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Klaus Zierer, Joachim Kahlert u.a. (Hrsg.): Die pädagogische Mitte

Cover Klaus Zierer, Joachim Kahlert, Matthias Burchardt (Hrsg.): Die pädagogische Mitte. Plädoyers für Vernunft und Augenmaß in der Bildung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 250 Seiten. ISBN 978-3-7815-2101-8. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Bildung und Erziehung sind komplexe Phänomene

Die Feststellung klingt wie eine Tautologie, oder eine Selbstverständlichkeit, die nicht weiter betont werden muss. Gleichzeitig wird in der anthropologischen, philosophischen und pädagogischen Bedeutung der Anspruch erhoben, dass Bildung neben dem Wissenserwerb in gleicher Weise die sittliche und moralische Ganzwerdung und Vervollkommnung des Menschen bewirken müsse (Aristoteles), nämlich durch Erziehung und lebenslanges Lernen; und zwar individuell und kollektiv. Damit wird eine Ahnung von der Spannweite zwischen den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, Bildung und Erziehung gewissermaßen „herzustellen“, erkennbar. In der antiken, anthropologischen Definition von „paideia“, Erziehung / Bildung, fragt Aristoteles: Soll man für die paideia feste Anordnungen treffen? – Soll man die Sorge um die paideia zu einer gemeinschaftlichen Angelegenheit machen und sie dem Staat übertragen oder sie den einzelnen Bürgern überlassen? – Welche Art soll die paideia sein? (Rolf Geiger, in: Ottfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Kröner-Verlag, Stuttgart 2005, S. 420).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Curriculumdiskussion und -revision, Didaktik, Methodik und Bildungsforschung sind Mittel, mit denen die o. a. antiken und gleichzeitig aktuellen Fragen beantwortet werden. Der kontroverse Diskurs vollzieht sich dabei zwischen Skylla und Charybdis, wird auf gebirgigen und Wüstenstrecken, mit Argumenten und Knüppeln ausgetragen, und dialogisch bis apodiktisch, überzeugend und ideologisch geführt. Die Erziehungsinstanz Schule steht dabei im Fokus der Auseinandersetzungen. Ist Schule ein Abrichtungs- oder Experimentierfeld für individuelle und gesellschaftliche Bildung und Erziehung? Eine Anpassungs- oder Kreativitätseinrichtung? Ein gesellschaftliches Versuchsfeld? Ein geschlossenes oder offenes System? Eine Pflichtveranstaltung oder eine Kür? Die verschiedenen Bildungstheorien und -postulate zeigen sich in den zahlreichen An- und Herausforderungen, wie etwa „Bildungsverantwortung“, „Bildungsgerechtigkeit“, „Bildungspanik“, „Halbbildung“; in Erwartungshaltungen und Visionen wie „Herzensbildung“; in gesellschaftlichen Aufträgen, für politische, demokratische, dialogische, partizipatorische, ökonomische ökologische, interkulturelle Bildung. zu sorgen. Die Unterscheidung von der antiautoritären zur autoritären Erziehung hat einen pädagogischen Perspektivenwechsel bewirkt. Bildung mit Kopf, Herz und Hand wird als Idealvorstellung einer ganzheitlichen Bildung und Erziehung verstanden (Johann Heinrich Pestalozzi); der „homo faber“ wird dem „homo theoreticus“ gegenüber- oder beigestellt. Mit der Forderung, „Bildung für alle“ zu gewährleisten, wird daran erinnert, dass Bildung ein Menschenrecht ist und der globalen Verantwortung der Menschheit unterliegt (Willehad Lanwer, Hrsg., Bildung für alle. Beiträge zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16915.php). In der von der UNESCO 1974 vorgelegten „Empfehlung zur internationalen Erziehung“ wird Erziehung definiert als „Gesamtprozess des sozialen Lebens, innerhalb dessen Einzelpersonen und gesellschaftliche Gruppen es lernen, in ihrer eigenen Gesellschaft und im Rahmen der gesamten Weltgemeinschaft ihre persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen, ihr Können und ihr Wissen bewusst und bestmöglich zu entfalten“ (Deutsche UNESCO-Kommission, Empfehlung zur „internationalen Erziehung“, 2. Aufl., Bonn 1990, S. 16). Alles in allem: Bildung darf nicht Mittel zum Zweck sein, sondern muss um ihrer selbst willen erfolgen (Michael Maaser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12295.php).

