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Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig u.a. (Hrsg.): Ein internationaler Blick auf die Kindertagespflege

Cover Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig, Nicole Klinkhammer (Hrsg.): Ein internationaler Blick auf die Kindertagespflege. Deutschland, Dänemark, England und Frankreich im Vergleich. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2016. 195 Seiten. ISBN 978-3-87966-452-8. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 19,80 sFr.
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Thema

Die Kindertagespflege ist laut SGB XIII (§ 22 – § 24) der Kindertagesstätte gleichgestellt, das Kinderförderungsgesetz von 2008 sieht einen zügigen Ausbau der Betreuung in privaten Wohnungen vor.

Wie in anderen Ländern auch, steht die „Tagesmutter“ in einer langen Tradition und bedient erheblichen Bedarf an Kinderbetreuung. Umso erstaunlicher ist es, dass sich weder die Kinder- und Jugendpolitik noch die Erziehungswissenschaften allzu sehr mit deren Problemen, etwa der Frage der Bezahlung und Qualifizierung, auseinandersetzen.

Insofern ist nur zu begrüßen, dass nun drei Staaten in den vergleichenden Blick genommen werden, um daraus Handlungsempfehlungen für die Bundesrepublik abzuleiten.

Herausgeber/innen und Autor/innen

Gabriel Schoyerer ist Professor für Pädagogik an der Stiftungsfachhochschule München, Nina Weimann-Sandig Professorin für empirische Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Dresden, Dr. Nicole Klinkhammer wissenschaftliche Referentin am Deutschen Jugendinstitut.

Die Expertisen haben Prof. Jeanne Fagnani (em. Forschungsdirektorin in Paris), Prof. Tine Rostgaard (Sozialwissenschaftlerin an der Universität Aalborg) sowie Sue Owen (freiberufliche Beraterin in London) beigesteuert. Am Schlusskapitel war Birgit Riedel beteiligt, die die Fachgruppe „Bildungsorte und sozialstaatliche Leistungen für Kinder“ am DJI München leitet.

Aufbau

Nach der Einführung durch die Herausgebenden berichten Schoyerer/Weidmann-Sandig von aktuellen Entwicklungen in Deutschland, darauf folgen die jeweils 25-30seitigen Expertisen zu Dänemark, England und Frankreich, schließlich das Fazit von Riedel/Schoyerer/Weimann-Sandig.

Inhalt

Die Kindertagespflege hat sich, soweit sie Kinder unter drei Jahren betrifft, seit 2006 in Westdeutschland vervierfacht, in Ostdeutschland fast verdoppelt. Fast 40.000 Tagespflegepersonen betreuen fast 80.000 Kinder, das sind 15 % der betreuten Kinder dieser Altersgruppe bundesweit. In der Altersgruppe über drei Jahren dominieren die Kitas jedoch immer deutlicher.

Ähnlich liegen die Dinge in Dänemark, wo die Kindertagespflege inzwischen weniger als die Hälfte der Kinder unterbringt, auch in England, wo das Angebot an kostenlosen Vorschuleinrichtungen für Kinder im Alter von zwei Jahren fast schon konkurrenzlos ist, zumal die Tagespflege den dazugehörigen Bildungsplan nicht erfüllen konnte oder wollte. In Frankreich hat sich die um das Jahr 2000 hohe, den Arbeitsmarkt belebende Nachfrage nach Tagesmüttern inzwischen auch stark reduziert, nämlich auf die Altersgruppe unter 2 Jahren.

Vielleicht mit Ausnahme von Dänemark zeigt sich in allen Ländern, dass die Tagespflege, kein auskömmliches, existenzsicherndes Einkommen verschafft. In Dänemark sind die Tagesmütter fast ausschließlich bei den Kommunen angestellt, was auch dem fachlichen Austausch zugutekommt. Ungeklärt ist überall, bis auf Vertretungsregelungen in Dänemark, wie die Kinderbetreuung aufrechterhalten wird, wenn die Tagesmutter etwa wegen Krankheit ausfällt.

Im Grunde ist die Tagespflege kein Beruf im Sinne einer qualifizierten Ausbildung. Es reicht die „persönliche Eignung“. In Frankreich ist gerade ein Schulungsprogramm mit 150 Stunden zu absolvieren. Immerhin bilden sog. Relais Assistent Maternelles, also Tagesmütterzentren, eine Anlaufstelle und kollegialen Austausch. Es stellt sich die Situation generell und zunehmend so dar, dass Mütter als Zuverdienst eine Tagespflege einrichten, solange ihre eigenen Kinder noch im Hause zu betreuen sind. Eine berufliche Perspektive hat dies kaum.

Eine wirklich neue Idee scheint der Multi-Accueil zu sein, eine Einrichtung in Frankreich, die verschiedene Formen der Kinderbetreuung unter einem Dach zusammenfasst, also Krippe, Kindergarten, Notfallbetreuung, aber eben auch Räume bietet, die die Tagespflegepersonen nutzen können. Generell nämlich scheint, so die Einschätzung von Riedel u.a., der Übergang von der Tagespflege in Tageseinrichtungen, nirgends,auch in Dänemark nicht, optimal gelöst zu sein. Die Kommunen tun gut daran, so die Autoren, sich ihrer Zuständigkeit und Verantwortung bewusst zu werden und der lokalen Situation, auch der Bedarfsplanung inklusive der Tagespflege mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Angesichts der Qualifizierungsfrage, die zunehmend auch die Akzeptanz bei den Eltern tangiert, sollte, so ein Fazit, in allen vier Ländern Aus-, Fort- und Weiterbildung der Tagespflegepersonen in Richtung auf die Kita-Fachkräfte hin komponiert werden, jedenfalls die Zusammenarbeit zwischen Kita und Pflege neu gedacht werden.

Diskussion

Der vorliegende Band stellt die Sachverhalte und Probleme in vier europäischen Staaten materialreich und klar formuliert zusammen. Obwohl das familiale Setting, Flexibilität, Kommunikation mit den Eltern, Erreichbarkeit (gerade auch in ländlichen Gebieten) u.v.a.m. für die Tagespflege sprechen: Angesichts der Daten geht es um nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit dieses Formats. Vor allem müssten die Bezugspunkte des Vergleichs noch deutlicher expliziert werden: Wie kann die Tagespflege den heutigen Ansprüchen an Betreuung-Erziehung-Bildung gerecht werden?

Überzeugende Vorschläge finden sich in dieser Veröffentlichung noch nicht, aber einen Anstoß dazu hat sie gegeben.

Fazit

Der Band gibt gut Auskunft über die Kindertagespflege in vier Staaten. Damit ist eine deutliche Aufforderung verbunden, über die Funktion und Qualität dieser Form der frühkindlichen Bildung intensiv nachzudenken.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 31.10.2016 zu: Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig, Nicole Klinkhammer (Hrsg.): Ein internationaler Blick auf die Kindertagespflege. Deutschland, Dänemark, England und Frankreich im Vergleich. Verlag Deutsches Jugendinstitut (München) 2016. ISBN 978-3-87966-452-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21070.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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