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Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession

Cover Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession. Zur Aktualität und kritischen Substanz des Professionskonzeptes für die Soziale Arbeit. In memoriam Wilfried Ferchhoff. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 166 Seiten. ISBN 978-3-7799-2360-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Autoren

  • Bernd Dewe, Jg. 1949, ist Professor für berufliche und betriebliche Erwachsenenbildung am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Der Autor gilt seit den 1970er Jahren als renommierter Professionsforscher Sozialer Arbeit. Ihn beschäftigen bis heute die Wandlungsprozesse moderner Dienstleistungsberufe und ihre Funktion einer stellvertretenden Deutung.
  • Gerd Stüwe, Jg.1950, ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialarbeit und Gesundheit an der University of Applied Science in Frankfurt. Seine Schwerpunktthemen sind Migration, und professionelle Sozialplanung, Jugendforschung, Jugendarbeit und Schulabsentismus, Erlebnispädagogik sowie Gewaltprävention.
  • Wilfried Ferchhoff, Jg. 1946, dem dieses Buch gewidmet ist, war bis 2011 Professor für Didaktik und Methodik der Sozialpädagogik an der EvH in Bochum. Er starb 2015. Ferchhoff prägte Diskussionen um die Professionalität sozialer Berufe. Er wirkte an einigen Textbeiträgen dieses Buches mit. Im Blick auf eine Professionstheorie stellte er die Bedeutung der Reflexivität in der Bewältigung professioneller Aufgaben heraus, und forderte die Berücksichtigung der Handlungsautonomie von Adressatinnen und Adressaten.

Zielsetzung und Thema

Das Buch soll als Grundlagenwerk für Fachkräfte der Sozialen Arbeit einen Überblick über zentrale theoretische und historische Konzepte der Profession und Professionalisierung bieten. Darüber hinaus wird eine Neuorientierung professionellen Handelns im Kontext Sozialer Arbeit skizziert, die die lebensweltliche Perspektive des professionellen Handelns weiterführt (vgl. S. 155).

„Professionstheoretische Grundlagen bilden die Basis theoriefundierter Praxis Sozialer Arbeit und bieten normative Orientierungspunkte für die Ausbildung und das Selbstverständnis des Berufsfeldes“ (S. 9). Dieses Zitat verweist auf die Bedeutung des Themas und mögliche Leserinnen und Leser des Fachbuchs.

Aufbau

Nach der Vorbemerkung, die den Aufbau des Buches erläutert, gliedern die Autoren das Buch in vier Kapitel:

  1. „Soziale Arbeit – eine Profession?“
  2. „Die Dialektik von alltäglicher Lebenswelt und institutionalisierter Wissenschaft als Schlüssel zu einem professionellen Verständnis von Sozialer Arbeit“
  3. „Funktionen und Ambivalenzen von Professionalisierung“
  4. „Das Konzept der professionellen Handlungslogik“

Zu Kapitel I

In Kapitel I, „Soziale Arbeit – Eine Profession?“, setzen sich die Autoren mit der bereits bekannten Frage, ob Soziale Arbeit eine Profession sei, auseinander. Unstrittig sei, dass es sich um eine Profession handelt, strittig bleibe, mit welchen theoretischen Modellen Soziale Arbeit als eine Profession betrachtet wird. Im ersten Kapitel werden die Begriffe Professionalität, Profession und Beruf definiert. Professionalität wird als eine wissenschaftlich basierte und gekonnte Berufstätigkeit ausgewiesen, die im wohlfahrtsstaatlichen Kontext eine effektive und alternativlose Problemlösung bietet (vgl. S. 11). Mit dem Begriff Profession werden Berufe bezeichnet, die sich mit lebensweltlichen Problemen, Krisensituationen und deren Lösungen beschäftigen. Als klassische Professionen gelten der Arztberuf, Juristen und Theologen. Durch ihre soziale Dienstleistung haben sie eine gesellschaftliche Zuständigkeit beansprucht und auch erlangt. Die Autoren erwähnen auch das Folgeproblem der Professionalisierung, dass nämlich lebensweltliche Ressourcen zur Problemlösung mithilfe sozialer Dienstleistungsberufe gelöst werden (vgl. S. 12).

