erinnerungspflegerinnen" eingesetzt werden können.
  5. Demenzkranke und Tiere - zum Verstehen einer hilfreichen Beziehung (Prof. Dr. Erhard Olbrich). Im Mittelpunkt dieses Referates steht die Bindung zwischen Mensch und Tier, die auf der Grundlage psychoanalytischer Konzepte erläutert wird. Darüber hinaus werden die evolutionäre Verbindung im Mensch-Tier-Verhältnis und die Wirkung von Tieren auf das Erleben von Alzheimer-Demenzkranken beschrieben.
  6. Tiere in den Alltag in stationären Einrichtungen einbinden (Margret Vogt). Die Schilderung einer Heimleiterin aus Köln über einen "Hundebesuchsdienst" und die Entwicklung eines Hygieneplanes "Tierhaltung" bilden die Inhalte dieses Referates.
  7. Zufriedenheit mit Hund - Ergebnisse einer DCM-Studie (Petra Schillinger). Die Wirkung eines Hundes auf 14 demenzkranke Bewohner eines Altenpflegeheimes in Köln wurde ermittelt. Es zeigte sich, dass zwar knapp mehr als die Hälfte der beobachteten Bewohner positiv auf den Hund reagierte, doch die anderen Demenzkranken zeigten Ablehnung bzw. Indifferenz in ihrem Verhalten dem Hund gegenüber.

Kritische Würdigung

Eine Fachtagung hat u. a. auch die Funktion, neue Anregungen, Erkenntnisse und Erfahrungen der Fachöffentlichkeit zu präsentieren. Idealerweise wird eine derartige Wissensvermittlung auf der Grundlage des Standes der Forschung vorgenommen, um die eigene Position und auch Perspektive in diesem Praxisfeld angemessen einordnen und beurteilen zu können.

Bei der vorliegenden Tagungspublikation besteht der Bezugsrahmen aus dem "Qualitätshandbuch Leben mit Demenz", das vom KDA im Jahr 2001 herausgegeben wurde. Dieses Qualitätshandbuch wird als so genannter "Türöffner" aufgefasst, um die Demenzkranker bei der Pflege und Betreuung wirkungsvoll erreichen zu können.

Diese Konzeption krankt jedoch nach Auffassung des Rezensenten an einer willkürlichen Festlegung des Bezugsrahmens in Gestalt von Validation, Mäeutik und dem Kitwoodschen Ansatz. Diese Konzepte oder eher Gedankenkonstrukte können jedoch als geschlossene Systeme dergestalt aufgefasst werden, dass sie aufgrund ihrer dogmatischen Fundierung sich jedweder empirischen Überprüfung hinsichtlich Effektivität und Effizienz entziehen. Sie sind somit für die Praxis im Umgang mit Demenzkranken in den Heimen nicht sehr hilfreich, im Gegenteil, in vielen Bereichen sind sie sogar hinderlich und schädlich (siehe u. a. Rezensionen zu Feil, Innes, Morton). Es darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass aufgrund dieser geschlossenen Systeme im Bereich der Demenzpflege die einzig effektiven und effizienten Vorgehensweisen wie Ablenkung und Beruhigung im Kontext wahnhafter Halluzinationen als "Betrügereien, Täuschungen" und so genannte "Detraktionen" (Kitwood) diskreditiert werden.

Zu den Beiträgen über Tier geschützte Therapien, Erinnerungsarbeiten und Musiktherapie kann nur festgestellt werden, dass der Stand der augenblicklichen Erkenntnisse hinsichtlich der Wirkung dieser einzelnen Vorgehensweisen leider nicht referiert wurde. Hier hätten weiterführende Studien angeführt werden müssen, sollten derartige Vorgehensweisen in den Heimalltag implementiert werden.

Fazit

Die vorliegende Publikation enthält weder neue Erkenntnisse noch fundierte Praxisempfehlungen. Im übertragenen Sinne wird hier leider mehr "Spreu" als "Weizen" offeriert, so dass produktive Impulse für die Verbesserung der Pflege und Betreuung Demenzkranker in den Heimen zu vermissen sind.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 22.02.2005 zu: Kuratorium Deutsche Altershilfe (Hrsg.): Menschen mit Demenz erreichen - Hilfen zur Kommunikation. KDA-Fachtagung am 24. November 2003 in Köln. Kuratorium Deutsche Altershilfe (Köln) 2004. ISBN 978-3-935299-60-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2102.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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