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Anne Schippling, Cathleen Grunert u.a. (Hrsg.): Kritische Bildungsforschung

Cover Anne Schippling, Cathleen Grunert, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Kritische Bildungsforschung. Standortbestimmungen und Gegenstandsfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 434 Seiten. ISBN 978-3-8474-0790-4. D: 53,00 EUR, A: 54,50 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Mit vorliegendem Band anlässlich der Emeritierung von Heinz-Hermann Krüger ist den Herausgeberinnen eine ebenso umfassende und spannende wie komplexe Sammlung verschiedener theoretischer Arbeiten und empirischer Forschungsbeispiele gelungen, die sich mit kritischer Bildungsforschung bzw. kritischer Erziehungswissenschaft unter Bezugnahme auf die umfänglichen Arbeiten von Heinz-Hermann Krüger beschäftigen und aus unterschiedlichen Perspektiven diskutieren. Der Sammelband versteht sich als eine Bestandsaufnahme und befasst sich mit unterschiedlichen Fragestellungen. Kritische Erziehungswissenschaft wird als reflexive Wissenschaft verstanden, die ihre Analysen und Themen empirisch fundiert darzustellen weiß und diese gleichwohl gesellschaftstheoretisch kontextualisieren kann.

Krügers Arbeiten zeichnen sich durch eine Skepsis gegenüber erziehungswissenschaftlichen Forschungen als pädagogischer Handlungsforschung aus. Vielmehr fordert er eine Neubestimmung der Aufgaben, Funktionen und den Status empirischer Bildungsforschung im Rahmen kritischer Erziehungswissenschaft, die immer wieder an ein gesellschaftskritisches und -theoretisches Erkenntnisinteresse rückzubinden sei. Als empirische Disziplin übernehme insbesondere die Erziehungswissenschaft die Aufgabe, eine Instanz der differenzierten Vergewisserung von sozialer Wirklichkeit zu sein, eine Disziplin, die sich durch eine empirisch fundierte Bildungsforschung auszeichnet, ebenso wie durch Arbeiten, die sich mit historischer Perspektivierung der Analyse des langfristigen Wandels von pädagogischen Zusammenhängen widmen und damit gleichwohl auch die Entwicklung einer kritischen Bildungstheorie vorantreiben würde.

Vorliegender Sammelband stellt für dieses umfassende Vorhaben eine Art Zwischenbilanz in einer mittlerweile komplexen Diskursarena dar und eröffnet umfängliche Einblicke in gegenwärtige Debatten und Auseinandersetzungen einer kritischen Erziehungswissenschaft. Damit leistet das Buch einen wichtigen Beitrag und veranschaulicht zugleich einen diskursiven Standpunkt zur gesellschaftlichen Rolle und Funktion der Erziehungswissenschaft. Hierfür vereint der Sammelband diverse Beiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven „die aktuellen Risiken und Nebenwirkungen von Erziehungs- und Bildungsprozessen in institutionellen und gesellschaftlichen Kontexten, in schulischen, außerschulischen und nicht institutionalisierten Sozialisationsbereichen“ (Krüger 2012: 246) diskutieren und analysieren.

Aufbau und Inhalte

In insgesamt fünf Themenfeldern mit 25 Beiträgen werden verschiedene Fragestellungen, Konzepte, Gegenstandsfelder und Perspektiven mit Blick und Fokus auf aktuelle Fragen einer kritischen Bildungsforschung diskutiert.

Im ersten Teil werden Standortbestimmungen diskutiert. Die fünf Beiträge setzen sich mit konzeptuellen und theoretischen Fragen, v.a. mit Blick auf die Relevanz und Bedeutung von Kritik und kritischen Perspektiven in der Erziehungswissenschaft auseinander. Der Beitrag von Heinz-Elmar Tenorth etwa stellt einleitend die Frage nach der Bedeutung und Konnotation des Begriffs der Kritik im Rahmen einer kritischen und reflexiven Bildungsforschung, wobei aus einer dezidiert historischen Perspektive die Relevanz des kritischen Moments mit Blick auf Forschungsergebnisse analysiert wird. Ingrid Miethe hinterfragt, was qualitative empirische Forschung für das Programm einer kritischen Bildungsforschung leistet, wobei v.a. die Relevanz des Empirie-Theorie-Verhältnisses hervorgehoben wird. Merle Hummrich und Rolf-Torsten Kramer nehmen in ihrem Beitrag die Logik rekonstruktiver Verfahren in den Blick und zeigen damit verbundene Potentiale von Kritik auf. Georg Breidenstein und Werner Helsper verhandeln in ihrem Beitrag die Bedeutung methodologischer Reflexivität, wobei v.a. der Frage nachgegangen wird, ob und wie Erziehungswissenschaft und Biographieforschung auch an der Erzeugung und Konstitution spezifischer Formen der Subjektivität beteiligt sind. Ulrike Deppe, Catharina Keßler und Daniela Winter diskutieren wiederum die Potentiale einer reflektierten und empirisch arbeitenden Bildungsforschung am Beispiel der Elitenbildung.

