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Kurt Möller, Janne Grote u.a.: (...) Ablehnungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrations­hintergrund

Cover Kurt Möller, Janne Grote, Kai Nolde, Nils Schuhmacher: „Die kann ich nicht ab!“. Gruppierungsbezogene Ablehnungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. 836 Seiten. ISBN 978-3-658-02301-0. D: 59,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Der Bands präsentiert die Ergebnisse einer qualitativ-längsschnittlichen Studie, die auf einer Erweiterung des Konzepts Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit basiert. Im Fokus stehen dabei Jugendlichen ohne und mit sogenannten Migrationshintergrund und die Frage welche Zusammenhängen von ablehnenden Orientierungen mit Diskriminierungsverhalten und Gewaltakzeptanz sowie Distanzierungsprozessen handlungsrelevant sind.

Autoren

  • Prof. Dr. Kurt Möller, Professor für Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit an der Hochschule Esslingen
  • Janne Grote, Doktorand der Soziologie an der Bremen International Graduate School of Social Sciences
  • Kai Nolde, Soziologe, arbeitet als freier Wissenschaftler in Hamburg
  • Dr. Nils Schuhmacher, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Esslingen

Entstehungshintergrund

Aus der Kritik des Konzepts Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit möchte die vorliegende Studie vertieft die vielfältigen Konstruktionen und Repräsentanzen von ablehnenden Haltungen untersuchen und so das Thema nicht nur differenzierter betrachten, sondern auch Möglichkeiten aufzeigen, wo oder wie pädagogische Interventionen möglich sind.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Der Aufbau und Inhalt des Bands wird entlang des Inhaltsverzeichnisses (vgl. https://d-nb.info/1038367832/04) skizziert.

Die Darstellung erfolgt nur pointiert – bei einem Umfang von 836 Seiten wäre dies nicht anders zu bewältigen.

Das Buch strukturiert sich zunächst in drei Abschnitte:

  • Teil A umfasst zwei Kapitel zum Forschungsstand zu abwertenden Einstellungen.
  • Der Teil B, das Schwergewicht der Publikation mit einem Umfang von 682 Seiten, stellt kurz das Design der Studie vor, ausführlich die empirischen Befunde und zieht es Fazit.
  • Der Teil C schließlich leitet Konsequenzen aus der Studie ab.

Teil A, Kapitel 1: Im Mittelpunkt steht eine sehr kurz Darstellung der mittels einer Langzeitstudie (bekannt geworden unter dem Namen „Deutsche Zustände“) erhobenen Daten zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ sowie Studien, die unter dieser Forschungsperspektive firmierten – mit besonderem Blick auf die Einstellungen unter Jugendlichen. Möller et al. kritisieren anschließend u.a., dass diese Daten quantitativ erhoben wurden und so beispielsweise schwer nachzuvollziehen sei, wie die Befragen Aussagen verstanden hätten, denen sie zustimmten. Eine qualitative Erhebung in diesem Zusammenhang hätte, so kritisieren sie weiter, nur dazu gedient, die Items zu validieren. Für ihr eigenes Forschungsinteresse wären die Daten im Übrigen nur bedingt aussagekräftig, da Jugendliche in der Regel nicht als spezifische Untersuchungsgruppe gefasst wurden – und wenn, dann eher aus dem urbanen, westdeutschen Raum. In keiner Studie würde vertieft nach Distanzierungen von bestimmten Haltungen gefragt oder nach ihrer Funktion, geschweige denn nach ihrem Entstehungsprozess; dabei wäre das gerade für die pädagogische Praxis von besonderem Erkenntniswert. Schließlich formulieren die Autorinnen und Autoren die Kritik, dass zentrale Begriffe nicht hinreichend definiert worden seien. Insgesamt ist die Kritik bestimmt durch die Perspektive auf das eigene Forschungsprojekt, das sich diesen Lücken zuwenden wird, wie im Design dann klarer herausgearbeitet wird.