Die sogenannte Professionalisierung entwickelte sich in Deutschland als eine wohlfahrtsstaatlich abgesicherte Intervention. Darüber hinaus ist die Professionalisierung durch ein staatliches Ausbildungswesen gerahmt. Soziale Dienstleistungsprofessionen sind Teil des öffentlichen Dienstes, und stehen im Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Politik. In den Industriegesellschaften haben Professionen, so Dewe, die Funktion einer stellvertretenden Deutung übernommen. Sie fordern und garantieren gesamtgesellschaftlich verbindliche Rechtsnormen, Moralvorstellungen, Gerechtigkeit, Zufriedenheit Gesundheit und Bildung (vgl. S. 13). Angehörige von Professionen haben das Mandat, in die Privatsphäre von Menschen einzugreifen. Sie arbeiten nicht profitorientiert. In Deutschland garantieren soziale Berufe eine hochdifferenzierte arbeitsteilige Gesellschaft, die in der wohlfahrtsstaatlichen Logik Integration sichern und anomische Zustände der Gesellschaft weitgehend verhindern (vgl. S. 15). Mit dem Typus des Professionellen, der am Gemeinwohl ausgerichtete Arbeit verrichtet, setzte sich eine Handlungslogik durch, die mit einer privatwirtschaftlichen und marktorientierten beruflichen Logik nicht vereinbar ist.

In Deutschland brachte die Akademisierung in den 1970er Jahren die Soziale Arbeit als Profession voran. Professionstheoretische Begründungen leisteten die Abgrenzung zu konkurrierenden und rivalisierenden Berufsgruppen. Die Etablierung der Profession Soziale Arbeit erforderte die Entwicklung eines beruflichen Selbstverständnisses und die Ausbildung eines Expertentums, über das wir heute, so die Autoren, kritisch diskutieren (vgl. S. 16). Professionstheoretische Überlegungen konzentrierten sich auf normativ aufgeladene Handlungsmuster, die zur Ausübung des Berufes notwendig erscheinen und auf Professionskriterien. Professionen entwickeln Methoden. In der Sozialen Arbeit kristallisierte sich seit den 1980er Jahren die Methode des Fallverstehens heraus. Professionelle haben die Aufgabe, individuelle Einzelprobleme zu lösen, die zuvor verstanden werden müssen, um eine gute Lösung anzubieten.

Dass der Begriff Beruf häufig und irriger Weise synonym mit dem Begriff Profession verwendet wird, wird von den Autoren kritisiert. Der Begriff Beruf verweist auf einen sozialen Status. Im Zusammenhang mit beruflichen Fertigkeiten, die durch eine berufliche Ausbildung erworben werden, geht es um Qualifikationen und Rahmenbedingungen für die Berufsausübung (vgl. S. 21). Im Kontext der Professionsdebatte gehe es um die Reflexion der Professionalisierung, die durch die akademische Zugangsweise zu Berufen möglich wird. Handlungsmuster und -strukturen müssen analysiert, und der Entstehungsprozess reflektiert werden, damit eine Metakommunikation über professionelles Handeln möglich wird. Professionstheoretische Überlegungen richten sich auf Fragen nach den gesellschaftlichen Dynamiken, die eine Fachkraft der Sozialen Arbeit als professionell handelnd ausweist. Professionelles Handeln ist, strukturell bedingt, häufig paradox und widersprüchlich. So ist das professionelle Handeln zwar in eine Beziehung eingebettet, doch die erforderliche Verantwortung und Verrechtlichung Sozialer Arbeit, die mit einer Bürokratisierung und Rationalisierung des beruflichen Handelns einhergeht, wirkt auf die Beziehungsqualität. In der Sozialen Arbeit kann professionelles Handeln nicht standardisiert werden, weil, so die Autoren, dies „die loyale Wahrnehmung eines individuellen Problemfalles“ verunmöglicht (S. 29).

