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Arnd T. May, Jörg Brokmann u.a. (Hrsg.): Patienten­verfügungen

Cover Arnd T. May, Jörg Brokmann, Hartmut Kreß, Torsten Verrel (Hrsg.): Patientenverfügungen. Handbuch für Berater, Ärzte und Betreuer. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2016. 441 Seiten. ISBN 978-3-642-10245-5. 49,95 EUR, CH: 72,50 sFr.
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Thema

Die Selbstbestimmung des Patienten wird seit dem Patientenverfügungsgesetz im Jahre 2009 zunehmend rechtlich gestärkt. Um eine Patientenverfügung zu verfassen, bedarf es in der Regel gezielter Informationen und fachlicher Beratung.

Herausgeber …

  • Arnd T. May, Ethikzentrum.de – Zentrum für Angewandte Ethik, Recklinghausen
  • Hartmut Kreß, Evangelisch-Theologische Fakultät, Abteilung Sozialethik, Universität Bonn
  • Torsten Verrel, Kriminologisches Seminar, Universität Bonn
  • Till Wagner, Klinik für Schmerztherapie und Palliativmedizin, Medizinisches Zentrum der StädteRegion Aachen GmbH, Würselen

… und weitere AutorInnen

Heinz Angstwurm, Jörg C. Brokmann, Wolf Diemer, Heinrich Dreuw, Frank Elsner, Kai Engelbrecht, Tobias Fröschle, Erich Geldbach, Horst Groschopp, Tatjana Grützmann, Wolfram Henn, Brigitte Huber, Ilhan Ilkilic, Margit Kania, Günter Kirste, Dieter Köhler, Johannes Koranyi, Sylvia Kotterba, Sylvia Kröncke, Norbert Krumm, Heinz Laubenthal, Priska Laubenthal, Andreas Lob-Hüdepohl, Eberhard Albert Lux, Christoph Meier, H. Christof Müller-Busch, Hans Georg Nehen, Lukas Radbruch, Ruth Rissing-van Saan, Hans-Martin Sass, Guido Schick, H. Joachim Schindelhauer-Deutscher, Jens Schlieter, Kurt W. Schmidt, Michael Schöffner, Bernd Schönhofer, Karl-Heinz Schulz, Markus Sold, Reinhold Spanl, Matthis Synofzik, Hans-Ludwig Wedler, Birgit Weihrauch, Willy Weisz, Cornelia Wichmann, Karin Wilkening, Tewes Wischmann

Aufbau

Das Handbuch ist in sechs Hauptteile gegliedert:

  1. Ethische und weltanschauliche Voraussetzungen von Patientenverfügungen,
  2. Rechtliche Grundlagen und Einzelfragen,
  3. Medizinische Fragen,
  4. Versorgungsaspekte,
  5. Beratung zu Patientenverfügungen,
  6. Beratung zu weiteren Themen der Medizin und in anderen Lebenssituationen.

Inhalt

Der erste Teil des Fachbuches geht auf ethische und weltanschauliche Einstellungen ein, die für eine Patientenverfügung relevant sind. Religiöse oder humanistische Wertvorstellungen spielen eine große Rolle für das Verfassen einer Patientenverfügung, wie die Autoren Hartmut Kreß und Arnd T. May einführend aufzeigen. In gesonderten Kapiteln wird tiefergehend eingegangen auf:

  • die katholische Sicht im Umgang mit Patientenverfügungen (Andreas Lob-Hüdepohl),
  • die evangelische Sicht (Christoph Meier),
  • Baptisten als eine Richtung der evangelischen Freikirchen (Erich Geldbach),
  • Jehovas Zeugen (Heinrich Dreuw),
  • jüdische Medizinethik (Willy Weisz),
  • muslimische Glaubensrichtungen (Ilhan Ilkilic),
  • buddhistische Traditionen (Jens Schlieter) und
  • den Humanistischen Verband Deutschland (Horst Groschopp).

