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Angelika Rubner, Eike Rubner: Unterwegs zur funktionierenden Gruppe

Cover Angelika Rubner, Eike Rubner: Unterwegs zur funktionierenden Gruppe. Die Gestaltung von Gruppenprozessen mit der Themenzentrierten Interaktion. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 140 Seiten. ISBN 978-3-8379-2579-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Das von Angelika und Eike Rubner vorgelegte Buch will Entwicklung und Methodik der Themenzentrierten Interaktion mit Schwerpunkt auf die Leitung von Gruppen darstellen. Ein sechsphasiges Modell der Gruppenentwicklung wird beschrieben.

Autorin und Autor

Angelika Rubner ist promovierte Diplompsychologin, Eike Rubner promovierter evangelischer Theologe. Beide sind Psychologische Psychotherapeuten und Lehrbeauftragte des Ruth Cohn Institute International.

Aufbau

Neben einem Vorwort, einer Einleitung und dem Verzeichnis der Literatur enthält das Buch vier Kapitel:

I. Das Individuum und die Gruppe

  1. Die Wechselwirkungen zwischen Anlage und Umwelt
  2. Der Mensch im Plural
  3. Psychodynamische Prozesse in Gruppen

II Die Themenzentrierte Interaktion (TZI)

  1. Biografie von Ruth Cohn
  2. Die Grundlagen der TZI
  3. Das Konzept der TZI
  4. Anwendungsmöglichkeiten und -felder der TZI
  5. Das Ruth-Cohn-Institute for TCI-International

III. Figur-Hintergrund-Phänomene

  1. Übertragung und Gegenübertragung
  2. Projektion
  3. Wiederholung, Übertragung und Über-Holung
  4. Angst – Widerstand – Störung
  5. Krisen in Gruppen
  6. Träume

IV. Entwicklungsphasen in Gruppen

  1. Zur Annahme von Entwicklungsphasen einer Gruppe
  2. Das Gruppenphasenmodell
  3. Die sechs Phasen unseres Modells
  4. Tabellarische Übersicht der Entwicklungsphasen einer Gruppe

Inhalt

Das Buch beginnt mit allgemeinen Überlegungen zur Wechselwirkung zwischen dem Individuum und seiner Umwelt, anschließend findet sich eine Begriffsbestimmung der sozialen Umwelt Gruppe und eine Beschreibung von gruppalen, insbesondere psychodynamischen Phänomenen und Prozessen. Das Vier-Faktoren-Modell der TZI mit ES (dem Thema), ICH (der Persönlichkeit des einzelnen Gruppenmitgliedes), WIR (die Gesamtheit der wechselseitigen Einstellungen und Einflüsse der Gruppenmitglieder) und GLOBE (die unmittelbare Umgebung sowie das weitere soziale und physikalische Umfeld) wird kurz dargestellt (und später im Kapitel II.3) wieder aufgegriffen. Abgeschlossen und inhaltlich verdeutlicht wird das Kapitel mit Fallvignetten zum Leiterverhalten im Umgang mit Teilnehmerrollen.

Natürlich – das wird bereits in diesem ersten Kapitel sehr deutlich – suchen die Autoren den Weg zur „funktionierenden Gruppe“ auf der Basis der Psychoanalyse, schließlich war die Konzeptstifterin, Ruth Charlotte Cohn, ausgebildete Psychoanalytikerin.

In der Biografie von Ruth Cohn (zu Beginn des Kapitels II) zeigen sich die gesellschaftlichen, politischen und therapeutischen Strömungen ihrer Zeit in Europa und den USA, die in ihr Konzept der TZI eingegangen sind. Als Grundlagen der TZI werden die Psychoanalyse in Verbindung mit der Humanistischen Psychologie, die (im Wesentlichen psychoanalytisch fundierte) Pädagogik, die Philosophie Sartres, das dialogische Prinzip Martin Bubers und der Holismus des (der Gestaltpsychologie nahe stehenden) Psychiaters Kurt Goldstein genannt, jedoch nicht weiter vertieft.

Kurz erläutert werden drei Axiome, die dem Konzept der TZI zugrunde liegen. Neben diesen muss die Leitung von Gruppen nach der Methode der TZI deren Vier-Faktoren-Modell von ICH, ES, WIR und GLOBE beachten. Diese werden von den Autoren kurz erläutert, bevor dann Leitungsfunktionen und Leitungsstil ausführlicher behandelt werden.

Anwendungsfelder der TZI werden benannt, ohne allerdings auf deren spezifische Anforderungen einzugehen. Abgeschlossen wird das zweite Kapitel mit einem knappen Abschnitt über die Gründung des Ruth-Cohn-Institute for TCI-International.

Zu den Figur-Hintergrund-Phänomenen (Kapitel III) rechnen die Autoren „Prozesse, die aus dem spezifischen Zusammentreffen von vorbewussten und unbewussten Motivationen der Einzelnen mit der stets subjektiv empfundenen Realität des sichtbaren und bewussten Geschehens in der Gruppe erwachsen“ (S. 65) und beschreiben Übertragung, Gegenübertragung, Projektionen, Ängste. Widerstände, Störungen, gruppale Krisen und Träume.