Auf diesem pädagogischem und erziehungswissenschaftlichem (Kampf-?)Gebiet gibt es immer wieder auch Stimmen, die davor warnen, Entwicklungen und Fehlentwicklungen bei Bildungs- und Erziehungsprozessen zu überfrachten mit (einseitigen) Forderungen, Maximalvorstellungen und unscharfen Formulierungen. Es sind Forderungen nach der „pädagogischen Mitte“, die davon ausgeht, dass die Suche nach der Mitte, man könnte auch sagen, nach der Balance, immer bestimmt sein muss von der Auseinandersetzung mit und der Anerkennung von verschiedenen Perspektiven, Meinungen und Konzepten im Bildungs- und Erziehungsbereich, und Haltungen und Einstellungen wie Offenheit, Toleranz, Mäßigung, Duldsamkeit und Bescheidenheit. Die Schulpädagogen und Bildungsforscher Klaus Zierer von der Universität Augsburg, Joachim Kahlert von der Ludwig-Maximilians-Universität München, und Matthias Burchardt von der Universität Köln, legen einen Sammelband als „Plädoyer für Vernunft und Augenmaß in der Bildung“ vor. Zusammen mit 14 weiteren Autorinnen und Autoren werben sie beim pädagogischen und bildungswissenschaftlichen Diskurs für „Respekt vor der Vielfalt sinnvoller Gesichtspunkte“ und einen interdisziplinären Dialog auf Augenhöhe.

Aufbau und Inhalt

Die einzelnen Beiträge werden im Sammelband unter bestimmten Gesichtspunkten und Herausforderungen gegliedert:

  1. Im ersten Teil geht es um Fragen des Lehrens und Lernens, und darum, „welches Verständnis von Lernen heute sinnvoll erscheint und welche Schlussfolgerungen daraus für das Lehren und insbesondere die Lehrerbildung zu ziehen sind“.
  2. Im zweiten Teil werden exemplarisch Themenfelder und Strukturfragen des Bildungssystems beleuchtet.
  3. Im dritten Teil schließlich diskutieren die Autorinnen und Autoren über Sinn und Unsinn von strukturellen, aktivistischen, ideologischen und „Mainstream“-Entwicklungen.

Mathias Brodkorb, Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern, thematisiert mit seinem Beitrag „Von der Dynamis zur Energeia“ Fragen und gibt Antworten darauf, was wir von Aristoteles über Bildung und Kompetenz lernen können. Er setzt sich mit der Forderung nach „Kompetenzorientierung“ bei der schulischen und außerschulischen Bildungsvermittlung auseinander. Ausgehend von dem „Pisa-Schock“, bei dem die internationalen Schulvergleichsuntersuchungen aufzeigten, dass deutsche Schülerinnen und Schüler eher im unteren Mittelfeld angesiedelt wurden, entwickelten sich (hektische) Bemühungen, schnellstens diesen nicht hinnehmbaren Zustand zu beenden und „Ankreuz“-, anstatt emanzipatorisches und aufgeklärtes Wissen in den Schulen zu vermitteln. Brodkorb mahnt, dass es ratsam sei, „nicht jeder pädagogischen Mode nachzugeben, sondern hin und wieder kanonischen pädagogischen Wissens zu vergewissern, und stamme es auch aus der Antike“.

Thies Rabe, Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung, fragt mit seinem Beitrag: „Endlich eine Diagnose, aber wo bleibt die Therapie?“, indem er über die Hektiken und Bürokratismen von Lernzustandsuntersuchungen in der politischen Diskussion nachdenkt. In den durchaus sinnvollen und begrüßenswerten nationalen und internationalen, schulischen Vergleichsuntersuchungen bemängelt er, dass Lernstandsuntersuchungen zwar eine aktuelle Situation aufzeigen, jedoch meist keine Therapiehinweise liefern. Eine löbliche, richtungsweisende Ausnahme sieht er lediglich in der Studie des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, in der er mit dem Begriff „Visible Learning“ deutlich macht, welche Faktoren und Bedingungen guten Unterricht ausmachen. „Deshalb müssen die Lernzustandsuntersuchungen durch Studien ergänzt werden, die die Wirksamkeit von Reformideen genauer untersuchen und Hinweise auf Verbesserungsmöglichkeiten (geben)“.

Der bayerische Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, Ludwig Spaenle, plädiert mit seinem Beitrag „Entscheidung nahe am Menschen“ für die Beibehaltung und Weiterentwicklung der Bildungsverantwortung der Länder als Chance für gute Bildung. Pro domo spricht der Autor am Beispiel der Bildungspolitik des Landes Bayern davon, dass „die Länder ( ) ein vitales Interesse daran (haben), ihr Bildungssystem weiter zu verbessern und gerecht zu gestalten. In Bayern wird das differenzierte Schulwesen qualitativ weiterentwickelt und durchlässiger gestaltet, um den jungen Menschen Wege zu den von ihnen angestrebten Zielen zu eröffnen“.

Der Didaktiker der Biowissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität, Hans-Peter Klein, legt eine Bestandsaufnahme vor: „10 Jahre Bildungsstandards und Kompetenzorientierung“ und fragt: „Innovation oder Scheininnovation?“. Er greift die europäischen Beschlüsse von Bologna 1999 auf, die organisatorische und strukturelle Umstellung im deutschen Hochschulsystem notwendig machten, und mit der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 didaktische und curriculare Aktivitäten im deutschen Schulsystem bewirkten. Er beklagt eine „Ökonomisierung der Bildung“ und zeigt auf, dass „Bildungsstandards ( ) bisher keinesfalls zu einer besseren Vergleichbarkeit weder von Unterricht noch von Abschlussleistungen geführt (haben)“; vielmehr wurde „die viel gerühmte Bildungsexpansion… mit der Nivellierung der Ansprüche und einem von oben verordneten Notendumping erkauft“.

Der Didaktiker der Mathematik von der Universität Potsdam, Wolfram Meyerhöfer, sieht im „PISA-Glaube(n) ein Phänomen mathematischer Halbbildung“.An ausgewählten (Test-)Aufgaben zeigt er auf, dass „PISA-Glaube“ eine Spielart eines „Glaubens an die Zahl“ ist, den er als „Mathematismus“ bezeichnet und als „Halbbildung“ benennt. Testaufgaben, wie sie für die Ermittlung von Lern- und Bildungswissen konstruiert und angewandt werden, führen nicht nur dazu, mathematische Bildung zu unterminieren, „sie unterminieren auch das Prinzip der Demokratie: In einer notwendigerweise bürokratisierten Gesellschaft. ist ein Bewusstsein für die Grenzen von Mathematisierungen unabdingbar, damit die Demokratie nicht von expertokratischen Verkürzungen unterhöhlt wird“.

Der Erziehungswissenschaftler von der Universität Luxemburg, Daniel Tröhler, greift mit seinem Beitrag „Sputnik, die Pädagogisierung des Kalten Krieges und PISA“ die Reaktionen auf, wie sie von Bildungspolitikern und -experten zu den genannten Ereignissen und Entwicklungen vorgenommen wurden und als zentralistische, praxisferne und bildungsbürokratische Entscheidungen und Programme Schulpolitik und -reformen beeinflussten. Am Beispiel der Bildungspolitik in den USA zeigt der Autor auf, welche Konsequenzen daraus entstehen können, und er rät den europäischen Bildungspolitikern, „Bildungspolitik im Sinne des Inputs zu betreiben“. Das bedeutete eben nicht nur, Lehrpläne hin zu angeblich messbaren Kompetenzen umzuschreiben, sondern „Schule und Bildungspolitik… zwingend demokratisch (zu) legitimieren“.

Der Kunstpädagoge von der Universität Wuppertal, Jochen Krautz, fragt „Was ist pädagogische Qualität und warum wird sie durch Qualitätsmanagement verhindert?“. Er stellt die erst einmal lapidar anmutende Frage nach der Schulqualität, die jeder (eigentlich) zu beantworten können glaubt: Erreichen von fachlichen Lernzielen, den im Schulgesetz und im demokratischen Bewusstsein festgelegten Erziehungszielen, und eine professionelle, zielführende Unterrichtstätigkeit. Diese Ziele aber mit Tests und Qualitätserfassungsmethoden erreichen zu wollen, klingt anmaßend und ist angesichts der Individualität der Beteiligten auch nicht möglich. Wie Schul-, Unterrichts- und Lernqualität festgestellt werden kann, braucht es anderer Beobachtungs- und Bewertungskriterien. Sie zu ermitteln und zu fördern, sollte oberstes Ziel jeder Qualitätskontrolle sein, nämlich „die ethischen Voraussetzungen einer verantwortlichen Wahrnehmung der pädagogischen Freiheit“ zu ermöglichen.

Matthias Burchardt wendet sich einem anderen Popanz im Schuldiskurs zu: „Selbstgesteuertes Lernen – Roboter im Klassenzimmer?“. Die so genannten „neuen Lernkulturen“ gehen im allgemeinen „nicht vom Kind und seinem Lernen aus, um darauf zugeschnitten pädagogische Situationen zu gestalten, sondern im Gegenteil, sie programmier(en) das Kind und sein Lernen um und schneide(n) es so auf eine veränderte Schule und ein Leben unter permanentem Anpassungsdruck zu“. Die so genannte „kybernetische Schule. restauriert die Bildungsprivilegien, welche das öffentliche Schulwesen eigentlich abbauen wollte. (und) gleicht sich. auf erschreckende Weise der neoliberalen Marktgesellschaft an“.

