socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Schröder-Bäck, Joseph Kuhn (Hrsg.): Ethik in den Gesundheits­wissenschaften

Cover Peter Schröder-Bäck, Joseph Kuhn (Hrsg.): Ethik in den Gesundheitswissenschaften. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 420 Seiten. ISBN 978-3-7799-1577-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der Band führt als erster umfassend in die Ethik des Handelns in den Gesundheitswissenschaften und Public Health ein. Gleichzeitig ist der Sammelband als Handbuch gedacht. Es werden philosophisch-ethische Grundlagen vorgestellt und in einer Vielzahl an Beispielen ethische Herausforderungen bei Interventionen und Anwendungsfeldern sichtbar gemacht. Ausgegangen wird in dem Band von der Annahme, dass die Gesundheit erhaltenden bzw. wiederherstellenden Lebensbedingungen nicht ohne Bezug auf Werte und Normen zu beantworten sind.

Herausgeber

Peter Schröder-Bäck ist an der Maastricht-University, School of Public Health and Primary care und an der Universität Bremen am Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin tätig.

Josef Kuhn arbeitet im Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, GE – Gesundheitsberichterstattung, Sozialmedizin, Öffentlicher Gesundheitsdienst.

Entstehungshintergrund und Grundanliegen

Die Frage nach der Ethik in den Gesundheitswissenschaften und Public Health ist thematisch weit gespannt und auch für Fachpersonen schwer überschaubar. Entstehungshintergrund ist deshalb, einen auch „für Laien verständlichen Überblick über ethische Konzepte und Theorien zu geben, die in den Gesundheitswissenschaften relevant sind“. Konzepte und Theorien weisen aufgrund der verschiedenen disziplinären Hintergründe der Autoren und Autorinnen eine große Spannbreite auf. Sie führt nicht zu einem Einheit stiftenden Ziel, sondern soll zum selbständigen und kritischen Urteilen befähigen.

Aufbau

Der Band gliedert sich in einen Grundlagen- und einen Praxisteil. Letzterer gliedert sich in drei Unterteile. Basierend auf „Gesellschaft und Rahmenbedingungen“ werden Beispiele zu ethischen Fragen aus Forschung und Anwendungsfeldern, Interventionen sowie Lehre dargestellt.

Die Einzelbeiträge weisen in ihrem Aufbau eine einander ähnelnde Grundstruktur auf. Nach einer grundlegenden themenbezogenen Erörterung (z.B. zu Moral, Ethik und Recht oder z. B. zu Risiko) wird die Verbindung zu den Gesundheitswissenschaften und zu Public Health formuliert, verdichtet dann in einer Zusammenfassung, die in allen Beiträgen des Bandes aufzufinden ist. Die Einzelbeiträge werden nach der Zusammenfassung in thesenförmig formulierten knappen Aussagesätzen zugespitzt. Sie erklären noch einmal das Thema (z. B. was deontologische Theorien der Ethik sind und worin die Verbindung zu den Gesundheitswissenschaften bzw. zur öffentlichen Gesundheitsversorgung zu sehen ist).

Zum ersten Teil

In den „Grundlagen zu Ethik in den Gesundheitswissenschaften“ geht es um die Einführung in verschiedene ethische Theorien.

In ihrem historisch angelegten Beitrag zeigt Sigrid Stöckel, welche Rolle ethische, soziale und politische Werte im Verlauf der zurückliegenden 250 Jahre in Public Health gespielt haben. Sie reichen bis zur Verkehrung im Nationalsozialismus, indem „gesundheitlich Geschwächte als biologisch Minderwertige“ etikettiert wurden. Nach dem Missbrauch der „Kollektivethik“ im Nationalsozialismus stand quasi als Reaktion in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg das Individuum im Zentrum von Politik und Medizin.

Verschiedene Gesundheitsdefinitionen diskutiert Christian Lenk in seinem Beitrag. Er unterscheidet zwischen normativen und deskriptiven Ansätzen. Bestimmen deskriptive Ansätze ihr Verständnis von Gesundheit und Krankheit von den physiologischen und mentalen Eigenschaften einer Person, so gehen normative Ansätze von gesellschaftlichen Werten aus (siehe z. B. die Ottawa-Charta von 1986).

Im Beitrag von Rolf Stoecker geht es um das Verhältnis von Moral, Ethik und Recht. Als angewandte Ethik in den Gesundheitswissenschaften ist die Ethik normativ ausgerichtet und hinterfragt vor diesem Hintergrund herrschende Moral und rechtliche Rahmenbedingungen. Eine angewandte Ethik entwickelt die Voraussetzungen für ein moralisch verantwortliches Handeln.

