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Andreas Riedel, Jens Clausen: Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen

Cover Andreas Riedel, Jens Clausen: Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-629-3. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Autismus-Spektrum-Störungen werden vor allem als eine Entwicklungsstörung bei Kindern wahrgenommen, obwohl sie bis in späteren Lebensphasen andauern. Das vorliegende Buch gibt einen kompakten Überblick über Ausprägungen, Diagnostik und Therapie von Autismus im Erwachsenenalter und hilft psychiatrisch, psychotherapeutisch und psychosozial Tätigen, erwachsene Menschen aus dem Autismus-Spektrum diagnostisch richtig einzuschätzen und in der Begegnung besser zu verstehen (Klappentext). Das Buch lenkt den Fokus auf den sog. hochfunktionalen Autismus bei Erwachsenen. Praxisnah werden vorherrschende Konzepte von Krankheit, Störung und Behinderung reflektiert. Ziel ist einen Zugang zu den Lebenswelten von Menschen mit Autismus, ihren Schwierigkeiten und Ressourcen zu geben. Dazu findet man sozialrechtliche Informationen und konkrete Hilfen für schwierige Therapiesituationen im Umgang.

Autor

Andreas Riedel ist Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg. Er leitet dort die Spezialsprechstunde für das Asperger-Syndrom.

Jens Jürgen Clausen ist Erziehungswissenschaftler und Analytischer Gruppentherapeut. Clausen lehrt im Studiengang Heilpädagogik an der Katholischen Hochschule Freiburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe Basiswissen des Psychiatrie Verlags erschienen, eine Reihe, die Wissen für die psychiatrische Praxis bündelt. Sie gibt einen gezielten Überblick über den Umgang mit bestimmten Patientengruppen und den besonderen Herausforderungen des Arbeitsalltags. Zielgruppe sind Berufsanfänger, Quereinsteiger, aber auch langjährig psychiatrisch Tätige, die neue Anregungen suchen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A5 Format aufgelegt. Es umfasst 152 Seiten, die sich in neun Teile gliedern, die nicht durchnummeriert sind. Entscheidende Stichworte sind durch Fettdruck im Fließtext hervorgehoben, zahlreiche Beispiele heben sich dadurch ab, dass sie eingerückt sind. Viele Abschnitte enden mit einem Merke-Satz. Auf der Innenseite des Covers findet man 13 Merksätze mit Seitenangaben, die sich auf Passagen im Buch beziehen.

  • Was ist Autismus?
  • Helfender und therapeutische Zugang
  • Lebenswelten und Lebenslagen autistischer Menschen
  • Rechtliche Aspekte und Unterstützungsmöglichkeiten
  • Konkrete schwierige Situationen im Umgang mit Erwachsenen aus dem Autismusspektrum
  • Fehlerquellen im Umgang mit Erwachsenen aus dem autistischen Spektrum
  • Häufige Themen im therapeutischen Umgang
  • Vom Defiziterleben über die „autistische Identität“ zum menschlichen Pluralismus – Schlussbemerkungen
  • Ausgewählte Literatur

Der erste Teil Was ist Autismus? beginnt mit der historischen Entwicklung. In diesem Teil werden Ursachen und neuropsychiatrische Auffälligkeiten beschrieben, umrissen werden auch Probleme mit der Terminologie und Abgrenzung der Begrifflichkeiten. Besondere Aufmerksamkeit bekommt dabei der Begriff „autistische Züge“, der Randbereich des autistischen Spektrums. Autistische Züge haben zunehmend das Interesse der Forschung geweckt. Aktuell wird diskutiert, ob die autistischen Züge als „Basisstörung“(S.18) bestimmter anderer Erkrankungen wie Anorexia nervosa oder chronischen Depressionen im Sinne eines Vulnerabilitätsfaktors aufgefasst werden kann. Bewiesen ist, dass Autismus genetisch verursacht ist, durch Genetik allein ist das Autismus Spektrum aber nicht zu klären Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Prävalenzzahlen (also die Zahlen zur Krankheitshäufigkeit) in den letzten 30 Jahren um das Zehnfache erhöht haben, sodass man heute nicht mehr wie vor 25 Jahren davon ausgeht, dass Autismus ein seltenes Erscheinungsbild ist. Aktuelle Zahlen aus den USA oder Südkorea weisen darauf hin, dass etwa 0,5 - 2 Prozent aller Menschen betroffen sind.

