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Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit

Cover Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Das Leben in der globalisierten Welt sinnvoll gestalten. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 323 Seiten. ISBN 978-3-8379-2499-2. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Autor

Carlo Strenger, geboren 1958 in Basel, hat eine Professur für Psychologie und Philosophie an der Universität Tel Aviv inne und ist Mitglied des Seminars für Existentielle Psychoanalyse an der Universität Zürich. Außerdem ist er im akademischen Beirat der Sigmund Freud Stiftung in Wien tätig und Senior Research Fellow am Institut für Terrorforschung an der City University of New York. In Israel hat er sich als regierungskritischer politischer Publizist profiliert. Die von ihm konzipierte Existentielle Psychoanalyse geht wie die Experimentelle Existenzielle Psychologie (EEP) von Grundgedanken der Existenzphilosophie aus.

Thema

Grundlegend für die Existentielle Psychoanalyse wie für die EEP ist die Annahme, dass das meist verdrängte Wissen um die Endlichkeit unseres Lebens unser Dasein bestimmt. Deshalb sind wir bestrebt, unserem Leben einen Sinn, eine Bedeutung zu geben. Ausgangsüberlegung des vorliegenden, zuerst in den USA erschienenen, Buches ist die Frage, wie sich die Individuen im Kontext der Globalisierung Bedeutung (significance) verschaffen wollen und können. Während bspw. einen Anwalt in einer Stadt wie Basel früher die Anerkennung seiner Mitbürger befriedigen konnte, vergleichen sich seine Nachfolger möglicherweise mit international agierenden Zunftgenossen, wobei die problematische Tendenz zu quantitativen Vergleichsmaßstäben besteht. Der „globalisierte Mensch“ ist für Strenger zumindest in der Gefahr „Teil des globalen Infotainment-Systems“ zu werden (8). Für ihn gebe es nur zwei Ziele: Berühmtheit bzw. Bekanntheit oder finanziellen Erfolg (ebd.). Generell geht es um den eigenen Marktwert.

Aufbau und Inhalt

An die kritische Zeitdiagnose schließt Strenger philosophische und psychologische, teils auf therapeutische Fallbeispiele gestützte, Theorien darüber an, wie wir in der heutigen Situation unser Leben sinnvoll gestalten können.

Das Buch ist in drei Teile und neun Kapitel gegliedert.

  1. Den Inhalt von Teil I verrät schon die Überschrift „Die Niederlage des Geistes“.
  2. In Teil II „Von der Verfügbarkeit des ‚Ichs‘ als Handelsware zum Drama der Individualität“ geht der Vf. von der Zeitdiagnose zur Darstellung seiner existenzpsychologischen Konzeption über.
  3. Und in Teil III wechselt der Vf. zwischen politisch kritischen Einwänden, vor allem gegen political correctness, und philosophischen, psychologischen und pädagogischen Vorstellungen.

Im ersten Kapitel erläutert der Vf. die Philosophie der existenziellen Psychologie und prangert dann das „Quantifizierungsfieber“ im globalen Kapitalismus an, wo Rankings und Ratings nicht nur Unternehmen und Staaten, sondern auch Personen in einen Wettbewerb drängen, der Grundlage ihrer Vermarktung ist.

Im zweiten Kapitel kritisiert der Vf., anknüpfend an den Werbespruch „Just do it“, der jedem die Illusion grenzenloser Möglichkeiten vermittelt, vor der Folie seines Menschenbildes die Versuchungen des Infotainment. Das Selbst werde zum „Design-Projekt“.

Im dritten Kapitel werden „die boomende Selbsthilfe-Kultur“ (12) und die Pop-Spiritualität analysiert, die mit inkohärenten Weltsichten und banalen Lebensregeln aufwarten und zur Sinnstiftung ungeeignet sind.

Das vierte Kapitel soll zeigen, dass – entgegen dem „Just do it“ – jeder in eine Kultur und ein soziales Umfeld hineingeboren ist und mit den damit gesetzten Grenzen und Spannungen umgehen muss.

Dieser Argumentationsstrang wird fortgeführt im fünften Kapitel, dessen zentrale Botschaft ist, dass eine der großen Herausforderungen für jede/n von uns darin besteht, unsere eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen und uns so zu akzeptieren.

