socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claude-Hélène Mayer, Elisabeth Vanderheiden (Hrsg.): Mediation in Wandelzeiten

Cover Claude-Hélène Mayer, Elisabeth Vanderheiden (Hrsg.): Mediation in Wandelzeiten. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. 218 Seiten. ISBN 978-3-631-67137-5. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 57,00 sFr.

Studien zur interkulturellen Mediation, Band 8.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der vorliegende Sammelband nimmt seinen Ausgangspunkt in der Wahrnehmung einer zunehmenden Migration von Menschen nach Europa und einem damit zusammenhängenden konstatierten Wandel. Diese Veränderungsprozesse vollziehen sich dabei nicht nur für einzelne Individuen, sondern auch auf staatlicher und gesamtgesellschaftlicher Ebene (vgl. S. 17). Diese „Wandelzeiten“ (S. 18) gehen laut Mayer/Vanderheiden konkret mit einer „kulturelle(n) Durchmischung der Gesellschaft mit neuen Perspektiven, Herausforderungen und Konfliktpotenzialen“ (ebd.) einher. Eben für diese als neu eingestuften Konfliktlagen, bedarf es auch neue, innovative Instrumente der Konfliktlösung, so die zentrale These des Buches. Hierfür schlagen die Herausgeberinnen vor, auf interkulturelle bzw. transkulturelle Mediationsansätze zurückzugreifen. Ziel sei es, bereits vorhandene Ansätze, die den mitunter eurozentristischen Gehalt von Mediationsmodellen kritisch begegnen zu verstärken und darüber hinaus, insbesondere kreative und körperbezogene Methoden neu für die Mediation zu theoretisieren (vgl. S. 19).

Herausgeberinnen

Claude-Hélène Mayer arbeitet als Privatdozentin am Institut für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation, Frankfurt/Oder sowie Gastprofessorin am Department for Industrial and Organisational Psychology, Pretoria.

Elisabeth Vanderheiden ist Pädagogin, Germanistin, Theologin und interkulturelle Mediatorin.

Aufbau

Der Sammelband umfasst neben der Einleitung und einem Vorwort 12 Aufsätze, die unter den Kapitelbereichen „Künstlerische und körperbezogene Zugänge zur interkulturellen Mediation“, „Mediation im Kontext alternativer methodischer Ansätze“ sowie „Neue Perspektiven zur interkulturellen Mediation“ verhandelt werden. Exemplarisch für die drei Themenblöcke wird im Folgenden jeweils ein Beitrag ausführlicher vorgestellt.

Ausgewählte Inhalte

Elisabeth Vanderheiden setzt sich in ihrem Artikel das Ziel, Parallelen zwischen Mediation und Bildhauerei herauszuarbeiten. Als Vergleichsgrundlage dienen folgende sechs Aspekte: Die Ausgangslage, der Prozess, das Ziel, die Haltung, das Handwerkszeug und die Beteiligten. So stellt für die Bildhauerei das zu verwendende Material mit seinen ganz spezifischen Eigenschaften, bspw. rau, eckig usw. ein „Gegenüber“ (S. 32) dar, was es zu bearbeiten gilt. Entsprechend bilden in der Mediation die Menschen, mit ihren „Natur- und Zivilisations- und Lebensspuren“(ebd.) die Ausgangslage für die weitere Konfliktbearbeitung. Die Bedürfnisse, Ansichten und Wünsche des Medianden-Gegenübers können dabei -so die Autorin – zeitweise als fremd erscheinen und werden erst im Laufe des interkulturellen Mediationsprozesses bearbeitbar gemacht (ebd.). In Bezug auf die Prozesshaftigkeit bescheinigt Vanderheiden sowohl der Tätigkeit des Bildhauens, als auch der des Mediierens Ähnlichkeiten. Während bei der Bildhauerei sukzessiv Schichten des Materials abgetragen werden und so die Ausgangsgestalt der Materialgrundlage eine neue Form erhält, geht es in der Erhellungsphase der Mediation darum, zugrundeliegende Bedürfnisse hinter den Positionen der einzelnen Konfliktparteien allmählich aufzudecken (vgl. S. 35). Auch das Sichtbarmachen von „Polaritäten und Gegensätzen“ kann laut Vanderheiden als wesentliches gemeinsames Ziel für Mediation und Bildhauerei gelten. Das Handwerkszeug für die beiden Tätigkeiten kann wiederum in solche Werkzeuge einteilt werden, die eher als Haltungen oder Kompetenzen eingestuft werden können und solche, die sich konkret anwendbar oder materiell gestalten. Für die Bildhauerei bedeutet dies einerseits. „Gestaltungs-Sehnsucht“, „Schaffenskraft“ oder „Vision vom Endergebnis“ (S. 39) sowie anderseits handfeste Instrumente wie eine Werkbank, Schleifpapier etc. Für die Mediation bedarf es entsprechend „Reflexionsbereitschaft“, „Interesse an den Menschen“ (S. 40) usw., sowie konkrete Mediations- und Kommunikationstechniken wie das Spiegeln oder Aktive Zuhören. In Rückgriff auf Ergebnisse der Kreativitätsforschung, die einen scheinbaren Zusammenhang zwischen längeren Auslandsaufenthalten und kreativer Problemlösungsfähigkeit herausstellt, plädiert Vanderheiden resümierend für eine engere Bezugnahme von künstlerisch, kreativen Zugängen auf interkulturelle Mediation.