Die Autoren arbeiten zentrale Charakteristika heraus, die vor allem auf Erwachsene mit hochfunktionalem Autismus zutreffen wie die Kommunikation und die Sensorik. An dieser Stelle geben sie die Empfehlung, Biografien von Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, zu lesen, hier werden Axel Brauns oder Susanne Schäfer genannt.

Ein kognitionspsychologischer und neurobiologischer Erklärungsansatz bildet die sog. Theory of Mind. Dieser Ansatz trägt zum Verstehen des Autismus bei. Gemeint ist die Fähigkeiten zur Mentalisierung. Forschungen haben ergeben, dass Kinder mit Autismus sich schwer damit tun, Erwachsene meistern gestellte Aufgaben nicht schlechter als Kontrollpersonen (S.25), allerdings weniger intuitiv automatisch, sondern bewusst überlegt. Diese Hypothese wird mit einem anschaulichen Beispiel beschrieben. Weitere Hypothesen wie die zur schwachen zentralen Kohärenz, zu exekutiven Funktionen und zur sog. „Intense World Theory“ werden nur angerissen.

Neben Lebenserfahrungen bringen Erwachsene mit Autismus auch ausgefeilte Strategien im Umgang mit eigenen Defiziten mit. Diese Kompensationsleistungen helfen, den Autismus kaum sichtbar werden zu lassen. Viele gut angepasste Menschen mit Autismus beschreiben sog. Monitorstrategien, d.h. sie lassen quasi stets einen zweiten Monitor mitlaufen, auf dem Hinweise zur Steuerung des Sozialverhaltens sind und somit als Erinnerungshilfe dienen, wie man sich in der aktuellen Situation verhalten sollte. Ein Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass solche Strategien zu einer weitest gehenden Anpassung führen können, die aber brüchig bleibt, weil sie ein hohes Maß an Konzentration und Mühe abverlangen und nicht selten in der Erschöpfung münden.

Anschließend reflektieren die Autoren die Begriffe „Krankheit Behinderung Normvariante“. Alle drei Begriffe schaffen es nicht, dem gerecht zu werden, was das Autismus Spektrum ausmacht. Im Englischen findet sich zunehmend der Begriff „autism spectrum condition“. Die Diagnose wird heutzutage schon in der Kindheit gestellt, allerdings besteht für Personen, die vor 1980 geboren sind eine diagnostische Lücke und vor 1990 wurde der hochfunktionale Autismus häufig nicht als solcher erkannt. Die Diagnosestellung im Erwachsenenalter ist auch deshalb schwierig, weil der diagnostische Goldstandard z.B. ADOS, für Kinder entwickelt wurde. Wichtig ist zudem, die Autismus Spektrum Störung von anderen psychiatrischen Krankheitsbildern wie Persönlichkeitsstörungen oder Schizophrenie abzugrenzen, was sehr schwierig sein kann. Autistische Menschen weisen oft Komorbiditäten z.B. Zwangs- oder Angsterkrankungen sowie depressive Episoden, ADHS oder Tic-Störungen auf. Dem Thema hochfunktionaler Autismus und Sprache wird zum Ende des Kapitels besondere Bedeutung zugewiesen. Wer sich mit Autismus nicht auskennt legt eine abweichende Kommunikation als Respektlosigkeit aus, statt sie als „Störung der Sprachpragmatik“ zu begreifen (S.40).

