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Roswitha Staege (Hrsg.): Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit

Cover Roswitha Staege (Hrsg.): Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 230 Seiten. ISBN 978-3-7799-3377-9. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Unter dem Titel „Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit“ versammelt die Herausgeberin Roswitha Staege Beiträge aus den Bereichen Spiel, Bild, Sprache und Musik. Es soll den grundlegenden Fragen nachgegangen werden, was Kinder tun, wenn sie ästhetisch tätig sind, welche Erfahrungen sie dabei machen und welche Bedeutung diesen Prozessen im Bildungskontext zukommt. Der Band versteht sich einerseits als Einführung in das Thema, verspricht aber auch Einblicke in aktuelle Forschungsansätze sowie eine theoretische und empirische Differenzierung der aktuellen Diskussion.

Aufbau

Nach einer knappen Einleitung wird unter der Überschrift Grundlagen von Frithjof Grell und Ulf Sauerbrey aus historisch-systematischer Perspektive die ästhetische Elementarbildung bei Friedrich Fröbel rekonstruiert. Anschließend entwickelt Roswitha Staege ausgehend von allgemeinen Überlegungen zum aktuellen bildungstheoretischen Diskurs vor allem bezugnehmend auf Kants Kritik der Urteilskraft den Begriff der ästhetischen Erfahrung für die Phase der frühen Kindheit.

In den folgenden vier Abschnitten werden – nach einem kurzen einführenden Text der Herausgeberin – von verschiedenen Autorinnen und Autoren unter den Überschriften

  1. Spiel,
  2. Bilder,
  3. Sprache und
  4. Musik

unter verschiedenen Gesichtspunkten Untersuchungen zu und Beispiele von ästhetischen Tätigkeiten in der frühen Kindheit vorgestellt. Dabei werden sowohl von Kindern selbst initiierte Spiel- und Gestaltungsprozesse berücksichtigt als auch angeleitete Aktivitäten. Staege bezeichnet diese als „Formen erzieherischer Vermittlung“ (S. 9). Empirische Forschungsarbeiten aus Kindertagesstätten nehmen bei den vorgestellten Beispielen einen großen Raum ein, um der aus Sicht der Herausgeberin heute wachsenden Bedeutung der institutionellen Bildung Rechnung zu tragen und in diesem Bereich eine Forschungslücke zu schließen. (vgl. S. 9)

Einleitung und Grundlagen

In ihrer Einleitung verweist Roswitha Staege auf zwei Seiten auf das weite Bedeutungsfeld des Begriffs „ästhetisch“ und dessen Verständnis in der pädagogischen Diskussion, v.a. im Blick auf die Zielgruppe der frühen Kindheit. Das Erkenntnisinteresse des vorliegenden Bandes grenzt sie auf drei Fragestellungen ein: Was tun Kinder, wenn sie ästhetisch tätig sind, welche Erfahrungen machen sie dabei und welche Bedeutung kommt diesen Prozessen im Bildungskontext zu? Die Beiträge des Bandes sollen einen Beitrag zu einer theoretisch und empirisch differenzierten Auseinandersetzung in dem weiten Themenfeld leisten.

Frithjof Grell und Ulf Sauerbrey rekonstruieren unter der Überschrift „Das ABC der Kunst. Ästhetische Elementarbildung bei Friedrich Fröbel“ basierend auf einem Brieffragment und verschiedenen Passagen seiner pädagogischen Schriften aus historisch-systematischer Perspektive Fröbels Vorstellung einer ästhetischen Bildung von Kindern. Seine Idee des Menschen als „schaffendes Wesen“ (vgl. S. 18) sieht Fröbel vor allem in der Lust des Kindes am Zeichnen, Nachbilden und Zeigen aber auch in grundlegenden kindlichen Verhaltensweisen, wie z. Bsp. der gerade heute populären Vorstellung des forschenden Kindes, des Spiels sowie des Arbeitens und Arrangierens von Räumen – im Sinne pädagogischen Handelns. In diesen Bestrebungen sollen die Kinder seitens der Erzieherinnen und Erzieher (S. 36) unterstützt werden. In diesem Beitrag wird eine sehr weit gefasste Vorstellung ästhetischer Elementarbildung im 19. Jahrhundert gezeichnet.

Roswitha Staege widmet sich unter der Überschrift „Intersubjektivität und ästhetische Erfahrung. Eine theoretische Annäherung an ästhetische Bildung in der frühen Kindheit“ zunächst aktuellen bildungstheoretischen Perspektiven, wobei hier vor allem auf Beispiele aus dem Bereich des Musikalischen Bezug genommen wird (z. Bsp. Mollenhauer oder Dietrich). Mit der Einengung der Überlegungen auf den Bereich der „ästhetische[n] Erfahrungen“ nimmt die Autorin vor allem Bezug auf Kant. Im Blick auf ästhetische Erfahrungen in der frühen Kindheit rückt sie das Selbstverhältnis und das Weltverhältnis des Kindes besonders in den Mittelpunkt. Denn als kennzeichnend für das kindliche Tun beschreibt Staege weniger den Modus der Kontemplation, als das Teilen seiner Erfahrungen mit anderen. Diese These untermauert sie vor allem mit Beispielen aus der Musik und dem Spiel. Staege versteht als konstitutives Moment frühkindlicher Bildung seine Beziehung zu anderen zur Entwicklung eines kindlichen Selbstverständnisses (vgl. S. 54).

Die folgenden vier Abschnitte des Bandes widmen sich den Bereichen Spiel, Bilder, Sprache und Musik.

1. Spiel

Jeder Bereich wird auf zwei bis drei Seiten von der Herausgeberin eingeleitet. Den Bereich Spiel verortet sie z. Bsp. als eine Möglichkeit, um zwischen den ästhetischen Erfahrungen der Kinder und der Erwachsenen eine Brücke zu bauen. (vgl. Staege, S. 60 nach Müller 2004, S. 73) Der einzige Beitrag zu diesem Abschnitt, von Katharina Schneider, untersucht wie Kinder in „Als-ob-Spielen“ ästhetische Erfahrungen machen. Mit Audioaufnahmen und ethnografischen Beobachtungen untersucht die Autorin Spiele von Kindern im Kindergarten. Schneider versteht die kindlichen Als-ob-Spiele als „gemeinsame Aufführung, Darstellung und Erzählung einer Geschichte“ (S. 74) im Sinne einer „Welterzeugung“ nach Nelson Goodman. Auch dieser Beitrag unterstützt die Bedeutung der Intersubjektivität für die ästhetische Erfahrung von Kindern.

2. Bilder

Unter der Überschrift Bilder charakterisiert Staege das bildnerische Tun von Kindern nach Sowa und Bollig als in einen sozialen Produktions- und Rezeptionsprozess eingebunden. Die drei Beiträge zu diesem Abschnitt sollen dies unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchten. Die Kunstpädagogin Bettina Uhlig untersucht anhand von drei Fallstudien Bildkonzepte von Kindern unterschiedlicher Altersgruppen (Kindergarten und Grundschule). Dazu führt sie Bilderbuchgespräche mit Kindern zu einer Bild-Text Sequenz aus dem Buch von Jon Klassen: Dies ist nicht mein Hut. Nach dem Gespräch folgt, im Sinne einer Deutung, eine Zeichenphase. Sie möchte zeigen, wie sich rezeptive, imaginative und produktive Momente in diesem Prozess verweben und fordert Pädagoginnen auf, Kindern entsprechende Angebote zu unterbreiten.

Katharina Nicolai versteht den Maltisch im Kindergarten als „peerkulturelle Identitätsbaustelle“, dessen identitätsbildendes Potential sie mit dokumentarischen Rekonstruktionen von Videoanalysen nachzeichnet. (vgl. S. 99) Sie sieht die drei Kernbereiche des Ästhetischen gegeben, nämlich Produktion, Rezeption und Kommunikation und fordert die Pädagoginnen zu einer (temporär) zurückhaltenden Rolle auf.

Kinderzeichnungen als ästhetische Verarbeitung von Fernseherlebnissen untersucht Robert Neuß in seinem Beitrag. Neuß lässt Kinder zu und über ihre Fernseherlebnisse zeichnen und spricht anhand der Zeichnungen mit den Kindern über ihre Erlebnisse und die zeichnerische Umsetzung. Die Kinder zeichnen z. Bsp. zu der Frage: Was mir beim Fernsehen Angst gemacht hat? Oder: Was mir Spaß macht? Oder: Was ich am liebsten mag? Durch die Zeichnung werden für den Autor die Sichtweisen des Kindes auf bestimmte Szenen, Figuren oder Handlungen deutlich. Mit einer ästhetisch orientierten Medienerziehung in Kitas soll in diesem Sinn eine media literacy der Kinder gefördert werden.

3. Sprache

Der Abschnitt Sprache widmet sich mit Beiträgen von Anja Wildemann, Christiane Hochstadt und Gundel Mattenklott vor allem der literarischen Sprache im Kontext der ästhetischen Erfahrung.

Wildemann plädiert dafür, der Lyrik Raum zu geben (vgl. S. 159), sei es in der frühkindlichen Sprachentwicklung, in der Eltern-Kind-Interaktion, im Spiel oder im Anfangsunterricht.

Hochstadt versteht Rezeptionsprozesse in Vorlesesituationen als performative und interpersonelle ästhetische Prozesse, die sie rekurrierend auf Seels Begriff der „aktiven Passivität“ und das Mimesis Konzept nach Gebauer und Wulf untersucht.