Das sechste Kapitel thematisiert den Jugendwahn und die Produktivität der Midlife Crisis, was allerdings die Akzeptanz unserer Sterblichkeit voraussetzt.

Im siebten Kapitel attackiert Strenger das Gebot der politischen Korrektheit, weil es seines Erachtens die intellektuelle Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Weltanschauungen unterbindet und letztlich eine friedliche, zivilisierte Koexistenz gerade verhindert.

Seine provokativ formulierte Alternative zu PC erläutert er an Beispielen im achten Kapitel. Er nennt es „zivilisierte Verachtung“, was missverständlich ist, wie seine Beispiele zeigen.

Das neunte Kapitel enthält „ein Plädoyer für Weltbürgerschaft und eine Koalition offener Weltanschauungen“ zur Rettung des Planeten, den Strenger bedroht sieht. Die andere Gefahr sieht er in den Fundamentalismen.

Diskussion

Adressaten des Buches waren ursprünglich Leser/innen in den USA. Darauf deuten zahlreiche Bezugnahmen auf dortige politische Entwicklungen und Konflikte hin (z.B. 101ff., 218, 229), was der deutschsprachige Leser bei der Lektüre in Rechnung stellen sollte, wenn der Vf. zum Beispiel Seitenhiebe auf den Kreationismus austeilt. Aber adressiert ist das Buch unverkennbar auch an Menschen der Mittel- und Oberschicht oder m.a.W. „die globale Schicht der Kreativen“ (32, 99), aus der offenbar vorwiegend auch Strengers Patienten kommen. Die „kleinen Leute“ werden sich weniger darum sorgen, ob es ihnen gelingt, mit ihren Taten und Werken später „eine Spur zu hinterlassen“ (61).

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die anthropologischen Grundannahmen von Strenger nicht unbemerkt dem Weltbild der bürgerlichen Gesellschaft des Westens verhaftet bleiben, so gewiss auch universell gültige Vorstellungen darunter sein mögen. So hält der Vf. die Neigung, „sich ständig mit anderen zu vergleichen“, für einen menschlichen Grundzug (42). Überhaupt kann man zweifeln, ob die Individualität im Sinne persönlicher Bedeutung nicht überbewertet wird. Kollektivität wird vom Vf. gering bewertet, wenngleich in ihrer Bedeutung versteckt bestätigt, wenn die Einbindung in eine Kultur oder eine Gruppe für bedeutsam erklärt wird (z.B. 61).

Widersprüchlich und missverständlich sind Strengers Urteile über den interkulturellen, speziell den interreligiösen Dialog, den er schlicht für sinnlos erklärt (207f.), obwohl er mindestens ein positives Beispiel für dessen Ermöglichung vorstellt (213). Das von ihm verworfene Postulat der Anerkennung des anderen ist missverstanden, wie die positiven Beispiele aus seiner eigenen Praxis zeigen. Dass der Respekt gegenüber anderen Weltanschauungen irrationale, fundamentalistische Bewegungen ermuntere und fördere, kann man nur behaupten, wenn man die geopolitischen Konflikte der Gegenwart ausblendet. Im Übrigen differenziert der Vf. nicht zwischen kulturspezifischen Weltbildern, Religionen und Ideologien.

Die Kulturkritik des Vf. klammert Mechanismen des Wirtschaftssystems und wirtschaftliche Interessen aus. Kapitalismus ist eine bloße Chiffre, und die Globalisierung bildet einen dunstigen Beobachtungshorizont.

Die Einwände entwerten nicht das Buch als Bildungslektüre, die Anstöße zum Nachdenken über die eigenen Lebensziele liefern kann. Die Widersprüchlichkeit in Puncto Dialogizität mag gerade zur produktiven Auseinandersetzung mit eigenen Normvorstellungen anregen.

Fazit

Für jede und jeden, zumindest für alle, die anspruchsvollere Literatur lesen, eine anregende Lektüre, obwohl es sein mag, dass gerade sie sich weniger dem Infotainment ausliefern und sich seltener am Schluss sagen müssen: Du musst dein Leben ändern. Empfehlenswert auf jeden Fall, wenn nicht ein „Must“ für therapeutische und pädagogische Berufe.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 04.08.2016 zu: Carlo Strenger: Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Das Leben in der globalisierten Welt sinnvoll gestalten. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2499-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21091.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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