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Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession

Cover Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession. Zur Aktualität und kritischen Substanz des Professionskonzeptes für die Soziale Arbeit. In memoriam Wilfried Ferchhoff. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 166 Seiten. ISBN 978-3-7799-2360-2. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Die vorgelegte Veröffentlichung von Bernd Dewe und Gerd Stüwe stellt eine Einführung in das Begriffsfeld Profession, Professionalität und Professionalisierung dar. Sie versteht sich sowohl als Grundlagentext als auch ein Studienbuch für Studierende und praktizierende Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter.

Autoren

Bernd Dewe ist Professor für betriebliche und berufliche Erwachsenenbildung im Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Gerd Stüwe ist Professor im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der University of Applied Sciences Frankfurt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte:

  1. Soziale Arbeit – eine Profession?
  2. Die Dialektik von alltäglicher Lebenswelt und institutionalisierter Wissenschaft als Schlüssel zu einem professionellen Verständnis von Sozialer Arbeit.
  3. Funktionen und Ambivalenzen von Professionalisierung.
  4. Das Konzept der professionellen Handlungslogik.

Zu 1. Soziale Arbeit eine – Profession?

In ersten Abschnitt wird Profession aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. So lässt sich Profession z.B. nicht als ein Ensemble von Merkmalen und Kriterien begreifen (u.a. Organisation in einem Berufsverband, ethische Verhaltensregeln, Qualifikationsmerkmale). Auch der zu beobachtenden neueren Entwicklung zu einer scheinbar überlegenen managerialen Professionsauffassung wird vehement widersprochen: „Die in diesem Buch vertretene These lautet, dass Professionalität unter dem Gesichtspunkt gekonnter und reflexiver Beruflichkeit letztlich managerialen Verfahren überlegen ist“ (S.22). Manageriale Verfahren richten sich z.B. auf Effektivität und Einsparungen und führen zu einer Schwächung der kulturellen Autorität des professionell Handelnden. Die Sichtung unterschiedlicher professionstheoretischer Ansätze führt dann zur Kennzeichnung und Analyse dreier Konzepte:

  1. Das Konzept der altruistischen Professionalität beinhaltet z.B. sozialsittliches Engagement, ganzheitliche Betrachtung, Erfahrung und persönlichen Bezug zum Klienten. Im Mittelpunkt steht die sozialpädagogisch geschätzte helfende Beziehung.
  2. Das Konzept der wissenschaftsrationalistischen Professionalität („Der Sozialingenieur“) bewegt sich im Bereich der Verwissenschaftlichung und Technokratisierung Sozialer Arbeit. Das führt zu anerkanntem und organisierbaren Problemlösungswissen mit klar umrissenen schematischen Handlungstechniken.
  3. Das Konzept der lebensweltbezogenen Professionalität nimmt in entschiedener Weise Bezug auf den Klienten und eröffnet ihm eine Freiheit des „Ja – und Nein – Sagens“ (S.39) und erschöpft sich nicht im Aufdrängen von funktionalen Lösungen. Dies führt auch zu Ungewissheiten im professionellen Handeln mit nicht mehr gesichertem wissenschaftlichen Wissen.

Zu 2. Die Dialektik alltäglicher Lebenswelt und institutionalisierter Wissenschaft als Schlüssel zu einem professionellen Verständnis von Sozialer Arbeit

Um Wirklichkeitskonzepte von Wissenschaft und Lebenswelt zu erfassen, beginnt dieser Abschnitt mit einer sozialphänomenologisch akzentuierten Reflexion des Begriffes Lebenswelt. Aufeinander bezogen werden die Alltäglichkeit der Lebenswelt mit dem sozialwissenschaftlichen Wissen über diese Lebenswelt. Dabei arbeiten die Autoren die fundamentale Bedeutung der Lebenswelt heraus, die als autonome Konstruktion von der Wissenschaft zu respektieren ist – auch um die dort befindlichen kritischen Potenziale zu erhalten und ggf. zu mobilisieren. „Als Handlungswissenschaft kann die Soziale Arbeit aber nur kritisch wirksam werden, wenn sie von der Verantwortung und von den Zielen der zu bewältigenden alltäglichen Praxis ihrer Adressaten aus denkt“ (S.59). Damit wird die professionalisierte Tätigkeit auch ein Ort der Vermittlung von Theorie und Praxis. Für eine lebensweltorientierte Soziale Arbeit bedeutet dies z.B. (vgl. S. 61):

  • eine Umstrukturierung von Forschungsmethoden zugunsten qualitativer, kommunikativer und rekonstruktiver Verfahren wie Lebensweltanalyse, Biografieforschung, teilnehmende Beobachtung,
  • die Rehabilitierung vorwissenschaftlicher Erfahrung,
  • die Herstellung eine dialogischen Beziehung zwischen Fachkräften der Sozialen Arbeit und ihren Adressaten,
  • der gezielte Adressaten – und Handlungsbezug in der Berufspraxis so z.B. im Fallverstehen.

Dies darf aber nicht zu einem Verständnis als unmittelbare Praxistheorie missverstanden werden und ebenso nicht zur Preisgabe der utopischen und normativen Dimension sozialpädagogischer Problemstellungen führen. Vernachlässigt werden dürfen auch nicht die institutionalisierten und sozialstaatlich vermittelten Problemdeutungen und Praxisformen, die neokonservative und wirtschaftsliberale Konzepte in den Sozialsektor vermitteln.

