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Ingo Focke, Elke Horn u.a. (Hrsg.): Erregter Stillstand. Narzissmus zwischen Wahn und Wirklichkeit

Cover Ingo Focke, Elke Horn, Werner Pohlmann (Hrsg.): Erregter Stillstand. Narzissmus zwischen Wahn und Wirklichkeit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 384 Seiten. ISBN 978-3-608-94946-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist aus einer gleichnamigen Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) im Jahre 2014 entstanden und versammelt theoretische und klinische Beiträge zum Thema Narzissmus.

Herausgeber und Herausgeberinnen

  • Dr. med. Ingo Focke ist Nervenarzt und Lehranalytiker (DPG, DPV, DGPT) in eigener Praxis in Stuttgart.
  • Dr. med. Elke Horn ist Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Lehranalytikerin (DGPT, DPG) und Gruppenlehranalytikerin (D3G) in eigener Praxis in Düsseldorf.
  • Dipl.-Psych. Werner Pohlmann ist niedergelassener Psychoanalytiker in Köln, Dozent am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Düsseldorf sowie Lehranalytiker der DGPT und der DPG.

Für die Tagung und den Band haben die HerausgeberInnen Beiträge von zahlreichen deutschen und ausländischen PsychoanalytikerInnen gewonnen.

Aufbau

Einer gemeinsamen Einleitung der HerausgeberInnen folgen die vier Teile des Buches, die jeweils von einer HerausgeberIn eingeführt werden.

Die einzelnen Beiträge sind thematisch zugeordnet, stehen aber für sich.

  1. Narzissmus in kulturtheoretischer Perspektive
  2. Narzisstische Konfigurationen im klinischen Raum
  3. Narzisstische Konfigurationen in Organisationen und Gesellschaft
  4. Narzisstische Konfigurationen in Film, Musik und Kunst

Angaben zu den AutorInnen schließen den Band.

Inhalt

Die Einleitung gibt einen Überblick zum Begriff und zur Entstehungsgeschichte des Narzissmus sowie zu den unterschiedlichen entwicklungspsychologischen, konzeptionellen und therapeutischen Überlegungen der verschiedenen psychoanalytischen Schulen.

Die HerausgeberInnen möchten „vor allem ein dynamisches Verständnis von Narzissmus aufgreifen, welches die umfassende Bedeutung narzisstischer Regulation für die menschliche Innenwelt, für die Situation des Menschen in seinem Umfeld und auch für unsere westliche Kultur ins Zentrum der Betrachtung“ (S. 9) rückt.

Das Bild des erregten Stillstandes fange die Paradoxie ein, sich gleichzeitig zu bewegen und doch in der Bewegung nicht vom Fleck zu kommen: „Wahrnehmen, Sichtbarmachen und Verstehen der unbewussten Aspekte solcher Konstellationen machen eine psychoanalytische Betrachtungsweise aus. Psychoanalytisches Verstehen kann das im erregten Stillstand Erstarrte wieder in Bewegung bringen, weil es die Untrennbarkeit von Liebe und Hass der narzisstischen Grundfigur in den Blick nimmt“ (S. 11).

Die Sehnsucht nach eigener Vollkommenheit brauche einen Anderen und gerade darin werde die eigene Unvollkommenheit spürbar.

Die Einleitungen der vier Kapitel durch die HerausgeberInnen führen in die jeweilige Thematik ein, fassen die Beiträge zusammen und weisen auf thematische Verbindungen hin.

Im ersten Teil des Buches soll Narzissmus in kulturtheoretischer Perspektive dargestellt werden.

Werner Pohlmann weist in seinem einführenden Artikel darauf hin, dass gerade die gegenwärtigen klinischen Phänomene zeigen, was die gegenwärtige Kultur dem Seelischen zumutet und welcher Umgestaltung sie infolge Bedarf.

Sigrid Weigel setzt sich in ihrem Artikel „Spiegelfechtereien“ mit der Veränderung der Wahrnehmung des Spiegels auseinander: In der mythischen Urszene wird Narziss als naives Opfer seines mangelnden Spiegelwissens gelesen, in der Moderne wird der Spiegel zur Metapher der Selbstbetrachtung und Selbstreflexion und die Figur des Narziss zum Symptom eines verfehlten Selbstbildes, die der Persönlichkeitsstörung seinen Namen gibt.

