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Andreas Knuf: Empowerment und Recovery

Cover Andreas Knuf: Empowerment und Recovery. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 5. erweiterte Auflage. 156 Seiten. ISBN 978-3-88414-644-6. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Mit der Reihe „Basiswissen“ stellt der Psychiatrie-Verlag eine Buch-Reihe vor, die sich zum Ziel setzt, in der Psychiatrie (und auch der Psychotherapie) Tätige mit kompakten Informationen zu neueren Entwicklungen in diesen Arbeitsfeldern bekannt zu machen (vgl. www.psychiatrie-verlag.de). Zusätzlich soll zur Reflexion eigener Entwicklungen angeregt werden- dies immer im Sinne eines humanistisch-aufgeklärten Menschenbildes.

Im vorliegenden Buch stellt in 5. und erweiterter Auflage Knuf die Konzepte „Empowerment“ (Befähigung ) und „Recovery“ (Gesundung) vor. Er prüft institutionelle und persönliche Voraussetzungen für entsprechend angeleitetes Handeln und erläutert dies mit zahlreichen knappen Praxisbeispielen.

Autor

Andreas Knuf ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut, nach langjähriger Praxis in der ambulanten und stationären Psychiatrie heute in eigener Praxis tätig. Materialien zum Thema des Buches bietet er auch unter www.andreas-knuf.de an.

Entstehungshintergrund

Im Kontext der ambulanten und stationären Psychiatrie (aber nicht nur dort) stellen die Konzepte Empowerment und Recovery wesentliche Handlungsansätze im Umgang mit Klienten/ Patienten dar- konsequent drängen sie sich als Themen in der genannten Buchreihe auf.

Aufbau

Das Buch gliedert Knuf in zwölf Kapitel, denen er eine Vorbemerkung voranstellt und die mit einem Anhang von einigen Arbeitsmaterialien ergänzt werden.

In den Vorbemerkungen weist der Autor darauf hin, dass das Buch auf Arbeitsmaterialien basiert, die im Laufe von 15 Jahren durch Zusammenarbeit mit Kollegen und Auszubildenden in Praxis und Supervision entstanden sind. Ziel sei für den Autor gewesen, möglichst verständlich, knapp und alltagsnah zu schreiben – was ihm- so viel sei schon vorweg genommen- ausgezeichnet gelungen ist.

Stringent beginnt das Buch mit der Klärung der zentralen Begriffe: Empowerment und Recovery. Während Empowerment die Befähigung oder die Selbstbemächtigung beschreibt, meint Recovery den Prozess der Auseinandersetzung mit Krankheit und Gesundungsvorstellungen (nicht Symptomfreiheit) auf dem Weg zu einem weitgehend befriedigenden Leben. Anschließend setzt sich Knuf fundierend mit Krankheits- und Gesundheitsvorstellung auseinander, bevor er dann im 3. Abschnitt sich mit Ressourcenarbeit beschäftigt. „Selbstbestimmung fördern und ermöglichen“ schließt sich an. Die Wechselwirkung und Beeinflussung von psychosozialen Hilfen und Psychopharmaka bespricht der Autor danach. Die nächsten Kapitel reichen von Förderung von Eigeninitiative, über „Selbststigmatisierung überwinden“, bis hin zu „Neue Rollenidentität von professionell Tätigen“.

Ausgewählte Inhalte

Anhand des Kapitels „Selbstbestimmung fördern und ermöglichen“ sollen einige Inhalte exemplarisch dargestellt werden.

Selbstbestimmung ist in einer demokratischen Gesellschaft wesentliches (auch politisches) Element und trägt maßgeblich zur Identitätsbildung bei- deshalb muss sie auch in psychiatrischen Einrichtungen beachtet und unterstützt werden. Dabei öffnet sich eine große Bandbreite auf Seiten der Patienten natürlich auch in Abhängigkeit von Ihren Gesundheitszustand: manche Patienten fordern hier verständlich viel ein, andere wollen und brauchen die Entlastung durch fürsorgliche Bestimmung von außen. Dies macht der Autor an einem Beispiel deutlich und erläutert hieran einen stimmigen Umgang mit diesen Patientenbedürfnissen. Wesentlich erscheint ihm, Selbstbestimmung als Ergebnis von Lernerfahrungen darzustellen- und nicht schlicht quasi genetisch als vorgegeben anzusehen; etliche Patienten in der Psychiatrie hätten gerade auch in Wechselwirkung mit ihrem Krankheitsbild Selbstbestimmung nicht hinreichend lernen können und dürfen – hier muss in der Behandlung Nacherfahrung möglich werden.

Wie Entscheidungsräume geöffnet werden können – auch und gerade in vermeintlich nebensächlichen Bergreichen wir der Freizeitgestaltung- wird an eingeschobenen Fallbeispielen erläutert.

Besonderen Wert legt der Autor auf die Art und Weise wie das Personal in der Psychiatrie mit Klientenwünschen i.S. der Selbstbestimmtheit umgeht – gerade hierbei besteht bei Interessenskonflikten die Gefahr autoritär – fürsorglicher Überreaktion … dies auch, weil Konsensbildung natürlich Zeit braucht und mit Verfahrensbedingungen bei geringen Personalressourcen kollidiert. Knuf geht auch auf rechtliche Bedingungen des Selbstbestimmungsrechtes und deren Verletzung ein und schließt das Kapitel mit Hinweis auf das sog. „Shared decisison-making“ ab: nach diesem Modell wird weder paternalistisch noch allein durch den Betroffenen entschieden, sondern konsensfähig gemeinsam Entscheidungen gesucht. Natürlich ist auch hier zu fragen, ob entsprechende Zeitbedingungen für solche Diskurse vorhanden sind, wobei allerdings die „Zeitersparnis“ bei guter gemeinsamer Entscheidung in späteren Konfliktfällen (oder eben bei deren Ausbleiben) gegengerechnet werden muss.

Knuf schließt das Büchlein mit einem kleinen Anhang mit Arbeitsmaterialien zur Fallarbeit und Supervision ab (Fähigkeiten entdecken, Selbsthilfe ersetzt Fremd-Hilfe, Wer will was, Innere Barrieren, Persönlichkeit des Helfers).

Diskussion

Das vorliegende Buch soll und will einen praktischen Beitrag zur qualitativen und menschenwürdigen Verbesserung im psychiatrisch- psychotherapeutischen Klinikalltag leisten und nimmt hierbei Bezug auf die Konzepte Empowerment und Recovery. Dem Autor gelingt eine weitgehend unprätentiöse, pragmatische Darstellung in einer einfachen aber nicht simplifizierenden Art und Weise.

Schön, dass zusätzlich der Verlag die Innenseiten des Umschlags benutzt, um zentrale Punkte des Textes herauszustellen- diese können ausgeklappt neben dem Text liegen, die Lernprozesse in der Arbeit mit dem Text vertiefen und z.B. bei Nacharbeit in der Supervision ohne großes Blättern im Text auf das Wesentliche fokussieren helfen. Beispiele und die durchweg gute Lesbarkeit machen die Arbeit mit der Thematik leicht und erfreulich.

Fazit

Für die Praxis der Psychiatrie und die dort Arbeitenden ein wichtiges Thema, das im vorliegenden Buch auf überzeugende Art näher gebracht wird – deshalb auch unbedingt als Vorlage für Supervision und Teambesprechungen handlungsanleitend empfohlen.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 02.02.2017 zu: Andreas Knuf: Empowerment und Recovery. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 5. erweiterte Auflage. ISBN 978-3-88414-644-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21075.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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