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Winnie Adukule: Flucht. Was Afrikaner außer Landes treibt

Cover Winnie Adukule: Flucht. Was Afrikaner außer Landes treibt. Das Neue Berlin EUVERGE GmbH (Berlin) 2016. 238 Seiten. ISBN 978-3-360-01309-5. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR.
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Autorin

Winnie Adukule ist Rechtsanwältin in Kampala, der Hauptstadt Ugandas. Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist die Anwaltschaft für straffällig gewordene Kinder und Jugendliche, für die sie sich auch mit ihrem „Freechild-Projekt“ einsetzt. Außerdem hat sie zeitweise vor Ort in Uganda bei Asylverfahren von nach Europa Geflüchteten recherchiert. Sie hat Jura an der heimischen Universität in Kampala und in den USA studiert, hat vier Jahre im Auftrag der UNO an einem Antikorruptionsbericht mitgearbeitet und bei einem mehrmonatigen Aufenthalt in Berlin Eindrücke von Deutschland gesammelt, hat also internationale Erfahrungen.

Thema

Das Buch, in journalistischem Stil geschrieben, gibt einen Einblick in die Lage von nach Uganda Geflüchteten – das Land beherbergt davon rund 1,5 Millionen aus Nachbarländern – und beleuchtet deren Motive für die meist angestrebte Weiterwanderung nach Europa. Aus Uganda selbst streben wenige dorthin. Die Autorin hat ein Settlement für Flüchtlinge in der Provinz besucht, Gespräche mit Vertreter_innen von Hilfsorganisationen, aber vor allem mit Flüchtlingen, auch mit Remigranten geführt, gibt auszugsweise den Gesprächsverlauf wider und kommentiert ihn.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin leitet das Buch ein mit autobiographischen Hinweisen auf die eigene Geschichte als Remigrantin und mit einer skizzenhaften Schilderung der sozialen Lage in Uganda. Schon hier deutet sich ein Zwiespalt an, der leitmotivisch das Buch durchzieht, nämlich zwischen dem Verständnis für das Verlassen des Landes und dem Unmut darüber, dass viele sich so wenig der Verantwortung für die Zukunft des Landes bewusst sind.

Dann erfährt der Leser beim Besuch einer Flüchtlingssiedlung auf dem Land mit 26.000 Siedlern im Gespräch mit dem „Kommandanten“ einiges über die ugandische Flüchtlingspolitik und die Lage der Geflüchteten. Ein an späterer Stelle zu findender Report über die dortige Arbeit des „Finnish Refugee Council“ ergänzt die Eindrücke.

Auf das Gespräch mit dem Chef des Camps und die dortigen Beobachtungen folgen zwei Interviews mit Geflüchteten aus der Demokratischen Republik Kongo und aus Burundi mit teilweise traumatischen Erlebnissen (Mord, Folter und Vergewaltigung). Die Häufigkeit solcher Traumata bestätigen die Mitarbeiterinnen des „Refugee Law Project“, einer Außenstelle der Makerere-Universität mit dem Schwerpunkt auf Rechtsbeistand für Geflüchtete.

Es folgen dann die Protokolle von Gesprächen mit einem Studenten, der aus dem Südsudan geflohen ist, und mit zwei Rückkehrern, der eine aus Europa, der andere aus Kanada und China. Beide verbindet die Einschätzung, dass die meisten Ausreisewilligen großen Illusionen aufsitzen.

Nach zwei kurzen Kapiteln, die auf Gesprächen mit Botschaftsangehörigen (D u. CH) beruhen beschließt Adukule das Buch unter der Überschrift „Was zu tun ist. Ein Programm“ mit politischen Empfehlungen und Forderungen an die Industriestaaten einerseits und an die eigene Regierung und Gesellschaft andererseits.

Diskussion und Fazit

Das Buch besticht durch die Ehrlichkeit der Problemdarstellung. Die Autorin ist weit davon entfernt, den Afrikaner_innen eine Opferrolle zu verpassen, so gewiss sie die weltpolitischen Zusammenhänge wahrnimmt. Das bringt sie zugleich in einen Konflikt und bedingt einen argumentativen Widerspruch, der vor allem am Schluss bei der Frage, was zu tun ist, deutlich wird. Denn obwohl sie überzeugt ist, dass die Afrikaner_innen selbst anpacken sollten und sich für eine Änderung der Verhältnisse engagieren müssen, und entsprechend an sie appelliert, sind die meisten politischen Forderungen doch an die fremden Mächte adressiert. Sehr aufschlussreich ist das Buch für hierzulande in der Flüchtlingsarbeit engagierte, weil es die Augen öffnet für die Vielschichtigkeit der Fluchtmotive. Adukule spricht eine offene Sprache und ist stellenweise schonungslos in ihrem Urteil.

Sozialarbeiter_innen und Flüchtlingshelfer_innen ist die Lektüre wärmstens zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 26.08.2016 zu: Winnie Adukule: Flucht. Was Afrikaner außer Landes treibt. Das Neue Berlin EUVERGE GmbH (Berlin) 2016. ISBN 978-3-360-01309-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21047.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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