Teil A, Kapitel 2: Möller et al. führen aus, dass sie zwischen sechs thematischen Feldern von Ablehnungshaltungen unterscheiden

  1. Herkunfs- und migrationsbezogene Ablehungshaltungen
  2. Antimuslimische Haltungen
  3. Antisemitische Haltungen
  4. Stilbezogene und territorialisierende Ablehnungshaltungen
  5. Ablehnungshaltungen im Kontext der hegemonialen Geschlechterordnung
  6. Ablehnungshaltungen gegenüber gesellschaftlichem ‚underperforming‘

Abgesehen davon, dass die Leserinnen und Leser erst im zweiten Abschnitt auf Seite 95 ff. erfahren, warum hier von „Haltung“ anstatt von „Einstellung“ gesprochen wird, referieren die Autorin und die Autoren hier die jeweiligen Erkenntnisse maßgeblicher empirischer Studien, zum Teil zurück bis in die 1990er Jahre. Abschließend wird der formulierte Stand einer Kritik unterzogen, die wiederum jene Forschungslücken erkennen lässt, die sich Möller et al. anschicken zu schließen.

Teil B, Kapitel 1: Ausführlich wird hier auf das Design der Studie eingegangen, von dem nur einige ausgewählte Aspekte hervorgehoben werden:

Das Forschungsinteresse beruht auf fünf grundlegenden Fragestellungen: „1. Welche Inhalte, Formen, Entstehungsprozesse und biographischen Entwicklungen zeigen ‚gruppenbezogene‘, ‚menschenfeindliche‘ Haltungen bei Angehörigen der verschiedenen in die Untersuchung einbezogenen Gruppierungen? 2. Wie unterscheiden sie sich gegebenenfalls bei Jugendlichen mit und ohne Migrationsgeschichte bzw. innerhalb dieser beiden Teilgruppierungen? 3. Welche Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen bzw. -prozesse sind einerseits für ‚menschenfeindliche‘ Orientierungen, andererseits für ‚menschenfeindliche‘ Aktivitäten und Aktivitätsbereitschaften zu identifizieren? 4. Wie verlaufen Prozesse der Distanzierung von solchen Orientierungen und Aktivitätsbereitschaften und wodurch sind sie bedingt? 5. Welche Rolle spielen Zivilgesellschaft und formelle wie informelle Sozialisationsinstanzen, insbesondere Pädagogik und Soziale Arbeit, in den Prozessen der Entwicklung von ‚menschenfeindlichen‘ Haltungen bei Jugendlichen und welche Potenziale Erfolg versprechender Bearbeitungen bergen sie?“ (84).

Ausgang ist für die Forschung das Theorem der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit, wobei Möller et al. kritisieren, dass der Gruppen-Begriff des Modells zu wenig differenziert sei; dass diskussionswürdig sei, ob es immer unmittelbar um die Ablehnung um ‚Menschen‘ gehe oder bspw. nicht vielmehr um die Bevorzugung der Eigengruppe oder Religion, Weltanschauung etc.; die Bezeichnung ‚Feindlichkeit‘ ein großer Begriff sei, gerade um ablehnende Haltungen von Heranwachsenden zu etikettieren. Schließlich folgern die Autoren, dass es ihnen mehr um Haltungen gehen als um Einstellungen, wie sie bei den GMF-Studien abgefragt worden sind. Haltungen verstehen sie als „Modi der Zuwendung zu oder der Abwendung von Dingen, Sachverhalten und (sozialen Gefügen von) Menschen, die Dispositionen darstellen und über ein bloß punktuelles, situativ erzeugtes Äußern von Positionen hinausreichenden“ (95). Und anstatt um ‚gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘ geht es ihnen um „pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen (PAKOs)“ (98).

