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Luise Reddemann: Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien

Cover Luise Reddemann: Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 64 Seiten. ISBN 978-3-525-40556-7. 10,00 EUR.
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Thema

Luise Reddemann beschäftigt sich in „Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien“ mit den buddhistischen Konzepten von Achtsamkeit und Mitgefühl und ihren Einsatzmöglichkeiten in der psychotherapeutischen Arbeit mit PatientInnen und in der Selbstfürsorge. Ausgangspunkt der Überlegungen ist eines der Grundprinzipien der „Psychodynamisch imaginativen Traumatherapie“, wonach mittels tröstender und stärkender Imagination und durch eine mitfühlende Zuwendung der Therapeutin, die achtsame und mitfühlende Beziehung der Patientin zu sich selbst gestärkt werden soll. „Empathie ist genau genommen Einfühlung und insoweit neutral. Sie kann sich in Richtung Ablehnung, ja sogar Hass entwickeln oder in Richtung Mitgefühl“ (S.14). Mitgefühl ist Einfühlungsvermögen mit dem Wunsch, Hilfreiches zu tun.

Autorin

Luise Reddemann, Prof. Dr. med., Fachärztin für Nervenheilkunde und für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin, bis 2003 Leiterin der Klinik für Psychotherapie und psychosomatische Medizin in Bielefeld, entwickelte die „psychodynamisch imaginative Traumatherapie“ zur Behandlung komplex traumatisierter PatientInnen, ist Honorarprofessorin für Psychotraumatologie und medizinische Psychologie an der Universität Klagenfurt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus zwölf Abschnitten

  1. Historischer Bezug und aktuelle Haltungen
  2. Einige Aspekte von Mitgefühl in der zeitgenössischen Philosophie
  3. Mitfühlende psychodynamische Psychotherapie
  4. Mitgefühl und Phronesis
  5. Mitgefühl und Hoffnung
  6. Mitgefühl im Kontext der Lehre von den „himmlischen Verweilungen“ oder die Freude am Weg als salutogenetisches Vorgehen
  7. Einige Beispiele von Begegnungen von Psychodynamikern und Buddhismus
  8. Mitgefühl und Achtsamkeit in der therapeutischen Beziehung
  9. Psychoanalytische Identität und Begegnung mit buddhistischen Konzepten
  10. Achtsamkeit und psychodynamische Sichtweisen
  11. Meditative Praxis als Übungsweg
  12. Abschließende Überlegungen

1. Historischer Bezug und aktuelle Haltungen. Die Autorin beginnt bei den Zeiten Freuds, als Abstinenz und Deutung Mitgefühl eher verhinderten. Distanziertheit war ausdrücklich erwünscht. Insbesondere durch die Arbeit mit traumatisierten PatientInnen, aber auch über den Kontakt mit dem Buddhismus wurde eine „.. Notwendigkeit von neuen reparativen Beziehungserfahrungen ebenso wie in der Selbstbeziehung“ (S. 17) erkannt. Als Wegbereiter für das Mitgefühl in der Psychotherapie nennt sie neben Ferenczi, Scheler und Lipps auch Fromm, der sich für die Beachtung ethischer Themen in der psychotherapeutischen Arbeit einsetzte. Weiss wiederum weist auf die Wichtigkeit von Sicherheit für traumatisierte PatientInnen hin, auf ihren Wunsch zu gesunden und auf den Umstand, dass letztlich all ihre Bestrebungen, egal wie abwegig sie erscheinen mögen, der Gesundung dienen. Diese Ansicht findet sich auch im buddhistischen Menschenbild wieder, wonach jedem Menschen ein „heiler Kern“ inne wohnt. Zur aktuellen Haltung hat auch die Bindungstheorie wichtige Beiträge geleistet.

2. Einige Aspekte von Mitgefühl in der zeitgenössischen Philosophie. Hier nennt Reddemann Emmanuel Levinas, der sich mit dem Thema der Würde beschäftigte und für gegenseitige Verantwortlichkeit eintrat. „Levinas macht für mich in vielen seiner Schriften deutlich, dass der Ruf des Anderen im psychotherapeutischen Kontext dessen Leiden ist, das nach Mitgefühl ruft“ (S. 21). Ähnlich trat auch Richard Rorty für gegenseitigen Respekt und Würde durch Mitgefühl ein.

