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Katharina Anna Vogel: Konstruktionen und Rezeptionen erziehungs­wissenschaftlichen Wissens

Cover Katharina Anna Vogel: Konstruktionen und Rezeptionen erziehungswissenschaftlichen Wissens. Bibliometrische und systematische Analysen am Beispiel des Diskurses ´Bildungsgerechtigkeit´. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 142 Seiten. ISBN 978-3-7815-2104-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Was ist das „Eigene“ der Erziehungswissenschaft?

Ist die Wissenschaft, die Wissen schafft, ein mehrstöckiges Gebäude, unterteilt in (einigermaßen) klar und deutlich definierte Bereiche, oder ein Gebäudekomplex mit eher fließenden Übergängen zu den einzelnen Teilbereichen? (Mike S. Schäfer / Silje Kristiansen / Heinz Bonfadelli, Hrsg., Wissenschaftskommunikation im Wandel, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19263.php). Diese theoriebestimmte und -lastige Frage wird insbesondere dann relevant, wenn in den einzelnen wissenschaftlichen Fächern die Aufgaben der Wissensschaffung, der -vermittlung und -forschung immer weniger „fachrelevant“ und immer mehr interdisziplinär bewältigt werden. Diese Einschätzung trifft auf alle Wissenschaftsfächer zu. In besonderem Maße aber sind davon die geisteswissenschaftlichen Fächer betroffen. Die Rede ist hier von der Erziehungs- und Bildungswissenschaft. Es sind die vieldiskutierten, verfestigten wie fragmentarischen Deutungen des Theorie-Praxis-Paradigmas, das besonders in der Erziehungswissenschaft Bedeutung hat und gewissermaßen zu unterschiedlichen Diskursen bei den Denkstilen, zur „Lager“- und Ideologiebildung führt.

Entstehungshintergrund und Autorin

Was Erziehungswissenschaft ist, wie sie individuell und gesellschaftlich wirken soll und als bildungswissenschaftliche Theorie und Praxis darstellt, wird am ehesten dadurch deutlich, wenn bestimmte Begriffe und Leitformen des erziehungswissenschaftlichen Denkens und Handelns auf den intellektuellen, analytischen Prüfstand gestellt werden. Der Begriff „Bildungsgerechtigkeit“ ist so einer. Er lässt sich als grundsätzliche, anthropologische Variante diskutieren (Steffen Mau / Nadine Schöneck, Hrsg., (Un-)Gerechte (Un-)Gleichheiten, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18416.php) und ist ebenso wichtig bei den konkreten, individuellen, gesellschaftlichen und institutionellen Wirklichkeiten (Eiko Jürgens / Susanne Miller, Hrsg., Ungleichheit in der Gesellschaft und Ungleichheit in der Schule. Eine interdisziplinäre Sicht auf Inklusions- und Exklusionsprozesse, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14423.php). Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht. Es ist somit grundlegend, auch und besonders beim erziehungswissenschaftlichen Diskurs (Ingo Kramer, Herausforderung Bildungsgerechtigkeit. Zum fairen Umgang mit dem Leistungsprinzip, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11185.php).

Die erziehungswissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Dortmund, Katharina Vogel, hat 2014 zum Thema „Diffuses Wissen, anomische Kommunikation. Bibliometrische und systematische Analysen kommunikativer Wissenskonstruktionen in der Erziehungswissenschaft am Beispiel des Diskurses ‚Bildungsgerechtigkeit‘“ promoviert. Mit dem Titel „Konstruktionen und Rezeptionen erziehungswissenschaftlichen Wissens“ legt sie nun die zusammengefassten Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit vor. Im Rückgriff auf die von Ludwik Fleck (1935) entwickelten Wissens- und Problemkonstruktionen wissenschaftlichen Denkens als „Denkstile“ und „Denkkollektive“ setzt sich die Autorin mit zwei Problemaspekten in den Erziehungswissenschaften auseinander. Zum einen inhaltlich mit der „Frage nach der Existenz und Gestalt erziehungswissenschaftlicher Denkstile und Denkkollektive und (damit) … nach der Konstitution erziehungswissenschaftlicher Diskurse und der Konstruktion erziehungswissenschaftlichen Wissens“; und zum anderen, methodologisch und methodisch, „nach den Möglichkeiten und Grenzen bibliometrischer Methoden zur Beschreibung und Rekonstruktion kommunikativer Wissensproduktion in der Erziehungswissenschaft“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Forschungsarbeit in vier Kapitel und schließt sie mit einer zusammenfassenden Diskussion der Ergebnisse und einem Fazit ab.

