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Katharina Müller: ‚Der bunte Hund im Haus‘ (inklusive Bildung in Baden-Württemberg)

Cover Katharina Müller: ‚Der bunte Hund im Haus‘. Perspektiven auf Gelingensbedingungen und Hemmfaktoren für inklusive Bildung in Baden-Württemberg. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 110 Seiten. ISBN 978-3-7799-3432-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Autorin

Katharina Müller, Jg. 1967 ist Professorin für Sozialpolitik an der Fakultät für Sozialwesen in Mannheim. Sie studierte Diplom-Volkswirtschaft und promovierte im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Ihre Arbeitsschwerpunkte beziehen sich auf internationale und nationale Sozialpolitik.

Zielsetzung

Das Buch richtet sich auf die Praxis inklusiver Bildung und ihre Verankerung im baden-württembergischen Schulgesetz seit 2015. Katharina Müller arbeitet Konflikte, Dilemmata, kontroverse Themen und die Übereinstimmung von Sichtweisen über das schulische Handlungsfeld heraus.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert.

An das erste Kapitel „Einleitung“ und das zweite Kapitel „Hintergrund und Ziel der vorliegenden Untersuchung“ sowie das dritte Kapitel „Methodisches Vorgehen“ schließt sich das zentrale vierte Kapitel, „Hemmfaktoren und Gelingensbedingungen für schulische Inklusion aus Stakeholder-Sicht“, an. Im Anschluss daran folgen das fünfte Kapitel „Zusammenfassung und Diskussion der Stakeholder-Perspektiven“ und das sechste Kapitel „Schlussfolgerungen“.

Inhalt

Inklusive Bildung ist seit der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention 2008 eine verbindliche Forderung, die in einem komplexen Bildungssystem realisiert werden muss.

In den ersten zwei Kapiteln nennt die Autorin die Zielsetzung des Buches. Die vorliegende Untersuchung setzt sich mit inklusiver Bildung in Schulen Baden-Württembergs auseinander. Die Autorin möchte einen Beitrag zum wissenschaftlichen Diskurs um inklusive Bildung leisten. Darüber hinaus sollen ihre Erkenntnisse als Orientierungshilfe für die Aus- und Fortbildung von inklusiv arbeitenden pädagogischen Fachkräften genutzt werden. Des Weiteren will sie mithilfe ihrer Studie die politische Auseinandersetzung um schulische Inklusion bereichern (vgl. S. 15 – 16).

Im dritten Kapitel wird die Methode der teilnehmenden Beobachtung und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring benannt. Auf der Grundlage von 16 Einzel- und 4 Gruppeninterviews mit sogenannten Stakeholdern für inklusive Bildung, geben 29 befragte Personen Auskunft über Hemmfaktoren und Gelingensbedingungen für inklusive Bildung. Die Autorin ist zudem Mutter einer Tochter, „die Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot im Bereich Hören hat“ (S. 23).

Relevante Stakeholder sind, so die Autorin, Schulkinder mit und ohne Behinderung, die Eltern, Lehr- und Leitungskräfte an Schulen, sozialpädagogische Fachkräfte, Bundesfreiwillige, Lehrkräfte an Pädagogischen Hochschulen, Fachhochschulen und Fachschulen für Sozialpädagogik. Die beteiligten Institutionen haben administrative und ausführende Kompetenzen. Es handelt sich um die Bundes- und Landesregierungen, Kultusministerien, Regierungspräsidien, Schulämter, Sozial- und Jugendämter, Hochschulen, Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und Betreuung, Schulsozialarbeit und Interessensverbände.

