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Robert Goodman, Stephen Scott: Kinder- und Jugendpsychiatrie

Cover Robert Goodman, Stephen Scott: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schattauer (Stuttgart) 2015. 3., überarbeitete Auflage. 464 Seiten. ISBN 978-3-7945-3149-3. D: 79,99 EUR, A: 82,30 EUR, CH: 109,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die Erstauflage dieses Lehrbuchs erschien im Jahr 2000. Die hier vorliegende dritte Auflage unterscheidet sich insbesondere im Hinblick auf den erweiterten Blick auf Jugendliche und die Anpassung auf das bereits erschienene DSM-5 und die zu erwartende ICD-11. Auch in den vorherigen Auflagen wurden bereits Themen der Jugendpsychiatrie behandelt, diese Bereiche wurden nun jedoch um Kapitel zu bipolaren Störungen, Schizophrenie, Essstörungen und Substanzmissbrauch erweitert. Daher erfolgte auch die Änderung des ursprünglichen Titels „Kinderpsychiatrie kompakt“.

Ziel der Autoren sei gewesen, „direkt zum Wesentlichen des Fachs Kinder- und Jugendpsychiatrie zu kommen“ (S. IX). Hiermit sollte sich dieses Lehrbuch von anderen, deutlich umfassenderen, Lehrbüchern abgrenzen und dennoch „knapp, klar, praktisch, reflektiert, aktuell, wissenschaftlich exakt, klinisch fundiert und prüfungsrelevant zu sein“ (ebd.). Insbesondere für den Aspekt der Prüfungsvorbereitung liefern die Autoren neben dem Buch eine umfangreiche (englische) Fragensammlung auf ihrer Homepage. Die Adresse wird im Buch genannt.

Autoren

Robert Goodman, Professor für Brain and Behavioural Medicine am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience, King´s College London, UK. Entwickler verschiedener international verbreiteter psychometrischer Verfahren wie eines Screening-Verfahrens für psychiatrische Störungen bei Kindern. Forschungsschwerpunkte: Psychiatrische Folgen chronischer neurologischer Erkrankungen, Screeningverfahren für psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen.

Stephen Scott, Professor für Child Health and Behaviour, Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience, King´s College London, UK. Direktor der National Academy for Parenting Research, einer Forschungseinrichtung zur Evaluation und Verbreitung von Therapieprogrammen für Kinder mit aggressivem und antisozialen Verhalten. Leiter der nationalen Spezialsprechstunden „Störungen des Sozialverhaltens“ und „Adoption und Pflegefamilien“. Forschungsschwerpunkte: Antisoziales Verhalten, Trainingsprogramme für Eltern, Bindung, Adoption und Pflegefamilien.

Aufbau

Das Buch wird in fünf Abschnitte unterteilt:

  1. Untersuchung, Klassifikation und Epidemiologie
  2. Kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder
  3. Risikofaktoren
  4. Therapie
  5. Anhang

Zu 1. Untersuchung, Klassifikation und Epidemiologie

Der erste Abschnitt unterteilt sich in die oben genannten Unterkapitel. Hier wird bereits die Praxisrelevanz dieses Buches deutlich: Im ersten Abschnitt – Untersuchung – wird auf fünf Schlüsselfragen eingegangen, mit denen unabhängig von gängigen Explorationsschemata oder Anamnesebögen, die wichtigsten Aspekte einer Erstvorstellung abgedeckt werden sollen. Konkret wären dies:

  • Symptome (der vorgestellten Person)
  • Auswirkungen (Beeinträchtigungen im alltäglichen Leben)
  • Risikofaktoren (auslösende oder aufrechterhaltende Bedingungen)
  • Stärken( Ressourcen)
  • Erklärungsmodell (der Familie)

Diese Punkte werden griffig mit dem Akronym SARSE abgekürzt und im Weiteren erläutert. Es folgen einige praktische Tipps zur Anamneseerhebung mit Eltern, der Exploration des Kindes oder Jugendlichen, der Beobachtung der Interaktion in der Familie, dem Einholen von Informationen seitens der Lehrkräfte, der körperlichen Untersuchung und dem abschließenden Verfassen des Arztbriefs.

