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Barbara Rendtorff: Bildung – Geschlecht – Gesellschaft

Cover Barbara Rendtorff: Bildung – Geschlecht – Gesellschaft. Eine Einführung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 143 Seiten. ISBN 978-3-407-25743-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.

Mit Elke Kleinau und Birgit Riegraf.
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Thema

Das Buch ist als Einführungsband konzipiert und verspricht, „… die komplexen Verbindungen von Geschlecht und Bildung mit Bezug auf historisch gewachsene Strukturen und aktuelle Gesellschaftsdynamiken systematisch …“ auszuleuchten.

Aufbau

Der Band ist nach einem kurzen Vorwort in drei Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten Kapitel werden Geschlechterforschung und Theorien der Geschlechterverhältnisse kurz skizziert.
  2. Das zweite Kapitel untersucht Geschlechteraspekte in Bildungsprozessen und pädagogischen Institutionen.
  3. Bildung als Geschlechterbildung wird im dritten Kapitel analysiert.

Inhalt

Das Vorwort adressiert sehr knapp skizziert das Verhältnis (und die gegenseitige Verschränkung) von den Strukturkategorien Bildung und Geschlecht.

Im ersten Kapitel werden theoretische Grundlagen dargestellt und (in mehrere Unterkapitel aufgezweigt) differenziert. So werden zum einen Begriffsklärungen vorgenommen, des Weiteren werden Grundlagen des Denkens über Geschlecht dargelegt, theoretische Ansätze zur Erklärung von Geschlechtsungleichheit vorgestellt, aber auch Positionen innerhalb des Genderdiskurses genauer beleuchtet (am Beispiel von Öffentlichkeit und Privatheit). Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit stehen genauso im Fokus wie Sorgeverhältnisse.

Im zweiten Kapitel werden Geschlechteraspekte in Bildungsprozessen und pädagogischen Institutionen fokussiert. In 4 Unterkapiteln werden zu Beginn Verschränkungen (in Form struktureller Aspekte) von Bildung und Geschlecht thematisiert, aber auch ein Abriss der Geschichte von Mono- und Koedukation im Hinblick auf Geschlecht dargelegt. Befunde und Erklärungen zu Geschlechtsunterschieden im Hinblick auf schulische Bildung zählen ebenso dazu wie eine kurze Reflexion zu pädagogischen Diskursen über Heterogenität.

Das dritte Kapitel dient der Engführung der Themen und ist Bildung als Geschlechterbildung gewidmet. In mehreren Unterkapiteln wird sowohl rekurriert auf Stereotypisierungen und Vereindeutigungstendenzen, aber auch reflexive Zugänge finden sich. Schwierigkeiten und Möglichkeiten geschlechterbezogener Bildungsaktivitäten werden ebenfalls thematisiert, bevor im letzten Unterkapitel die Frage gestellt, erörtert und beantwortet wird, was zu tun ist.

Jedem Kapitel wird jeweils ein eigenes Unterkapitel zur (weiterführenden) Literatur nachgestellt.

Diskussion

Im ersten Kapitel findet sich, gleichsam beiläufig erwähnt, die Aussage zur Aufgabe des Bandes, nämlich „… die Notwendigkeit, die Mechanismen jener … Zuschreibungs- und Ordnungsprozesse zu verstehen“ (S. 11). Abgesehen davon, dass weder erklärt noch begründet wird, warum dies die Aufgabe des Bandes sei, wäre es (vor allem Im Sinne einer Einführung für Studierende) didaktisch sicher hilfreicher gewesen, diese Aufgabe voranzustellen. Darüber hinaus ist kritisch anzumerken, dass unzulässige Verkürzungen auftreten: So ist im historischen Abriss noch von der GLBT-Zuordnung (oder Bewegung) die Rede, ohne dazu anzumerken, dass sich seit einigen Jahren der Begriff LGBT erweitert hat zu LGBTIQQ (und vermutlich weitere Erweiterungen erfahren wird). Die Exklusion der Richtungen, Bewegungen und/oder Zuordnungen von IQQ (Intersexual, Questioning, Queer) wird weder hergeleitet noch begründet. Kurze Verweise finden sich zur Begriffsverwendung von Queer, mehr auch nicht.