In dem Beitrag „Potential von Aufstellungsarbeit in der Mediationsarbeit“ erörtert Linda Brackwehr die Frage, inwieweit sich die Methode der Aufstellung für den Kontext „interkulturelle Mediationsarbeit mit Flüchtlingen“ (S. 99) eignet. Der Artikel bezieht sich dabei auf Ergebnisse einer qualitativen Studie, die die Autorin zusammen mit einer Kollegin durchgeführt hat. Die im Rahmen von Expert*inneninterviews erhobenen Daten zur Nutzung und Anwendung von Aufstellungsmethodik wird hierbei auf den oben genannten „interkulturellen“ Kontext übertragen. „Interkulturelle Mediation“ ist dieser Lesart folgend eine Spezialform der Mediation, die in besonderer Weise herausfordernd für die mediatorische Praxis ist. So bemerkt Brackwehr: In der Begegnung von „Menschen verschiedener Herkunft“ […] „werden auch ihre differenten kulturellen Identitäten sichtbar“ (S. 99). Neben unterschiedlicher Sprachbasis, sind es vor allem unterschiedliche Werte- und Normorientierungen sowie Hierarchiegefühl, welche den Verständigungs- und Konfliktlösungsprozess mitunter hindern, so die Autorin. Um den Verständigungsproblem entgegen zu treten werde im Alltag oftmals auch auf Stereotypisierungen zurückgegriffen, um sich die vorgefundene Situation zu erklären (vgl. S. 100). Als weitere Ursache für interkulturelle Konflikte weist Brackwehr „Fremdenfeindlichkeit, soziale Isolation und eine unsichere Zukunft im Zielland“ (S. 101) aus. Neben Missverständnissen, die aus mangelnder interkultureller Kompetenz resultieren, können zudem die knapp bemessenen Zeitstrukturen, die mit einem zu hohen Betreuungsschlüssel einhergehen, als Hindernis für in der Beratung von geflüchteten tätigen Personals gelten (vgl. ebd.). Brackwehrs zentrale Argumentation ist, dass Aufstellungsarbeit durch seine Betonung auf leibliche Empfindung und Darstellungskraft einen Vorzug gegenüber rein sprachbasierten Methoden bietet (vgl. S. 104). Insbesondere solche Machtungleichheiten, die mit der Anforderung der Ausübung der mehrheitsgesellschaftlichen Erstsprache einhergeht, können durch solche alternativen, sprachunabhängigen Mediationstechniken entgegengewirkt werden (vgl. S. 105).