Professionelle arbeiten unter Bedingungen von Ungewissheit, auch wenn ihr Wissen ihnen suggeriert, dass sie mithilfe ihrer Kompetenz lebenspraktische Probleme lösen können (sollen). Diese Paradoxie muss im Studium thematisiert werden. Des Weiteren hat sich der Blick auf die erhoffte Reichweite Soziale Arbeit relativiert. Fachkräfte sollten sich mit den omnipotenten Fantasien und Wirkungen ihrer Professionalität auseinander setzen (vgl. S. 31).

Um Professionalisierungskonzepte zu durchdringen, schlagen die Autoren drei Perspektiven vor, den vornehmlich altruistisch, sozialtechnisch und lebensweltorientierten Blick. Die jeweils präferierten Handlungsorientierungen beziehen sich im ersten Fall auf das sozialsittliche Engagement der Berufstätigkeit, dazu zählen die Autoren die frühen Überlegungen der Fürsorgekonzepte. Im zweiten Fall wird das Rationale und Machbare hervorgehoben, nach dem das Handeln ausgerichtet werden soll. Beim lebensweltorientierten Konzept, werden die Adressatinnen und Adressaten berücksichtigt, die gewährte Hilfe vom Einzelfall her betrachtet und die Eigenständigkeit der Hilfesuchenden mit reflektiert (vgl. S. 37ff).

Zu Kapitel II

In Kapitel II, „Die Dialektik von alltäglicher Lebenswelt und institutionalisierter Wissenschaft als Schlüssel zu einem professionellen Verständnis von Sozialer Arbeit“, thematisieren die Autoren den Lebensweltbegriff als sozialwissenschaftlich analytisches Kriterium und als deskriptiven Begriff. Von Husserl geprägt, ist der Lebensweltbegriff zunächst in den Geisteswissenschaften beheimatet, um in phänomenologischer Absicht, Lebensphänomene zu untersuchen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der Begriff dazu verwandt, die geisteswissenschaftliche Pädagogik zu verändern. Durch Hans Thierschs Interpretation des Begriffs entwickelte sich die Sozialpädagogik seit den 1970er Jahren zu einer Disziplin, die, durch die sozialwissenschaftliche Wende unterstützt, ihren Forschungsgenstand auf Phänomene der Lebenswelt richtet, statt auf die sogenannte Erziehungswirklichkeit. Mit der Lebensweltorientierung bekam die Profession und Disziplin einen Handlungsrahmen, der bis heute als Lebensweltorientierung fortentwickelt wird. Die Schwierigkeit des Begriffs liegt darin begründet, dass er ein „vieldeutiges Sammeletikett“ ist (S. 47). Auf ihn zu verzichten erscheint trotz der Unschärfe des Begriffs nicht möglich. Der Begriff will, in analytischer Absicht, vor- und außerwissenschaftliche Deutungs- und Verstehensvorgänge der gesellschaftlichen Individuen erhellen (vgl. S. 58). Die Unschärfe des Begriffs korreliert darüber hinaus mit dem Theorie-Praxisverständnis Sozialer Arbeit.

Die Autoren problematisieren, dass die Disziplin Sozialer Arbeit keine Einigung über die Funktion einer Theorie Sozialer Arbeit entwickelt hat. Professionstheoretisch ist das Selbstverständnis der Disziplin und Profession eine Basis der Reflexion und legitimiert die Bemühungen. Soll die Praxis über sich aufgeklärt werden? Sollen die theoretischen Bemühungen dazu genutzt werden, Probleme der Praxis zu lösen? Gibt es eine professionelle Identität, von der her professionelles Handeln charakterisiert werden kann? Des Weiteren, darauf hatte Schleiermacher hingewiesen, besitzt die Praxis Autonomie und folgt anderen Logiken als die Wissenschaften (vgl. S. 44). Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stehen in der Regel nicht unter Entscheidungszwang, während Praktikerinnen und Praktiker unter Handlungsdruck agieren. Damit wird das Verstehen, worum es in den Sozial- und Geisteswissenschaften geht, von der Praxis aus betrachtet, nachgeordnet.

In der Disziplin der Pädagogik und Sozialen Arbeit werden Praxis und Theorie miteinander vermittelt. Daraus erwächst die Aufgabe, das Handeln nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verstehen. Der professionell präferierte Handlungstyp repräsentiert weder rein lebenspraktische noch ausschließlich reflexive Merkmale. Mittlerweile ist auch die Lebenswelt verwissenschaftlicht und ihre Phänomene orientieren sich an rationalen Kriterien, was die Autoren später als Problemstellung nochmals aufgreifen. Die in der Tätigkeit des Helfens und Erziehens begründeten Handlungsmuster können nur im Kontext des Einzelfalls beurteilt werden. Das Spezifische der pädagogischen und sozialpädagogischen Handlungslogik, die Begründungs- und Entscheidungszwänge für oder gegen bestimmte Handlungen hängen zwar, so die Autoren, mit der Differenz der Handlungslogiken zusammen, aber auch vom jeweiligen praktischen Kontext (vgl. S. 60).

Zu Kapitel III

In Kapitel III, „Funktionen und Ambivalenzen von Professionalisierung“ werden die vier Perspektiven konventioneller Professionstheorien dazu genutzt, Professionstheoretische Erkenntnisse zu beurteilen. Die Autoren heben eine macht-, funktionalistische-, interaktions- und indikatorisch-merkmalstheoretische Zielsetzung hervor. So kann die Professionalisierung im Kontext einer Machtperspektive in Bezug auf die Monopolisierung und Macht professioneller Deutungen reflektiert werden. Unter funktionalistischen Gesichtspunkten rückt die berufliche Positionierung und gesellschaftlich zugeschriebene Expertise in den Blick. Im Kontext der Interaktion erscheinen die Prozesse der Institutionalisierung relevant, den Professionellen als Sozialtyp erst hervorbringen. Unter indikatorisch-merkmalstheoretischen Gesichtspunkten fassen die Autoren Studien zusammen, die professionelle Handlungsmuster listen, weil sie sie empirisch beobachteten. So entstandene Merkmale sind aus Sicht der Autoren Behauptungen und tragen, nicht dazu bei, professionsrelevantes Wissen zu erzeugen. Die Perspektive der strukturfunktionalistischen Bedeutung von Professionen ist eine neuere professionstheoretische relevante Blickweise. Mit ihrer Hilfe können Rahmenbedingungen des professionellen Handelns und Qualitätsmerkmale des Handelns reflektiert werden. Im Blick sind Selbst- und Fremdkontrollmechanismen, das Rollenverständnis und die Strukturprobleme, auf die hin professionelles Handeln legitimiert wird (vgl. S. 75ff).

