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Thomas Goll, Monika Oberle u.a. (Hrsg.): Herausforderung Migration

Cover Thomas Goll, Monika Oberle, Stefan Rappenglück (Hrsg.): Herausforderung Migration. Perspektiven der politischen Bildung : GPJE-Band 2016. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 184 Seiten. ISBN 978-3-7344-0198-5. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.
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Thema

Zur wirtschaftlichen, kulturellen, sozialen und politischen Entwicklung Deutschlands gehört seit jeher Migration, also Auswanderung wie Einwanderung. Sie geht einher mit der gesellschaftspolitischen Diskussion dazu, besonders wieder in den letzten Jahren, in Anbetracht der Hunderttausende Menschen, die aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, Nigeria usf. nach Deutschland geflüchtet sind.

Da fühlt sich die politische Bildung dazu aufgerufen, die Kinder und Jugendliche mit Migrationserfahrung oder Migrationshintergrund als Zielgruppe zur Kenntnis zu nehmen, aber auch auf die politischen Kontroversen zur „Flüchtlingskrise“zu reagieren.

Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Thomas Goll ist Professor für Didaktik an der TU Dortmund, Monika Oberle Politologieprofessorin an der Universität Göttingen, Stefan Rappenglück Professor für Interdisziplinäre Studien an der Hochschule München.

Die Beiträge stammen von Hochschullehrern und Hochschullehrerinnen sowie , wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die an Hochschulen in Deutschland, u.a. Berlin, Hannover, Gießen, Hamburg, Halle, Frankfurt, Karlsruhe, Mainz, aber auch im benachbarten Ausland, nämlich in Trento, Salzburg und Odense tätig sind.

Besonders hervorzuheben ist die ehemalige Bundesministerin und Bundestagspräsidentin Prof. Süssmuth, die einen Beitrag beigesteuert hat.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band dokumentiert die Jahrestagung der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) im Juni 2015 in München.

Aufbau

Nach der Einleitung versammelt der Band fünf Beiträge unter der Rubrik Politische Bildung, acht unter Politikdidaktik, weitere fünf „jenseits des Tagungsthemas“, insgesamt also neunzehn Artikel, sowie schließlich acht einseitige Poster. Zum Abschluss (7 Seiten) werden alle Mitwirkenden mit Institutsanschrift und Forschungsthemen vorgestellt.

Inhalt

Ausgangspunkt muss die Tatsache sein, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, auch wenn dies immer noch viele nicht wahrhaben wollen. Rita Süssmuth weist zum wiederholten Male daraufhin, dass das deutsche Schulsystem seine Hausaufgaben noch nicht gelöst hat; bis zu 40% der jungen Menschen mit türkischen Wurzeln haben keine Berufsausbildung.

Was Steinmann/Wendt/Bos „Leistungsdisparität“ nennen, hat zwar auch mit Migrationshintergrund zu tun, geht aber noch stärker mit der sozioökonomischen Lage, bis hin zur Armutsgefährdung, der Familien einher, wie auch Goll betont.

Offensichtlich ist den Muslimen in Deutschland ihre Religion wichtig; sie weist aber auch eine große Vielfalt auf, mit der sich alle Zielgruppen der politischen Bildung befassen sollten, sonst bestehe doch, wie Sabine Achour herausstellt, zu sehr die Gefahr, dass Islamismus und Terrorismus, gerade auch die „Einsteigerreligion“ des Salafismus das Bild und die Szene beherrschen. Tatsächlich, so Götz Nordbruch, könne man davon ausgehen, dass Gleichheit und Gerechtigkeit, im Koran festgeschrieben, für Muslime große Bedeutung haben, was man auch an deren Engagement in Parteien erkennen könne.

Susanne Gessner berichtet von eine Studie, in der Schülerinnen und Schüler der 10.Jahrgangsstufe, allesamt mit Migrationshintergrund, zu Wort kommen, von denen einige es definitiv ablehnen, dass (ihre) Migrationsgeschichte im Unterricht thematisiert werde, da Gleichheit, nicht Differenz zu betonen sei. Die Einwanderer stünden so immer wieder unter Legitimationsdruck. In diesem Zusammenhang findet Brigitte Fuhrmann das Projekt erwähnenswert, bei dem sich junge Erwachsene mit Migrationshintergrund als Gesprächspartner für alle Schüler/innen anbieten („Dialog macht Schule“).

Diskussion

Der Tagungsband hat den großen Vorzug, dass alle Beiträge knapp und übersichtlich gefasst sind. Allerdings sind die Posterinhalte kaum nachzuvollziehen. Die explizit nicht am Tagungsthema orientierten Beiträge sind beliebig und meist unergiebig, zum Teil auch nicht verständlich (z.B. die Klage darüber, dass es keine Theorie der politischen Bildung gebe). Zum Tagungsthema wird noch ein Bericht über ein Planspiel gezählt, das sich mit den Entscheidungswegen der EU in der Asylpolitik befasst und eine Konferenz hierzu simuliert. Der Verfasser sieht hier die Möglichkeit nachhaltigerer Wissensvermittlung.

Mancher Beitrag verspricht neue Erkenntnisse, etwa im Blick auf die „Republikanische Schule“ in Frankreich; statt eventueller „Hinweise für Deutschland aus französischer Perspektive“ lesen wir nur die Behauptung, die Grundrechte seien nicht überall gültig, sondern Werte der „deutschen Demokratie“, die aber von allen Personen einzufordern seien, die in Deutschland leben.

Während eingangs die Realität der Einwanderungsgesellschaft beschworen wird, ziehen sich einige Beiträge auch begrifflich in die unbestimmte „Migration“ zurück, lassen nicht von der flüchtigen „Zu-wanderung“ ab, verhandeln „Kulturen“ wie Container.

Ganz richtig wird Integration zum Schlüsselbegriff; sie verlange Eingeborenen wie Neuankömmlinge Lernprozesse und institutionelle Veränderungen ab – aber welche? Beispiele dazu finden sich nicht.

Erstaunlich farb- und leblos bleibt der Begriff der politischen Bildung. Was ist mit Handlungsfähigkeit, z.B. Partizipation? Immerhin ist ein Poster der Frage gewidmet, wie behinderte Jugendliche an Entscheidungsprozessen beteiligt sein/werden könnten. Weshalb kann nicht auch mal das Engagement von Jugendlichen in den Jugendverbänden oder als Schulsprecher/innen vorgeführt werden? Egal, ob nun mit oder ohne Migrationshintergrund. Und das ist die eigentlich interessante Frage: Wieso sollen Jugendliche mit Migrationshintergrund eine besondere Zielgruppe sein?

Die Herausgeber deuten eine gewisse Aktualität des Themas an, wenn sie auf die große Zahl von Menschen verweisen, die in Deutschland Zuflucht, Schutz vor Krieg, Elend und Verfolgung suchen. Gerade dazu sagen die Beiträge dieses Bandes nichts. Dafür lag offensichtlich der Tagungs- bzw. Redaktionstermin zu früh.

Fazit

Die GPJE dokumentiert hier eine Jahrestagung, routiniert, wenig inspiriert. Neue Perspektiven der politischen Bildung liefert sie nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 20.12.2016 zu: Thomas Goll, Monika Oberle, Stefan Rappenglück (Hrsg.): Herausforderung Migration. Perspektiven der politischen Bildung : GPJE-Band 2016. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-7344-0198-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21056.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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