Im zweiten Teil des Sammelbandes schließen sich (inter-)disziplinäre Perspektiven an. Neben einem Beitrag von Wolfram Kulig, Vico Leuchte, Günther Opp und Georg Theunissen, die aus heilpädagogischer Perspektive argumentieren, dass eine Erziehungswissenschaft, die sich nur auf die Reflexion ihres Kerngeschäfts beschränken würde, ohne perspektivische Erweiterungen einzuschließen, zu eng gefasst sei. Reinhard Hörster wiederum stellt die Potentiale einer reflexiven und kritischen Sozialpädagogik dar und Ivo Züchner und Thomas Rauschenbach unternehmen einen zeitgeschichtlichen Rückblick auf Erziehungswissenschaft, ziehen Bilanz und skizzieren einen Ausblick auf zukünftige Herausforderungen.

Die insgesamt zwölf Beiträge der folgenden drei Abschnitte setzen sich mit kritischer Bildungsforschung im Zusammenhang mit empirischen Untersuchungen und verschiedenen Gegenstandsfeldern auseinander, die alle einen dezidierten Bezug zu den Arbeiten von Krüger aufweisen.

Die vier Aufsätze des Forschungsfeldes Bildungsorte und -räume analysieren aus unterschiedlichen Perspektiven Bildungs- und Lernorte.

Die vier folgenden Beiträge im Gegenstandsfeld Schule,Unterricht und Bildungssystem reichen von einer kritischen Auseinandersetzung mit der Schulstrukturdiskussion, über politische Bildungsprozesse bis zum Thema der Chancengleichheit im Spannungsfeld von Schule, Bildung und Fragen der (Bildungs-)Gerechtigkeit.

Die vier Aufsätze im dritten Feld zur Jugend- und Jugendkulturforschung vereinen ebenso differente, spannende wie lesenswerte Beiträge. Diskutiert werden hier etwa Rolle und Relevanz von Peerkulturen als Institution und Gegeninstitution, politisches Interesse und ein Selbstkonzept politischer Kompetenz, ein historischen Vergleich von Jugendlichen der 2015er und der 1980er Jahre ebenso wie eine spannenden Analyse des orientalisch-islamischen Ehrkonzepts als Strukturmerkmal der Sozialisation muslimischer Jugendlicher in Deutschland.

Die Beiträge des vierten Abschnitts befassen sich mit dem Themenfeld einer kritischen Bildungsforschung mit Perspektiven für Politik und pädagogischer Profession. In drei Beiträgen werden auch hier unterschiedliche Themen bearbeitet. Ursula Rabe-Kleberg verhandelt in ihrem Beitrag die Rolle und Funktion von Kindertageseinrichtungen als Orte des (Nicht-)Gelingens von Kinderschutz unter besonderer Perspektive auf strukturelle Voraussetzungen und professionelle Kompetenzen von Trägern, Leitungen und Fachkräften. Werner Fiedler und Werner Thole widmen sich in ihrem Beitrag dem Hochschulbereich und der Neustrukturierung desgleichen durch vielfältige wie komplexe Reformen und einem damit einhergehenden Wandel der Studienbedingungen und Motivlagen zur Aufnahme eines Studiums am Beispiel von Studieneingangsuntersuchungen im Bereichs der Sozialen Arbeit. Barbara Lindemann und Rudolf Tippelt diskutieren abschließend neue Tätigkeitsfelder für AbsolventInnen der Erziehungswissenschaft, die aus der Dringlichkeit einer zunehmenden Professionalisierung pädagogischen Handelns resultieren.

Die zwei Beiträge im letzten Abschnitt zu kritischer Bildungsforschung und Biographie offerieren einen biographieanalytischen Rück- bzw. Ausblick. Fritz Schütze analysiert verschiedene Aufgabenbereiche und Themenfelder einer kritischen Bildungsforschung am Beispiel einer interkulturell ausgerichteten und vergleichend angelegten Biographieforschung im Kontext einer transnational-politischen Pädagogik. Shirley R. Steinberg wiederum blickt in einem persönlich formulierten Rückblick auf die gemeinsame Zeit mit Heinz-Hermann Krüger zurück und zeigt auf, wie dessen kritisch pädagogische Orientierung ihre eigene Biographie maßgeblich geprägt und ihre Arbeiten im Bereich der Jugendkulturforschung beeinflusst hat.

Fazit

Den Herausgeberinnen ist mit vorliegendem Sammelband nicht nur eine beeindruckende Bestandsaufnahme kritischer Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung gelungen, sondern auch, und das veranschaulicht besonders der abschließende Beitrag von Steinberg, ein Buch mit sehr persönlichem Bezug, das sich einerseits mit den Arbeiten und Forschungsschwerpunkten von Heinz-Hermann Krüger befasst, andererseits aber auch die biographisch-thematische Bedeutung seiner Arbeiten immer wieder herausstellt. Damit ist es auch ein sehr persönliches Buch geworden. Der Band versammelt sehr lesenswerte Arbeiten aus unterschiedlichen Forschungsfeldern und offeriert damit einen umfassenden Einblick in ein ebenso komplexes, spannendes wie hochgradig aktuelles Themengebiet. Kurz: Es handelt sich um ein Buch, dass durch und durch zu überzeugen weiß und zu empfehlen ist.


Rezensent
Matthias Völcker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: neben sozialisations- und identitätstheoretischen Fragestellungen im Besonderen die empirische Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Matthias Völcker. Rezension vom 20.12.2016 zu: Anne Schippling, Cathleen Grunert, Nicolle Pfaff (Hrsg.): Kritische Bildungsforschung. Standortbestimmungen und Gegenstandsfelder. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0790-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21069.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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