Als Überleitung zum nachfolgenden Teil helfender und therapeutischer Zugang wird auf die Bedeutung autistischer Ressourcen verwiesen, die autistische Menschen zweifelsfrei haben. Spezifische psychotherapeutische Konzepte gibt es nach Ansicht der Autoren aktuell noch nicht, allein FASTER ist für den detaillierten Einstieg geeignet. Zu dem genannten Buch von Ebert u.a. liegt eine Rezension vor. Aus Erfahrung der Autoren ist es universell ratsam, ein individuelles Vorgehen aufgrund der Spannbreite und der großen Unterschiede des Autismus zu nutzen. Psychopharmaka sollten nur für Zusatzsymptomatiken eingesetzt werden. Daneben bedarf die Gestaltung der Kommunikationsstruktur eine gute Vorbereitung und passende Umgebungsgestaltung. Im Besonderen werden hier zudem die Themen Missverständnisse, Körperkontakt, Feedback und Toleranzgrenzen konkreter umschrieben. Zum Aufbau von Beziehung hat es sich bewährt, sich einzulassen und Vertrauen zu bilden. Besonderes Augenmerk ist auf sog. Gegenübertragung zu legen, um wahrzunehmen, was der Patient beim Gegenüber auslöst. Manche Therapeuten reagieren wütend auf ihre Patienten und es ist eine sehr sensible Spurensuche von Nöten, um nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu kommen, weitere Reaktionsmuster sind Langeweile oder Befremden. Diese Reaktionsweisen müssen therapeutisch reflektiert und interpretiert werden und zwar deutlich anders als bei anderen Patientengruppen. Auch sollte man wissen, dass autistische Gedächtnisse anders als die neurotypischer Personen funktionieren. Von besonderer Bedeutung sind das emotionale Gedächtnis und das andere Zeiterleben sowie der Umgang mit Routinen, die für autistische Menschen zur Gelassenheit beitragen.

Achtsamkeitsbasierte Verfahren haben sich bei Grübelschleifen als nützlich erwiesen. Menschen mit Autismus berichten in dem Zusammenhang allerdings oft von der Notwendigkeit des Grübelns z.B. um Entscheidungen vorzubereiten oder vergangene Erlebnisse zu reflektieren. Sollte das Grübelkarusell zu Überforderung führen hilft es, sich achtsam Orte auszusuchen, an denen das intensive Nachdenken erlaubt ist und Orte zu definieren, die das Grübeln nicht tolerieren. Auch Meditation kann helfen, zur Ruhe zu kommen. Riedel und Clausen empfehlen folgendes Buch von Ulrike Domenika Bolls: Meditation für Aspies. Lebensqualität & Eigenverantwortung mit Asperger-Autismus. Books on demand (Norderstedt) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-8423-4928-5. 24,50 EUR, vgl. die Rezension.

Im Teil Lebenswelten und Lebenslagen autistischer Menschen werden Erfahrungen in verschiedenen Lebenswelten in Bezug auf ihren Teilhabeaspekt beleuchtet und mit Beispielen unterfüttert. Dabei geht es um die berufliche Teilhabe in der Arbeitswelt. Hervorgehobene Schlagworte sind „Bewerbungsgespräche“ und „Berufsbildungswerke“. Im Abschnitt zur kommunalen Teilhabe in der Gestaltung des Wohnens werden verschiedene Wohnmöglichkeiten angerissen. Der Auszug aus dem Elternhaus stellt für jeden jungen Menschen hohe Anforderungen, für Menschen aus dem Autismusspektrum und deren Angehörige ist dieser Entwicklungsschritt mit Gefühlen von Ambivalenz und Ängsten gekennzeichnet. Der Abschnitt zur kulturellen Teilhabe beschreibt die Themen freie Zeit, Urlaub, Sport und Kreativität. Bei der gesellschaftlichen Teilhabe werden die Themen Selbsthilfe, Selbstvertretung und Partizipation in den Fokus genommen. Dieser Teil endet mit Gedanken zu Freundschaften, Partnerschaften und Beziehungen, auch das Thema Sexualität wird kurz angerissen.

