socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wolfgang Meseth, Jörg Dinkelaker u.a. (Hrsg.): Empirie des Pädagogischen und Empirie der Erziehungs­wissenschaft

Cover Wolfgang Meseth, Jörg Dinkelaker, Sascha Neumann, Kerstin Rabenstein, Olaf Dörner (Hrsg.): Empirie des Pädagogischen und Empirie der Erziehungswissenschaft. Beobachtungen erziehungswissenschaftlicher Forschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 282 Seiten. ISBN 978-3-7815-2105-6. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Weitere Herausgeberinnen: Merle Hummrich, Katharina Kunze.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Fokus des Bands ist die Betrachtung erziehungswissenschaftlicher Forschung hinsichtlich ihrer theoretischen Fundierung sowie der Nutzung und Bildung epistemologischer Grundlagen.

Entstehungshintergrund

Bei dem Herausgeberband handelt es sich um einen Tagungsband anlässlich der Tagung mit dem Titel „Von der ‚Erziehungswirklichkeit‘ zur Empirie des Pädagogischen“, welche im September 2014 an der Universität Göttingen stattfand.

Aufbau

Der Herausgeberband ist in fünf Teilabschnitte gegliedert.

  1. Den ersten Teil bildet die Einleitung.
  2. Der zweite Teil befasst sich mit historischen, international-vergleichenden und systematischen Perspektiven, während
  3. der dritte Teil die Empirie des Pädagogischen und
  4. der vierte Teil die Empirie der Erziehungswissenschaft in den Blick nimmt.
  5. Der fünfte und letzte Teil strebt erkenntnistheoretische Überlegungen zum Verhältnis von theoretischer Gegenstandsbestimmung und empirischer Erkenntnisgenerierung an.

Inhalt

In der Einleitung (Teil 1) wird durch die vier Herausgeber ein Spannungsfeld zwischen traditionellen Kontroversen und reflexiver Empirisierung eröffnet. Im Mittelpunkt stehen zu Beginn Fragen der Empirie in der Erziehungswissenschaft, ihr Stellenwert und die damit einhergehenden Herausforderungen.

Der 2. Teil zu den historischen, international-vergleichenden und systematischen Perspektiven umfasst drei Beiträge. Tenorth befasst sich mit der Erziehungswissenschaft als Prozess der Formierung und Segmentierung des Erziehungswissens und der Praxis der Disziplinbildung. Hierzu wird auf die Genese der Erziehungswissenschaft eingegangen indem ein Blick auf die Kommunikation über und von Erziehung und der dazugehörigen Wissenschaft – insbesondere auch im universitären Kontext – geworfen wird. In seinem Resümee sieht Tenorth die Erziehungswissenschaft auch heute noch als eine nicht klar umrissene Disziplin, mit der Zuschreibung einer nicht eindeutigen Methodenkompetenz und ohne deutliche Abgrenzung zum Professionswissen. Auch Amos rückt die Frage nach dem Wissenschaftsverständnis in den Fokus – hinsichtlich der Empirischen Bildungsforschung und Formen eines evidenzbasierten Bildungsforschungsverständnisses – und fragt nach dem Ursprung der Dominanz eines evidenzbasierten Empirieverständnisses. Heid hinterfragt in seinem Beitrag ebenfalls das Verhältnis von geisteswissenschaftlichen Kompetenzen und empirischen Forschungsaktivitäten, wobei er sich mit der Differenzierung zwischen Bildung und Kompetenzen und deren Messung auseinandersetzt. Problematisiert werden hierbei die Kritiken an der empirischen Forschung im Rahmen der Bildungswissenschaft. In seinem Resümee stellt er die Frage, was Bildung ist und weist auf die Subjektivität eines jeden begründeten Bildungsverständnisses hin.