Der zweite Teil behandelt die rechtlichen Grundlagen von Patientenverfügungen. Der Autor Johannes Koranyi geht auf die verfassungsrechtlichen Grundlagen ein, seinen eigenen Willen auch für zukünftige, nicht mehr einwilligungsfähige Situationen selbst bestimmen zu können. Einen ausführlichen Überblick über die gesetzlichen Regelungen von Patientenverfügungen gibt Torsten Verrel. In einem kurzen Kapitel wird von der Autorin Ruth Rissing-van Saan auf die strafrechtlichen Bezüge, wie zum Beispiel bei der Diskussion um Sterbehilfe, eingegangen.

In einem weiteren Kapitel werden von dem Autor Tobias Fröschle die Rechtsbegriffe Einwilligungsfähigkeit, Geschäftsfähigkeit und freier Wille in Bezug zur Patientenverfügung erläutert. Auf das Betreuungsrecht und die Bedeutung der Vorsorgevollmacht geht der Autor Reinhold Spanl in zwei aneinander anschließenden Kapiteln ein. Abschließend werden die Aufgaben der Betreuungsbehörden von Margit Kania ausgeführt.

Der dritte Teil des Handbuchs umfasst die Auseinandersetzung mit ärztlichen Maßnahmen und medizinischen Behandlungsmöglichkeiten. Einleitend geht Till Wagner auf die miteinander zu vereinbarenden Ziele ein, eine optimale medizinische Versorgung zu gewährleisten und den Willen des Patienten bestmöglichst zu wahren. Der Autor H. Christof Müller-Busch erläutert die Entwicklungen für das ärztliche Selbstverständnis und Entscheidungen in Grenzsituationen. Auf die Besonderheiten und Schwierigkeiten von Patientenverfügungen in der Intensiv- und Notfallmedizin geht der Autor Guido Schick ein. Auch in der (vorklinischen) Notfallbehandlung, für den Rettungsdienst und bei lebensrettenden Sofortmaßnahmen werden viele Fragen hinsichtlich der Umsetzung des Patientenwillens aufgeworfen. Diese diskutiert Kai Engelbrecht in einem weiteren Kapitel.

Matthis Synofzik geht auf die künstliche Ernährung und Flüssigkeitsgabe ein. Fragen zur künstlichen Beatmung klären Bernd Schönhofer und Dieter Köhler. Das Thema Schmerzbehandlung behandeln die Autoren Eberhard Albert Lux, Priska Laubenthal und Heinz Laubenthal.

Am Beispiel der nicht-heilbaren Erkrankung ALS (Amyothrophe Lateralsklerose) zeigt Sylvia Kotterba Konfliktsituationen auf, die sich mit dem Fortschreiten der Erkrankung ergeben. Auch Demenz bringt langfristig Entscheidungskonflikte zwischen früherer Willenserklärung und beobachtbarem Verhalten als Anzeichen für den mutmaßlichen, aktuellen Willen. Darauf gehen die Autoren Hans Georg Nehen und May näher ein.

Als angrenzendes Entscheidungsfeld für Patientenverfügungen wird die Frage einer Organspende im Falle des Hirntodes vom Autor Heinz Angstwurm erläutert. Günter Kirste erklärt in einem weiteren Kapitel die Regelungen zur Organspende und -transplantation in Deutschland.

Der vierte Teil geht auf Versorgungsaspekte ein. Einen Überblick über die Hospizbewegung und Palliativmedizin in Deutschland gibt die Autorin Birgit Weihrauch. Daran anschließend zeigt Wolf Diemer die häusliche Versorgung SAPV (Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung) für Schwerkranke und Sterbende. Die Bedeutung von Palliativ Care in Pflegeeinrichtungen erläutern die Autorinnen Cornelia Wichmann und Karin Wilkening. Das Konzept von Palliativstationen an Krankenhäusern stellen die Autoren Lukas Radbruch, Norbert Krumm und Frank Elsner vor.