Werner Pohlmann schließt den ersten Teil mit Überlegungen zum Narzissmus als Urphänomen von Verwandlung ab.

Der zweite Teil des Buches erkundet narzisstische Konfigurationen im klinischen Rahmen, die theoretisch konzeptualisiert werden – von Rosine Jozef Perelberg durch die Erläuterung der zwei Gestaltungsweisen einer psychoanalytischen Situation, „full spaces“ und „empty spaces“, bei narzisstischen Störungen – die anhand von klinischen Fallbeispielen expliziert werden.

Holger Salge und Annette Streeck-Fischer beschäftigen sich mit den spezifischen physiologischen, psychischen und kulturellen Herausforderungen und Verletzbarkeiten der narzisstischen Selbstregulation in der Adoleszenz (Salge: „Zwischen Selbstoptimierung und Verweigerung – Spätadoleszenz im Zeitalter der Transparenz, Digitalisierung und Beschleunigung“) und weisen auf die besonderen Therapiebedienungen und die Notwendigkeit zur Modifikation psychoanalytischer Technik in dieser Altersgruppe hin (Streeck-Fischer).

Es folgen Fall-Vignetten zum Thema des Narzissmus der „kleinen Differenzen“ (M. Fakhry Davids), zum stummen Todestrieb (Gisela Grünewald-Zemsch), zu den intersubjektiven Paradoxien des Narzissmus (Peter Potthoff) sowie zur unbewussten Oberflächenstruktur des Narzissmus (Christine Reuter).

Der dritte Teil beschäftigt sich mit den narzisstischen Konfigurationen in Organisationen und Gesellschaft zwischen Entgrenzung und Rückzug:

Alfred Gerlach untersucht die Entgrenzung des intimen und öffentlichen Raumes aufgrund der medialen Selbstdarstellung in unserer Gesellschaft und verweist darauf, dass der Verlust der Intimität des Individuums unweigerlich mit dem Angriff auf die Grundlagen der Demokratie verbunden ist, die die Trennung von öffentlichen und privaten Aspekten unseres Lebens voraussetzt.

Bertram von Stein erläutert anhand von drei Falldarstellungen, wie Organisationen sich durch narzisstische Verwicklungen in eine Selbstblockade manövrieren und welche Möglichkeiten es gibt, mit psychoanalytischen Mitteln Lösungswege zu finden.

Hermann Staats beschäftigt sich mit dem erregten Stillstand in psychoanalytischen Organisationen als Ausdruck von institutionellen Blockaden im Sinne einer Dysregulation des Selbstwerts der Gruppe, die sich in Form von Angst vor Veränderung und vor dem Verlust einer geschätzten Gruppe, Rückzug aus der Realität durch Vermeidung von Auseinandersetzung mit der Außenwelt und forcierter Beschäftigung mit sich selbst zeigt und im Sinne Kernbergs als „suizidales Verhalten“ beschrieben werden kann.

Celine Degenhardt diskutiert Promotion und Stillstand als Resultat der gleichzeitigen Existenz von Größenfantasien (nicht nur destruktiv, sondern auch widersprüchlich, frech und produktiv und verbunden mit Eros) und Kleinheitsängsten (Angst vor Machtverlust, aber auch die Möglichkeit der Kleinheit und Langsamkeit als schöpferisches-therapeutisches Moment) in der Psychoanalyse als Profession und innerhalb von psychoanalytischen Gruppierungen.

Der vierte Teil widmet sich narzisstischen Konfigurationen in Film, Musik und Kunst, die die unbewussten Probleme einer Kultur sinnlich-anschaulich zum Ausdruck bringen.

Jörg Frommer geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie die Folgen der schweren Traumatisierungen des Filmemachers Roman Polanski in seinem Film „Rosemary´s Baby“ in Form und Inhalt dargestellt und bewältigt werden sowie psychoanalytisch und traumatheoretisch verstanden werden können.

Martin Ehl erläutert anhand des Spätwerks von Robert Schumann, wie die musikalische Form uns mit einem brüchigen Selbst konfrontiert, dass wir nicht wahrhaben wollen und zeigt, wie diese Abwehrbewegungen sich auch musikalisch niederschlagen.

Ada Borkenhagen analysiert anhand von Manets Bild „Olympia“ die selbstreflexive Perspektivverschiebung auf den weiblichen Akt.

