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Esther Indermaur: Recovery-orientierte Pflege bei Suchterkrankungen

Cover Esther Indermaur: Recovery-orientierte Pflege bei Suchterkrankungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-88414-643-9. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Pflegefachpersonen und unterstützt sie dabei, mit Suchtkranken auf Augenhöhe zu arbeiten. Es thematisiert die Schritte im recoveryorientierten Pflegeprozess und stellt Konzepte im Umgang mit Betroffenen und ihren Angehörigen vor.

Autorin

Esther Indermaur (Master of Science in Nursing) ist als Pflegeexpertin in der Ambulanten Psychiatrischen Pflege in der Schweiz tätig und blickt auf mehrjährige Erfahrungen im Entzugs- und Therapiebereich zurück.

Aufbau

Das Buch gliedert sich neben Vorwort, Einführung und Schlussworten in drei ausführliche und anschließend vier kürzere Abschnitte:

  • Grundlagen
  • Der Pflegeprozess
  • Pflegerische Gruppenangebote
  • Spezielle Konzepte
  • Rückfall – und nun?
  • Sinnvolle und weniger sinnvolle Abmachungen
  • Angehörige als Ressource einbeziehen

Zusätzlich werden Arbeitshilfen als Downloadmaterialien zur Verfügung gestellt.

Inhalt

Die Einführung beginnt mit diagnostischen Merkmalen, einigen epidemiologischen Aspekten, Auswirkungen, Komorbidität und Entstehungsmodellen. Eingestreut sind Fallvignetten und konkrete Pflegehinweise wie z.B. Diätempfehlungen bei gereizten Schleimhäuten. Zu denken gibt ein Zitat aus einer Studie von Rumpf et al., dass 70,9 % der Alkoholkranken, die ihre Erkrankung in den Griff bekommen haben, dies ohne Inanspruchnahme professioneller Hilfe geschafft haben. Vor diesem Hintergrund wird ein recoveryorientierter Ansatz unter der Maxime entwickelt, dass Genesung grundsätzlich möglich ist und die betroffene Person „selbst auf den Führersitz des Lebens“ gehört.

Das Recoverykonzept wird – unterstrichen durch Fallvignetten – in seinen fünf Phasen dargestellt:

  1. Moratorium
  2. Erkenntnis (Awareness)
  3. Vorbereitung (Preparation)
  4. Wiederaufbau (Rebuilding)
  5. Wachstum (Growth)

Hier werden bereits Ähnlichkeiten zur Motivierenden Gesprächsführung sichtbar, welche später ausführlicher aufgegriffen werden. Im weiteren Verlauf wird ein Gezeitenmodell, das rund um die Metapher des Wassers aufgebaut ist, vorgestellt (Barker und Buchanan-Barker). Hierbei geht es um einen respektvollen, transparenten und ressourcenorientierten Umgang mit den Klienten.

Angelehnt an das Sechs-Phasen-Modell von Fiechter & Meier thematisiert die Autorin, wiederum anschaulich untermalt durch Fallbeispiele und Arbeitshilfen, den recoveryorientierten Pflegeprozess mit

  • einer transparenten, stärkenorientierten und respektvollen Pflegeanamnese
  • einer partizipativen Zielentwicklung
  • einer Maßnahmeplanung mit einer Reflexion der jeweiligen Rollen und einer Orientierung am Transtheoretischen Modell der Verhaltensänderung
  • einer Durchführungsphase mit Recoveryorientierung, Motivierender Gesprächsführung und gewaltfreier Kommunikation und
  • Hinweisen zur Evaluation und positivem Abschlussgespräch

Eingestreut sind Informationen zur Pflege im Entzug, zum Umgang mit Craving und zu Intoxikationen.

Im Abschnitt „Pflegerische Gruppenangebote“ werden viele Verfahren wie z.B. das Gezeitenmodell, Psychoedukation, Skillstraining oder Genussgruppe kurz angeschnitten. Es folgen spezielle Konzepte: Die Zusammenarbeit mit Peers wird hierbei jedoch nur auf einer Seite behandelt, das Programm zum kontrollierten selbstbestimmten Substanzkonsum KISS und das Programm CRAFT für Angehörige von Suchtkranken ein wenig ausführlicher.

Die letzten drei Kapitel sind recht knapp gehalten. Im Abschnitt über die Abmachungen wird – allerdings ohne Beleg – dafür plädiert, weniger Kontrolle auszuüben und die Türen zu öffnen, um Eigenverantwortung zu stärken.

Diskussion

Gerade im Suchtbereich bestehen Jahrzehntelange Erfahrungen in Selbsthilfeorganisationen. Der Zusammenhang zwischen Recoveryorientierung und Selbsthilfe wird jedoch in diesem Buch kaum aufgegriffen, insgesamt ist die Zusammenarbeit mit Peers sehr knapp abgehandelt. Ansonsten bietet das Buch viele praxisnahe Anregungen zur Gestaltung eines recoveryorientierten Pflegeprozesses und stellt Bezüge zu theoretischen und praktischen Ansätzen in Pflege und der Suchthilfe – wie z.B. zum Transtheoretischen Modell und zur Motivierenden Gesprächsführung her. Es leistet einen wichtigen Beitrag, dass Pflegekräfte Berührungsängste mit Suchtkranken ablegen und die eigene Rolle als Genesungsbegleiter gestalten. An mancher Stelle – wie z.B. bei den Gruppenangeboten – wäre eine etwas ausführlichere Behandlung ausgewählter Ansätze meiner Auffassung nach noch hilfreicher gewesen als die vorliegende überblicksartige Zusammenstellung. Hier wäre auch eine Chance gewesen, Erfahrungen aus der Selbsthilfe zu würdigen.

Fazit

Das Buch macht Hoffnung, unterstützt eine respektvolle und ressourcenorientierte pflegerische Begleitung von Menschen mit Suchterkrankungen und gibt viele praxisnahe Anregungen, wie der Pflegeprozess recoveryorientiert gestaltet werden kann.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus - Senftenberg, Campus Cottbus Sachsendorf
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 23.11.2016 zu: Esther Indermaur: Recovery-orientierte Pflege bei Suchterkrankungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. ISBN 978-3-88414-643-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21073.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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