Das GMF-Theorem geht im Hintergrund von gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen aus, die zur Ablehnung von Gruppen führen kann. Das stellen Möller et al. nicht in Abrede, heben aber hervor, dass, wenn „bestimmte Erfahrungen die Entstehung und Entwicklung von pauschalisierenden Ablehnungskonstruktionen begünstigen, so bedarf es eines sozialisationstheoretischen Verständnisses dieser Prozesse“ (110) – das finden sie im Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts von Klaus Hurrelmann. Für ihren Zusammenhang, so die Autorin und die Autoren, seien dabei drei Aspekte von Bedeutung: Dieses Sozialisationsverständnis sehe als Ziel die soziale Handlungsfähigkeit an, rücke die gestaltende Aktivität des Einzelnen in den Mittelpunkt und betone letztlich die Prozesshaftigkeit der Persönlichkeitsentwicklung. In ihrer Studie nehmen sie selbst den „Zusammenhang von Ablehnungskonstruktionen mit bestimmten Sozialisisationserfahrungen in den zentralen Lebensbereichen junger Leute (u.a. Familie, Schule, Freizeit“ (110) in den Blick. Dafür zeigten sich vor dem Hintergrund des Forschungsstands vier Formen von Erfahrungen als bedeutsam: Kontrolle, Integration, Sinnlichkeit und sinnliches Erleben sowie Sinnerfahrung und Sinnzuschreibung (110-111), dass sie als KISS-Erfahrungen abkürzen. Um aber die Genese von Haltungen zu erforschen, geht es nicht nur um die unmittelbare Erfahrung, sondern auch um dessen Verarbeitung: „wie die Individuen im Prozess des Erfahrungsablaufs, das Aufsuchen, die Wahrnehmung, die Beschreibung, die Deutung, die Bewertung und die Einordnung von Erfahrungen vornehmen und sie kommunizierbar machen“ (113). Zusammenfassend formulieren sie schließlich ihr Forschungsvorhaben wie folgt: „Pauschalisierende Ablehnungskonstruktionen in ihrer Genese aufzuschlüsseln, bedeutet also neben Kontroll-, Integration-, Sinnlichkeits- und Sinnerfahrungen, kurzum: KISS-Erfahrungen, auch deren Strukurierungen zu fokussieren, also erfahrungsstrukturierende Repräsentationen und Selbst- und Sozialkompetenzen“ (113).

Die Studie selbst basiert auf 43 Erst- und 41 Zweitinterviews – 21 mit weiblichen, 22 mit männlichen Jugendlichen. Neun Heranwachsende leben in Dörfern und Kleinstädten im ländlichen Raum, 13 in Mittelstädten mit 20.000 bis 60.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und 21 in Großstädten bzw. Ballungsräumen – vor allem im Südwesten und Norden. Geführt wurden die Interviews mündlich in Face-to-Face Begegnungen mit einem teilstrukturierten, themenzentrierten Leitfaden, der narrative Sequenzen beinhaltete.

Teil B, Kapitel 2: Die kompletten empirischen Befunde werden im zweiten Kapitel ausgebreitet, dass 628 (sic!) Seiten umfasst. Der Umfang kommt zustande, weil theoretische Rückschlüsse an Auszüge aus den Interviews samt einer ausführlichen Ausdeutung angebunden sind; eine der großen Stärken qualitativer Arbeiten. Um aber überhaupt andeuten zu können, zu welchen Ergebnissen das Forschungsteam gelangt ist, wird im folgenden kurz und eklektisch auf die acht Unterkapitel eingegangen:

Ausführlich stellt das erste Unterkapitel die Fallskizzen der befragten Jugendlichen dar in Form eines Personalbogens. Neben dem Alter, der geographischen Herkunft, der Staatszugehörigkeit findet sich hier auch Auskünfte dazu, welche natio-ethno-kulturelle Selbstzuschreibung der Heranwachsende vornimmt, welcher Religion er oder sie anhängt und welchen Ausbildungsstand sie/er hat. Ebenso kurz und knapp gibt es entlang dieser biographischen Marker einen Überblick zu den Schwerpunkten ihrer jeweiligen Ablehnungshaltungen sowie damit verbundener Aktivitäten.