Die Studie von Brigitte Ziob über das Triptychon „Parthenope“ von Walter Padoa zeigt die Verwendung sakraler Stilmittel als treffenden Ausdruck der Einsamkeit und Verlorenheit des Menschen in der medial erregten Welt.

Diskussion

Das Buch erhebt den Anspruch, die aktuellen Konzepte von Narzissmus als individuelles und gesellschaftliches Problem in Theorie, Klinik, Gesellschaft und Kunst zu beleuchten.

Diesem Anspruch wird der zweite und dritte Teil des Buches, die sich mit den narzisstischen Konfigurationen im klinischen Rahmen sowie in Organisationen und Gesellschaft befassen, gerecht: Die Beiträge des zweiten Kapitels – der klinische Rahmen – stellen auf hohem theoretischen Niveau aktuelle psychoanalytische Konzepte in der Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen dar. Ebenso die Artikel des dritten Kapitels vermögen mit Fallvignetten aus der Gesellschaft und Organisationen aktuelle gesellschaftliche und organisationspsychologische Probleme mit psychoanalytischer Theorie produktiv zu verbinden.

Anders verhält es sich mit dem ersten Kapitel zur Kulturtheorie sowie dem vierten Kapitel zu Film, Musik und Kunst: Hier kann der Anspruch des Buches zu fragen, „wie eine moderne Psychoanalyse sich auf die Beziehungen zu anderen Wissenschaften und zur Gesellschaft einlassen kann und dabei (…) ihr kritisches Potenzial entfaltet“, nicht ausreichend eingehalten werden (so anregend und bereichernd die Beiträge in ihren genuin psychoanalytischen Überlegungen auch sein mögen): Der Kulturbegriff von Pohlmann im ersten Kapitel mutet mit seinem unkritischen Rückgriff auf „Urphänomene“ sowie den „Gestalt“-Begriff von Goethe seltsam antiquiert und pathetisch an.

Auch die Verwendung von „Subjekt“ und „Kultur“ der AutorInnen im vierten Kapitel reflektieren gerade nicht die differenzierten multiperspektivisch diversifizierten aktuellen Diskussionen zu diesen Begriffen – im Zusammenhang mit psychoanalytischer Reflexion – in der Ethnologie, der Soziologie, den Kunst- und Kulturwissenschaften oder auch den Vorträgen und Veröffentlichungen des Institute for Cultural Inquiry in Berlin.

Mögliche Gründe für diese merkwürdige Selbstbezogenheit im psychoanalytischen Diskurs führen Staats und Degenhardt in ihren Beiträgen zur Psychoanalyse als Profession und zu den psychoanalytischen Organisationen an: „man“ ist sich im deutschen psychoanalytischen Diskurs in der psychoanalytischen Gemeinschaft selbst genug (ein Blick auf die französische und lateinamerikanische Psychoanalyse wäre schon hilfreich), vermeidet die Komplexität des Anderen und ist dadurch nicht anschlussfähig an die Diskurse der anderen Wissenschaften.

Fazit

Das Buch ist ein Buch von PsychoanalytikerInnen für PsychoanalytikerInnen.

Es ist aus einer Tagung der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) 2014 entstanden und versammelt verschiedenste theoretische und klinische Beiträge zum Thema Narzissmus. Durch die exzellenten historischen und thematischen Einführungen der vier Kapitel ist es möglich, rasch einen Überblick über das Thema Narzissmus aus verschiedenen Blickwinkeln sowie über die vielfältigen Beiträge zu gewinnen – es gibt, je nach Interessengebiet –, viele Perlen zu entdecken.

In der Kernkompetenz der PsychoanalytikerInnen – der Analyse und Reflexion von psychodynamischen Prozessen in Therapie und in Gruppen – zeigen sich die Beiträge differenziert und aktuell; im Bereich der Kultur- und Subjekttheorien bedarf es eines erweiterten Blickes – jenseits der Selbstbespiegelung.


Rezensentin
Diplompsychologin Iris Meilicke
Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin
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Zitiervorschlag
Iris Meilicke. Rezension vom 07.11.2016 zu: Ingo Focke, Elke Horn, Werner Pohlmann (Hrsg.): Erregter Stillstand. Narzissmus zwischen Wahn und Wirklichkeit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-94946-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21092.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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