Die Frage nach der Semiprofessionalität Sozialer Arbeit wird ebenfalls aufgegriffen. Die Autoren halten diese Sicht auf die Profession Sozialer Arbeit nach wie vor für hilfreich. Sie erinnern an die Anfänge der Professionalisierung, an den Kampf der Frauen um Anerkennung, an die Bemühungen um Ausbildung und Methoden sowie die Einbettung Sozialer Arbeit in den Weimarer Wohlfahrtstaat. Die Verrechtlichung stabilisierte die erste Phase der Professionalisierung. Soziale Arbeit wurde nun zum Refugium für Notlagen, die der Mensch nicht aus eigener Kraft bewältigen kann. Einerseits stieg das Bedürfnis nach sozialer Hilfe im Bereich von Lebenstechniken, andererseits wurde der Verlust menschlicher Werte, die Verarmungsprozesse, die Einsamkeit und Entfremdungsmechanismen sowie eine zunehmende Verwahrlosung vor allem moralisch beklagt (vgl. S. 83) In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelte Soziale Arbeit einen niedrigen Grad an Systematisierung gegenüber Alltagswissen und Lösungen. Empirisch gehaltvolle theoretische Erkenntnisse und eine positivistische Wahrnehmung von Problemstellungen verhinderten, so die Autoren, die Ausbildung einer Fachkompetenz. Für die Anerkennung einer Professionszugehörigkeit ist es notwendig, dass der Beruf über ein Monopol an Kompetenzen verfügt, und Wissen akademisch vermittelt wird (vgl. S. 84). Semiprofessionalität, die durch eine Differenz von Fach- und Laienwissen gekennzeichnet ist, und vom akademischen Grad der beruflichen Qualifizierung abhängt, muss überwunden werden. Der Begriff Semiprofession fokussiert ein Funktionsproblem komplexer Organisationen. Darüber hinaus weist er auf ein Dilemma hin. Fachkräfte der Sozialen Arbeit können die Probleme der Adressatinnen und Adressaten nicht im Rahmen einer ausschließlich institutionalisierten Hilfelogik bearbeiten (vgl. S. 85). Sie sind auf die Interaktion angewiesen und geraten in Beziehungsdynamiken, die durch Einfühlungs- und Zuneigungsgefühle hervorgerufen werden. Um Hilfe anzubieten, Handlungskompetenz zu beweisen und die Autonomie der Adressatinnen und Adressaten nicht zu verletzen, müssen standardisierte, rationale und bürokratisch- administrative Vorgehensweisen immer wieder mit den emotionalen Zugängen zu Menschen ausbalanciert werden. Die Perspektive der Semiprofessionalität macht auf einen Orientierungs- bzw. Rollenkonflikt aufmerksam, der als Loyalitätsproblem diskutiert wird. Entweder verletzten Fachkräfte ihre Arbeitsorganisation oder die Adressatinnen und Adressaten (vgl. S. 84ff).

Soziale Arbeit agiert im Sozialraum, in der Familie und im Bereich der Sozialpolitik, also in Handlungsfeldern in den auch andere Professionen wirken. Professionelles Handeln ist regelgeleitet, weil Gesetze und Verwaltungsvorschriften zu berücksichtigen sind. Die Probleme Sozialer Arbeit sind Lebensprobleme, die privat nicht mehr zu lösen sind. Hier übernimmt die Profession eine stellvertretende Deutung (vgl. S. 98). Heute gerät die Profession unter Druck, weil die Verwissenschaftlichung der Lebenswelt und moderne digitale Techniken dazu beitragen, Sozialexperten zu hinterfragen. Solche Deprofessionalisierungstendenzen führen zu Glaubwürdigkeitsverlusten und Legitimationseinbußen (vgl. S. 103). Das professionelle Konzept der Lebensweltorientierung birgt die Gefahr der professionell- institutionellen Vereinnahmung, darauf hat bereits Thiersch hingewiesen (vgl. S. 107). Verlieren Fachkräfte die Perspektive der Adressatinnen und Adressaten aus dem Blick, ist einer noch subtileren Expertenherrschaft Tor- und Tür geöffnet (vgl. S. 108). Lebensweltorientierung erfordert eine dialogische Beziehungsgestaltung, die Anerkennung subjektiver Deutungsmuster, die Offenheit für Situationen und die Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion und Selbstbeschränkung.

Heute suggeriert eine neue Handlungskompetenzdebatte, dass gesellschaftliche Ursachen von Hilfebedürftigkeit mithilfe professioneller Beziehungen gelöst werden könnten. Darüber hinaus seien persönliche Eigenschaften von Fachkräften dazu notwendig. Die strukturfunktionalistische Perspektive im professionellen Handeln gerät in die Defensive (vgl. S. 113). Die neuere Professionalisierungsdebatte unterstützt selbstorganisierte Problemlösungsmöglichkeiten in überschaubaren Lebenszusammenhängen und begründet Fachlichkeit stärker anhand methodischer Fragen (vgl. 115). Die Autoren bezweifeln, dass berufliche Handlungskompetenz in Seminaren erworben werden könne, und sie befürchten den Verlust analytischer Bemühungen. Darüber hinaus formulieren sie ihre Sorge darüber, dass die system- und steuerungstheoretische Vereinnahmung des Lebensweltbegriffs die gesellschaftskritische Dimension verschleiert. Ohne eine Reflexion des Strukturwandels, der Aufweichung von Lebensmilieus, des Wertewandels, der Verschiebungen von gesellschaftlichen Normalitätsstandards gehen wichtige Aufgaben der professionstheoretischen Reflexion verloren.

Zivilgesellschaftliche Konzepte bemächtigen sich des Lebensweltbezugs. Die Verwaltung soll interaktionsfähig werden und bürgernahe Politik umsetzen. Die Tendenz der Rückverlagerung von Strukturproblemen auf den sozialen Markt verstärken aktuell Deinstitutionalisierungprozesse. Selbsthilfe ist das Zauberwort, denn die Ökonomisierung und Monetarisierung, das Sozialexpertentum und die Bürokratisierung sind bereits weit vorgedrungen. Was einst im Subsidiaritätsprinzip verankert war, das Selbsthilfe auf die Notwendigkeit von Vorleistungen größerer übergeordneter Sozialgebilde angewiesen ist, geht heute verloren (vgl. S.120).

Zu Kapitel IV

In Kapitel IV, „Das Konzept der professionellen Handlungslogik“ bekräftigen die Autoren die Notwendigkeit professionstheoretischer Bemühungen. Die Logik des professionellen Handelns müsse immer wieder freigelegt und nicht nur als persönliche Merkmale und Attribute Professioneller beschrieben werden. Der Handlungstyp des Professionellen, der wie ein technischer Experte Probleme löst, wird den Aufgaben der Sozialen Arbeit nicht gerecht. Selten geht es um Ursache-Wirkungs-Probleme, meist müssen Sinnfragen und Interpretationen geklärt werden. Wird die Autonomie des Gegenübers verletzt, z.B. durch eine Betonung des Expertenwissens oder durch standardisiertes Handeln, bleibt Hilfe wirkungslos (vgl. S. 130).

Der Wissenschaftsbezug im professionellen Handeln ist strukturell ambivalent zu betrachten. Wenn Begründungs- und Entscheidungsdruck im Lebensalltag zusammenfallen, was selten der Fall ist, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler praktische Lebenshilfe leisten. Weil die Suspendierung von Entscheidungszwang als ein konstitutives Merkmal wissenschaftsverpflichtenden Handelns gilt, verletzen sie aber auch ihre Autonomie und die der Praxis (vgl. S. 132). Im professionalisierten Handeln ist das, was der Alltagsmensch als einzigartig erlebt, bereits in seinen Verallgemeinerungen geronnenes Wissen. Wissenschaftlich reflektiertes professionelles Handeln von Fachkräften der Sozialer Arbeit bewegt sich zwischen einer widersprüchlichen Gleichzeitigkeit von Begründungs- und Entscheidungszwang und einer Form von Rationalität, die mit der praktisch materialen Rationalität im lebenspraktischen Handeln verbunden werden muss.

Wissenschaft wirke, so die Autoren, wenn sie keine normative Anleitung zur Verfügung stelle und die kognitive Integrität betont, „wenn sie keine Theodizeen liefert“ (S. 136). So habe Wissenschaft Deutungsmacht. Gerade ihre Handlungsdistanzierung produziere den Deutungszwang (vgl. S.ebd.). Folglich könne die Wissenschaft keine Entscheidung der Lebenspraxis abnehmen, auch wenn die Praxis dazu auffordere. Es gibt, so die Autoren, eine professionsethische Verpflichtung zur Askese gegenüber der Versuchung, mit der Autorität von Wissenschaft etwas durchzusetzen und gegenüber der Allmachtphantasie und „imperialen Gebärde der Praxisveränderung“ (S. 137).