Das folgende Unterkapitel breitet dann detailliert jene Ablehnungskonstruktionen aus, die sich auf Annahmen natio-ethno-kultureller Andersheit stützen. Detailliert skizzieren die Autorin und die Autoren, unter welchen Umständen solche Identitätskonstruktionen vorgenommen, übernommen oder benutzt werden und welche Einflüsse, Ereignisse oder Konflikte dafür von Bedeutung sein können. Vor dem Hintergrund des KISS-Modells käme in diesem Zusammenhang vor allem den Kontrollaspekten eine besondere Rolle zu, da „[…] natio-ethno-kulturelle Selbst- und Fremdzuschreibung in den unterschiedlichsten sozialen Kontexten und Konflikten als Begründungsmuster für soziale Distanzierungen, Ausschluss, Diskriminierung, Rassismus sowie graduelle und kategoriale Differenzwahrnehmungen herhalten müssen, um Kontrollprobleme, die sich auf die jeweiligen eigenen Geschicke beziehen, zu kompensieren“ (272). Weiterhin so Möller et al., seien Integrationsfaktoren ein zweiter Aspekt der KISS-Erfahrungen, wenn es um derartige Ablehnungen, aber auch um eine Distanzierung von ihnen ginge. „Der Freundeskreis, die Familie sowie die lebensweltlichen Räume von Bildungsinstitutionen mit face-to-face-Kontakten fungieren dabei als Sphären gemeinschaftlicher Sozialintegration“ (273). Im Freundeskreis geteilte Ablehnungen ließen sich nur schwerlich kollektiv verändern. Wenn sich aber Jugendliche „nicht zutrauen bzw. nicht die Chance sehen, gemeinsam mit dem Freundeskreis den Wandel zu vollziehen, verbleiben nur die Optionen, den eigenen Sinnwandel zu verleugnen, auf für die Freund_innen nachvollziehbare äußere Notwendigkeiten veränderter Lebensführung zu verweisen oder den Wandel ohne den Freundeskreis zu durchleben, sich von diesem zu lösen und alternative Freundschaftsbeziehungen einzugehen“ (274).

Das Unterkapitel 2.3 wenden sich antimuslimischen Haltungen zu, wobei Möller et al. betonen, dass diese „als spezifische Form der Kulturalisierung ethnisch konturierter Ablehnungen zu verstehen“ (277) seien. Sie betonen im weiteren Verlauf, dass es charakteristisch sei, „dass nicht-muslimische Jugendliche unabhängig von ihrer Haltung mehrheitlich von einer homogenen Gruppe ‚der Muslime‘ und einer verallgemeinerbarer Lesart ‚des Islams‘ ausgehen“ (323). Offenkundig wird dabei, dass wenig bis gar kein Hintergrundwissen über den Islam, seine Ausdifferenzierung oder Begründungen von religiös begründeten Handlungen bekannt sind. Vielmehr stellen öffentliche Debatten wie die um das Kopftuch oder den Moscheebau Referenzpunkte dar. In Hinblick auf das KISS-Modell böte gerade das Bild ‚des Islams‘ „eine Abgrenzungsmöglichkeit zwischen den ‚Eigenen‘ und den ‚Anderen‘ […], die in dieser Klarheit in der natio-ethno-kulturell zunehmend heterogenen Verfasstheit der hiesigen Gesellschaft nicht mehr ohne Weiteres möglich ist“ (327) – vor allem, weil kein bewusster und aktiv gesuchter Kontakt zu Musliminnen und Muslimen bestehe. Und so kann die Befürchtung vor einer zukünftigen Einschränkung der Möglichkeiten der eigenen Lebenskontrolle durch ‚die Muslime‘ wuchern. Der elterlichen Meinung und den seit Jahren bestehenden antimuslimischen öffentlichen Diskursen kommt dabei eine wirkmächtige Rolle bei. Möller et al. weisen abschließend darauf hin, dass „die dominante Negativüberzeichnung stereotyper Darstellung bzw. die Konzentration von Berichterstattungen auf ‚extremistische Islamisten‘“ darüber hinaus dazu führen könne, „dass reale positive Erfahrungen mit Muslim_innen als Ausnahmen abgetan werden“ (329) – ein düsteres Bild angesichts der Millionen an Euro, die derzeit in die Prävention von Islamismus und Salafismus fließen.