Im zweiten Kapitel stehen Geschlechteraspekte in Bildungsprozessen und pädagogischen Institutionen im Fokus. Nach einem kurzen Abriss pädagogischer Ideengeschichte folgt ein Abschnitt zur Realgeschichte der Beschulung von Kindern in Deutschland. Im darauffolgenden Abschnitt zu Geschlechteraspekten und -unterschieden werden leistungsbezogene Auffälligkeiten, Fach- und Domänenspezifika, aber auch Mono- und Koedukation genauer betrachtet. Die dazu referierten Studien und Ergebnisse werden kritisch hinterfragt. Bemerkenswert erscheint hingegen die wiederholte Fokussierung der Einstellung von Lehrkräften und der Einstellung von Mädchen und Jungen. Erstens wird hier die zuvor kritisierte Zweigeschlechtlichkeit wieder eingeführt und referenziert, zweitens bleiben bei allen kritischen Betrachtungen zum wechselseitigen Verhältnis von Bildung, Schule, Geschlecht familiäre Hintergründe weitgehend ausgeblendet und es erscheint fraglich, inwieweit die Exklusion familiärer Geschlechtssozialisation nicht signifikante (mindestens) passagere Moderationen willkürlich vernachlässigt.

Im dritten Kapitel wird auf Bildung als Geschlechterbildung rekurriert. Darin wird auf sozialpsychologische, aber auch linguistische Grundlagen (z.B. zur Stereotypenbildung) zurückgegriffen. Insbesondere geschlechterbezogene Stereotypisierungen (mit den Entwürfen zu polaren Gegensatzpaaren) wirken als „Denk- und Empfindungsgewohnheiten“ (S. 119), sodass die Autorinnen schlussfolgern: „Es zeigt, dass Veränderungsprozesse in Bezug auf Geschlechtervorstellungen nicht einfach von selber, als Folge gesellschaftlichen Wandels stattfinden …“ (S. 120). Mit dem Aspekt von Schwierigkeiten und Möglichkeiten geschlechterbezogener Bildungsaktivitäten werden sowohl Probleme der Wahrnehmung und Beobachtung adressiert als auch geschlechterbetonende Aufgaben und Besonderungen. Als Fazit kommen die Autorinnen zu der Frage „was zu tun ist“ und beantworten diese mit dem Lernen, „ … die strukturelle Wirkung der Geschlechterordnung in den Denkgewohnheiten und den gesellschaftlichen Ordnungen sowie die Reichweite dieser Vorstellungen auf die Wahrnehmung und Bewertung von Individuen angemessen ein[zu]schätzen … “ (S. 136). Und von wem: jede an ihrem Platz, jeder in seiner Verantwortung. Das aber würde möglicherweise zum Paradoxon Verhalten vs. Verhältnis führen – durch ein verändertes Verhalten Verhältnisse zu ändern wird als Lösung des Dilemmas präsentiert.

Insgesamt erscheinen die einzelnen Teile des Bandes eher in sich abgeschlossen – so ist nicht wirklich erkennbar, in welcher logisch stringenten Reihe die Sorgeverhältnisse zur danach thematisierten (schulbezogenen) Bildung stehen – oder stehen könnten. Aufeinander bezogen erscheinen nur das 2. und 3. Kapitel. Zudem fällt auf, dass in der kritischen Sichtung der Literatur neuere Strömungen (z.B. in der Philosophie, der Sexualitätsforschung etc.) eher unzureichend einbezogen werden – deren Differenzierungen werden nicht erwähnt. Außerdem wird zwar in Teilen internationale Literatur referiert, aber die Schlussfolgerungen sind alle auf nationaler Ebene angesiedelt – es ließe sich fragen, ob die angesprochenen Phänomene tatsächlich so national wirksam sind.

Fazit

Der Band ist konzipiert als Einführungsband, in dem die komplexen Verbindungen von Geschlecht und Bildung mit Bezug auf historisch gewachsene Strukturen und aktuelle Gesellschaftsdynamiken systematisch ausgeleuchtet werden. Dieses Versprechen wird nur in Teilen eingelöst.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 28.11.2017 zu: Barbara Rendtorff: Bildung – Geschlecht – Gesellschaft. Eine Einführung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-25743-7. Mit Elke Kleinau und Birgit Riegraf. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21030.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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