Den rechtlichen Aspekten und Unterstützungsmöglichkeiten ist ein eigener Teil gewidmet. Er beginnt mit dem sozialrechtlichen Verständnis von Krankheit und Behinderung und der Bedeutung der UN Behindertenrechtskonvention. Auch in diesem Abschnitt geht es um rechtliche Unterstützungsmöglichkeiten. Das gegenwärtige deutsche Sozialhilferecht ist hinsichtlich der Rechte autistischer Menschen unübersichtlich und verwirrend, denn obwohl es um die einheitliche Leistung Eingliederungshilfe geht, ist in einem Fall das Jugendamt und in einem anderen Fall die Sozialhilfe zuständig. Eine Vereinheitlichung ist aktuell in Arbeit, Ziel ist, Kinder und Jugendliche unabhängig vom Schweregrad ihrer Behinderung der Jugendhilfe zuzuordnen. Erwachsene Autisten können personenbezogene Leistungen für psychisch kranke bzw. seelisch behinderte Menschen geltend machen. Dazu muss allerdings eine klare und gewichtige Diagnose vorliegen. Hier schließt sich die Frage an, wie offensiv man mit der eigenen Autismusdiagnose umgehen solle. Diese Frage ist nicht pauschal, sondern immer individuell zu beantworten.

Seit 2008 ist das Persönliche Budget als Rechtsanspruch gesetzlich verankert. Es dient dazu, den Weg zu passgenauen Hilfeformen zu ebnen. Zur Ermittlung des Bedarfs haben sich Verfahren der Hilfeplanung und die Persönliche Zukunftsplanung bewährt. In Bezug auf die berufliche Unterstützung haben sich zunehmend die Berufsbildungswerke und zum Übergang in den Beruf hat sich das Modell des sog. Jobcoachings bewährt, weil diese Unterstützungsform die Erlangung und den Erhalt des Arbeitsplatzes in den Mittelpunkt stellt. Eine etwas anders gelagerte Unterstützung bietet auch die sog. Arbeitsassistenz.

Der nächste Teil trägt den Titel konkrete schwierige Situationen im Umgang mit Erwachsenen aus dem Autismusspektrum. Die Praxis zeigt, dass es zwischen autistischen Patienten und neurotypischen Behandlern nicht selten zu Kommunikationsschwierigkeiten kommt, die eine Behandlung und Betreuung deutlich beeinträchtigen. Hier werden einige der typischen Probleme beschrieben und Vorschläge für einen professionellen Umgang gemacht. Häufig gibt es Schwierigkeiten in der Kommunikation. Hilfreich ist es fortlaufend nachzufragen und auch über die Kommunikation an sich zu sprechen. Eine weitere Schwierigkeit liegt im Umgang mit Aggressionen und selbst verletzenden Verhalten. Das Spektrum von selbstverletzenden Verhaltensweisen ist bei erwachsenen Autisten recht breit: Es reicht von normalitätsnahen Verhaltensweisen wie z.B. Nägel kauen bis hin zum Schlagen des Kopfes gegen die Wand. Auch über den Umgang mit „overloads“ sollte man sich auskennen Der Begriff „overload“ wird häufig verwandt, ist nicht genau definiert. Gemeint ist die Überlastung des sensorisch-reizverarbeitenden Systems, die bei Überflutung in Extremsituationen jeden treffen kann. Menschen aus dem Autismus Spektrum sind aufgrund ihrer Reizfilterschwäche aber weitaus häufiger betroffen als andere. Es ist sehr sinnvoll, in der Therapie prophylaktisch zu arbeiten, indem ein Tagebuch geführt wird, um Auslösesituationen zu erkennen. In reizüberflutenden Situationen hilft es zudem, eine reizarme Umgebung aufzusuchen und Körperkontakt sowie Gespräche zu vermeiden. Nicht einfach ist der Umgang mit Suizidalität bei erwachsenen Menschen mit Autismus. Da das Thema von sich aus meist aus Scham nicht angesprochen wird ist es geboten, es proaktiv explizit und ausführlich anzusprechen. Die Erfahrung zeigt, dass Anti-Suizid-Versprechen nicht frei von Missverständnissen und mit Vorsicht zu vereinbaren sind, denn hier kommt es in der Formulierung auf jedes Wort an.