Das vierte Unterkapitel wendet sich der Konstruktion antisemitischer Haltungen zu. Eigene Alltagserfahrungen spielen hier keine Rolle, sehr wohl aber, betonen die Autorin und die Autoren, „bei (formal) muslimischen Jugendlichen das fraternale Erleben von Konflikten und Benachteiligungen einer als ‚Eigengruppe‘ deklarierten religiösen Großgruppierung, das mit eigenen Ablehnungs- und Benachteiligungsempfindungen in der hiesigen Gesellschaft in Verbindung gesetzt wird“ (375). Antisemitisch konnotierte Ablehnungskonstruktionen, betonen sie wiederholt, speisten sich zum Teil aus den gesellschaftlich vorhandenen Bildern vom ‚Juden‘. Eine Mitverantwortung trage daran auch die schulische Vermittlung mit einer „didaktisch und inhaltlich fehllaufenden Darreichungsform“, die „in ihrer historischen Fixiertheit […] kaum Rücksicht auf aktuelle Rahmungen [nehme], die für Jugendliche relevant sind“ (377).

Um die Konstruktion stilbezogener und territorialisierender Ablehnungshaltungen geht es im folgenden fünften Unterkapitel. „Gerade natio-ethno-kulturelle und z.T. religionsbezogene Selbst- und Fremdzuordnungen“, so Möller et al., „erhalten mit der Ablehnung bestimmter populärkultureller, d.h. stilbezogener Zuordnungen und der fortgesetzten Involvierung in (Territorial-)Konflikte zwischen unterschiedlichen Jugendgruppen alltagsweltliche Fundamente und Begründungszusammenhänge“ (379). Wo die stilbezogenen Abgrenzungen jedoch primär auf Geschmack basieren, sind diese Ablehnungen weniger starr. Anders ist es, wenn die Ablehnung auf eigenen Konformitäts- und Normalitätsannahmen und -erwartungen basieren und die abgelehnten Stile zu einer ‚extremen‘ Abweichung werden. Politisch-sozial relevant würden Abgrenzungen und Ablehnungen, „wo sie funktional eingepasst werden in bestehende, aus den Diskursen der Erwachsenenwelt stammende, Ablehnungsperspektiven, in Diskriminierungsbereitschaften und/oder Gewaltakzeptanzen“ (472). Territoriale Konflikte, so die Autorin und die Autoren, würden sich zwar auch mitunter auf Stilfragen beziehen, seien letztendlich aber doch auf einer anderen Ebene angesiedelt. Im Vordergrund stünden oft natio-ethno-kulturelle Zuordnungen, die in Bedrohungsszenarien damit verbunden würden, dem Bedroher eine soziale Randständigkeit oder ‚Assozialität‘ anzulasten. Abschließend heben sie hier hervor: „während sich ‚rechts‘ und ‚deutsch‘ positionierende Jugendliche hier stärker der Vorstellung anhängen, dass ihr Verhalten keinen grundlegenden Widerspruch zu den Einstellungen und Erwartungen der Erwachsenenwelt und ihrer Institutionen darstellt, stehen bei den Jugendlichen mit ‚Migrationshintergrund‘ sehr viel mehr Diskriminierungsnarrative im Vordergrund, die zuweilen auch dazu verwendet werden, das eigene Verhalten zu erklären“ (476).

Das sechste Unterkapitel wendet sich Ablehnungshaltungen im Kontext der hegemonialen Geschlechterordnung zu, dabei unterscheiden Möller et al. vier Formen: Ablehnung von Homosexualität: Diese gelte als nicht ‚normal‘, wobei eine heteronormative Hegemonie die Folie bietet. Die Ablehnung von Schwulen und Lesben variiert auf Basis des Geschlechts der Ablehnenden. „Besonders einer archaisch konnotierten Männlichkeit gilt Homosexualität als absolut ausgeschlossener Gegensatz“ (610); Ablehnung aufgrund archaischer gender-performance: Betroffen sind hierbei vor allem jene Jugendliche, „denen eine Orientierung auf interpersonale Dominanz und Gewaltakzeptanz attestiert wird“ (611). Oftmals finden dabei weitere Konkretisierungen statt, beispielsweise in Verbindung mit natio-ethno-kulturellen Ablehnungskonstruktionen – als archaisch männlich gilt dann die ‚türkisch‘ gelesene Jugend-Clique; Ablehnung weiblicher gender-‚highperformer‘: Im Sample werden sie, wie Möller et al. schreiben, ausschließlich von weiblichen Jugendlichen vorgenommen – bestimmt von Konkurrenz und Abweichung respektive der Wahrnehmung als etwas Unangemessenes ‚für Mädchen‘; Haltungen sexistischer Objektivierung und patriarchaler Kontrolle: Dies ist die komplementäre Ideologie und Praxis zur Ablehnung der gender-‚highperformer‘, eingenommen von männlichen Jugendlichen. „Sie arrangieren eine Doppel der Ungleichbehandlung von Mädchen bzw. Frauen, das einem Männer privilegierenden, hierarchischen Arrangement der Geschlechterverhältnisse zuarbeitet, personale Dominanzen im ‚privaten‘ Bereich organisiert und die Sphäre des Öffentlichen als einen männlich besetzten Raum fixiert“ (615).

Im folgenden, siebten Unterkapitel geht es um die Ablehnungshaltungen gegenüber gesellschaftlichem ‚underperforming‘; abgelehnt werden hier Menschen, „die gesellschaftlich nicht in einer Weise Entwicklungen durchlaufen […], die weithin als erstrebenswert und gelungen angesehen wird“ (617) – dokumentiert über geringe ökonomische Ressourcen, geringen sozialen Status sowie Lebensstile und Verhaltensweise, die „mit sozialem Abstieg assoziiert werden und/oder ihnen die Unfähigkeit bzw. der Unwille zu Anstrengungsbereitschaft und Leistungserbringung angelastet wird“ (617). Möller et al. unterscheiden dabei vier Gruppen: peerkontextuell situierte Ablehnung von ‚high‘ und ‚underperformern‘, also sowohl die Ablehnung von ‚Strebern‘ und ‚Loosern‘, wobei sich diese Ablehnungsformen mit dem Älterwerden und dem Verlassen der jugendlichen Konfliktlandschaften auflösen; Ablehnung von Behinderten: Hier differenzieren die Autorin und die Autoren drei Muster: die kategoriale Unterscheidung zwischen ‚Normalen‘ und ‚Behinderten‘, Defizitzuschreibungen im Sinne eines (vermeintlich) verminderten Leistungsvermögens und paternalistischer Diskriminierung vermeintlich Wohlwollender. Derartige Negativverurteilungen können entlastet werden, „wenn sich die Einsicht einstellt, dass Behinderung prinzipiell jede_n unvermittelt und unverschuldet treffen kann“ (692); Ablehnung von ‚Junkies‘, die für die betreffenden Jugendlichen einen zugleich bedrohlich und verwerflichen Lebensstil verkörpern, und ‚Pennern‘, die als „Sinnbild gescheiterter Existenz“ (689) gelten. Gerade bei diesen beiden Gruppen ließen sich die ablehnende Haltung zurückverfolgen auf die Vorstellungswelt der Erwachsenen mit ihren Leistungsidealen, Bedeutungszuschreibungen von sozialem Status etc., die ‚Junkies‘ und ‚Penner‘ in ihren Augen ‚verletzen‘.