3. Mitfühlende psychodynamische Psychotherapie. „Mitgefühl scheint eine Antwort auf Leiden zu sein, die sich in vielen Kulturen finden lässt“ (S. 24). In der intersubjektiven Sicht geht es um die Würde der Anderen, die über Empathie hinausgeht und Toleranz gegenüber Fehlern mit einschließt, mit dem Wunsch Gutes zu bewirken. So können PatientInnen durch einen fürsorglichen Umgang der TherapeutInnen einen liebevollen Umgang mit sich selbst lernen. In der Ego-States-orientierten Sicht betont die Autorin die Verbundenheit aller Anteile der PatientInnen und die Bedeutung der Selbstfürsorge der Therapeutinnen mit Hilfe von Mitgefühl.

4. Mitgefühl und Phronesis. In diesem Abschnitt setzt sich die Autorin mit der Weisheit der BehandlerInnen auseinander. Es geht darum, neben technischem Können auch gute Entscheidungen für die jeweilige Situation treffen zu können. Dafür erachtet Luise Reddemann mitgefühlsorientierte Interventionen als wichtig. Sie setzt sich auch kritisch mit Abstinenz der BehandlerInnen auseinander, insbesondere in der Arbeit mit traumatisierten PatientInnen.

5. Mitgefühl und Hoffnung. Eine Aufgabe von BehandlerInnen, insbesondere in der Arbeit mit traumatisierten PatientInnen sieht Luise Reddemann darin, sie zu unterstützen (wieder) hoffen zu können. Hoffnung zu nähren gelingt durch Mitgefühl, wie auch Studien belegen. Es geht und die (Re)Aktivierung von Ressourcen, über die KlientInnen oft schon von klein an verfügen.

6. Mitgefühl im Kontext der Lehre von den „himmlischen Verweilungen“ oder die Freude am Weg als salutogenetisches Vorgehen. Im diesem Abschnitt bezieht sich die Autorin auf das buddhistische Konzept der „himmlischen Verweilungen“. Mitgefühl ist nur eine davon, neben Gleichmut, Mitfreude und liebender Güte. Daraus leitet sie eine ressourcenorientierte Sicht ab, mit PatientInnen nicht nur mitzufühlen, sondern sich auch mit zu freuen oder Gelassenheit zu üben. Es geht letztlich darum, milde auch mit sich selbst zu sein, so gut wie möglich zu unterstützen und neben allem Leid auch den Blick für Freude nicht zu verlieren.

7. Einige Beispiele von Begegnungen von Psychodynamikern und Buddhismus.Als einige der ersten PsychotherapeutInnen, die sich mit Konzepten des Buddhismus beschäftigten nennt Luise Reddemann C.G. Jung, Karen Horney und Erich Fromm. Aktuelle Auseinandersetzungen zum Thema gibt es von Weischede und Zwiebel sowie von Anderssen-Reuster, Meibert und Meck. Unterscheide beider Richtungen interessieren dabei ebenso wie Gemeinsamkeiten.

8. Mitgefühl und Achtsamkeit in der therapeutischen Beziehung psychodynamische Psychotherapie und buddhistische Konzepte. Mitgefühl gilt es in der psychodynamischen Psychotherapie mit KlientInnen und mit uns selbst zu haben, milde mit unseren Schwächen zu sein. So kann Mitgefühl einen feinsinnigen Umgang mit Scham und Beschämung ermöglichen und einen wesentlichen Beitrag zu einer gelebten Ethik in der therapeutischen Begegnung darstellen. Die Autorin führt eine interessante Untersuchung von Polly Young-Eisendraht (2013) an, die sich mit der Wichtigkeit von Mitgefühl unter dem Aspekt der Übertragung beschäftigte. Die Hoffnung der PatientInnen, dass die TherapeutInnen ihr Leid lindern können sieht Young-Eisendraht als „..Entwicklungspotenzial der Patientin im Hinblick auf Weisheit, und Mitgefühl für sich und andere und die, der Patientin innewohnende Möglichkeit, Leiden zu transzendieren“ (S. 43).

9. Psychoanalytische Identität und Begegnung mit buddhistischen Konzepten. In der Psychoanalyse geht es um den Weg zu sich selbst, so Reddemann. Mitgefühl kann diesen Weg erleichtern. Im Buddhismus geht es um das Erkennen eines „heilen Kerns“ in uns, dies kann ebenso wie das Anerkennen, dass es unabänderliches Leid gibt, eine Bereicherung psychotherapeutischer Sichtweisen sein. So geht es in beiden Konzepten um das Auffinden von Unbewusstem und, was im Buddhismus als Stufen des Erwachens bekannt ist, gleicht den Fortschritten in Therapien in vielerlei Hinsicht.

10. Achtsamkeit und psychodynamische Sichtweisen. Die Autorin hinterfragt den Einsatz von Achtsamkeitspraxis in westlichen Kontexten kritisch. Denn Achtsamkeit ist ohne ethischen Hintergrund nicht denkbar. Neutrale Achtsamkeit, wie sie oft im Westen gelehrt wird, kann nur eine Vorstufe sein. Auch die Problematik Achtsamkeit zur Abwehr unerwünschter Gefühle oder zur Flucht vor inneren Prozessen zu verwenden wird thematisiert.

11. Meditative Praxis als Übungsweg. Neben Einsicht geht es in der buddhistischen Psychologie, ähnlich wie in der Verhaltenstherapie um Übung. Wobei kranken Menschen keine Achtsamkeitspraxis empfohlen wird, maximal Mitgefühlsübungen oder Mantras, da die Gefahr zu Groß ist, dass belastendes Material sie überflutet.

12. Abschließende Überlegungen. Es ist der Autorin ein Anliegen die Wichtigkeit von Verbundenheit und Beziehung abschließend nochmals deutlich zu machen. Sie tritt ein für einen offenen Dialog und für Mitgefühl als „..eine Grundbedingung jedes therapeutischen Handelns..“ (S. 59).

Zielgruppe

Das Buch, gibt einen interessanten Einblick in Mitgefühl und Achtsamkeit in der Arbeit mit KlientInnen unter Einbeziehung buddhistischer Sichtweisen. Es ist für PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen, PsychologInnen und alle Personen, die im sozialpsychiatrischen Bereich arbeiten ebenso lesenswert wie für PatientInnen selbst. Die Autorin vermittelt anschaulich, wie ressourcenorientierte Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen sein kann, wie wir einander und nicht zuletzt uns selbst mitfühlend begegnen können.

Fazit

Luise Reddemann gibt einen sehr persönlichen Abriss zum Thema Mitgefühl und Achtsamkeit in der Psychotherapie und bietet einen Auszug aus ihren jahrelangen Recherchen über psychoanalytische und buddhistische Lehren. Anhand von Fallbeispielen gibt sie Einblick in ihre therapeutischen Erfahrungen und ihre eigenen Reflexionsprozesse in der Arbeit mit PatientInnen sowie ihre persönliche Entwicklung. In der Fülle und Knappheit zugleich werden die Themen oft nur angerissen, einzelne Ideen stehen aneinandergereiht, die Abschnitte sind oft nicht klar abgrenzbar. Dennoch vermittelt das Buch einen klaren Eindruck, was Achtsamkeit und Mitgefühl in der Arbeit mit Klientinnen und in der Selbstfürsorge bedeutet. Die bekannte, unerschütterlich wertschätzende Haltung der Autorin durchzieht dieses Buch ebenso, wie bisherige Veröffentlichungen.


Rezensentin
Mag.a Manuela Pichler
Klinische- und Gesundheitspsychologin, Arbeitspsychologin
Publikation: http://www.zks-verlag.de/subjektives-wohlbefinden-im-alter-print/
Homepage www.praxispichler.at
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Zitiervorschlag
Manuela Pichler. Rezension vom 12.09.2016 zu: Luise Reddemann: Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-40556-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21051.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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