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Swantje Lahm: Schreiben in der Lehre

Cover Swantje Lahm: Schreiben in der Lehre. Handwerkszeug für Lehrende. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 190 Seiten. ISBN 978-3-8252-4573-3. D: 9,99 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 13,30 sFr.

UTB 4573.
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Thema

Das Potenzial von Schreibaufgaben in Lernprozessen wird an vielen deutschen Hochschulen noch nicht gänzlich ausgeschöpft. Bereits in den 1980er Jahren wurden an amerikanischen Hochschulen sogenannte „Writing Across the Curriculum/Writing in the Disciplines“-Programme initiiert. Diese setzten einen Austausch über die Vermittlung des akademischen und wissenschaftlichen Schreibens in Gang und zeigten auf, wie vielfältig die disziplinären Genres, Textsorten und Anforderungen an Texte sind (Girgensohn & Sennewald 2012: 78f.). Eine solche interdisziplinäre Diskussion über Schreiben wird im deutschsprachigen Raum in den letzten fünf Jahren durch zahlreiche QPL-Projekte und dadurch entstandene Schreibzentren an Hochschulen gefördert. Der Frage, wie fachliches Lernen mittels Schreibaufgaben und wissenschaftliches Schreiben angeregt und didaktisch gestaltet werden können, wird im vorgestellten Buch nachgegangen.

Das Thema hat eine hohe Relevanz für alle Akteure und Akteurinnen im hochschulischen Bereich: für Schreibdidaktikerinnen und Schreibdidaktiker, die hochschuldidaktisch beraten; für Studierende, die Schreiben im Fach erlernen sollen und vor allem für Lehrende, die Anlässe schaffen müssen, damit sich diese Schreibkompetenz bei ihren Studierenden entwickeln kann.

Autorin

Swantje Lahm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Beraterin am Schreiblabor der Universität Bielefeld. Die Autorin ist Kennerin der Didaktik wissenschaftlichen Schreibens in den angloamerikanischen Ländern und teilt in ihrem Werk ihr umfangreiches Wissen und ihre langjährigen Praxiserfahrungen. Als eine der Koordinatorinnen des Projekts „LitKom“, welches literale Kompetenzen in den Fächern fördert, implementierte sie wegweisend fortschrittliche Ideen und Methoden, u.a. aus der angloamerikanischen Schreibdidaktik, an der Universität Bielefeld.

Entstehungshintergrund

Der Band „Schreiben in der Lehre“ ist der achte in der Reihe „Kompetent lehren“ des Budrich-Verlags. Er ist, wie die Autorin selbst schreibt, aus dem Wunsch entstanden, eine anregende Perspektive auf das Schreiben zu werfen: Schreiben als ein Gespräch zwischen Lehrenden, der Fachcommunity (der in der Regel die Lehrenden angehören) und ihren Studierenden, um sich fachlichen Inhalten und Konventionen anzunähern.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in acht Kapitel gegliedert.

Vor dem ersten Kapitel finden sich ein Verzeichnis von Abbildungen und Übungen, das Vorwort der Reihenherausgeberin und eine kurze Hinführung der Autorin zum Thema, in der sie verständlich macht, dass Schreiben in der Lehre ein Instrument ist, das Lehrenden und Studierenden Spaß am eigenen Fach bringt.