Hier schließt das Kapitel Fehlerquellen im Umgang mit Erwachsenen aus dem autistischen Spektrum an. Darin geht es darum, Fallstricke zu vermeiden, die nicht selten in schwierigen Therapie- und Gesprächssituationen münden. Es geht um den Umgang mit offenen Fragen, um die Sensorik, um die Expositionstherapie, bei der Patienten mit unangenehmen, angstbesetzten Situationen konfrontiert werden. Viele Autisten haben die Erfahrung gemacht, dass Therapeuten ihr gezeigtes Verhalten als „Abwehr“ eingeordnet haben, die dann zum Gegenstand der Therapie, also pathologisiert wurde. Wichtig zu wissen ist zudem, dass der Einsatz von Metaphern schwierig sein kann, anders als bei neurotypischen Patienten. Dieser Teil endet mit der Betrachtung zur Abstinenz des Therapeuten.

Im Mittelpunkt des Kapitels Häufige Themen im therapeutischen Umgang steht die Psychoedukation von Menschen mit Autismus, die zum ersten Mal mit der Diagnose konfrontiert wurden. Hilfreich ist, Bücher anderer Betroffener zu lesen wie Temple Grandin, Susanne Schäfer oder Daniel Tammelt. Darüber hinaus geht es auch um Themen wie den small talk, um Nonverbales und um Störungen in der Kommunikation. Ein weiteres häufig vorkommendes Thema sind Hilfen bei der Organisation und Strukturierung. Besonders an den Übergängen zwischen Lebensphasen werden klare Hilfen benötigt, um anstehende Herausforderungen und Aufgaben zu bewältigen. Bei der Fülle an Alltagsthemen ist zu beachten, dass nur ein Thema zurzeit bearbeitet werden kann. Nicht selten stellt sich am Anfang der Behandlung die Frage, ob die Diagnose offengelegt werden soll oder nicht. Eine pauschale Aussage kann man nicht treffen, es kommt immer aus den Einzelfall an. Auch die Klärung konkreter sozialer Situationen ist ein wichtiger Aspekt. Dabei ist zu überlegen, wie man bisher unverstandene Phänomene am besten bearbeitet. Ein Vorschlag ist Feedback in der Ich Form zu gegeben. Besonderes Augenmerk liegt auch auf der Arbeit mit Angehörigen. Diese ist nicht selten von Vorwürfen und Schuldgefühlen geprägt. Oft gibt es quasi chronifizierte gegenseitige Vorwürfe, sodass es lange braucht, diese offenzulegen, um sie zu bearbeiten. Das Buch endet mit Schlussbemerkungen mit der Überschrift: Vom Defiziterleben über die „autistische Identität“ zum menschlichen Pluralismus. Hier wird ein innerer Prozess beschrieben, der häufig bei Personen aus dem autistischen Spektrum zu beobachten ist, die erst im Erwachsenenalter eine Diagnose bekamen. Diesen Prozess zu unterstützen, zu befördern und zu begleiten ist eine überaus befriedigende Aufgabe, auch wenn sie „den langen Atem der Geduld“ braucht, bei dem es zuweilen um kleinste Schritte geht. (S.146).

