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Yvonne Kahl: Inklusion und Teilhabe (...) (Menschen mit psychischen Erkrankungen)

Cover Yvonne Kahl: Inklusion und Teilhabe aus der Perspektive von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 258 Seiten. ISBN 978-3-88414-660-6. D: 39,95 EUR, A: 41,20 EUR.
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Thema

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) durch die Bundesrepublik Deutschland 2009 ist das Thema Inklusion für alle Bereiche des täglichen Lebens und im Hinblick auf alle Personen, die als behindert bezeichnet werden, relevant. Diskutiert wird es bisher überwiegend im Zusammenhang mit Schule sowie (baulicher) Barrierefreiheit, im Bereich der Psychiatrie unter dem Aspekt der Zwangsanwendungen. Yvonne Kahl untersucht es aus der Perspektive von Menschen mit längerdauernden psychischen Erkrankungen.

Autorin

Yvonne Kahl hat ihre akademische Qualifikation in Sozialer Arbeit mit dem Master und der Promotion abgeschlossen. Beruflich hat sie sowohl als wissenschaftliche Mitarbeiterin als auch als Verantwortliche für die Etablierung inklusiver Strukturen in einem sozialpsychiatrischen Zentrum gearbeitet. Bei der vorgelegten Publikation handelt es sich um die Dissertationsschrift.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich nach einer Einleitung (Kapitel 1) in zwei Teile.

  • Teil I entfaltet den „Theoretischen Hintergrund zum Thema Inklusion und Teilhabe psychisch erkrankter Menschen“.
  • Teil II ist betitelt „Eine empirische Untersuchung zum Inklusions- und Teilhabeerleben von Menschen mit psychischen Erkrankungen“.

Ein umfangreiches Literatur-, ein Tabellen- und ein Abbildungsverzeichnis schließen die Publikation ab.

Zu Teil I

Der theoretische Teil I umfasst vier Kapitel mit den Überschriften

  • „Die UN-Behindertenrechtskonvention“,
  • „Inklusion und Exklusion – Chancen der Teilhabe in der kapitalistischen Gesellschaft“,
  • „Psychische Erkrankungen im gesellschaftlichen Kontext“ sowie
  • „Das Für und Wider der Sozialpsychiatrie im Kontext von Inklusion und Teilhabe“.

Kapitel 2. Im Hinblick auf die UN-BRK wird das Verfahren und die Rahmenbedingungen dargestellt und dann die Inhalte der UN-BRK auf die Konsequenzen für die Arbeit mit und für Menschen mit psychischen Erkrankungen bezogen. Insbesondere wird darauf hingewiesen, dass die UN-BRK einen gesellschaftlichen Änderungsprozess intendiert und nicht einfach eine auf das Individuum bezogene Förderung.

Kapitel 3. Inklusion und Exklusion führt die Analyse in Richtung auf Chancen der Teilhabe weiter. Hier findet sich auch eine Begriffsdifferenzierung von Inklusion, Integration und Teilhabe. Die Dimensionen, die der Soziologe Kronauer im Hinblick auf gesellschaftliche Zugehörigkeit beschreibt (Erwerbsarbeit, Einbindung in soziale Netze und Teilhabe am Lebensstandard über Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie Interessenvertretung), führen zur ICF der WHO und der dortigen Entfaltung des Teilhabebegriffs, was im Hinblick auf den empirischen Teil die dort gewählten Bereiche begründet. Aus einer gesellschaftlichen Perspektive werden die Konsequenzen des sozialen Wandels für die Teilhabemöglichkeiten des Individuums beleuchtet. Bearbeitet werden die Individualisierung, die Exklusion der „Überflüssigen“ (Kronauer) und die „Zonen der Integration“ (Castel), um schließlich in einem Exkurs den Nutzen der Systemtheorie für die Beschreibung der Inklusion zu prüfen mit dem Ergebnis, dass sie „… Exklusionen im Sinne von Ausgrenzung aus gesellschaftlichen Bezügen …nicht sichtbar werden…“ (S. 59) lässt.