Zur Frage verantwortlichen Handelns gehört auch der Umgang mit Risiko. Risiko definiert Klaus Peter Rippe über die Komponenten Eintrittswahrscheinlichkeit und Schaden. In der Public-Health-Ethik identifiziert der Autor drei Falltypen. Insbesondere gesellschaftlich relevant ist der dritte Typus, insofern er benachteiligte Menschen umfasst, die, ohne etwas dafür zu können, höhere Risiken tragen als andere. Ergibt sich hieraus die gesellschaftliche Verpflichtung, „diese Benachteiligung durch eine Priorisierung der vorhandenen Ressourcen auszugleichen“? fragt Klaus Peter Rippe.

In seinem Beitrag stellt Dieter Birnbacher kosequenzialistische Theorien dar, während es anschließend Markus Rothhaar und Martin Hähnel um die deontologische Ethik geht. Sie ist nicht mit Utilitarismus zu verwechseln. Geht es konsequenzialistischen Ansätzen um Bewertungen von Handlungsfolgen, so sind für Deontologen die Handlungsabsichten ethisch vorrangig relevant. Grundlegende Rechte und Werte stehen dabei im Vordergrund. Für die öffentliche Gesundheitsversorgung bedeutet dies „eine gerechte, patientenrelative Verteilung von Ressourcen“ (S. 79).

Autonomie versus Paternalismus? Lässt sich Beides zusammen führen? Hierum geht es Thomas Schramme. Der Beitrag zeigt, wie ein libertärer Paternalismus die Autonomie des Einzelnen, aber gleichzeitig auch sein Wohl zu schützen vermag.

In den beiden nachfolgenden Beiträgen, zum einen von Oliver Rauprich, zum anderen von Jens Ried, geht es um Gerechtigkeit. Auf ihrer Grundlage vollzieht sich die Bekämpfung von gesundheitlicher Ungleichheit. Um differenzierter Antworten zu geben, bedarf es einer genaueren Bestimmung von Gerechtigkeit. Rauprich bezieht sich auf den Gerechtigkeitsansatz von Norman Daniels, Jens Ried bezieht sich auf den capabilities approach von Amartya Sen. Auf den Ansatz von Norman Daniels greifen in einem späteren Beitrag zu ethischen Fragen der Migrantinnen- und Migrantengesundheit (S. 82-191) Judith Wenner und Oliver Razum zurück. Auf den capabilities approach nehmen später Gabriele Bolte in ihrem Beitrag zur Umweltgerechtigkeit (S.192-203), Jens Ried zur Adipositasprävention (S. S. 241-253) und Daphne Hahn zu gesundem Altern (S. 296-307) Bezug.

Kaum im Blick der Gesundheitswissenschaften und Public Health ist bislang das Themenfeld menschlicher und professioneller Tugenden. In seinem Beitrag werden von Martin Hähnel Charaktereigenschaften in den Vordergrund ethischer Beurteilung gestellt. In einem Ausblick formuliert der Autor Tugendethik als Überwindung von Dilemmaethik. Im Gegensatz zu Deontologie und Konsequentialismus erleichtert Tugendethik den Akteuren den Umgang mit Konfliktsituationen (S. 122).

Ähnlich wie bei Autonomie und Paternalismus werden auch Ethik und Ökonomie als einander widersprechend angesehen. Dass auch der Ökonomik, insbesondere im Bereich der normativen Ökonomik, ethische Werte zugrunde liegen, arbeitet Heinz Rothgang heraus, indem er vom Grundsachverhalt der Knappheit ausgeht. Der Autor konstatiert (S. 132), für eine populationsbezogene Betrachtungsweise der Gesundheitswissenschaften sei die Gesundheitsökonomik unverzichtbar, um eine rationale Steuerung effizienter Ressourceneinsätze sicherzustellen.

Wie lassen sich Public Health und Gesundheitswissenschaften in der Praxis zusammen bringen? Antworten dazu liefert Dagmar Borchers durch Ethiktools als Prüfverfahren für praktikable, inhaltlich plausible Entscheidungsgrundlagen (S.145). Ethiktools haben ethische Reflexionen in der Praxis zu unterstützen. An der Entwicklung von Ethiktools haben Praxis und Wissenschaft noch weiter in Kooperation zu arbeiten.

Dass staatlichem Handeln eine wichtige Aufgabe für die Gesundheit der Bevölkerung zufällt, ist unbestritten. Aber wieweit hat es zu gehen? Und an welchen Werten hat es sich zu orientieren? In ihrem den ersten Teil beschließenden Beitrag schlagen Manfred Wildner und Herbert Zöllner für eine ethische Bewertung staatlichen Handelns „eine Verbindung von deontologisch-rechtlichen Kriterien mit einem kontextsensiblen kohärentistischen Diskurs“ (S. 162) vor.

Zum zweiten Teil

Der zweite Teil greift in seinem ersten Unterteil Themen zu Gesellschaft und anderen Rahmenbedingungen auf:

  • Thomas Lampert soziale und gesundheitliche Ungleichheiten,
  • Judith Wenner und Oliver Razum ethische Fragen der Migranten- und Migrantinnengesundheit,
  • Gabriele Bolte das Thema der Umweltgerechtigkeit und
  • Ulrike Maschewsky-Schneider Ethik und Geschlecht in Public Health.