Zu 3. Funktionen und Ambivalenzen von Professionalisierung

Diesen umfangreichen Abschnitt einleitend wird Profession beschrieben als Sicherung des Lebenseinkommens, als Aufgabe der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Ordnung und Normalität in differenzierten Gesellschaften sowie das Erbringen einer Dienstleistung im Rahmen von Egalität, Empathie und Anteilnahme an sozialen Beziehungen. Es hat sich „(.) ein Handlungsmuster durchgesetzt, indem die praktische Verwendung vom im weiteren Sinne humanwissenschaftlichen Wissen organisiert ist“ (S. 64). Verhandelt werden in diesem Abschnitt sodann unterschiedliche Positionen zur Professionalisierung: Die machttheoretische, die funktionalistische, die interaktionstheoretische sowie die indikatorisch-merkmalstheoretische Position. Gerade die letztgenannte Position führt jedoch in der Sozialen Arbeit zu Unklarheiten und damit zur Frage: Profession oder Semiprofession? Folgt man den Autoren ist die Soziale Arbeit (noch) eine Semiprofession was u. a. an der verwaltungstechnischen Einbindung der Praxis, als auch an einer nicht hinreichenden wissenschaftsbasierten Praxisausübung zu sehen ist. Das Hauptproblem, das berufliche Dilemma, ist einerseits das Streben nach Autonomie und andererseits die bürokratische Reglementierung, die überdies eine Sozialexpertenschaft begünstigt. Die Autoren stellen sodann die Frage, ob eine lebensweltorientierte Professionalisierung einen Königsweg aus dem genannten Dilemma darstellen könnte. Die Antwort besteht in der Konzeption einer neuen professionellen Handlungsorientierung, die „(.) am lebensweltorientierten, solidarischen, aufgeklärten Handeln interessiert ist“ (S. 107). Dies könnte durch einen Führungswechsel geschehen von gegebener Verfügungskompetenz zu tendenziell symmetrischen Beziehungen zu Klienten, die als handlungskompetente Akteure bzw. handlungskompetente Beteiligte gesehen werden. Diese neue Fachlichkeit ist in diesem Sinne an einem Kompetenztransfer orientiert, der die Lebenswelt der Klienten stabilisiert und zugleich widerstandsfähig gegenüber einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) macht.

Zu 4. Das Konzept der professionellen Handlungslogik

Dieser letzte Abschnitt verdeutlicht sehr klar das Anliegen der Autoren: Professionalität darf keineswegs mit Expertenhandeln gleichgesetzt werden. Zwar besitzt der Professionelle in den Handlungsfelder der Sozialarbeit notwendiges Expertenwissen, geht aber im Fallverstehen über dieses Regelwissen hinaus. Dies geschieht beispielsweise wenn lebensprakisches Wissen der Klienten einer stellvertretenden Deutung unterzogen wird: „Die Unterscheidung zwischen Professionellen- und Expertenkulturen besteht im Wesentlichen in dem unterschiedlichen Ausmaß an Respekt vor der Lebenspraxis der Klienten“ (S. 140). Dabei ist die Interaktionsbeziehung zwischen professionellen und Klienten frei von Zwang. Für die Professionellen können allerdings die genannten Komponenten, einerseits das wissenschaftliche Fachwissen und andererseits die heuristische Deutungsanstrengung im Fallverstehen, in Widerspruch geraten. Dann aber ist das Aushalten der strukturellen Ambivalenzen für den Professionellen unverzichtbar.

Diskussion

Die Autoren haben einen professionstheoretischen Beitrag verfasst, in dem ein eigenes Professionsmodell formuliert wird. Unter dem bereits bekannten Konzept der reflexiven Professionalität sind allerdings bereits grundlegende Einsichten hinsichtlich dieses Professionsmodells vorhanden. Dewe und Stüwe beschreiben aber mit entsprechender Breite und Tiefe Rahmenbedingungen professionssoziologischer Analyse auch im internationalen Kontext. Das Gewicht der dargelegten professionstheoretischen Auffassung ist in dem hohen Stellenwert lebenspraktischen Wissens und Handelns der Klienten zusehen. Die Abwehr jedweder Form von Entmündigung hat eine emanzipatorische „Ladung“, die die kritische Bedeutung der Sozialen Arbeit beschreibt. Es darf eben keine expertokratische „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas) eintreten.

Der vorgelegte Ansatz ist dort mit anderweitigen Theorien und Konzepten der Sozialen Arbeit anschlussfähig, in denen die Befähigung der Klienten das wichtigste Handlungsziel ist ( z.B. im Rahmen des Empowerment-Ansatzes). Die ausgewiesene professionstheoretische Perspektive des „Basiswissen Profession“ bildet über die genannte Anschlussfähigkeit hinaus zugleich eine Standortbestimmung der Professionsentwicklung in der Sozialen Arbeit.

Fazit

Facettenreich nimmt der vorgelegte Band den Professionsdiskurs in der Sozialen Arbeit auf. Lebenswelt, wissenschaftliches Wissen und professionelle Handlungslogik als grundlegende Begriffe werden in Abgrenzung zu konventionellen Professionsverständnissen zu einem Professionsmodell ausgearbeitet. Pointiert wird auf die aufklärende Bedeutung dieses neuen Professionsverständnisses in der Sozialen Arbeit hingewiesen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 31.08.2016 zu: Bernd Dewe, Gerd Stüwe: Basiswissen Profession. Zur Aktualität und kritischen Substanz des Professionskonzeptes für die Soziale Arbeit. In memoriam Wilfried Ferchhoff. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2360-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21052.php, Datum des Zugriffs 05.12.2019.


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