Kappitel 4. Das folgende Kapitel untersucht, „inwiefern ein anderes gesellschaftliches Verständnis von Behinderung, bei dem die Gesellschaft mitverantwortlich für die Ausgestaltung der Behinderung eines Menschen ist, zu mehr Teilhabechancen von psychisch erkrankten Menschen beitragen kann…“ (S. 61) Neben einer medizinischen Erfassung der psychiatrischen Diagnose werden erneut die ICF und die Disabilitiy Studies herangezogen.

Kapitel 5. Im Hinblick auf die Sozialpsychiatrie werden „die Regelungen zur Rehabilitation als Grundlage sozialpsychiatrischen Handelns“ und „das sozialpsychiatrische Hilfesystem“ dargestellt. Dabei wird der Bogen von der Psychiatrie-Enquete 1975 in die Jetztzeit gezogen einschließlich aktueller Einflüsse wie die sog. Ökonomisierung.

Zu Teil II

Der Teil II stellt die empirische Untersuchung dar, die aus zwei Teilen besteht, einer qualitativen Untersuchung in Form von 12 problemzentrierten leitfadengestützten Interviews zu den Lebensbereichen Arbeit und Beschäftigung, interpersonelle Interaktionen und Beziehungen und Gemeinschaftsleben und eine quantitative Untersuchung mit einem standardisierten Fragebogen zu interpersonellen Interaktionen und Beziehungen und aus dem Bereich Gemeinschaftsleben zu dem Bereich Freizeit, der von 236 Personen ausgefüllt wurde.

Dabei gilt, dass sich „in der Realität der Menschen die untersuchten Lebensbereiche nicht ganz klar voneinander abgrenzen ‚lassen‘ – sie sind miteinander verbunden und bedingen einander.“ (S. 186) Die Ergebnisse der qualitativen Untersuchung werden unter folgenden Themen zusammengefasst: Benachteiligungserlebnisse, fehlendes Zugehörigkeitsgefühl, fehlende Teilhabe, Eigenverantwortung und Zufriedenheits- und Akzeptanzerleben.

Aus der Zusammenfassung der Ergebnisse der quantitativen Befragung: „Die psychischen Beeinträchtigungen, welche die Studienteilnehmer als Hinderungsgründe für die Teilhabe an Freizeitaktivitäten benennen, zeigen, dass die bisherige gesellschaftliche Praxis für Menschen mit Beeinträchtigungen nur begrenzte Chancen bereithält, Optionen zur Kontakt- und Freizeitgestaltung zu nutzen…Vielfach scheinen die Rahmenbedingungen nicht den individuellen Bedürfnissen der Menschen zu entsprechen, sodass sie soziale Beziehungen nicht gestalten können und an Freizeit teilhaben können, wie sie es sich wünschen.“ (S.227)

Allerdings sind nicht alle Befragten unzufrieden mit ihren Teilhabemöglichkeiten. Dabei scheint auch die Erwerbsarbeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung von Bedeutung. Sie „.stärkt offenbar die Chancen auf eine zufriedenstellende Teilhabe in Bezug auf die eigene Freizeitgestaltung sowie soziale Beziehungen.“ (S.229).

Im abschließenden Kapitel wird ein Fazit gezogen. Es wird die „Bedeutung der UN-BRK für die Lebenslagen psychisch Erkrankter“ unter Berücksichtigung der empirischen Ergebnisse als Aufträge herausgestellt, die „Auswirkungen der Individualisierung auf Teilhabechancen“ reflektiert und schließlich für die Zukunft mit „…dem psychisch erkrankten Menschen überlegt (werden), welche Wünsche bezüglich der Teilhabe bestehen, wo Ressourcen gefördert werden können und wo Teilhabe bereits gelingt, sodass fachliche Interventionen hieran angeknüpft werden können… Erfolgreiche Konzepte zur Stärkung von Teilhabe sind somit auf eine ständige Kooperation mit allen Beteiligten angewiesen, um Ideen zu planen und umzusetzen, die im Interesse der Zielgruppe liegen.“ (S.242f)

Diskussion

Yvonne Kahl greift eine nach Verabschiedung der UN-BRK zunehmend bedeutsamer werdende Thematik auf, denn die UN-BRK vertritt ein soziales Modell von Behinderung und betont die menschenrechtliche Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung. Dass es für diese Selbstverständlichkeit einer UN-BRK bedarf, weist darauf hin, dass Gesellschaften sich mit dieser Gleichstellung schwer tun. Nichtsdestotrotz gab es auch in Beziehung auf Menschen mit psychischen Erkrankungen bereits Ansätze, dieses Anliegen zu befördern. Hierzu zählen die Sozialpsychiatrie als älteste Schwester, die Disability studies und die ICF der WHO, die Kahl aufgreift und zum Anliegen der UN-BRK in Beziehung bringt.

Spannend – bei aller Einschränkung durch Art der Rekrutierung der TeilnehmerInnen aus einer Stadt – sind Implikationen der Ergebnisse der sorgfältig erhobenen empirischen Untersuchung. Entgegen unserem in medizinische, arbeitsbezogene und soziale Rehabilitation gegliederten Rehabilitationssystem mit zudem unterschiedlicher finanzieller Zuständigkeit zeigt sich, dass sich die Lebensbereiche überschneiden und gegenseitig fördern – oder hemmen. Dieser Befund ist ein weiterer Baustein dahingehend, dass unser gestuftes Rehabilitationssystem theoretisch zwar gut begründet sein mag, aber am wirklichen Leben vorbeigehen kann. Befunde aus dem Bereich der Arbeitsrehabilitation zur besseren Wirksamkeit von supported Employment und Housing first im Bereich der Wohnungslosenhilfe sowie im Bereich der Krisenintervention weisen in eine ähnliche Richtung, nämlich der integrierten Förderung in den Lebensbereichen und nicht bei gestuften und segmentierten Fördermaßnahmen stehen zu bleiben.

Fazit

Yvonne Kahl legt mit ihrer Dissertationsschrift einen weiteren Baustein zur Auseinandersetzung mit der UN-BRK und der dadurch zwingenden Umorientierung auch im Bereich der Arbeit mit Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen vor. Im theoretischen Teil werden sorgfältig bereits vorhandene Theorien und Konzepte vorgestellt und aus der Perspektive der UN-BRK und seines Teilhabeansatzes geprüft. Im empirischen Teil werden die betroffenen Menschen nach ihren Teilhabe- und Exklusionserfahrungen befragt. Die Transparenz des Vorgehens wird noch dadurch erhöht, dass beim Psychiatrieverlag die Materialien zu diesem empirischen Teil abzurufen sind. Angesichts der insgesamt geringen Forschungsunterstützung für sozialwissenschaftliche Forschung sind wir auf solche Forschungsprojekte angewiesen und ihre Veröffentlichung. Für diese Möglichkeit ist dem Psychiatrie-Verlag zu danken. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Inklusion auch bedeutet, neben Wahlmöglichkeiten integrierte, mehrere Lebensbereiche umfassende und vor Ort ansetzende Maßnahmen zu unterstützen.

Eine Dissertation folgt den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens, was den LeserInnen insbesondere im empirischen Methodenteil langatmig erscheinen mag. Auch der Preis mag abschrecken. Dennoch empfehle ich die Lektüre nachdrücklich: wegen der differenzierten theoretischen Grundlegung, wegen der Ergebnisse des empirischen Teils und zur Förderung von Forschung zur Teilhabe und Inklusion lohnt sich eine Anschaffung auch für Fachbibliotheken.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 29.11.2016 zu: Yvonne Kahl: Inklusion und Teilhabe aus der Perspektive von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. ISBN 978-3-88414-660-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21076.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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