Der Beitrag von Ivan Égido unternimmt den Versuch, das Konzept des „ontologischen Coachings“, welches sich auf den linguistischen Ansatz „Ontologie der Sprache“ des Philosophen Rafael Echeverría bezieht, für die Mediation fruchtbar zu machen. Zentral für das Konzept sind hierbei die drei Begriffe Menschliches Wesen, Sprache sowie Handlung. Als drei Grundannahmen werden hierbei formuliert:

  1. „dass das menschliche Wesen ein linguistisches Wesen ist;
  2. dass die Sprache schöpferisch ist und
  3. dass das menschliche Wesen sich selbst durch die Sprache erschafft.“ (S. 143).

Daraus ableitend ergibt sich ein Verständnis von Realität, welches sich nicht jenseits von der Interpretation und Betrachtung denken lässt. Die soziale Wirklichkeit ist vielmehr eine „Welt der Auslegung“ (S. 143). In ähnlicher Weise ist auch Handeln nicht als starker Gegensatz zu einem inneren Kern oder der Rationalität zu sehen, sondern Handlungen wirken auf das Subjekt zurück und dieses wiederum erzielt Wirkung durch die Ausführung spezifischer Handlungen. Auch wenn soziale Systeme bestimmte Handlungsvorgaben nahelegen, können diese Systeme von Menschen auch verändert werden (vgl. S. 144). Égido führt in Rückbezug auf Echeverría auf unterschiedliche Typen der sprachlichen oder linguistischen Handlungen ein. Hierzu gehören Aussagen, Deklarationen und Versprechungen/Ersuchen (vgl. S. 144-145). Anhand eines literaturgeleiteten Fallbeispiels von zwei Personen, die als „aus unterschiedlichen Kulturkreisen“ (S. 154) angehörig eingeführt werden, wird das Modell für ein mediatorisches Setting adaptiert. Als zentraler Konfliktfall wird geschildert wie eine „Frau aus Argentinien“ (ebd.) regelmäßig zu spät auf der Arbeit erscheint. Eine zweite Person, dessen Nationalität noch nicht explizit genannt wird, ist ihr Vorgesetzter und gleichzeitig guter Bekannter. Für die Mediation sei es wichtig, in Rückgriff auf den linguistischen Handlungstypus der „Versprechung/Ersuchen“ zu ergründen, ob ein gemeinsam geteiltes Verständnis des jeweiligen Versprechens existiert, so Égido (vgl. S. 155). Nahe läge jedoch die Vermutung, dass die Mitarbeiterin nicht explizit ihr Ersuchen formuliert habe und eine unterschiedliche Auffassung gegenüber dem gegenseitigen Versprechen bestehe. Aufgabe der Mediator*innen ist es nun die beiden Konfliktpartner*innen hinsichtlich ihrer Ersuche und Versprechungen offen zu befragen. Entsprechend wird in dem hier präsentierten Beispiel die Mitarbeiterin gefragt, ob sie ihre Anfrage nach Unterstützung klar kommuniziert habe und der Vorgesetzte, „ob er die im deutschen Kulturkreis übliche deutliche Trennung zwischen Privat- und Berufsleben“ (S. 155) vor der Mitarbeiterin eindeutig zum Ausdruck gebracht habe. Eine solche Frageperspektive könne das Verständnis füreinander und für die Situation fördern und dabei nicht nur den wörtlichen Inhalt berücksichtigen, sondern auch dessen übergreifende (kulturelle) „Geschichte“ (ebd.), schlussfolgert der Autor.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband „Mediation in Wandelzeiten“ hält was es verspricht, insofern als dass er durch die Hinzunahme von bisher wenig verhandelten Tätigkeitsbereichen, insbesondere solche, die als kreativ und künstlerisch gelten können, tatsächlich bisher eher ungewöhnliche Zugänge zu dem Thema Mediation präsentiert. So können methodische Anleihen aus der Bildhauerei, Aikido oder Aufstellungsarbeit sicherlich für an einer interdisziplinär ausgerichteten Mediation interessierte Praktiker*innen Inspiration bieten, über den Rand des gängigen Methodenkoffers hinaus zu schauen. In der Nachzeichnung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Mediation und anderen homologen Tätigkeiten, kann Mediation zudem als spezifisches Phänomen der Konfliktbearbeitung genauer herausgearbeitet werden und somit einige ihrer grundlegenden Annahmen reflektiert und ggf. auch problematisiert werden.