Im zweiten Kapitel wird zunächst auf die Prinzipien der diagnostischen Klassifikation, deren Brauchbarkeit, die Frage nach dimensionaler versus kategorialer Klassifikation, „durchgängige“ oder „situationsbezogene“ Symptomatik und die Frage nach gestörten Individuen oder Familien eingegangen. Anschließend werden die gängigen Klassifikationssysteme DSM-5 und ICD-10 mit ihren Vor- und Nachteilen vorgestellt.

Der Abschnitt wird mit einem umfassenden Kapitel über Epidemiologie abgeschlossen. Hier wird zunächst der Vorteil eines epidemiologischen Ansatzes erläutert, dann auf Einschränkungen eingegangen, um weiter das Vorgehen in epidemiologischen Studien zu erläutern. Deren Ergebnisse haben umfassenden Einfluss auf das kinder- und jugendpsychiatrische Vorgehen. Erläutert wird dies anhand folgender Themen:

  • Prävalenzen
  • Komorbidität
  • Unbehandelte Störungen
  • Persistenz
  • Geschlechterverteilung und Erkrankungsalter
  • Ätiologie
  • Transkulturelle Unterschiede
  • Säkulare Trends

Zu 2. Kinder- und jugendpsychiatrische Störungsbilder

Dieser Abschnitt nimmt den größten Teil des Buchs ein. Hier werden – ähnlich wie bei anderen Lehrbüchern – sämtliche relevanten Störungsbilder der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Konkret sind dies:

  • Autismus
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Jugendkriminalität
  • Schulverweigerung
  • Angststörungen
  • Depression
  • Manie und bipolare Störungen
  • Suizidalität und selbstverletzendes Verhalten
  • Belastungs- und Anpassungsstörungen
  • Zwangsstörungen
  • Tic-Störungen
  • Selektiver Mutismus
  • Bindungsstörungen
  • Einnässen
  • Einkoten
  • Schlafstörungen
  • Psychosomatik
  • Psychische Auffälligkeiten im Kleinkindalter
  • Grundsätzliches zu Adoleszenz und typischen Störungen des Jugendalters
  • Schizophrenie
  • Essstörungen
  • Substanzkonsum und-missbrauch
  • Misshandlung und Missbrauch

Zu 3. Risikofaktoren

In diesem Teil werden Risikofaktoren, die das Entstehen von kinder- und jugendpsychiatrischen Störungsbildern begünstigen können, diskutiert. Hier wird auf folgende Themenkomplexe eingegangen:

  • Intelligenzminderung
  • Hirnfunktionsstörungen
  • Sprech- und Sprachstörungen
  • Schwierigkeiten beim Lesen
  • Unsicheres Bindungsverhalten
  • Gene und Umwelt
  • Schwierige Situationen („Coping“)
  • Schule und Gleichaltrige

Zu 4. Therapie

Der abschließende Abschnitt (abgesehen vom Anhang) beschreibt folgende Themen:

  • Grundprinzipien der Therapie
  • Prävention
  • Pharmakotherapie
  • Verhaltenstherapie
  • Kognitive, Interpersonelle und weitere individuumszentrierte Therapieverfahren
  • Familientherapie und Systemische Therapie
  • Kinder und Jugendliche in Pflege- und Adoptivfamilien
  • Aufbau und Organisation kinder- und jugendpsychiatrischer Versorgungsstrukturen

In allen Kapiteln wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit auf die Angabe von Quellen im Text verzichtet. Am Ende jedes Kapitels werden relevante Quellen und Empfehlungen zur vertiefenden Lektüre genannt.