In Teil 3 verorten sich sieben Beiträge zu der Frage der Empirie in der Pädagogik. Lambrecht fokussiert die bildungspolitische Steuerung als soziale Praxis, wobei die analytisch-empirische Rekonstruktion von pädagogischen Praktiken im Mittelpunkt steht. Die Analyse erfolgt anhand von Interviewstudien aus Schulinspektionen. Als Ergebnis analysiert Lambrecht normative Fragestellungen, die eine Lenkung von Einordnungen implizieren. Jergus nimmt das Verhältnis zwischen Bildungsinstitution und der Elternschaft in den Blick, während Dinkelaker sich mit Aufmerksamkeit in pädagogischen Situationen auseinandersetzt. Beide Texte analysieren Verhalten und Reaktionen in Bildungskontexten. Rucker hingegen betrachtet die Dynamisierung der Bildung im Rahmen transformatorischer Bildungsprozesse der Biografieforschung und lenkt auf die damit einhergehenden Problemstellungen. Pollmanns hinterfragt die pädagogische Rekonstruktion von Unterricht, indem sie unterschiedliche Auslegungen einer Unterrichtssequenz -sowohl aus Expertensicht wie aus Schülersicht – gegenüber stellt. Pazzini & Zahn gehen in Ihrem Beitrag der Frage nach, wie Lehre der Empirie zugänglich gemacht werden kann und stellen dabei das Medium Film in den Mittelpunkt. Ein weiteres pädagogisches Feld eröffnen Koch & Schulz durch die Schwerpunktlegung auf die Beobachtung im frühpädagogischen Arbeitsfeld.

Der 4.Teil des Buches befasst sich mit der Empirie der Erziehungswissenschaft und umfasst fünf Beiträge. Im ersten Beitrag setzt Papenkorn sich mit der Wissenschaftstheorie von Otto Willmanns auseinander und vertritt die These, dass dieser programmatisch zu einem der ersten empirisch orientierten Erziehungswissenschaftlern zu zählen ist. Bohlmann hingegen postuliert einen Wechsel zu einer semantischen Wissenschaftstheorie im Feld der Erziehungswissenschaft, die durch die neu hinzugekommenen Aspekte der Bildungsforschung und der Erziehungswissenschaft begründet wird. Bormann & Truschkat betrachten erziehungswissenschaftliche Diskursstudien und die darin verorteten Themen und Fragestellungen, während Hollstein & Meseth sich mit soziologischen Methoden und Gegenstandsbezügen in der Erziehungswissenschaft befassen, wobei bei ihnen die Objektive Hermeneutik im Mittelpunkt steht. Stošić dagegen analysiert die Verwendung wissenschaftlichen Wissens in den Medien sowie die Nachvollziehbarkeit der Quellen am Beispiel des Themas Bildungsungleichheit.

Im 5. und letzten Teil des Buches werden erkenntnistheoretische Überlegungen zum Verhältnis von theoretischer Gegenstandsbestimmung und empirischer Erkenntnisgenerierung anhand von 5 Beiträgen vorgenommen. Vogel beginnt diesen Teil mit einem Beitrag zu der Frage: „Wie pädagogisch muss, kann, darf erziehungswissenschaftlich-empirische Forschung sein?“ Diskutiert wird darin das Spannungsverhältnis der erziehungswissenschaftlichen Empirie zu den Annahmen einer Forschung die gleichermaßen das Pädagogische als solches umfassen soll. Auch Kraft stellt die Frage nach dem Pädagogischen in Form eines verschriftlichen Kommentars der zum Abschluss der Tagung, aus der dieser Band erschienen ist, vorgetragen wurde und bezieht sich dabei auf die Gemeinsamkeit unterschiedlicher Tagungsbeiträge bezüglich einer Einordnung des Begriffs Pädagogik. Balzer & Su gehen anhand von Aufsätzen, die in Verbindung zu dem Netzwerk Methodologie einer Empirie pädagogischer Ordnungen stehen, mittels einer exemplarischen Analyse der Frage einer Verschränkung erziehungswissenschaftlicher Theoriebildung und erziehungswissenschaftlicher Empirie nach. Engel hingegen strebt mittels einer hermeneutischen Betrachtung des Pädagogischen eine Form der Übersetzung, wie sie sich in den Sprach- und Kulturwissenschaften findet, an. Der letzte Beitrag des Buches von Neumann fokussiert die Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Konzepts der Erziehungswirklichkeit und einer Theorie des pädagogischen Feldes und stellt diese Perspektiven gegenüber.