Mattenklott widmet sich rekurrierend auf Goethe und Moritz frühen Kindheitserinnerungen verschiedener Autoren, wie Adalbert Stifter (1805-1886), Jean Paul (1763-1825) u.a. Diese Texte sind für Mattenklott wichtige Dokumente für die Kindheits- und Biografieforschung. Auch wenn sie keine validen Daten bieten, liefern sie subjektive Perspektiven früher sinnlicher Wahrnehmungen, Einsichten in Beobachtungs- und Denkprozesse sowie Selbst- und Welterkenntnis. (vgl. S. 218)

Kathrin Borg-Tiburcy widmet sich dem kollektiven Sprachgestaltungsprozess gleichaltriger Kinder beim Hantieren mit Glasbausteinen an einem Leuchttisch in einer Kindertageseinrichtung. Anhand dieser Freispielsituation zeichnet sie ein Thematisch-Werden sinnlicher Eindrücke nach.

4. Musik

Der Bereich Musik wird in der Einführung Staeges als ein zentrales Moment mit besonderer emotionaler und sozial bindender Kraft beschrieben, dem mit der musikalischen Früherziehung in den letzten Jahren Rechnung getragen wurde. Alle Beträge dieses Abschnitts beziehen sich auf diese Phase der frühen Kindheit. Der Begriff des Spiels bildet hier ein weiteres verbindendes Element. Der Beitrag Michel Dartschs „Musiklernen in der frühen Kindheit“ beschäftigt sich mit Lernformen, -bedingungen und -umgebungen früher musikalischer Aktivitäten. Theoretische Grundlagen und die pädagogische Gestaltung ästhetischer Hörerziehung stehen im Mittelpunkt von Constanze Roras Aufsatz „Ästhetische Hörerziehung in der frühen Kindheit“. Und Robert Lang untersucht in einer empirischen Studie das „Musikalische Verhalten im Umgang mit Kinder-Keyboards“ und beendet seinen Beitrag und auch den Sammelband mit konkreten Empfehlungen an mögliche Käufer_innen von Keyboards.

Diskussion und Fazit

Staege hat ein Buch vorgelegt, welches zahlreiche Aspekte Ästhetischer Bildung in der frühen Kindheit durch zwei theoretisch orientierte Aufsätze sowie eine Sammlung von Beiträgen zu den Bereichen Spiel, Bilder, Sprache und Musik zusammenträgt. Diese stammen zum Teil aus größeren, aktuellen Forschungsprojekten und zeigen ein breites Spektrum an methodischen und theoretischen Ansätzen im Forschungsfeld. Vor allem der Gedanke, dass im Bereich der frühen Kindheit soziale Aspekte ästhetischer Bildung eine besondere Relevanz haben, wird in vielen Beiträgen fortgeführt.

Im Sinne einer theoretischen Durchdringung des weiten Feldes der ästhetischen Bildung und einer Fokussierung im Blick auf die Besonderheiten der frühen Kindheit, die in der Einleitung postuliert werden, wären eine klarere Herausarbeitung der Systematik, eine Darstellung des Entstehungszusammenhangs und eine stärkere begriffliche Differenzierung wünschenswert.

So stellen sich bei der Lektüre des Buches einige Fragen: Nach welchen Gesichtspunkten wurden die vier Bereiche Spiel, Bilder, Sprache und Musik ausgewählt, aber z. Bsp. das kindliche Rollenspiel bzw. Theater ausgeschlossen und das in dem Grundlagenaufsatz zu Fröbel als relevant aufgezeigte Arrangieren von Räumen und Dingen (S. 35) nicht weitergeführt? Wenig differenziert und stringent erscheint beispielsweise die Wahl des Eingangszitats aus dem Sächsischen Bildungsplan „Als Kind ist jeder ein Künstler.“ (Sächsisches Staatsministerium für Kultus und Sport 2011, S. 97, zitiert nach Staege 2016, S. 7) mit dem Staege ihre Überlegungen zu einer ästhetischen Bildung in der frühen Kindheit einführt. Damit verweist sie auf das bekannte Beuys Zitat „Jeder Mensch ist ein Künstler“ und bezieht es auf die Zeit der Kindheit. Damit knüpft sie aber auch an jene Metapher vom „Kind als Künstler“ und eine romantisierende Traditionslinie an, die sie in ihrer Einleitung zwar benennt - aber mit ihrer Bezugnahme auf Kants Theorie der Ästhetischen Erfahrung im Sinne einer Auseinandersetzung mit sinnhaften Gegenständen und der Betonung der Bedeutung von interaktiven Verstehensbezügen einer geteilten ästhetischen Erfahrung doch eigentlich zu überwinden sucht?

Insgesamt eine interessante und anregende Zusammenschau vielfältiger Beispiele und Forschungsansätze im Feld der ästhetischen Bildung in der frühen Kindheit.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Sabine Grosser
Fachhochschule Kiel, Professur für Ästhetische Bildung
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Zitiervorschlag
Sabine Grosser. Rezension vom 06.12.2016 zu: Roswitha Staege (Hrsg.): Ästhetische Bildung in der frühen Kindheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3377-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21037.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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