Die Autorin erforschte ihr Thema mithilfe von einstündigen und teilstandardisierten Leitfrageninterview, die sie mit Eltern von Kindern mit Behinderungen, mit Lehr- und Leitungskräften von Sonderschulen und allgemeinen Schulen, mit Schulträgern und Mitarbeitern des Staatlichen Schulamts und des Kultusministeriums führte. Seit dem Schuljahr 2010/2011 bis zum Schuljahr 2014/2015 wurde der gemeinsame Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung an baden-württembergischen Schulen erprobt. Die Auswertung der Interviews erfolgte in drei Schritten. Zunächst wurden die subjektiv wahrgenommenen Gelingens- und Hemmfaktoren für schulische Inklusion erfragt. Daraufhin wurden die Interviews mit fünf Stakeholder-Gruppen, Eltern, Lehrkräfte, Schulleitungen, Kultusverwaltung und Schulträger, fortgesetzt (vgl. S. 27). Ziel war, eine Metadokumentation zu erstellen, die systematisiert alle genannten Hemmfaktoren und Gelingensbedingungen beinhaltete. Der zugrundeliegende Inklusionsbegriff ist politisch abgesichert. Im Kultusministerium gilt Inklusion als gemeinsames Lernen und deshalb geht es um den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern, der im Primarbereich erprobt wurde (vgl. 30 f).

Das vierte, zentrale Kapitel, gibt Einblick in die Interviews und lässt auf diese Weise die Perspektive der Akteure und Akteurinnen sichtbar werden. Die vorgetragenen Perspektiven decken sich häufig mit denen, die in Fremdstudien auch bereits genannt werden (vgl. S. 99).

Das fünfte Kapitel fasst Schlüsselthemen zum Gelingen inklusiver Bildung zusammen. Im Sinne einer Ist/Soll- Analyse wurden Bereiche identifiziert, die beachtet werden müssen. Im Rahmen dieses Buches werden auch Aspekte benannt, die kontrovers diskutiert werden.

  • So geht es um die Einstellung zum Thema inklusive Bildung. In den Interviews wird immer wieder deutlich, dass Inklusion nur dann verwirklicht werden kann, wenn sie auch gewollt ist.
  • Der Paradigmenwechsel für inklusiver Bildung im Sinne des gemeinschaftlichen Unterrichts bezieht sich, so die Autorin, auf den Umgang mit Diversität und Heterogenität. Eine individuelle Lernbegleitung erfordere neue didaktische Konzepte und Unterrichtsmethoden.
  • Die Vorbereitung von Schulen und Lehrkräften auf inklusive Bildung bedürfe der Kompetenz des Team-Teaching, die Kooperation zwischen Grund- und Sonderschulen und die Bereitschaft der sonderpädagogischen Lehrkräfte, an Primarschulen zu unterrichten.
  • Die Unterstützung durch die Schulleitung und die Personalausstattung eines differenzierten Unterrichts ziehe neue Steuerungsaufgaben nach sich.
  • Kooperation und Teamarbeit im Klassenzimmer brauche Supervision, Fortbildung und gemeine Besprechungen.
  • Die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften in der inklusiven Bildung bedeute mehr Zeit zur Vorbereitung und für Netzwerkarbeit.
  • Die Größe und Zusammensetzung der Inklusionsklassen bedürfe einer Prüfung, denn heterogene Gruppen stellen Herausforderungen an die Gruppe und kooperative Unterrichtsformen dar.
  • Die räumlichen Rahmenbedingungen müssen auf Barrierefreiheit hin geprüft werden.
  • Der Umgang mit den Unterschieden zwischen allgemeiner Pädagogik und Sonderpädagogik bedarf, so die Autorin, der Reflexion in Bezug auf Asymmetrien wie Deputate, Besoldung, curriculare Freiheiten und Segregation.
  • Der Umgang mit Ängsten und Überforderungsgefühlen sollte unbedingt berücksichtigt werden. Ängste brauchen einen Ort, an dem sie thematisiert werden dürfen.
  • Die Bedeutung der Wohnortnähe, die von der UN-Konvention gefordert wird, steht z.Zt. im Widerspruch zum gruppenbezogenen Schulunterricht.
  • Die Akzeptanz der Gesamtelternschaft sollte berücksichtigt werden.
  • Die Einbindung der Eltern von Kindern mit Behinderung erfordere Ombudstellen, denn Inklusion durchzusetzen sei eine konfliktträchtige Aufgabe.
  • Die Zusammenarbeit der beteiligten Akteursgruppen brauche nicht nur kommunikativ-dialogische Kompetenzen, sondern auch strukturelle Voraussetzungen, z.B. Partizipation.
  • Die Finanzierung der inklusiven Bildung ist zu klären. Eine kostenneutrale Einführung inklusiven Lernens ist unrealistisch und muss zurückgewiesen werden.
  • Die Frage nach Inklusion und Schulreformen wird voraussichtlich notwendig, denn die Logik des bisherigen Schulsystems begrenze die Möglichkeiten inklusiver Bildung.
  • Inklusion als gesamtgesellschaftliches Thema zu begreifen ist nach wie vor vonnöten.