Gleichsam wäre es meines Erachtens wünschenswert gewesen, wenn eine solche reflektierende Auseinandersetzung mit den Grundprämissen des Konstrukts, welches als „Interkulturelle Mediation“ bezeichnet wird sowie den damit einhergehenden Effekten tatsächlich auch in dem Rahmen dieses Sammelbandes tiefgreifender stattgefunden hätte. Denkbar wäre beispielsweise die von Égido aufgeworfene Argumentationslinie der Beeinflussung jeder Wirklichkeitswahrnehmung durch perspektivische Interpretation sowie der subjektivierenden Wirkmächtigkeit von Handlungen (S. 144), auch für die Reflexion des Sprachhandelns – nicht nur in der Mediation selbst, sondern ebenso in der Theoretisierung dessen – in dem vorliegenden Sammelband zu nutzen. So entwerfen ein Großteil der Artikel, anders als von den Herausgeberinnen in der Einleitung formuliert, ein Konzept von Kultur, welches vorwiegend als Nationalkultur gefasst wird. Wenn Kultur hier statisch mit „Herkunft“ (S. 99) gleichgesetzt wird und eine interkulturelle Konfliktsituation zwischen einer „Frau aus Argentinien“ (S. 154) und einer nicht weiter markierten zweiten Person eingeführt wird, dann wird deutlich, dass sich in der Frage um „kulturelle Differenz“ Praxen der Essentialisierung, die mit der Funktion der Herstellung eines „Anderen“ im Gegensatz zur (unsichtbaren) „Eigengruppe“ einhergehen, zeigen. Fremdheit wird im vorliegenden Band, so der Eindruck, nicht als allgemeine Fremdheit, die sich potentiell in der Interaktion mit allen Menschen verbirgt, sondern als selbstverständlich migrationsbedingte Fremdheit, die jedoch als relationaler Konstruktionsprozess zu denken wäre, verhandelt. Neben der Involviertheit in Prozesse der Differenzproduktion könnten insbesondere die Thematisierung struktureller Bedingungen von den als interkulturell gekennzeichneten Problemlagen wichtigen Weiterführungen darstellen. Ich sehe hier in den Hinweisen auf Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen von Geflüchteten (vgl. S. 18; S. 98), Prozesse der „Interkulturellen Öffnung“, die die gesamte Gesellschaft miteinbezieht (ebd.), machtkritische Auseinandersetzung mit der Dominanzsetzung der Sprache Deutsch (vgl. S. 105) sowie den Blick auf materielle Ressourcen und Ungleichheiten für die Konfliktbearbeitung (vgl. S. 105, S. 106) wichtige Ansätze, die es unbedingt systematisch weiterzuführen gilt.

Fazit

Der Sammelband versteht sich als Plattform, um neuartige, sich speziell als kreativ verstehende Ansätze der interkulturellen Mediation zu diskutieren. Die hier vereinten Beiträge unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der fokussierten Aspekte einer als interkulturell markierten Mediation, sondern auch dahingehend, wie stark sie jeweils den Bezug zum übergreifenden Thema Migration und Flucht herstellen. Trotz der Hinzunahme neuer Ansichten aus benachbarten Themengebieten der Mediation bleiben meines Erachtens wichtige Fragen zu einer gesellschafts- und machtkritischen Fundierung einer (interkulturellen) Mediation noch unbeantwortet.


Rezensentin
Laila Lucas
M.A.
Doktorandin im Promotionskolleg „Migrationsgesellschaftliche Grenzformationen“
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Laila Lucas anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Laila Lucas. Rezension vom 25.10.2017 zu: Claude-Hélène Mayer, Elisabeth Vanderheiden (Hrsg.): Mediation in Wandelzeiten. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2016. ISBN 978-3-631-67137-5. Studien zur interkulturellen Mediation, Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21031.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!