Der zweite Unterteil ist überschrieben mit „Interventionen und Anwendungsfelder“. In diesem ausführlichen Unterteil geht es um Impfprogramme, Screeningangebote, Adipositasprävention, Nichtraucherschutz und Tabakkontrolle, Suchtprävention, Public Mental Health und Stigmatisierungen, Empowerment: Fallstricke der Bemächtigung, gesundes Altern, Genomik, Personalisierte Medizin und Big Data, Priorisierung in der medizinischen Versorgung, Global Health in Krisengebieten, Begutachtung in und durch Arbeits- und Sozialmedizin, präventive Kommunikationskampagnen und schließlich Gesundheitsberichterstattung.

Herausgreifen möchte ich aus den Beiträgen des zweiten Unterteils den auch in der Sozialen Arbeit populären Begriff des Empowerment, den Ulrich Bröcking kritisch in den Blick nimmt, da er für Gesundheitsförderung besonders wichtig ist. Empowerment ziele darauf ab, „zur eigenverantwortlichen Lebensweise zu befähigen“ (S. 17), Er wolle Machtlosigkeit überwinden; die Gefahr sei aber, dass nicht selten „hinter der Veränderung der zu empowernden Personen“ (S. 17) die Veränderung von Machtverhältnissen verschwinde und nicht zu empowernde Personen als Verweigerer dastünden und gleichzeitig die Verantwortung der Gesellschaft überdeckt werde: „Wer seiner Mitwirkungspflicht nicht nachkommt, der verliert seinen Leistungsanspruch“ (S. 294), so Ulrich Bröcking.

Der dritte Unterteil (Forschung und Lehre) besteht aus drei Beiträgen:

  • David Klemperer thematisiert Interessenkonflikte,
  • Christian Lenk Forschungsethik und die Rolle von Ethikkommissionen und
  • Minou Bernadette Friele Wert und Nutzen der Public-Health-Ethik für Studium und Praxis.

Diskussion

Der Band „Ethik in den Gesundheitswissenschaften“ bietet eine Fülle thematischer Facetten, die für den Rezensenten, der sich im Rahmen der Sozialen Arbeit mit Sozialer Arbeit im Gesundheitswesen und Gesundheitsarbeit im Sozialwesen befasst, viele Anregungen liefert. Spannend sind die unterschiedlichen Aspektierungen zu Fragen einer Ethik in den Gesundheitswissenschaften und Public Health aus der Perspektive der Philosophie, den Gesundheitswissenschaften und der Medizin. Die Einzelbeiträge sind prägnant und knapp und so geschrieben, dass auch sozialwissenschaftliche Fachvertreter und -vertreterinnen allgemein die Beiträge vor allem des ersten Teils als Grundlagen gewinnbringend für die eigene Erkenntnisarbeit lesen können.

Hervorzuheben ist die fachlich klare Sprache in beiden Teilen und der Aufbau der Beiträge, der jeweils in thesenartigen Sätzen das Wichtigste resümiert.

Der Band erfüllt zweifelsohne den Anspruch an eine Einleitung und an ein Handbuch. Schade, dass den Herausgebern im dritten Unterteil mit drei Beiträgen, bezogen auf die Gesamtkomposition offenbar etwas die Luft ausgegangen ist. Hier wäre beispielhaft ein Forschungsbericht aus dem Feld der Gesundheitswissenschaften interessant gewesen, der konkret forschungsethische Fragen anspricht. Wie wird Ethik in den Gesundheitswissenschaften gelehrt? Hier einen aktuellen Überblick, vielleicht sogar über den nationalen Tellerrand hinaus, vorzustellen, wäre ebenfalls hochinteressant gewesen.

Schlussendlich hätte ich mir ebenfalls noch einen knappen resümierenden Beitrag der beiden Herausgeber am Ende des Bandes denken können.

Fazit

Die beiden letzten Anmerkungen im Abschnitt zur Diskussion wollen anregen im Falle einer zweiten Auflage. Sie würde ich dem Einführungsband „Ethik in den Gesundheitswissenschaften“ wünschen.

Hervorzuheben ist abschließend, dass diese Einführung nicht nur für Lehrende viele Anregungen liefert, aufgrund der klaren internen Struktur der Einzelbeiträge gibt das Buch auch Studierenden wichtige Impulse für ihr Studium.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
E-Mail Mailformular


Alle 33 Rezensionen von Hans Günther Homfeldt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 15.11.2016 zu: Peter Schröder-Bäck, Joseph Kuhn (Hrsg.): Ethik in den Gesundheitswissenschaften. Eine Einführung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-1577-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21061.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung