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Sina-Mareen Köhler, Heinz-Hermann Krüger u.a. (Hrsg.): Handbuch Peerforschung

Cover Sina-Mareen Köhler, Heinz-Hermann Krüger, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Handbuch Peerforschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 609 Seiten. ISBN 978-3-8474-0699-0. D: 69,90 EUR, A: 71,90 EUR, CH: 95,00 sFr.
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Thema

Peerforschung gerät gerade in jüngerer Zeit zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Ein beispielhafter Rahmen sind die prosozialen Wirkungen sozialer Gruppen von Kindern und Jugendlichen (positive peer culture), ihre Entdeckung, Beschreibung sowie auch gezielte Förderung – bis hin zur Funktionalisierung. Im gesamten thematischen Feld entstehen zunehmend Arbeiten und Veröffentlichungen, aber es fehlt an einem fundierten Gesamtüberblick.

HerausgeberInnen

  • Dr. Sina-Mareen Köhler arbeitet und lehrt am Institut für Erziehungswissenschaften der Leibniz Universität Hannover. Sie arbeitet an einer Habilitation zum Thema schulischer Berufsorientierung und befasst sich des Weiteren in unterschiedlichen Publikationen mit schulischen Peerbeziehungen und Bildungsbiografien. Im WS 2016/17 vertritt sie eine Professur für „Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Heterogenität“ am Institut für Erziehungswissenschaft der RWTH Aachen.
  • Univ.-Prof. Dr. Heinz-Hermann Krüger war am Institut für Pädagogik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Erziehungswissenschaft und befindet sich inzwischen im Ruhestand. Im Vordergrund seiner Arbeit stehen Bildungs-, Kindheits- und Biographieforschung sowie Wissenschaftsforschung.
  • Univ.-Prof. Dr. Nicolle Pfaff hat an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen die Professur für Migrations- und Ungleichheitsforschung inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen, dem entsprechend, zum einen im Bereich der bildungsbezogenen Ungleichheitsforschung, zum anderen in der Jugend- und Schulforschung.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorgelegten, umfangreichen Band stellen sich die drei Herausgeber der Universitäten Aachen, Halle-Wittenberg sowie Duisburg-Essen der Herausforderung, den aktuellen Arbeitsstand zu Peerforschung wissenschaftlich zu systematisieren: „Unter Einbezug einiger internationaler Beiträge liegt damit für den deutschsprachigen Raum erstmals eine umfangreiche Darstellung zu bestehenden Perspektiven der Peerforschung vor, die für einzelne Forschungsfelder den Stand der Arbeiten in integrativer Form vorstellt und Anschlüsse für künftige Studien im Gegenstandsbereich markiert“ (S. 9). Zu diesem Zweck konnten sie 53 weitere Autorinnen und Autoren aus einem weiten Feld gewinnen, die Artikel zu der komplexen Arbeit beigesteuert haben. Darunter sind auch Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen europäischen Ländern sowie Ländern in Nord- wie Südamerika.

Der Schwerpunkt der Beiträge liegt in Deutschland, was dem Fokus des Buches jenseits der internationalen Orientierung in der Rezeption des Forschungsstandes entspricht.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Das Buch umfasst über 600 Seiten einschließlich eines Autorenverzeichnisses. Es wird eröffnet durch eine Einleitung („Peergroups als Forschungsgegenstand“) der Herausgeber selbst und ist dann in drei Hauptteile gegliedert, deren dritter, wiederum vierfach untergliedert, den umfangreichsten darstellt:

In einem ersten Hauptteil werden Grundlagentheorie und Disziplinperspektiven entfaltet. Hier wird der Gegenstand aus vier zentralen Blickwinkeln dargestellt: einer erziehungswissenschaftlichen, einer soziologischen, einer psychologischen sowie einer sozialisationstheoretischen Perspektive. Jeweils geht es um Fragen des Gegenstands selbst, der Theoriebildung sowie des Forschungsstandes. Dieser erste Hauptteil wird abgeschlossen durch ein fünftes (englischsprachiges) Kapitel zur internationalen vergleichenden Forschung, ihren Potenzialen sowie ihren Herausforderungen („comparing apples to oranges“).

Ein zweiter Hauptteil setzt sich mit methodischen Zugängen der Peerforschung auseinander. Zur Sprache kommen, in je eigenen Beiträgen, Gruppendiskussionsverfahren, Interviews, Ethnographie, Bild (und Video), Netzwerkforschung und Soziometrie, Surveys sowie abschließend Verfahren der Triangulation sowie der Mixed Methods-Forschung.

Der dritte, mit etwa 400 Seiten umfangreichste Hauptteil setzt sich mit unterschiedlichen Gegenstandsfeldern der Peerforschung auseinander, zielt eine aktuelle Bestandsaufnahme an und nähert sich der Thematik von der Seite solcher Felder. Dabei werden vier Felder gewählt, zu denen wiederum jeweils mehrere Beiträge Eingang in das Buch gefunden haben. Diese sollen hier nur kurz zusammengefasst werden, um einen Eindruck von der thematischen Breite zu geben:

  • Peer- und Freundschaftsbeziehungen: Cliquen, Freundschaften auf Distanz (im Rahmen von Mobilität), interethnische sowie auch romantische Beziehungen, Aggression, Gewalt und Mobbing unter Gleichaltrigen sowie die Bedeutung der Familie für Beziehungen Gleichaltriger.
  • Praxen der Peers: Szeneleben, Geschlechterrollen, Freizeitaktivitäten in städtischen und ländlichen Regionen, Vernetzung online, Peergroups und Protest, Netzwerk- und informelles Lernen, Substanzkonsum am Beispiel des jugendkulturellen Rauschtrinkens.
  • Peers und Freundschaften in Institutionen: Kindergärten, Schulen, Freundschaft und Studienzeit, Heime, außerschulische Freizeitinstitutionen am Beispiel der Sportvereine, Peers und Übergänge im Bildungssystem – sowie ganztägige Bildung und verschulte Freizeit.
  • Peers, Freundschaft und Gesellschaft: Reproduktionen sozialer Ungleichheit, Armut und Gleichaltrigenbeziehungen in der mittleren uns späten Kindheit, Peers und demografischer Wandel, Intersektionalität als Forschungsperspektive, Inklusion, politische Sozialisierung – sowie „das Framing von Cyberbullying in den US-amerikanischen Mainstream-Medien“.

Diskussion

Das Buch ist inhaltlich breit angelegt und berücksichtigt verschiedenste Aspekte von Peerkultur und Peerforschung. Diese werden aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln anvisiert: Theorie, Methodik, Felder, Entwicklungsbereiche, Problemaspekte und weiteres. Es entsteht ein komplexes Gesamtbild des Gegenstandes. Dabei wird sehr kritisch mit Begrifflichkeit umgegangen; ein sich durchziehendes Prinzip gilt der wissenschaftlichen Schärfung des Blickes. Sehr bereichernd ist die auch internationale (und international vergleichende) Fokussierung.

Die Autoren wurden treffend ausgewählt. Durchgängig bewegen sich die Beiträge mit ihren Diskussionsfiguren auf hohem Niveau, was Theoriebildung, Rezeption des Forschungsstandes, Genauigkeit und Systematik anbelangt, aber auch eine kritische, weiterführende Perspektive. Die jeweiligen, den einzelnen Artikeln nachgestellten Literaturverzeichnisse zeugen von breiten und zugleich vertieften Aufnahmen der Diskussion sowie Recherchen. Neben traditionellen Fragen werden auch aktuelle (internetbasierte Kommunikation, internationale Mobilität, Cybermobbing usw.) mit berücksichtigt und dezidiert aufgenommen. Bemerkenswert ist, dass auch (scheinbar) eher randständige Aspekte bedacht wurden, so etwa der Kontext Heimerziehung, der zum einen nur relativ wenige Kinder und Jugendliche betrifft, zum anderen aber ein sehr eigenes Feld der Peerkultur darstellt, aus dem sich zudem Erkenntnisse über dieses Feld hinaus generieren lassen. Sehr bereichernd für Forschungskontexte ist der umfangreiche Hauptteil zu Methoden, der verschiedene einschlägige und für diesen Kontext praktikable Methoden umgreift, wenn auch größtenteils recht knapp.

Etwas diskussionswürdig ist die Mehrsprachigkeit des Bandes, in den neben deutschsprachigen auch englischsprachige Beiträge aufgenommen wurden. Diese sind zwar gut mit-lesbar, beeinträchtigen jedoch aus Sicht des Rezensenten den Gesamtcharakter eines solchen Buches „aus einem Guss“. Eine Entscheidung für eine Sprache, Deutsch oder Englisch, wäre hier möglicherweise konsequenter gewesen – und warum nicht ein Buch in durchgängigem Deutsch (bei Integration englischsprachiger Zitate in den Beiträgen, das sei unbenommen)?

Des Weiteren ist kritisch festzustellen, dass das Pendel der Beiträge recht stark im Hinblick auf funktionale Aspekte von Peerbeziehungen ausschlägt. Zwar werden auch Probleme und Dysfunktionalitäten in ganzen Beiträgen sowie als Aspekt in weiteren Artikeln mit bedacht, aber diese Seite der Medaille hätte sich der Leser noch etwas verstärkt gewünscht – Peerbeziehungen spielen ja gerade im Hinblick auf Gewalt oder Mobbing sowie den großen Problemkontext sozialer Medien und Netzwerke, wie die Forschung hierzu zeigt, eine auch problematische oder problemverstärkende Rolle. Wohlgemerkt: Dies ist hier an verschiedenen Stellen Thema; es hätte aber (aus Sicht des Rezensenten) noch fokussierter Thema sein können.

Wünschenswert für eine zweite Auflage, für einen derart voluminösen Band aber auch eine Herausforderung, wäre ein Stichwortregister.

Im Gesamtbild ist den Herausgebern hier eine beachtenswerte Leistung gelungen. Sie haben ein fundiertes Handbuch Peerforschung vorgelegt, das ganz sicher ein Standardwerk zu dieser wichtigen Thematik sein wird. Die redaktionelle Arbeit führte zu einem Buch aus einem Guss, für Herausgeberwerke keinesfalls selbstverständlich, bemerkenswert im Hinblick auf die Leistungen der Autoren, der Herausgeber selbst – sowie des Verlages.

Fazit

Das hier vorgelegte Handbuch erfüllt ohne jeden Zweifel seine Mission: einen soliden, breiten und zugleich vertieften Überblick zur Peerforschung für den deutschsprachigen Raum zu geben, bei klarer internationaler Perspektive. Die Beiträge sind qualitativ hochwertig, anspruchsvoll sowie zugleich gut lesbar. Die redaktionelle Arbeit ist inhaltlich wie formal sehr gelungen. Das Buch kann daher ohne jede Abstriche für eine breite Leserschaft empfohlen werden: vorrangig Wissenschaftler, aber auch Studierende, die sich spezifisch mit dieser Thematik oder ihren Teilaspekten beschäftigen – sowie alle Professionellen in der Praxis, die sich einen fundierten Hintergrund für ihre Arbeit mit Peergruppen von Kindern und Jugendlichen erarbeiten möchten.


Rezensent
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 09.12.2016 zu: Sina-Mareen Köhler, Heinz-Hermann Krüger, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Handbuch Peerforschung. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0699-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21068.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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