Diskussion

Autismus-Spektrum-Störungen werden vor allem als eine Entwicklungsstörung bei Kindern wahrgenommen, obwohl sie bis in spätere Lebensphasen andauern. Heute beginnt die Diagnosestellung schon früh, bei Erwachsenen aus dem Spektrum, die vor 1980 geboren wurden, ist die Diagnose jedoch oft noch unerkannt. Das hier vorliegende Büchlein gibt einen kompakten Überblick über Ausprägungen, Diagnostik und Therapie von Autismus im Erwachsenenalter und hilft psychiatrisch, psychotherapeutisch und psychosozial Tätigen, erwachsene Menschen aus dem Autismus-Spektrum diagnostisch richtig einzuschätzen und in der Begegnung besser zu verstehen.

Interessant ist der Hinweis auf die Diskussion, wie „autistische Züge“ einzuordnen sind. Dieser Randbereich des autistischen Spektrums weckt zunehmend das Interesse der Forschung. Aktuell wird diskutiert, ob die autistischen Züge als „Basisstörung“(S.18) bestimmter anderer Erkrankungen wie Anorexia nervosa oder chronischen Depressionen im Sinne eines Vulnerabilitätsfaktors aufgefasst werden können. Auch zu anderen psychiatrischen Störungsbildern gibt es Symptomüberschneidungen, was eine fundierte und gründliche Differenzialdiagnostik unentbehrlich macht. Es ist abzuwarten, wie sich diese Diskussion mit der Veröffentlichung des ICD 11 weiter entwickeln wird.

Neben diesen diagnostischen Erkenntnissen und Überlegungen lenkt das Buch den Fokus auf weitere Themen des Erwachsenwerdens. Eröffnet werden will damit einen Zugang zu den Lebenswelten von Menschen mit Autismus, ihren Schwierigkeiten und Ressourcen. Zudem werden sozialrechtliche Informationen und konkrete Hilfen für schwierige Therapiesituationen im Umgang mit Erwachsenen mit einer hochfunktionalen Autismus-Spektrum-Störung gegeben. Damit wird der Entwicklung Rechnung getragen, die in den letzten 30 Jahren zu beobachten war: die Prävalenzzahlen (also die Zahlen zur Krankheitshäufigkeit) haben sich um das Zehnfache erhöht, sodass man heute nicht mehr davon ausgeht, dass Autismus eine seltene Erkrankung ist. Aktuelle Zahlen aus den USA oder Südkorea weisen darauf hin, dass etwa 0,5 – 2 Prozent aller Menschen betroffen sind.

Nach Aussage der Autoren gibt es nur wenig Literatur wie dieser zu Erwachsenen mit hochfunktionalem Autismus. Deshalb ist es äußerst bedauerlich, dass an vielen Stellen Themen nur knapp angerissen werden und nicht tiefer in die äußerst spannende Materie eingestiegen wird.

Fazit

Dieses Taschenbüchlein hat es in sich. Zielgruppe der Reihe Basiswissen des Psychiatrie Verlags sind Berufsanfänger, Quereinsteiger, aber auch langjährig psychiatrisch Tätige, die neue Anregungen suchen. Dargestellt werden zentrale Themen psychiatrischer Arbeit. Neben knappen, aber fundierten Grundlagen gibt es praktische Tipps für den Umgang mit hochfunktionalen Erwachsenen aus dem autistischen Spektrum. Es ist durch sein kompaktes Format als Nachschlagewerk geeignet. Auf der Innenseite des Covers findet man 13 Merksätze mit Seitenangaben, die sich auf Passagen im Buch beziehen und damit schnell einen Überblick über relevante Themen geben. In den einzelnen Teilen findet man weitere Merk-Sätze, zahlreiche Beispiele und viele Querverweise. Ein Wermutstropfen ist das glänzende Papier und die kleine Schriftgröße, sie machen das Lesen anstrengend.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 21.12.2016 zu: Andreas Riedel, Jens Clausen: Autismus-Spektrum-Störungen bei Erwachsenen. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2016. ISBN 978-3-88414-629-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21084.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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ISSN 2190-9245

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