Im fünften Teil werden der Beratungsprozess und das eigene Verständnis als Berater in den Blick genommen. Die Autoren May, Tatjana Grützmann und Jörg C. Brokmann erläutern Voraussetzungen und Bedingungen einer guten Beratung für Vorsorgeinstrumente wie die Patientenverfügung. Als Grundlage für die Beratung von Menschen mit geistiger Behinderung, bei denen oftmals die Einsichts- und Einwilligungsfähigkeit für eine Patientenverfügung nicht gegeben ist, stellt Brigitte Huber das Instrument der Werte-Analyse als Ergänzung vor.

In einem weiteren Kapitel werden Vorbereitungsmaterial, Broschüren und Muster für Vorsorgedokumente von den Autoren May und Hans-Martin Sass vorgestellt. Hierbei wird u.a. die narrative Werteanamnese als Instrument für den Meinungsbildungsprozess behandelt. Außerdem stellen die Autoren Kurt W. Schmidt, Michael Schöffner und Markus Sold eine DVD als Hilfestellung in der Beratung für Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht vor.

Der sechste Teil geht auf die Beratung in medizinischen Grenzfällen und existentiell schwierigen Lebenssituationen ein. Tewes Wischmann erläutert die psychosoziale Beratung in der Kinderwunschbehandlung. Die genetische Beratung bei erblich bedingten Krankheiten wirft neben dem Bedarf an psychologischer Beratung, Fragen zur Notwendigkeit einer Patientenverfügung auf. Dies führen die Autoren H. Joachim Schindelhauer-Deutscher und Wolfram Henn aus. Des Weiteren wird von Karl-Heinz Schulz und Sylvia Kröncke auf die psychologische Beratung bei Organ-Lebendspenden eingegangen. Die psychologische Beratung bei Suizidgefährdung erläutert Hans-Ludwig Wedler. Der Autor Kreß geht außerdem auf das Thema Bestattungsregelungen und -formen ein.

Diskussion

Der Schutz der Selbstbestimmung des Patienten gewinnt an Bedeutung. Die Patientenautonomie wird gestärkt, aber auch die Verantwortung des Einzelnen nimmt zu, sich fachlich zu informieren und vorzusorgen. Es ist dabei wichtig, sich mit den eigenen Vorstellungen von einem Lebensende und Sterben in Würde, den rechtlichen Voraussetzungen und ärztlichen Behandlungsmöglichkeiten auseinander zu setzen.

Nur konkrete Ausführungen über gewollte oder nicht-gewollte ärztliche Maßnahmen und Behandlungsmethoden bei verschiedenen Krankheitsbildern lassen eine Patientenverfügung wirksam werden. Das zeigt beispielsweise das aktuelle Urteil des Bundesgerichtshofs vom Juli 2016 über Anforderungen an Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung im Zusammenhang mit dem Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen.

Fazit

Eine Patientenverfügung hilft das Recht auf Selbstbestimmung und Autonomie in zukünftigen medizinischen Grenzsituationen durchzusetzen. Die eigene Auseinandersetzung mit schwerer Krankheit, Sterben und Tod macht eine rechtliche und ärztliche Beratung notwendig. Der Beratungsprozess ist komplex und stellt hohe Anforderungen an den Berater.

Das vorliegende Handbuch richtet sich an Berater für Patientenverfügungen. Es kann als Nachschlage- und Grundlagenwerk dienen. Das Fachbuch ist ein exzellentes Gemeinschaftswerk. Es gibt für ethische, rechtliche und medizinische Themenbereiche fachliche Informationen und weiterführende Hinweise.


Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 03.11.2016 zu: Arnd T. May, Jörg Brokmann, Hartmut Kreß, Torsten Verrel (Hrsg.): Patientenverfügungen. Handbuch für Berater, Ärzte und Betreuer. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2016. ISBN 978-3-642-10245-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21050.php, Datum des Zugriffs 20.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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