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Hans-Rüdiger Müller, Dominik Krinninger: Familienstile (Studie zur Familienerziehung)

Cover Hans-Rüdiger Müller, Dominik Krinninger: Familienstile. Eine pädagogisch-ethnographische Studie zur Familienerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 130 Seiten. ISBN 978-3-7799-3387-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Buch versteht sich als Beitrag zur raren erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit familialer Pädagogik. Als Hauptgrund für diese weitgehend fehlende Auseinandersetzung mit familialer Pädagogik wird von den Autoren nicht das Vergessen, sondern vielmehr das Vermeiden angeführt. Ein Vermeiden, das in einer einseitigen Betrachtung von Familie als Feld des professionell-pädagogischen Handelns als auch der institutionell-funktionalistischen Interessen gründet. Eine intensive erziehungswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Familienerziehung würde sich allerdings als wichtig erweisen, da sich gegenwärtig die Zuständigkeitsgrenzen von öffentlicher Erziehung mehr und mehr zulasten der privaten Erziehung verschieben, was sich beispielsweise in der Institutionalisierung der frühen Kindheit deutlich zeigt.

Autoren

Prof. Dr. disc. pol. Hans-Rüdiger Müller ist Professor für Allgemeine Pädagogik im Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Theorie und Geschichte der Erziehung und Bildung, Pädagogische Anthropologie und Ästhesiologie, Pädagogische Biografieforschung sowie Pädagogische Familienforschung.

Dr. phil. Dominik Krinninger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften der Universität Osnabrück. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Erziehungswissenschaftliche Familienforschung, Theorien der Erziehung und Bildung sowie Ästhetische Bildung.

Entstehungshintergrund

Das Buch gibt die wichtigsten Ergebnisse des Forschungsprojektes „Familien als kulturelles Erziehungsmilieu. Studien zum Bildungssinn familialer Kulturerfahrungen am Beispiel des Spiels, des Fernsehens und der Familienmahlzeiten“ der Universität Osnabrück wieder, welches von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und in den Jahren 2008 bis 2012 durchgeführt wurde. Zu diesem Forschungsprojekt liegen bereits einige Veröffentlichungen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunktsetzungen vor. Wichtigstes Ziel der Forscher war bei der Realisierung der Studie folgendes Anliegen: „Wir beschreiben die familialen Praktiken in der Sprache pädagogischer Theorie als pädagogische Praktiken und in ihren pädagogischen Potentialen, weil die Familien ein Recht darauf haben, als pädagogische Orte und Gemeinschaften anerkannt zu werden“ (S. 14).

Aufbau

  1. Im ersten Kapitel mit dem Titel Einleitung: Von was und wie die Rede sein wird wird das Projekt im Kontext erziehungswissenschaftlicher Familienforschung verortet und dessen Fragestellungen hergeleitet.
  2. Das zweite Kapitel mit dem Titel Das kulturelle Erziehungsmilieu der Familie klärt die Begrifflichkeiten von Familie, Kultur und Familienkultur, um anschließend Familie in ihrer Ganzheit als soziale, biografische und pädagogische Konfiguration mit einem Binnenmilieu und einer Außenwelt zu fassen.
  3. Im dritten Kapitel mit dem Titel Forschungsansatz und Methoden wird das Forschungsdesign der qualitativen Studie mit genauen Angaben zu Erhebung, Aufbereitung und Auswertung der Daten beschrieben.
  4. Das vierte Kapitel mit dem Titel Familienstil – Erziehungsgestus – Pädagogische Konfiguration widmet sich der Beschreibung der Familie Antonow und der Familie Bergmann, die als Ankerfälle für die Entwicklung zweier Familiencluster festgelegt werden.
  5. Im fünften Kapitel mit dem Titel Feindifferenzierung der Kategorien Familienstil und Erziehungsgestus werden die ergänzenden sechs Familien innerhalb der herausgearbeiteten Familiencluster anhand unterschiedlicher Ausprägungen der Kategorien Familienstil und Erziehungsgestus verortet.
  6. Das sechste Kapitel mit dem Titel Perspektiven einer Theorie der Familienerziehung entwickelt theoretische Perspektiven zu einer erziehungswissenschaftlichen Theorie der Familienerziehung und gibt Impulse zur Auseinandersetzung mit dem komplexen Interdependenzgeflecht familialer Erziehungspraxis.