Die Autorin macht auf einige Konflikte besonders aufmerksam. Dabei geht es um zu geringe Vorbereitungszeiten, Klassenteiler und zu späte Information bzw. Schulzuweisungen für Eltern betroffener Kinder. Die wohnortnahe Inklusion gerate in Konflikt zum grundsätzlich gruppenbezogenen Unterricht. Meist wird der Wunsch nach Team-Teaching und der Bildung homogener Teilgruppen für Lehrende gegen das Argument des Lernens in vertrauter Umgebung gerichtet, wenn es pragmatisch notwendig ist. In Bezug auf die proaktive Unterstützung von Inklusion haben zwar Eltern ein Wahlrecht, doch für lehrende Fachkräfte sei diese Möglichkeit noch nicht vorgesehen. Dies wird zum Problem, weil Inklusion als Rechtsanspruch bestehe. Ein großes Problem stellt die Erfassung des Mehraufwandes dar, die einen relevanten Einfluss auf das Deputat hat. Des Weiteren gibt es z.Zt. keine Sicherheit über die Zukunft der Sonderschulen, obwohl immer mehr Lehrkräfte mit diesem Hintergrund notwendig sind. Die Übergänge von der Primar- zur Sekundarstufe sind so gut wie gar nicht im Blick. „Ohne anschlussfähige Sekundarschuloptionen ist Inklusion in der Grundschule jedoch nur eine Insellösung“ (S. 103).

Im sechsten Kapitel zieht die Autorin Schlussfolgerungen. Der Paradigmenwechsel Inklusion erfordere weiterhin Diskussionen und Bemühungen um die Kooperation der beteiligten Akteure. Das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ist nach wie vor eine Ausnahme. Darauf verweist nicht zuletzt der Titel des Buches „Der bunte Hund im Haus“. Eine Interviewpartnerin pointierte auf diese Weise ihre Selbstwahrnehmung als Lehrkraft in einer Inklusionsklasse.

Diskussion

Das vorliegende Buch reduziert Komplexität von Anfang an. Das Buch beschäftigt sich mit der schulischen Praxis. Hier müssen neue Aufgaben umgesetzt werden und dafür brauchen Akteure Handlungsorientierung. Das Thema Inklusion und die Frage nach dem Paradigmenwechsel werden nicht analysiert. Es geht um die Sache. Die Bezeichnung des englischen Wortes Stakeholder fokussiert die Bedeutung. Das gemeinsame Interesse einer Personengruppe, die den Verlauf oder das Ergebnis eines Projektes umsetzen will, wird hier zur Leitperspektive.

Fazit

Das Buch mit dem ansprechenden Titel „Der bunte Hund im Haus“ besticht aufgrund der Fokussierung. Es stellt keinerlei Anspruch an eine Auseinandersetzung mit dem Begriff und leitet den Blick konsequent auf das Gelingen von Inklusion, die als gemeinsames Lernen definiert wird. Diese schulpolitische Perspektive wird weder kritisiert noch relativiert. Deshalb macht das Buch all denen Hoffnung, die für den schulischen Paradigmenwechsel eintreten, und tatsächlich viele Hürden nehmen müssen. Die im fünften Kapitel genannten Themen lesen sich wie eine To do Liste. Insofern ist das Buch eine Orientierungshilfe und gleichzeitig die Agenda für politisch handelnde und pädagogische Fachkräfte. Es unterstreicht die Absicht, Praxis zu unterstützen und den gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel weiterzubringen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 29.07.2016 zu: Katharina Müller: ‚Der bunte Hund im Haus‘. Perspektiven auf Gelingensbedingungen und Hemmfaktoren für inklusive Bildung in Baden-Württemberg. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3432-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21060.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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