Im abschließenden Unterkapitel wird vor dem Hintergrund des KISS-Modells ein Resümee gezogen, unterschieden in drei Konstellationen von Ablehnungskonstruktionen, die dann wiederum noch einmal spezifischer differenziert werden.

In Teil C formulieren Möller et al. schließlich noch einmal auf 42 Seiten 25 Konsequenzen für die Forschung und 25 Konsequenzen für die Praxis – letztere beziehen sich allgemeiner auf die Ausgestaltung von Bundes- und Landesprogrammen und betonen u.a. die Bedeutung von, vor allem non-formalen Bildungsanstrengungen und unterbreiten schließlich noch Vorschläge, wie den im zweiten Kapitel von Teil B dargelegten sechs Themenfeldern bzw. Formen von Ablehnungshaltungen begegnet werden könne.

Fazit

Die einzelnen Abschnitte und Unterabschnitte der Publikation sind für sich alle interessant, besonders die Ausdifferenzierung verschiedener Formen der jeweiligen Ablehnungshaltungen. Doch in der Gesamtschau wirken der Umfang und die Dichte der Publikation erschlagend. Sicherlich bieten die jeweiligen Zusammenfassungen am Ende eines (Unter-)Kapitels eine grundsätzliche Orientierung und Information, doch wer wirklich die Publikation mit einem Zugewinn lesen möchte, kommt nicht umhin, in die Kapitel vertieft einzusteigen. Das braucht allerdings viel Zeit und eine gute Konzentrationen. Denn Möller, Grote, Nolde und Schuhmacher machen es sich nicht leicht, sondern versuchen durch stetige Differenzierungen das Phänomen tiefgreifend auszuleuchten. Hier liegt der Gewinn, aus dem Praktikerinnen und Praktiker Erkenntnisse für ihre Arbeit ziehen können: Den Blick schärfen, ob und wie sich verschiedene Ablehnungshaltungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigen, mit denen gearbeitet wird, und wie es ggf. möglich ist zu intervenieren. Doch leider, muss abschließend noch einmal konstatiert werden, wäre weniger mehr gewesen. Die Dichte und die stark versozialwissenschaftlichte Sprache erschwert Sozialarbeiterinnen und -arbeiter sowie Sozialpädagoginnen und -pädagogen den ‚Wald vor lauter Bäumen‘ zu sehen. Und so wird das Buch wohl, bleibt zu befürchten, von diesen Praktikerinnen und Praktikern wenn, dann vor allem als Steinbruch genutzt werden. Zu hoffen wäre aber, dass der Ansatz von Möller et al. von vielen Dozentinnen und Dozenten an den Hochschulen aufgegriffen wird, um mit dieser Fortentwicklung des GMF-Modells Studierenden Ansätze aufzuzeigen oder zumindest mit ihnen zu diskutieren, wie in ihrem zukünftigen Arbeitsfeld helfen können abwertende Haltungen ihrer (zukünftigen) Klienten abzubauen.


Rezensent
Martin Langebach
Soziologe (MA), Dipl. Sozialpädagoge
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Zitiervorschlag
Martin Langebach. Rezension vom 16.01.2018 zu: Kurt Möller, Janne Grote, Kai Nolde, Nils Schuhmacher: „Die kann ich nicht ab!“. Gruppierungsbezogene Ablehnungen bei Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-02301-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21021.php, Datum des Zugriffs 22.05.2018.


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