  1. Im ersten Kapitel stellt sie die „Diskursanalyse als Instrument zur Analyse innerdisziplinärer Denkkollektive“ vor;
  2. im zweiten diskutiert sie den Begriff „Bildungsgerechtigkeit im diskursiven Feld von Gerechtigkeitssemantiken“;
  3. im dritten thematisiert sie die „Referenzanalyse als Methode zur Aufdeckung von Denkstilen und Denkkollektiven“;
  4. und im vierten Kapitel wird der „Diskurs ‚Bildungsgerechtigkeit‘ im Spiegel seiner Referenzen“ geführt.

Im Anhang wird neben dem ausführlichen Literatur-, Tabellen- und Abbildungsverzeichnis ein so genannter „Textcorpus“ angeboten, als annotierte Notizen über Literaturfundstellen in Zeitschriften, Monografien und Sammelbänden; ein interessanter und weiterführender Quellenverweis.

Schauen wir uns die Auseinandersetzungen um Erziehungsstile an, wie sie etwa im Zusammenhang mit den Buebschen Forderungen nach „Disziplin“ geführt wurden (Bueb versus Spitzer, Brumlik u.a.), wie sich der demokratische und antidemokratische Diskurs als Denk- und Verhaltensweise vollzieht (Innerarity / Schiele / Minogue), wie über“ Anpassung und Widerstand“ verhandelt (Willis) und wie „Partizipation“ erziehungswissenschaftlich thematisiert wird (Widmaier u.a.), zeigt sich, dass es für eine objektive, humane Betrachtung wissenssoziologische und nicht ideologische Analysen bedarf. Die in der sozialwissenschaftlichen Diskursforschung eingeführte wissenssoziologische Diskursanalyse bietet die Möglichkeit, diskursethische Theoriebildungen und praxisorientierte Positionen aufzuzeigen, dem ein (einverständliche und anerkannte) fachspezifischer, erziehungswissenschaftlicher Konsens zugrunde liegt.

Der Blick auf den bildungs- und erziehungswissenschaftlichen, kontroversen Diskurs um „Bildungsgerechtigkeit“ erfordert erst einmal die Identifizierung von Pro- und Contra-Fragen, wie sie im erziehungswissenschaftlichen Denken und Handeln vorkommen, um Kriterien entwickeln zu können, wie diese als Gerechtigkeitssemantiken erkannt, bearbeitet und als Denkstile und Denkkollektive verstanden werden können. Die bibliometrische Forschung ist „dazu geeignet, die Rekonstruktion spezifischer Denkstile und Denkkollektive innerhalb der Erziehungswissenschaft im Rahmen einer wissenssoziologischen Diskursanalyse zu ermöglichen“. Die nach den jeweiligen Entstehungshintergründen analysierten und als zielgerichtete Aussagen interpretierten, ausgewählten Zitate aus erziehungswissenschaftlichen Arbeiten werden in der zeitlichen, ethisch-moralischen und semantischen Bedeutung als „Erkennungs“-Raster visualisiert und in den kontroversen Diskurs eingeordnet. Bei aller vorsichtigen Bewertung und Positionierung wird aus den Rastern erkennbar, „dass die in diesem Rahmen vorgestellten Methoden prinzipiell dazu geeignet wären, die Diskurs- und Wissenskonstruktion innerhalb der Erziehungswissenschaft zu beschreiben“.

Fazit

Die Absicht der Autorin, „Bildungsgerechtigkeit nach ‚Pisa‘“ im erziehungswissenschaftlichen Diskurs zu erkunden und nach Theorien, Konzepten und Methoden zu suchen, wie die heterogenen und kontroversen Positionen in ausgewählten, veröffentlichen Schriften erkannt und interpretiert werden können, zeigt die Grenzen des innerdisziplinären bildungswissenschaftlichen Selbstverständnisses auf. Die in den Analysen benutzten bibliometrischen und hermeneutischen Methoden schreien geradezu danach, die Begrenztheiten der „little world“ Erziehungswissenschaft zu erkennen und inner-, vor allem aber interdisziplinär den Blick über den eigenen Gartenzaun zu wagen; letzteres Unterfangen allerdings wird von der Autorin nicht thematisiert und verweist auf weitere, notwendige Forschungsarbeiten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.12.2016 zu: Katharina Anna Vogel: Konstruktionen und Rezeptionen erziehungswissenschaftlichen Wissens. Bibliometrische und systematische Analysen am Beispiel des Diskurses ´Bildungsgerechtigkeit´. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2104-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21034.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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