Das von den Autoren entwickelte Gruppenentwicklungsmodell wird im vierten Kapitel ausführlich dargestellt. Auf Seiten der Gruppenleitung bedeutet die Orientierung an einem Phasenmodell, dass diese bestimmte Bedingungen (Themen, Strukturen, Methoden) für die Entwicklung der Gruppe schaffen soll und diagnostizieren kann, welchen Stand die Gruppe im Hinblick auf (ausgesprochene oder verdeckte) Entwicklungsziele erreicht hat. Damit ist natürlich die Frage nach der normativen Kraft eines solchen Modells aufgeworfen, und die Autoren setzen sich damit ausführlich auseinander, bevor sie die sechs Phasen des Modells

  • Orientierung und Kontaktaufnahme
  • Annäherung und Zusammenarbeit
  • Differenzierung und Integration
  • Autonomie und Interdependenz
  • Vertrauen und Intimität
  • Abschied und Ausblick

und die damit zusammenhängenden Ziele beschreiben. Besondere Aufmerksamkeit widmen sie dabei den situationsspezifischen Aufgaben der Leitung. Auch hier werden (wie in vorhergehenden Kapiteln) ausführliche Fallbeispiele zur Verdeutlichung gegeben. Abgeschlossen wird das Kapitel und damit der inhaltliche Teil des Buches mit einer tabellarischen Übersicht, in der vorherrschende Verhaltensweisen, Fantasien, Gefühle und Fantasien sowie individuelle und interaktionelle Phänomene der Phasen zusammengestellt sind.

Diskussion und Fazit

Die Autoren wollen – so formulieren sie es im Vorwort – allen, die in und mit Gruppen arbeiten, aber auch jenen, die sich für die Wechselwirkung zwischen Umfeld, Individuum, Gruppe und Leitung interessieren, Kenntnisse über TZI und deren Anwendungsmöglichkeiten vermitteln, wobei der Schwerpunkt auf gruppalen Entwicklungsphasen liegt.

Dabei orientieren sich Angelika und Eike Rubner ausschließlich an psychoanalytischen Konzepten und wagen keinen Blick auf relevante sozialpsychologische Ansätze etwa zur Rollen- und Normtheorie, zur Gruppendynamik usw.

Die Darstellung der Biografie Ruth Cohns ist hilfreich zum Verständnis des Anliegens der TZI. Für das Verstehen der Grundlagen wäre es m.E. allerdings hilfreich gewesen, die Grundgedanken der im Kapitel II genannten philosophischen Konzepte und ihre Integration in das Theoriegebäude der TZI vertieft zu erläutern.

Das Figur-Grund-Verhältnis – zunächst formuliert im Kontext der Wahrnehmungspsychologie (Rubin, 1921), aber von erheblichem Erklärungswert auch für Emotionen und Denken (Metzger, 1953; Goldstein, 2007) – besagt, dass Teile des (Wahrnehmungs)Feldes besondere Aufmerksamkeit erhalten und daher als gesonderte Figur vor dem Hintergrund erscheinen. Die Anwendung dieses Konzeptes auf das Verhältnis zwischen vor- bzw. unbewussten Motivationen und der sichtbaren gruppalen Realität scheint zumindest ungewöhnlich; einen Bezug zu Erkenntnissen über die Bedingungen, was zur Figur und was zum Hintergrund wird, und und wann eine Änderung der Figur-Grund-Organisation eintreten kann, finde ich nicht.

Das Ziel, Kenntnisse über die TZI und ihre Anwendungsmöglichkeiten zu vermitteln, scheint mir nur zum Teil realisiert. Die theoretischen Ausführungen in den ersten Kapiteln sind zu knapp, um „TZI-Neulingen“ einen Einblick zu vermitteln; „TZI-Erfahrene“ finden kaum Neues.

Das Phasenmodell der Autoren entspricht – natürlich – der grundlegenden psychoanalytischen Orientierung von Angelika und Eike Rubner. Die Fallbeispiele in den einzelnen Kapiteln entstammen überwiegend Kursen zur Persönlichkeitsentwicklung. Zu wünschen wäre eine Einführung in die zunehmend wichtige Bedeutung der themenzentrierten Gruppenleitung in Profit- und Non-Profit-Organisationen (vgl. z.B. Hans, 2005).

Literatur

  • Goldstein, B. E. (2007). Wahrnehmungspsychologie: Der Grundkurs. Heidelberg: Spektrum.
  • Hans, D. (2005). Themenzentrierte Interaktion in der Personal- und Organisationsentwicklung. Wiesbaden: Johannes Gutenberg Universität.
  • Metzger, W. (1953). Gesetze des Sehens (2 ed.). Frankfurt: Kramer.
  • Rubin, E. (1921). Visuell wahrgenommene Figuren. Berlin: Universitas, Deutsche Verlags AG.

Rezensent
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 12.10.2016 zu: Angelika Rubner, Eike Rubner: Unterwegs zur funktionierenden Gruppe. Die Gestaltung von Gruppenprozessen mit der Themenzentrierten Interaktion. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2579-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21064.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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