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Emanuela Chiapparini (Hrsg.): The Service User as a Partner in Social Work Projects and Education

Cover Emanuela Chiapparini (Hrsg.): The Service User as a Partner in Social Work Projects and Education. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-8474-0507-8. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.
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Thema

Wird Soziale Arbeit als eine Dienstleistung betrachtet, so stehen sich diejenigen, die sie erbringen, und diejenigen, die sie nutzen, gegenüber. Damit ist eine Kluft gegeben, die im Interesse der Nutzer wie der Dienstleister überwunden werden soll. Jedenfalls kann sonst von Hilfe zur Selbsthilfe und Empowerment nicht die Rede sein.

Entstehungshintergrund

Seit 2005 führt die Schule für Sozialarbeit der Hochschule Lund/Schweden sog. Mobilitätskurse durch, die Studierende der Sozialen Arbeit und Nutzer sozialer Dienste zusammenbringen. Andere Hochschulen haben danach ähnliche Konzepte entwickelt und sich zu einem internationalen Verbund zusammengetan. Sechs Hochschulen stellen hier ihre Konzeptionen vor und ziehen eine Zwischenbilanz.

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeberin ist Dozentin an der Hochschule Zürich; sie ist für die Einleitung und Zusammenfassung zuständig und, zusammen mit ihrer Kollegin Veronique Eicher, auch für das Kapitel aus der Schweiz.

Die anderen Autorinnen und Autoren bzw. Hochschulen sind im Einzelnen:

  • Arne Kristiansen/Cecilia Heule (Lund)
  • Liv Altmann, Tove Hasvold und Ole Petter Askheim (Lillehammer/Norwegen)
  • Peter Beresford, Helen Casey und John MacDonough (London, Durham/UK)
  • Arn Rasmussen und Camusa Hatt (Kopenhagen, Dänemark),
  • Thomas Heidenreich und Marion Laging (Esslingen)

Aufbau

Der Band wird von Malin Widerlöv eingeleitet, die auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen einen Verband von Eltern gegründet hat, deren Kinder in Fremdunterbringung waren oder sind. Sie bekundet, wie gut ihr der Kurs in Lund getan hat, da sie sich nun den Sozialarbeitern ebenbürtig fühlt.

Nach der Einführung und Übersicht durch die Herausgeberin sind die sechs landesspezifischen, jeweils bis zu 20 Seiten langen Beiträge aneinandergefügt. Schließlich stellt die Herausgeberin noch kurz ihre Schlussfolgerungen vor.

Inhalt

In manchen Ländern schon länger praktiziert, vom Internationalen Verband der Sozialarbeiter gefordert, gehört zur Qualität sozialarbeiterischer Praxis und Ausbildung, dass die Nutzer sozialer Dienste beteiligt werden. Da reicht es nicht, dass die Studierenden mal einzelne Selbsthilfegruppen besuchen oder deren Vertreter im Seminar einen Vortrag halten. Im Idealfall, in Lund seit Jahren mit Hunderten von Teilnehmern durchgeführt, sind es Veranstaltungen der Hochschule, die Lehrende, Studierende und Nutzer gemeinsam gestalten. Dies beginnt mit Kennenlernen und Vertrauensbildung. Die Nutzer berichten über ihre Erfahrungen mit sozialen Diensten. Die Leitlinien Sozialer Arbeit, insbesondere Empowerment werden vorgestellt und diskutiert. Interne Studierende (im Bachelor- oder Masterprogramm) und sog. externe Studierende, d.h. Personen mit Erfahrungen als Nutzer, Klient, Patient, womöglich auch in Selbsthilfegruppen aktiv, arbeiten ein gemeinsames Projekt aus.

Die Autorinnen und Autoren nennen ihr Konzept „Gap-Mending Approach“. Je nach Übersetzung füllen sie nicht nur eine Lücke in der Ausbildung, sondern überbrücken die Kluft zwischen Sozialarbeitern und deren Klienten, Kunden, Zielgruppen. Sie stellen eine Plattform her, auf der alle Beteiligten als Gleiche und Partner miteinander und voneinander lernen. Macht wird umverteilt.

Die Vorteile für die (internen) Studierenden liegen auf der Hand. Sie lernen, sich in die Lebenslage derer hineinzuversetzen, die mit Sozialarbeitern zu tun hatten oder haben.