Diskussion

Insgesamt birgt das Buch eine Reihe interessanter Aspekte und Betrachtungsweisen für den Bereich der Empirie in der Erziehungswissenschaft. Begriffe, Einordnungen und Herangehensweisen werden von unterschiedlichen Autoren aus dem jeweils eigenen Blickwinkel beleuchtet, was normalerweise keine Besonderheit in einem Herausgeberband darstellt. In dem hier hergestellten Kontext von Definitionsdefiziten und Begriffsfindungen der Erziehungswissenschaft zu Erziehung, Pädagogik und Empirie ergeben sich dadurch jedoch Irritationen beim Leser, der durch die Lektüre gezwungen wird, Sichtweisen neu zu überdenken – unabhängig von einer Zustimmung zu den einzelnen Blickwinkeln – so dass eine Lektüre durchaus empfohlen werden kann und zum Diskurs anregt.

Das Buch richtet sich in seiner Form an Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler. Es werden unterschiedliche Betrachtungsweisen im Rahmen der Empirie des Pädagogischen und der Erziehungswissenschaft in den Blick genommen, wobei das Maß der Passgenauigkeit der Texte zu dem vom Buchtitel zu erwarteten Inhalten variiert. Gleiches gilt für die Zuordnung in die fünf Teilbereiche. Das Buch beantwortet keine Fragen, sondern stellt vielmehr einzelne Positionen innerhalb des Feldes dar. Dies macht es einerseits reizvoll sich mit den verschiedenen Herangehensweisen auseinander zu setzten, andererseits wäre ein abrundender Abschluss, der zwar sicher nicht aufzulösen vermag, aber Struktur in die unterschiedlichen Argumentationen bringt, durchaus wünschenswert.

Fazit

Der Herausgeberband mit dem Titel „Empirie des Pädagogischen und Empirie der Erziehungswissenschaft“ vereint unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen an erziehungswissenschaftliche Themenfelder und Begrifflichkeiten wie Pädagogik, Erziehung und Empirie in der Erziehungswissenschaft. In insgesamt 21 Beiträgen werden diese Bereiche zum Teil historisch, zum Teil empirisch und theoretische bearbeitet.

Das Buch richtet sich an Fachwissenschaftler und Fachwissenschaftlerinnen und eröffnet zahlreiche Diskurse über die Hintergründe und das Selbstverständnis der Erziehungswissenschaft und der Pädagogik, deren Verständnis jeweils anders konnotiert wird. In der Einleitung wird ein Spannungsverhältnis zwischen traditionellen Kontroversen und reflexiver Empirisierung eröffnet, welches durch das gesamte Werk hindurch bestehen bleibt. Auf diesem Wege werden die zu Beginn des Bandes stehenden Fragen zu der Empirie in der Erziehungswissenschaft, ihrem Stellenwert und den damit einhergehenden Herausforderungen immer wieder anders beantwortet beziehungsweise hinterfragt, wodurch eine neue Diskursebene zu einer nicht neuen Fragestellung eröffnet wird – und die das Buch in seiner Gesamtheit als bereichernd und lesenswert auszeichnet.


Rezensentin
Dr. Sabrina Schude
Erziehungswissenschaftlerin, hat im Bereich der empirischen Bildungsforschung promoviert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Lehrerbildung der Universität Kassel
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Sabrina Schude anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sabrina Schude. Rezension vom 04.08.2017 zu: Wolfgang Meseth, Jörg Dinkelaker, Sascha Neumann, Kerstin Rabenstein, Olaf Dörner (Hrsg.): Empirie des Pädagogischen und Empirie der Erziehungswissenschaft. Beobachtungen erziehungswissenschaftlicher Forschung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2105-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21033.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Assistenz (w/m/d) für Kindergartenverwaltung, Heilbronn und Erlenbach

Referent (w/m/d) Service Learning, Augsburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung