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Barbara Bojack, Tanja Heitmeier: Sexuelle Gewalt

Cover Barbara Bojack, Tanja Heitmeier: Sexuelle Gewalt. Internationale Studien, Folgen und Versorgung, Erfahrungsberichte. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2016. 184 Seiten. ISBN 978-3-934247-83-3. 18,90 EUR.
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Thema

Sexuelle Gewalt ist global, facettenreich und allgegenwärtig. Eine breite Auseinandersetzung, die diesem Facettenreichtum gerecht wird, findet gesellschaftlich, aber auch wissenschaftlich bisher kaum statt. Bestimmte Arten sexueller Gewalt und die Traumatisierungen gewisser Bevölkerungsgruppen stehen kaum im Fokus. Die Herausgeberinnen des Sammelbandes möchten ausgewählte Studien über sexuelle Gewalt vorstellen, die Folgen und Versorgungen sexueller Gewalt in den Mittelpunkt rücken und Erfahrungsberichte zu Wort kommen lassen.

Herausgeberinnen

Barbara Bojack ist Fachärztin für Urologie und war viele Jahre in Kliniken, im öffentlichen Gesundheitswesen und im Strafvollzug tätig. Zudem arbeitet sie als Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin. Sie ist Honorarprofessorin an der Universidad de Buenos Aires und seit 2015 in der Soziologie habilitiert.

Tanja Heitmeier promoviert nach ihrem Studium der Veterinärmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und nach einiger Zeit als praktische Tierärztin in der Kleintierklinik Gießen zum Dr. med. vet. am Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Entstehungshintergrund

Bojack und Heitmeier verfolgen mit der Herausgabe des Sammelbandes ein normatives Interesse. Sie wollen „für das Vorkommen von sexueller Gewalt […] sensibilisieren“ (8) und plädieren dafür, dass sexuelle Gewalt „aus der Tabuzone des Schweigens“ (181) herausgebracht wird.

Aufbau

Der Sammelband untergliedert sich in drei Teilbereiche.

  1. Zunächst werden im ersten Teil Studien vorgestellt, die bestimmte Bevölkerungsgruppen auf sexuelle Gewalt hin untersuchen. Im ersten Beitrag werden Studentinnen in den Blick genommen, der zweite (englischsprachige) Beitrag beschäftigt sich mit Gewalt in Partnerschaften und der dritte und vierte Beitrag fokussiert jeweils sexuelle Gewalt gegen Flüchtlinge und Migrantinnen in Österreich.
  2. Der zweite Teil behandelt die Folgen sexueller Gewalt und deren Versorgung. Der erste Beitrag befasst sich mit Traumatisierungen, der zweite Beitrag nimmt eine überaktive Blase und Harninkontinenz als Folge sexueller Gewalt in den Blick, der dritte Beitrag beschreibt die Situation der Akutversorgung nach Sexualdelikten und der vierte Beitrag betrachtet rechtsmedizinische Aspekte sexualisierter und nicht-sexualisierter häuslicher Gewalt.
  3. Im dritten Teil stehen Erfahrungsberichte im Mittelpunkt. Zunächst erzählt ein Praxisbericht aus einer Beratungsstelle von sexuellen Übergriffen auf Jungen, dann werden Hausangestellte von Diplomaten als Opfer sexueller Gewalt beleuchtet und schließlich Beispiele zu Traumatisierungen durch öffentliche Stellen gegeben.

Inhalt

Der Beitrag von Renate Klein beschäftigt sich mit sexueller Gewalt gegen Studentinnen. Er hat zum Ziel, „diese Problematik in internationaler und historischer Perspektive anzusprechen, mit Schwerpunkt auf USA und Deutschland, und dabei kritisch auf die Entwicklung von Interventionsansätzen einzugehen“ (11). Sie arbeitet durch die Analyse umfangreichen Datenmaterials heraus, dass sexuelle Gewalt gegen Studentinnen ein weitverbreitetes Phänomen ist. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen dieser sexuellen Gewalt und der andauernden sexuellen Diskriminierung an Hochschulen her. Sie plädiert dafür, dass die Hochschulen für diese Problematik nachdrücklich sensibilisiert werden, um „auf der Ebene institutioneller Strukturen und Prozesse“ (23) geschlechtsspezifische Machtgefälle und Abhängigkeitsbeziehungen zu beseitigen und durch die Gleichstellung der Geschlechter die Anzahl sexueller Übergriffe auf – vor allem – Studentinnen zu minimieren.

Rosemary Ogu und Agwu Uzoma beschäftigen sich mit sexueller Gewalt in Partnerschaften in Nigeria. Sie differenzieren dabei physische Gewalt, sexuelle Gewalt, emotional-psychische Gewalt und den Drang zu stark kontrollierendem und freiheitsberaubendem Verhalten. Im Zusammenhang mit der IPV Studie in Nigeria wird diskutiert, inwiefern ein Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad und der sexuellen Gewalt in Partnerschaften gegen Frauen, die staatliche Unterstützungen bei der antenatalen Führsorge durch das öffentliche Gesundheitswesen in Anspruch nehmen, besteht. Ogu und Uzoma kommen zum Ergebnis, dass die bisherigen staatlichen Maßnahmen durchaus in die richtige Richtung gehen, für einen breiten Schutz von Frauen vor sexueller Gewalt in der Partnerschaft aber (noch) zu kurz greifen.

Elisabeth Petermichl untersucht in ihrem ersten Beitrag sexualisierende Gewalt bei Flüchtlingen in Österreich unter besonderer Berücksichtigung rechtlicher Rahmenbedingungen und aktueller Problemfelder in der Praxis. Im Zentrum stehen Betroffene sexualisierter Gewalt, die in Österreich einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt haben. Nach einer ausführlichen Begriffsdefinition wird das Opfer-Täter-Verhältnis näher betrachtet und nachgezeichnet, wie ausgehend von der konkreten Gewalt Traumatisierungen bei den Betroffenen entstehen. Umfangreiche Darstellungen zur rechtlichen Situation des österreichischen Asylverfahrens münden in der Herausarbeitung konkreter Problemfelder in der Praxis. Herausgestellt wird dabei die besondere Schwierigkeit der Identifizierung von Betroffenen von Gewalt, Problemen bei der rechtlichen Beratung und Vertretung der Betroffenen und im Zusammenhang mit der Glaubhaftmachung und der individuellen Glaubwürdigkeit im Asylverfahren. Petermichl schließt mit konkreten Handlungsempfehlungen an die politischen und administrativen Akteure im österreichischen Asylverfahren.

In ihrem zweiten Beitrag nimmt Elisabeth Petermichl Migrantinnen in Österreich als Betroffene von sexualisierter Gewalt in den Blick. Sie legt statistisch da, wie viele Migrantinnen von Gewalt in Österreich betroffen sind, und bettet den Schutz vor Gewalt in der Familie in den juristischen Rahmen des österreichischen Gewaltschutzgesetzes ein. Ein besonderer Fokus liegt auf der Zwangsheirat. Als aktuelle Problemfelder in der Praxis arbeitet sie die aufenthaltsrechtlichen Implikationen und sozialrechtlichen Absicherungen in Österreich heraus, beleuchtet Schwierigkeiten im sozialen und familiären Umfeld der Migrantinnen mit den damit verbundenen Abhängigkeiten, stellt Zusammenhänge zu Religion, Kultur und Tradition her und weist auf das mangelnde Vertrauen in das österreichische Justizsystem in Verbindung mit erlebtem Rassismus hin. Der Artikel wird abgeschlossen mit konkreten Handlungsempfehlungen an die zentralen Akteure.

Barbara Bojack behandelt in ihrem Beitrag Traumatisierung durch sexuelle Gewalt. Nach einer ausführlichen Begriffsklärung führt sie in die Folgen der Traumatisierung ein. Tabellarisch werden die Arten von Traumatisierungen mit möglichen Verhalten, Symptomen und Erkrankungen in Verbindung gesetzt. Sie macht deutlich, dass „sexuelle Gewalt und ihre Auswirkungen […] hoch mit Scham besetzt [sind]. Dies kann zu Diskriminierungen durch die Gesellschaft und Ausstoß aus dem familiären Gefüge führen“ (104). Mit Beispielen aus der Therapie stellt sie bestimmte Möglichkeiten vor, wie mit Traumatisierungen umgegangen werden kann.

Dass sexuelle Gewalt auch Folgen für die physische Gesundheit der Betroffenen haben kann, macht Ulrike Hohenfellner mit ihrem Beitrag zur überaktiven Blase und Harninkontinenz als Folge sexueller Gewalt deutlich. Als Fachärztin für Urologie gibt sie einen medizinischen Einblick in das physiologische Korrelat psychosozialer Belastungen und die urologische Funktionsdiagnostik. Sie stellt die multimodale Therapie als Möglichkeit vor, „auf Wiederherstellung bzw. Erlernung der Willkürkontrolle über den Beckenboden, Senkung des Sphinkter-Tonus und Anleitung zur koordinierten Miktion abzielen“ zu können (124). Hohenfellner schließt mit dem Fallbeispiel einer 37-jährigen Patientin.

H. Lilly Graß und Angela Wagner zeigen Situationsbeschreibung und Handlungsbedarf im Zusammenhang mit der Akutversorgung nach Sexualdelikten auf. Sie stellen fest, dass vergewaltigte Frauen und Mädchen oft eine geringe Anzeigebereitschaft aufweisen, die zu einer niedrigen Verurteilungsquote der Beschuldigten führt. Dem steht jedoch das Bedürfnis der Betroffenen nach einer medizinischen Versorgung und einer möglichen Spurensicherung entgegen (127). Graß und Wagner führen Best-Practice-Beispiele auf, wie die Versorgung der Betroffenen sichergestellt werden kann. Sie diskutieren dabei auch bestehende Problemlagen und strukturelle wie organisatorische Hürden. Mit konkreten Handlungsempfehlungen schließen sie ihre Darstellung ab.

Rechtsmedizinische Aspekte bei sexualisierter und nicht-sexualisierter Gewalt stellen Reinhard Dettmeyer und Hille Mathes heraus. Sie geben einen Einblick in die rechtsmedizinische körperliche Untersuchung und Dokumentation von Verletzungen und die Verletzungsdokumentation bei Verdacht auf eine Sexualstraftat. Sie unterscheiden dabei in ihrer Darstellung extragenitale Verletzungen bei Sexualstraftaten und die Gewalt gegen Säuglinge, Kleinkinder und Kinder. Ausführlich beleuchtet wird der Vorgang der Spurensicherung. Mit einer rechtlichen Einordnung schließen die Autoren ihren Beitrag ab.

Monika Schindler bringt zwei Beispiele als Praxisbericht aus einer Beratungsstelle bei sexuellen Übergriffen auf Jungen. Sie stellt zunächst die Beratungsstelle vor, um danach sexualisierte Gewalt gegen Jungen theoretisch einzuordnen. Sie stellt fest, dass „aktuelle Ereignisse auf Jungen als Opfer sexualisierter Gewalt [zwar] aufmerksam gemacht [haben], dies […] aber nicht zu einer konsequenten Aufarbeitung der Problematik [führte] und […] in vielen Aspekten nach wie vor ein unerforschter Bereich [ist]“ (159). Zur Anregung einer interdisziplinären Diskussion formuliert sie vier Fragestellungen, um klinische Forschung und soziologische Untersuchungen für eine nähere Beschäftigung mit dem Phänomen zu motivieren.

Behshid Najafi und Hannah Fahtima Farhan beginnen mit einer allgemeinen Einführung in die Frauenmigration, um dann die besondere Situation von Hausangestellten in Deutschland näher zu beleuchten. Im Fokus stehen dann Hausangestellte von Diplomaten in Deutschland und der Fall einer konkret Betroffenen, die als solche sexuelle Gewalt erleiden musste. Die Autoren schließen mit einer Kritik daran, dass internationale Verträge zum Schutz von Wanderarbeitnehmerinnen und Wanderarbeitnehmern und deren Familienangehörigen bisher von keinem EU-Mitgliedstaat unterzeichnet sind und somit gegen sexuelle Gewalt gegen Hausangestellte nicht ausreichend vorgegangen wird.

Abschließend wirft Barbara Bojack noch einen kurzen Blick auf Beispiele zu Traumatisierung durch öffentliche Stellen.

Diskussion

Ziel des Sammelbandes ist es, sexuelle Gewalt in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen sichtbar zu machen und für Maßnahmen und Möglichkeiten gegen diese Formen der Gewalt zu sensibilisieren. Daher mag es zu verzeihen sein, dass eine große Zahl der Beiträge stark normativ mit klaren (politischen) Forderungen zu lesen ist. Vielleicht ist eine Beschäftigung mit der Thematik ohne Emotionalität und Normativität auch nur schwer möglich.

Dafür bieten die verschiedenen Beiträge eine gute Möglichkeit, einen breiten Einblick in den Facettenreichtum sexueller Gewalt zu bekommen. Besonders der Hinweis auf bereits durchgeführte Studien mit einem zum Teil sehr großen Datenumfang laden zu einer weiteren und tiefergehenden interdisziplinären Beschäftigung ein.

Die Beiträge sind in Länge, Umfang und Tiefe sehr unterschiedlich gestaltet. Dies kann wohl auch darauf zurückzuführen sein, dass die Autorinnen und Autoren eine große Bandbreite verschiedener disziplinärer Hintergründe mitbringen. Darin kann auch durchaus eine Stärke des Sammelbandes liegen, weil somit für verschiedene wissenschaftliche Perspektiven Anknüpfungspunkte geschaffen werden, die eine Vertiefung aus der eigenen Disziplin heraus ermöglichen. Durch den Einblick in die Erfahrungen und Darstellungen von Praxisakteuren wird auch die Gelegenheit eröffnet, durch die zahlreich vorhandenen Handlungsempfehlungen konkrete Maßnahmen für die tägliche Arbeit im Zusammenhang mit sexueller Gewalt abzuleiten.

Fazit

Der Sammelband bietet nicht nur einen facettenreichen Einblick in das weite Themenfeld sexueller Gewalt, sondern sensibilisiert auch für eine moralische Auseinandersetzung mit zentralen Akteuren, Strukturen und Mechanismen, die sexuelle Gewalt ermöglichen, fördern oder den Kampf dagegen zum Teil auch behindern. Die Verschiedenartigkeit der Artikel und der damit verbundenen unterschiedlich disziplinären Herangehensweisen bieten für die interessierte Leserschaft jenseits des akademischen Umfeldes einen kompakten Einstieg in die Thematik und für die wissenschaftliche Auseinandersetzung und Vertiefung einige Grundsteine, die für verschiedene Disziplinen als Anknüpfungspunkte in der weiteren akademischen Diskussion genutzt werden können.


Rezensent
Patrick Reitinger
M.A., Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften, Professur für Historische Geographie
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Zitiervorschlag
Patrick Reitinger. Rezension vom 18.11.2016 zu: Barbara Bojack, Tanja Heitmeier: Sexuelle Gewalt. Internationale Studien, Folgen und Versorgung, Erfahrungsberichte. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2016. ISBN 978-3-934247-83-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21044.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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