In Kapitel 1 Fachlich lernen durch Schreiben“ stellt die Autorin die Bedingungen für fachliches Lernen mittels Schreibaufgaben vor: Komplexitätsanspruch der Aufgabe, klare Kommunikation der Anforderungen, Austausch und Rückmeldungen während des Schreibprozesses. Anhand der Ergebnisse aktueller Studien (z.B. NSSE) wird aufgezeigt, welche positiven Effekte das Schreiben auf fachliches Lernen hat. Swantje Lahm versteht Lehrende als Schreibexpertinnen und -experten im eigenen Fach. Sie besitzen eine Insider-Perspektive, d.h. sie kennen typische Textformate im Fach und im Berufsfeld. Die Autorin empfiehlt, eine Liste dieser typischen Textformate anzulegen (S. 17f.). Werden diese fachlich relevanten Textformate (z.B. eine Rezension) von den Studierenden erkundet, produziert und diskutiert, ist der realwissenschaftliche Bezug sowie die Motivation der Studierenden deutlich erhöht als beim Schreiben einer Hausarbeit, die oftmals nur für einen Adressaten geschrieben wird – nämlich für den Lehrenden als Nachweis der Leistung. Das Verfassen realwissenschaftlicher Texte im Rahmen der Lehrveranstaltung kann als erweiterte Form des Fachdiskurses gesehen werden. Dies ermöglicht Studierenden, sich fachlichen Diskussionen anzunähern und fachlich relevante Erkenntnisse abseits von subjektiven Meinungen zu gewinnen.

In Kapitel 2 „Schreibprozesse als Lernprozesse“ umreißt Swantje Lahm die beiden Perspektiven des Schreibens: Schreiben lernen und Lernen durch Schreiben. In einem ersten Punkt zeigt die Autorin anhand eines Schreibkompetenzmodells, wie sich Schreibkompetenz entwickelt. Oftmals sind Schreibprobleme für Studierende Lernanlässe, die einen Erwerb von inhaltlichem und rhetorischem Wissens anregen sowie die Fähigkeit zur Organisation des Schreibprozesses fördern können. Swantje Lahm empfiehlt Lehrenden, das Modell von Beaufort Studierenden als Heuristik vorzustellen, um Schreibaufgaben zu bewältigen und die Anforderungen an Texte aus dem Kontext erschließen zu können. Im zweiten Punkt beschreibt sie, welche Probleme Studierende beim Schreiben, z.B. einer Hausarbeit, begegnen und welche Bewältigungsversuche sie unternehmen. Um den Problemen der Studierenden zu begegnen, wird im dritten Punkt empfohlen, Schreibaufgaben zu stellen, die elaboriertes, kritisches und komplexes Denken fördern. An einem Beispiel (S. 34f.) wird gezeigt, wie eine Schreibaufgabe gestaltet sein kann, damit Studierende die kognitive Herausforderung leichter annehmen. Welche Voraussetzungen Lehrende schaffen können, um elaboriertes Schreiben zu unterstützen, wird ausführlich in fünf Punkten dargelegt.

Wie die eigenen Schreiberfahrungen als Lehrender und als Mitglied der Fachcommunity genutzt werden können, um Schreibaufträge für die eigene Lehrveranstaltung zu konzipieren, wird in Kapitel 3 „Das Schreiben in der Lehre vorbereiten“ gezeigt. Die Autorin stellt im ersten Punkt sieben Schritte zur Entwicklung von Schreib- und Arbeitsaufgaben vor (S. 46ff.). Ausgangspunkt sind dabei die Lernhindernisse der Studierenden, die von Lehrenden wahrgenommen und konkret expliziert werden sollen. Danach helfen Fragen, die eigenen Denk- und Arbeitsweisen zu reflektieren (S. 52ff.), z.B. Wie gehe ich bei der Lösung eines fachlichen Problems vor? Die Autorin empfiehlt anschließend, darüber nachzudenken, welche Textsorte sich besonders zum Lernen eignet und diese schließlich mit den Studierenden anhand von Beispieltexten zu erkunden, einen Leitfaden zur Textsorte zu erstellen und dann den Studierenden Gelegenheiten zu bieten, diese selbst zu verfassen. Im zweiten Gliederungspunkt wird vorgestellt, wie anspruchsvolle Schreib- und Arbeitsaufträge entwickelt werden können. Dabei zeigt die Autorin zahlreiche Beispiele aus unterschiedlichen Disziplinen auf. Im dritten Punkt werden Hinweise zur didaktischen Einbindung der Aufgaben in die Lehrveranstaltung gegeben. Hier empfiehlt Swantje Lahm Ansätze zur Sequenzierung von Aufgaben.