Inhalt

Die Studie ging der Frage nach, wie familienkulturelle Stile beschrieben werden können, die Familien im Umgang mit den inneren und äußeren Herausforderungen ihres Alltags entwickeln. Darüber hinaus wurde auch der pädagogische Gestus zu fassen versucht, der sich in den familialen Praktiken der Kulturvermittlung und des Umgangs mit der Entwicklungsdifferenz zwischen Eltern und Kindern im Alltag der Familien ausbildet. Um die notwendige Vergleichbarkeit zwischen den untersuchten Familien sicherzustellen und darüber hinaus auch der kontextuellen Verwobenheit familialer Erziehung gerecht zu werden, nahm die Studie insbesondere Mahlzeiten, Spielen und Fernsehen unter die (ethnografische) Lupe.

Zur Erhebung des Datenmaterials wurde eine Kombination von ethnografischem und rekonstruktivem Zugang gewählt. Während die Notwendigkeit für einen rekonstruktiven Zugang mit den Orientierungen der Akteure begründet wird, soll der ethnografische Zugang eine offenere Beobachtung und Beschreibung ermöglichen: „Es geht schließlich darum, das Erziehungsmilieu der Familie als ein von Eltern und Kindern gemeinsam hervorgebrachtes und in den performativen Prozessen des Alltags fortgeschriebenes Geflecht kultureller Bedeutungen zu erfassen und zu rekonstruieren, von dem aus die pädagogische Gestalt der Familie überhaupt erst verstehbar wird“ (S. 36-37). Die Studie zielt also damit darauf ab, den von den verschiedenen Familienmitgliedern in ihrem Handeln produzierten Eigensinn aufzudecken.

Die Stichprobe umfasste acht Familien, die aus einem regionalen Zentrum in Norddeutschland entstammen und mindestens ein Kind der Familie etwa sechs Jahre alt ist. Die Festlegung des Alters eines Referenzkindes sollte sicherstellen, dass in allen Familien vergleichbare Erziehungssituationen beobachtet werden können, unabhängig davon, ob noch weitere ältere oder jüngere Geschwister in der Familie leben. Die an der Studie beteiligten Familien wurden über Flyer gewonnen, die an verschiedenen Institutionen ausgelegt wurden. Die breit angelegte Verteilung der Flyer über verschiedene Stadtviertel und Stadtrandgebiete führte dazu, dass die Varianz im Sample hinsichtlich Sozialmilieus der Familien sowie des Geschlechts der Referenzkinder maximiert werden konnte.

Die Erhebungen erstreckten sich je nach Familie über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten. Während dieser Zeit wurden sowohl anlässlich fünf Besuche mittels Leitfadeninterviews, Fragebogen und Beobachtungen im Sinne einer Fremddokumentation als auch außerhalb der Besuche von den Familien im Sinne einer Selbstdokumentation Daten durch Fotografien und Videoaufnahmen erhoben.

Anhand eines Vergleichs zweier eindeutig kontrastierender Familien wurden zwei Cluster mit jeweils vier Familien gebildet, die sich hinsichtlich Familienstil und Erziehungsgestus ähneln. Der Familie Bergmann als Ankerfall wurden die Familien Fischer, Engler und Grewe zugeordnet, die sich sowohl in ihrem idealistisch-wertbezogenen Familienstil als auch in ihrem intentional-voluntativen Erziehungsgestus ähneln. Der Familie Antonow als Ankerfall wurden die Familien Dreier-Diederich/Damme, Cordes und Hagendorf/Houllier zugeordnet, die sich sowohl in ihrem realistisch-pragmatischen Familienstil als auch in ihrem funktional-subsumptiven Erziehungsstil ähneln.