Der Wiener Philosoph und Ethiker Konrad Paul Liessmann wettert mit seinem Beitrag „Professionalisierung als Entakademisierung, am Beispiel der Lehrerbildung“ gegen die Tendenzen, in der universitären Lehrerausbildung Praxis zu überbetonen und dadurch Fachtheorie und -wissen zu vernachlässigen. Eine Auslagerung der Lehrerbildung, etwa in „Schools of Education“, wie es von einigen Schulpolitikern vorgeschlagen wird, sieht der Autor nicht als sinnvoll und zielführend an; vielmehr plädiert er dafür, die Lehrerbildung an den Universitäten zu belassen, „weil nur Universitäten durch ihre Verankerung in der wissenschaftlichen Forschung den Lehramtskandidaten ein Nahverhältnis zu dieser (Professionalisierung, JS) offerieren können“.

Joachim Kahlert setzt sich mit der Frage „Bin ich noch gut genug?“ mit der unendlichen Geschichte von Lehreranerkennung und „Lehrerdämmerung“ (Christoph Türcke) auseinander. Er thematisiert „Lehrerarbeit zwischen Professionalität und wissenschaftsbasierter Fremdbestimmung“, indem er die altbekannten, aber immer wieder missachteten und allzu gering bewerteten Erkenntnisse zur Sprache bringt und mit der vielbeschworenen, aber eigentlich selbstverständlichen Erfahrung konfrontiert: „Innovationen im Schulsystem sind nicht zielgenau plan- und umsetzbar“. Es bedarf der Anerkennung und Förderung der Lehrerkompetenz und der Bereitschaft der Bildungspolitik, „schulische Innovationen, die von außen angestoßen werden…, sich sorgfältig darum zu bemühen, die Vorteile, die für Unterricht und Schule gesehen werden, so klar und deutlich zu formulieren, dass sie nachvollziehbar und für die Lehrkräfte greifbar sind“.

Der Fachredakteur der Wochenzeitung DIE ZEIT, Martin Spiewak, bricht mit seinem Ausrufezeichen – „Wir sind keine Sorgenkinder! – eine Lanze für eine positive und optimistische Sicht der Kinder- und Schulsituation“. Er wendet sich gegen die wie aus artesischen Brunnen herausströmenden Klagen gegen Schule, Kinderleid, Kindertyrannen, Kinderdespoten und verweist darauf, dass die gesellschaftliche Wirklichkeit einerseits diese Kassandrarufe nicht bestätigt, andererseits aber „positive Familienbilder“ fehlten, die optimistische, gegenwarts- und zukunftsorientierte Einstellungen zu Kindern und öffentlicher Bildung und Erziehung förderten.

Der Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Rainer Stadler, will mit seinem Beitrag „Die Ganztagslüge“ aufdecken, dass die milliardenschweren Investitionen in den (Ganztags-)Ausbau von Kindertagesstätten und Schulen eher ein Flop denn ein Erfolg wären. Er hegt den Verdacht, dass es der Bildungs- und Gesellschaftspolitik gar nicht darum gehe, durch Ganztagsbetreuung für mehr Chancengerechtigkeit in den öffentlichen Bildungsangeboten zu sorgen, sondern um ökonomische Wertschöpfung: „Kinder dürfen nicht länger ein Hindernis für Beruf und Karriere sein“, heißt es im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierungskoalition.

Klaus Zierer fragt: „Gerechte Ungleichheit?“, und er gibt Auskunft darüber, wie seiner Meinung nach Bildungsgerechtigkeit gelingen kann. Im gesellschaftlichen Diskurs hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass „Bildungsgleichheit“ weder möglich noch wünschenswert ist. Stattdessen hat sich der Begriff „Bildungsgerechtigkeit“ etabliert. Um diese zu erreichen, seien fünf Kernbotschaften zu formulieren: 1. „Bildung ist keine Einbahnstraße!“, was bedeutet, dass Bildung vielfältige Angebote vorhalten müsse. 2. „Wider die Strukturdebatten!“. Anstelle von diesen sollten die Akteure befähigt und ermuntert werden, darüber mitzuentscheiden, wie Strukturen wirken. 3. „Einer für alle und alle für einen!“. Es gilt, die Einflüsse und das Zusammenwirken der verschiedenen gesellschaftlichen Bildungs- und Erziehungsinstanzen zu erkennen und wirksam werden zu lassen. 4. „Allen das Gleiche und jedem das Seine!“, womit ausgedrückt werden soll, dass „die Nichtgleichbehandlung von Einzelnen, die auf der Sicherstellung gleicher Möglichkeiten für alle beruht ( ) zu Bildungsgerechtigkeit und in diesem Sinne zu einer gerechten Ungerechtigkeit (führt)“. 5. „Beweise und Gründe in den Blick nehmen!“ Empirie und Weltanschauung sind Elemente, die eine „pädagogische Mitte“ ermöglichen.