In Kapitel 4 „Vom Fragen und Zuhören“ zeigt die Autorin beispielhaft im ersten Teilkapitel, wie durch Schreibaufgaben in der Lehrveranstaltung die Bedeutung von Fragen in der Wissenschaft und die Bedeutung der Diskurse in der Fachdisziplin verdeutlicht werden kann. Im zweiten Teilkapitel greift sie auf die Metapher des Gesprächs zurück, die auch beim Lesen zum Einsatz kommen kann. Lesen wird dabei verstanden als „Lauschen“. Studierende lauschen dem Fachdiskurs und können zugleich angeregt werden, die eigenen Lesestrategien zu reflektieren und verschiedene Zugänge zum Text auszuprobieren. Anhand verschiedener Übungen für Studierende (u.a. „Passage-based focused Free Writing“, „Die dreifache Paraphrase“ etc.) wird gezeigt, wie durch Schreiben lesen gelehrt werden kann.

In Kapitel 5 Schreiben als Denkmedium“ werden zahlreiche informell-explorative Schreibaktivitäten und -techniken (u.a. „Perspektivenwechsel“, „Freewriting“ etc.) vorgestellt, die während und zwischen Lehrveranstaltungen Studierende anregen, Denken, Sprechen und Schreiben gezielt zu verbinden. Dabei stellt Swantje Lahm verschiedene Möglichkeiten vor, wie und von wem eine Rückmeldung auf studentische Texte erfolgen kann. Die Methode des Peer Feedbacks wird ausführlich dargestellt.

Kapitel 6 „Vom Forschen“ gibt dem Leser und der Leserin Ideen, wie Schreiben den Forschungsprozess strukturieren und durch gezielte Begleitung erlernbar machen kann. Im ersten Punkt stellt Swantje Lahm ein Template vor, wie Schreibaufträge beim forschenden Schreiben gestaltet werden können. Die vier Felder forschenden Schreibens von Levy (2011) ermöglichen es, den Komplexitäts- und Schwierigkeitsgrad der Aufgabe einzuschätzen. Wie die Begleitung und Betreuung solcher Schreibprojekte aussehen kann, wird im zweiten Punkt erläutert.

In Kapitel 7 „Von der Neugier und der Lust auf gute Texte“ sind Studienergebnisse zum Bewertungs- und Benotungsverhalten von Lehrenden der Ausgangspunkt, um die Bedeutung des Überarbeitens eines Schreibproduktes zu verstehen. Die verschiedenen Ebenen der Textüberarbeitung zeigen auf, welche Kriterien für eine Schreibaufgabe festgelegt werden können. Swantje Lahm gibt hilfreiche Empfehlungen, wie studentische Texte kommentiert und benotet werden können – ohne dabei als Lehrender die Freude zu verlieren.

Im abschließenden Kapitel 8 „Zum Abschluss: eine Einladung zum Austausch“ kommt Swantje Lahm ihrer Gesprächsmetapher nach und regt an, dem Austausch über das Thema „Schreiben in der Lehre“ beizutreten.

Diskussion

Wie andere Bücher in der Reihe „Kompetent lehren“ richtet sich das Buch an Dozentinnen und Dozenten, die für ihre Lehr- und Beratungstätigkeit an Hochschulen wertvolle hochschuldidaktische Impulse erhalten sollen.