Das Problem des Technologiedefizits, die Aufgabe der stellvertretenden Deutung und die Methode des Fallverstehens erfordern Respekt gegenüber der Lebenspraxis und den Lebensproblemen und eine Zurückhaltung in der Bewertung von Handlungen. Ohne die Berücksichtigung der Perspektive der Adressatinnen und Adressaten dürfe nicht von professionellem Handeln gesprochen werden. „Professionswidrig deshalb, weil hier übersehen wird, das professionelles Handeln durch die hermeneutische Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse auf die besonderen Bedingungen des lebenspraktischen Einzelfalles, auf die spezifischen Lebenszusammenhänge des Adressaten zu beziehen, über reines Expertentum hinausgreift“ (S. 141). Professionalisiertes Handeln ist zweckrationales, kommunikatives Handeln. Es wird zum stellvertretenden Handeln, wenn Betroffene ihre Lebenspraxis als problematisch erleben und selbst keine Deutungen zur Verfügung haben (vgl. S. 151).

Diskussion

Das Buch thematisiert eine Fülle von Problemstellungen. Der assoziative Schreibstil und die hier genutzte rekonstruktiv-analytische Perspektive sollen die kritisch-emanzipative Funktion des sozialwissenschaftlichen Denkens unterstreichen (vgl. S. 156).

Während des Lesens verschwimmen allgemeine soziologische Professionserkenntnisse mit den Besonderheiten Sozialer Arbeit. Irritierend wirkt der Sammelbegriff Soziale Arbeit, denn die Autoren geben einer lebensweltorientierten Sozialpädagogik den Vorrang. Lange Sätze, viele Fachbegriffe und unterschiedliche Ebenen, die z.B. im Begriff des Professionellen oder beim Wissenschaftsbezug mitschwingen, bleiben offen.

Obwohl auch pädagogisches Handeln reflektiert werden soll, geht es nicht um Erziehung, Bildung und Betreuung und die Leserin stolpert sogar über unterschwellige Kritik an einer Pädagogisierung, die im Sinne einer Bevormundung gedeutet wird. Sozialpädagogisches Handeln wird strukturtheoretisch analysiert, und deshalb vor allem aus der gesellschaftsfunktionalistischen Perspektive der ersten Phase der Professionalisierung heraus wahrgenommen. Es geht um Hilfehandeln, nicht um erzieherisches Handeln, welches in den Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendarbeit, Heimerziehung und auch im Elementarbereich konkret geleistet wird.

Fazit

Das Buch bietet Einblick in die Konzeption professionstheoretischer Überlegungen und unterstreicht die Bedeutsamkeit dieser Teildisziplin. Gerade weil die Autoren eine professionstheoretische Perspektive als Sozialpädagogen entwickeln, ist das Buch sehr lesenswert. Es macht die Möglichkeiten der lebensweltlichen Perspektive auf professionelles Handeln sichtbar und unterstreicht die Bedeutung des Handlungskonzeptes für die Ausbildung eines disziplinären und professionellen Verständigungsrahmens. Die Zusammenhänge zwischen den disziplinären Bemühungen um eine Theoriebildung Sozialer Arbeit, der es um Aufklärung und Anerkennung von Paradoxien und Wiedersprüchen geht, werden sichtbar. Die notwendige wissenschaftliche Handlungsabstinenz wird meiner Ansicht nach überzeugend argumentiert.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 22.07.2016 zu: Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession. Zur Aktualität und kritischen Substanz des Professionskonzeptes für die Soziale Arbeit. In memoriam Wilfried Ferchhoff. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2360-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21048.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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