Für die Nutzer Sozialer Dienste ist es schon eine erster Schritt des Empowerments, wenn sie als Partner in der Sozialen Arbeit wahrgenommen werden und auf der gleichen Ebene, als Experten mitreden können. In Esslingen z.B. wurden deren Statements zu der Frage, was denn gute Sozialarbeit sei, als DVD dokumentiert. Eine Teilnehmerin beschreibt das Hochgefühl, allein schon eine Hochschule zu betreten, eben „dabei“ zu sein.

Allerdings sind die Bedingungen an den sechs berichtenden Hochschulen doch sehr unterschiedlich. Während in Lund alle Studierenden, auch die externen, Credits erwerben und ein Zertifikat erhalten, sind es anderswo zusätzliche Kurse auf freiwilliger Basis. In Zürich gelang es nur mit Mühe, das Gap-Mending in ein Modul hineinzubiegen, in Esslingen fand sich kein eigener Platz dafür im Modulkatalog der Bachelor. Die Nutzer können an einigen Orten nur partiell am Kurs teilnehmen, an anderen sogar ein Wochenendseminar auswärts mitmachen.

Diskussion

Das Gap-Mending ist ein wichtiger Schritt daraufhin, die Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit zu verbessern. Es sollte nicht bei einer Lehrveranstaltung bleiben, sondern durchgängig so gehandhabt werden, dass die Nutzerperspektiven einbezogen werden, um den Zielgruppen der Sozialen Arbeit Ermutigung und Ermächtigung zu bieten, aber auch Verantwortung und Aktivität abzufordern. In allen Beiträgen wird zwar daraufhingewiesen, dass es Arbeitsfelder gibt, wo durch Kontrolle und Leistungsverwaltung „Gaps“ immer gegeben sein werden: Aber was dann?

Gerne hätte man auch mehr über die einzelnen Projekte erfahren, die im Rahmen des Mending-Ansatzes durchgeführt wurden. Die dänischen Kolleginnen betonen deren innovative Bedeutung auf der lokalen Ebene, beschreiben z.B. eine informelle Gesundheitsberatung in der Asylbewerberunterkunft.

Die Beteiligung der Nutzer könnte, das ist den Berichtenden sehr bewusst, gerade auch die Forschung verändern, insbesondere wenn die Ergebnisse und deren Interpretationen mit den Nutzern diskutiert werden. So könnte die Kluft zwischen Experten und „Beforschten“ produktiv überwunden werden.

Die meisten Beiträge lassen auch die Nutzer zu Wort kommen, d.h. zitieren aus den Schlussbesprechungen oder den Interviews mit den Beteiligten in der Auswertung. Dabei kommt deren Expertise zum Ausdruck, aber auch ein ganz neuer Aspekt: Im Kurs mit den Studierenden hat eine Person die wunderbare Erfahrung gemacht, nicht nur als Drogenabhängige, sondern als Person wahrgenommen zu werden. Eine Person berichtet, dass sie nach diesem Kurs nun nicht gleich die Flucht greift, weil ein Sozialarbeiter auf der Bildfläche erscheint. Ob es immer so gut ist, wie ein Nutzer erklärt, dass er sich die Sprache der Sozialarbeiter angeeignet hat?

Speziell der dänische Beitrag reflektiert auch ethische Fragen. Es sei ja durchaus lehrreich, wenn Studierende es schaffen, zum Teil traumatisierte „Veteranen“ aus internationalen Militäreinsätzen für ein Seminar zu gewinnen; diese haben dann mit großer emotionaler Betroffenheit ihre Lebensgeschichte vorgestellt, aber auch die unzureichenden Leistungen der Sozialpolitik bemängelt – die Studierenden haben sie dabei unterstützt, aber es wartete auch schon die nächste Lehrveranstaltung auf sie, das „Thema“ war damit praktisch erledigt.

Fazit

Der vorliegende Band ist eine wichtige Anfrage an alle, die in der Sozialarbeiterausbildung stehen: Wo und wie werden die Adressaten der Sozialen Arbeit, die Nutzer sozialer Dienstleistungen mitgedacht und als Partner beteiligt, zu Koproduzenten?

Die nach vorgegebenem Muster gegliederten Beiträge von sechs europäischen Hochschulen dazu, in englischer Sprache, sind inhaltlich bedingt zuweilen redundant. Eine kürzere Zusammenfassung in einer deutschen Fachzeitschrift könnte zur weiteren Verbreitung beitragen. Sicher lässt sich dann auch ein besserer Term als „Gap-Mending Approach“ finden.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 03.08.2016 zu: Emanuela Chiapparini (Hrsg.): The Service User as a Partner in Social Work Projects and Education. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0507-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21067.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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