Das Buch „Schreiben in der Lehre“ besticht durch die geschickte Verknüpfung hochschuldidaktischer Aspekte (z.B. kompetenzorientierte Lehrveranstaltungsplanung) mit dem Thema (wissenschaftliches) Schreiben. Die Autorin legt verständlich dar, welche zwei Bedeutungen Schreiben an Hochschulen erfährt: Einerseits ermöglicht Schreiben die Konventionen und Textsorten einer Fachcommunity zu rekonstruieren, sich somit in diese einzuschreiben und andererseits ermöglicht es, Fachinhalte zu verstehen und zu erlernen. Besonders hilfreich ist, dass die Autorin einen Aufbau wählt, der die Perspektive eines Lehrenden einnimmt: Von der Planung, der Durchführung bis hin zur Bewertung werden alle Felder lehrbezogener Aspekte beleuchtet.

Neben ausgewählten, aktuellen Ergebnissen der Schreibforschung sind vor allem die Praxisbeispiele (z.B. Schreibaufgaben aus unterschiedlichen Fächern), Checklisten zur Selbstreflexion des eigenen Schreibens und Übungen zum Schreiben, die direkt in die Lehrveranstaltung implementiert werden können, wertvolle Inhalte für die Zielgruppe.

Inspirierend ist, dass die Autorin für Lehrende eine neue Perspektive auf das Thema hochschulisches Schreiben lenkt: Schreiben als Lern- und Entwicklungsinstrument, was Studierende motiviert und zugleich auf beiden Seiten Aktivität und Spaß in den Lehralltag bringt.

Gut gemeint sind die umfangreichen Kapitelüberschriften (z.B. „Ein guter Text ist kein One-Night-Stand“). Sie sollen einerseits die Neugier und das Interesse der Lesenden wecken, minimieren aber andererseits die Übersichtlichkeit des Gesamtwerkes und die Erfassbarkeit des Inhalts im Inhaltsverzeichnis.

Überaus sinnvoll ist die Verbindung des Konzepts „Forschenden Lernens“ mit dem Schreiben. Die Autorin prägt dafür den Begriff „Forschendes Schreiben“ (S. 140). Verständlich ist, dass die Autorin das Konzept „Forschendes Lernen“ nicht in aller Breite darstellen kann, soll doch das Buch vor allem für die Anwendung in der Praxis erste Impulse liefern. Ob dieses kurze Kapitel dennoch ausreicht und motiviert, das Konzept „Forschendes Lernen“ in der eigenen Lehrveranstaltung umzusetzen, bleibt fraglich. Sicherlich motiviert es, sich intensiver damit auseinanderzusetzen oder hochschuldidaktische Beratung dazu einzuholen.

Fazit

Schreiben an der Hochschule bedeutet für die Mehrheit der Lehrenden noch immer: Stapel um Stapel an Haus- oder Abschlussarbeiten lesen und korrigieren. Swantje Lahm zeichnet ein weitaus anregenderes Bild: Wissenschaftliches Schreiben als fortlaufendes Gespräch unter Menschen, die einem bestimmten Fachbereich angehören, sich in diesen einschreiben und miteinander auf kreative, vielfältige Weise in Austausch treten. Anhand dieser Metapher ist die Leichtigkeit zu spüren, mit der die Autorin sich dem Thema nähert. Sie vermittelt theoretische, empirische und praktische Erkenntnisse, wie Lehrende Schreibaufgaben didaktisch geschickt und ressourcenschonend planen, einsetzen und damit die Motivation ihrer Studierenden steigern können. Die Lektüre dieses sprachlich hervorragenden und fachlich fundierten Buches ist daher uneingeschränkt Lehrenden aller Disziplinen zu empfehlen.

Literatur

Girgensohn, Katrin/Sennewald, Nadja (2012): Schreiben lehren, Schreiben lernen. Eine Einführung. Darmstadt: WBG.


Rezensentin
Andrea Hempel
M.A., MHEd; Hochschuldidaktikerin und Schreibberaterin an der Hochschule der Medien
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Zitiervorschlag
Andrea Hempel. Rezension vom 11.01.2017 zu: Swantje Lahm: Schreiben in der Lehre. Handwerkszeug für Lehrende. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8252-4573-3. UTB 4573. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/21072.php, Datum des Zugriffs 30.03.2017.


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