Diskussion

Zuerst habe ich mich gefragt: Warum soll ich noch ein neues Lehrbuch rezensieren, bzw. im Schrank stehen haben? Vor allem, wenn es im Vergleich zu anderen so kurz ist, dass es unmöglich alle relevanten Aspekte abdecken kann. Beim Durcharbeiten fiel mir jedoch schnell auf, dass sich dieses Buch deutlich von allen anderen mir bekannten Lehrbüchern unterscheidet. Dies beginnt bereits bei der Verwendung von Sprache: an mancher Stelle liest sich der Text fast so, als würde eine persönliche Ansprache seitens der Autoren erfolgen. Die bereits oben genannte Form der Verwendung von Quellen ist für ein Fachbuch ungewöhnlich, funktioniert aber gut. Auch wenn man sich beim Lesen immer wieder fragt, woher die Informationen stammen, kann man das am Ende des Kapitels immer wieder gut zuordnen.

Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit der Autoren, mit deutlich weniger Text sowohl die relevanten Inhalte als auch darüber hinaus wertvolle Informationen für die praktische Tätigkeit zu liefern. Das gelingt diesem Werk meines Erachtens nach besser als jedem anderen. Wie, das ist mir immer noch nicht klar. Sehr hilfreich, wenn die lesende Person der englischen Sprache mächtig ist, sind die über 200 Multiple Choice Fragen zur Prüfungsvorbereitung auf der Homepage der Autoren.

Weiterhin ist hervorzuheben, dass das DSM-5 bereits Berücksichtigung findet. Die Schwerpunkte der praktischen Arbeit sind klug gewählt: So ist es für die Arbeit in der Klinik eminent hilfreich, nach dem beschriebenen SARS-Schema vorzugehen und konkrete Hilfen für das Erstellen eines Arztbriefes zu erhalten. Die beschriebenen historischen Rückblicke zeigen zudem die Entwicklungen des noch jungen Fachs der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf und machen deutlich, wie spannend die Arbeit in diesem lebendigen Fach ist. Die Darstellung der jeweiligen Störungsbilder ist hervorragend gelungen und erfolgt teilweise sogar aus Sicht der Betroffenen.

Als einziger Kritikpunkt könnte angebracht werden, dass analytische und tiefenpsychologische Ansätze keinerlei Erwähnung finden. Da sich dieses Fachbuch jedoch auf evidenzbasierte Verfahren bezieht und von Verhaltenstherapeuten geschrieben wurde, ist dies nachvollziehbar. Zudem dann auch der besondere Anspruch – das Buch kurz und prägnant zu halten – nicht eingehalten hätte werden können. Im Bereich der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie haben sich verhaltenstherapeutisch-systemische Ansätze mittlerweile zumindest im deutschen Raum durchgesetzt.

Fazit

Abschließend soll noch mal auf das einleitende Statement der Autoren eingegangen werden: Ziel sei gewesen „(…) direkt zum Wesentlichen des Fachs Kinder- und Jugendpsychiatrie zu kommen. Unser Anliegen hierbei war es, knapp, klar, praktisch, reflektiert, aktuell, wissenschaftlich exakt, klinisch fundiert und prüfungsrelevant zu sein“ (S IX.). Dieses ist in unnachahmlicher Art und Weise gelungen. Oder um es mit den Worten von Professor Sir Michael Rutter aus dem Geleitwort zu sagen: „Dieses Buch ist ein einzigartiges Juwel und die beste Einführung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, die jemals geschrieben wurde. (…) Für alle, diejenigen, denen an einer leicht zugänglichen Einführung in das Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie gelegen ist oder die sich auf dem neusten Stand von Forschung und klinischer Praxis halten wollen, gibt es einfach kein besseres Lehrbuch.“ (S. XI-XIII). Dem ist nichts hinzuzufügen.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 27.12.2016 zu: Robert Goodman, Stephen Scott: Kinder- und Jugendpsychiatrie. Schattauer (Stuttgart) 2015. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7945-3149-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21057.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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