Diskussion

Zunächst einmal ist der verdienstvolle Versuch besonders hervorzuheben, einen empirischen Beitrag zur Erforschung von Familienerziehung leisten zu wollen. Dieser Versuch kann mit der Realisierung dieser qualitativen Studie zweifellos als gelungen betrachtet werden. Die Ergebnisse der Studie erlauben einen differenzierten Blick auf Familienstile und Erziehungsgestus. Darüber hinaus werden die Ergebnisse der vorliegenden Studie im Fachdiskurs hervorragend verortet.

Vordergründig kritisch muss einzig die vergleichsweise geringe Stichprobengröße hervorgehoben werden. Zwar existieren in der qualitativen Forschung keine klar vorgegebenen Mindestgrößen für Stichprobengrößen, da sich die kritische Größe hier am Kriterium der Sättigung bemisst. Allerdings bleibt in der Studie weitgehend unklar, inwiefern diese Sättigung auf fallspezifischer oder fallübergreifender Ebene erreicht worden ist. Im Text findet sich lediglich auf den Seiten 48-49 die folgende, wenig erhellende Aussage zur erreichten Sättigung: „Die Auswertung der verschiedenen Materialien wurde aufgrund der notwendigen Anpassungen an die unvermeidlichen Besonderheiten des fallspezifisch erhobenen Materials (z. B. Entstehungsbedingungen der Fotografien und der verschiedenen Videoaufzeichnungen) sowie aufgrund der im Fortschreiten des Forschungsprozesses erreichten Sättigung nicht in allen Fällen vollständig deckungsgleich durchgeführt.“

Die Klärung der Frage, inwiefern eine Sättigung erreicht werden konnte, wäre deswegen wichtig gewesen, da sich daraus Ableitungen zum Geltungsbereich der Studie anstellen lassen würden, was die Autoren dann an einer anderen Stelle allerdings auch leisten: „Das Untersuchungssample, das zwar eine gewisse Breite hinsichtlich der Familienform, der Familiengröße, der sozialen Milieuzugehörigkeit und der materiellen Situation der Familien aufwies, aber keinen Anspruch auf Repräsentativität stellen konnte, enthielt keine Familie, die ihre Kinder unter extremen inneren oder äußeren Belastungen erziehen musste. Familien in anhaltenden Armutslagen, in akzidentellen Notlagen oder schweren Krisen konnten ebenso wenig berücksichtigt werden, wie Familien, deren Eltern unter starken psychosozialen Belastungen litten oder mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert waren.“ (S. 140). Diese Fokussierung auf unbelastete Familien mag auf den ersten Blick Bedauern auslösen, da auch diese Familien ein Recht darauf haben, als pädagogische Orte und Gemeinschaften anerkannt zu werden. Auf den zweiten Blick erscheint aber diese Fokussierung sinnvoll, da es ja das explizite Ziel der Studie war, Familien fernab des professionell-pädagogischen Handelns als auch der institutionell-funktionalistischen Interessen zu beforschen. Eine Erweiterung der Stichprobe um belastete Familien wäre diesem Anliegen vermutlich in die Quere gekommen, da bei belasteten Familien in der Regel auch bereits verschiedene Erziehungshilfen in Anspruch genommen wurden und werden.

Fazit

Die Studie „Familienstile. Eine pädagogisch-ethnographische Studie zur Familienerziehung“ leistet einen wichtigen Beitrag zur raren erziehungswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit familialer Pädagogik. Die detaillierten und anschaulichen Beschreibungen erlauben es der Leserschaft, das Vorgehen bestens nachvollziehen zu können. Die interessanten Ergebnisse zu Familienstilen und Erziehungsgestus ermöglichen einen differenzierten Blick auf Familie. Zudem werden die Ergebnisse der vorliegenden Studie im Fachdiskurs hervorragend verortet.


Rezensent
Prof. Dr. Marius Metzger
Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Marius Metzger. Rezension vom 11.01.2017 zu: Hans-Rüdiger Müller, Dominik Krinninger: Familienstile. Eine pädagogisch-ethnographische Studie zur Familienerziehung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3387-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21038.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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