Der Medienwissenschaftler von der Hochschule Offenburg, Ralf Lankau, setzt sich mit seinem Beitrag „Wenn Algorithmen und Apps zum Fetisch werden“ mit der Verwendung von digitalen Medien in Schule und Unterricht auseinander. Medien als Lern- und Aufklärungsmittel sind Bestandteile des Unterrichts. Es ist notwendig, deren Einsatz kritisch, personen- und sachbezogen zu betrachten. Denn wo digitale Techniken zur „Gegenaufklärung“ werden (können), braucht es Aufmerksamkeit und Verantwortung: „Statt Digitalisierung und Technisierung von Unterricht und der damit verbundenen Kontrolle und Steuerung via Netz, sollten (Hoch-)Schulen wieder Orte der Präsenz, der Muße und des Diskurses werden. Es gibt kein echtes Leben im digitalen“.

Der Philosoph von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Julian Nida-Rümelin, nimmt mit seinem Beitrag „Ein verhängnisvoller bildungsökonomischer Irrtum“ seine Kritik an den gesellschaftlichen, ökonomischen und existentiellen Ungleichheiten auf: „Akademiker verdienen mehr als Nichtakademiker“. Mit seiner Forderung – „Bildung als unser kostbarstes Kulturgut darf dem ökonomischen Markt nicht überantwortet werden“ (siehe dazu: Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17603.php; sowie: ders., Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php).

Der Rehabilitationswissenschaftler von Berliner Humboldt-Universität, Bernd Ahrbeck, beklagt: „Grenzenlose Vielfalt?“, indem er sich mit der Vernachlässigung des Individuums in der (schulischen) Inklusionsdebatte auseinander setzt. Er weist darauf hin, dass es zwar wünschenswert und menschenwürdig sei, Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam zu erziehen und zu bilden: „Die Inklusionsidee wird nicht dadurch entwertet, dass über ihre Bedingungen und Grenzen nachgedacht wird“.

Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz von der Universität Dresden und Leiterin des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI, Heiligkreuz bei Wien, beschließt den Sammelband mit der Frage „Fließende Identität?“, indem sie einen kritischen Blick auf Gender wirft. Sie arbeitet die Unterschiede zwischen „Geschlecht als soziale Zuschreibung und semantische Konstruktion“ heraus und kritisiert die radikal-dekonstruktivistische Gender-Theorie: Mit ihrer Vision – „Die Zweiheit wird von einem göttlichen Ursprung unterfangen“ – verweist sie darauf, „den Leib als Träger der Personalität und intersubjektiv als Träger von Beziehungen (zu) sehen – zur Welt, Mensch, Gott“.

Fazit

„Die pädagogische Mitte?“ – ein an- und aufregender Entwurf für den Bildungsdiskurs. Die von den Autorinnen und Autoren dezidiert, auffordernd bis provozierend ins Feld geführten Alternativen zu den gängigen bis umstrittenen Bildungs- und Erziehungskonzepten sind Diskussionsgrundlagen für Schul- und Bildungspolitik, für Theorie und Praxis der Lehrerbildung, für den pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs, und nicht zuletzt für Erzieherinnen, Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer. Der Versuch des Herausgeber- und Autorenteams, „für ein diskursives Verständnis der pädagogischen Mitte zu werben“, sollte als ein Baustein für ein Gebäude verstanden werden, in dem human, menschenwürdig und gleichberechtigt Menschen wohnen können. In den Auseinandersetzungen mit den Thesen und Vorschlägen für eine „pädagogische Mitte“ wird auffallen, dass die Argumentationen nicht immer stimmig daher kommen; das aber könnte das Salz und der Pfeffer sein, um vorbereitete, ungenießbare, utopische oder ideologische Rezepte zu würzen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.09.2016 zu: Klaus Zierer, Joachim Kahlert, Matthias Burchardt (Hrsg.): Die pädagogische Mitte. Plädoyers für Vernunft und Augenmaß in der Bildung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2101-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21032.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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