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Nancy Reims: Berufliche Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen

Cover Nancy Reims: Berufliche Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen. Einfluss auf Gesundheit und Erwerbsintegration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 127 Seiten. ISBN 978-3-7639-4107-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Publikation von Nancy Reims, erschienen in der Buchreihe des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB, handelt es sich um eine Dissertationsschrift, die von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln angenommen wurde. Sie basiert auf drei unterschiedlichen Dissertationspapieren, die vollständig wiedergegeben und von der Autorin mit einem einführenden Kapitel versehen wurden.

Thema

Die inhaltliche Klammer bildet die Fragestellung nach der Wirksamkeit von Rehabilitationsmaßnahmen bei Menschen mit Behinderungen (MmB) mit dem Ziel der Integration der Teilnehmer in eine sozialversicherungspflichtige oder selbstständige Beschäftigung.

Das Erkenntnisinteresse – in Analogie zum Interesse des Leistungsträgers der beruflichen Rehabilitation, der Bundesagentur für Arbeit (BA) – bestand darin, zu überprüfen, ob und inwieweit das zentrale Ziel der Rehabilitation, eine Verbesserung oder Wiederherstellung von Erwerbsfähigkeit und Teilhabe am Arbeitsleben mit Instrumenten der Rehabilitation erreicht werden kann. Als Indikator für den Erfolg einer Maßnahme gilt zum einen, so die Autorin, dass die Rehabilitand*innen einer Beschäftigung von mindestens sechs Monaten Dauer nachgehen (Kap.1.1.7). Doch nicht nur die Verbesserung der individuellen Lebenssituation und die Auswirkungen auf die subjektive Gesundheit werden in den Blick genommen. Zum anderen versteht sich dieser Erfolg, so die Autorin, auch als eine sozialpolitische Investition in das Beschäftigungspotential. Dies gelte vor allen Dingen für junge, unausgebildete Menschen, aber auch für Personen, die nach einer Erstausbildung wieder eine Reintegration in den allg. Arbeitsmarkt anstreben. Zwischen beiden Gruppen sei zu differenzieren, da unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen und Bedürfnislagen Berücksichtigung finden müssten. Dies wird im Kapl.1.1.3 näher ausgeführt

Aufbau und Inhalt

Zunächst erfolgt die allgemein übliche Explikation der zentralen Begrifflichkeiten (Definition, Klassifikation von Behinderungen, Erst- und Wiedereingliederung.). Da das Bundesteilhabegesetz zum Zeitpunkt der Forschungen noch nicht verabschiedet war, wird sowohl auf die noch geltende, eher defizitorientierte Gesetzeslage (SGB IX), aber auch auf die grundsätzliche Neuorientierung unter Bezugnahme auf die UN-BRK sowie auf das bio-psycho-soziale Modell von Behinderung (ICF) Bezug genommen. Im Lichte dieser rehabilitationstheoretischen Betrachtung versteht sich die Teilhabe am Arbeitsleben, so die Autorin, vor allen Dingen als ein „Mittel zum Zweck“ (S.16), nämlich die Wiederbefähigung der Person zur Teilnahme an allen Bereichen des gesamtgesellschaftlichen Lebens. In zwei weiteren Unterkapiteln (1.1.5; 1.1.6) werden Assessmentmaßnahmen zur Identifizierung des Rehabilitationsbedarfs sowie die Entscheidungsprozesse zur Anerkennung der Leistungsberechtigung dargestellt.

In dem besonders lesenswerten Kap. 1.2 entwirft nun die Autorin einen theoretischen Bezugsrahmen zur Einbettung des Dissertationsthemas, der sowohl Hintergründe und Ursachen für die defizitäre Erwerbsbeteiligung von Menschen mit Behinderungen fokussiert als auch den elementaren Zusammenhang zwischen Gesundheit und Erwerbsteilhabe thematisiert. Als Bezugsrahmen gilt die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, die in Grundzügen dargestellt und als Instrument genutzt wird, um die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes zu reduzieren und relevante Kriterien für den Erfolg einer Erwerbsteilhabe zu gewinnen (S.32). So gelingt es, Faktoren zu identifizieren, die den Erwerbsübergang erleichtern bzw. erschweren, aber auch dem subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustandes der Rehabilitand*innen als Dimension zur Erfolgsbeurteilung Rechnung tragen.

In Kapitel 2 werden die drei Dissertationspapiere wiedergegeben, die bereits in Fachzeitschriften erschienen sind und an denen die Autorin mitgearbeitet hat. Thematisch geht es um die Heranziehung der Systemtheorie zum besseren Verständnis von Exklusion und Inklusion von Menschen mit Behinderungen (Kap.2), um die Ergebnisse einer Reha-Panel Studie der beruflichen Ersteingliederung von jungen Rehabilitand*innen (n=549) nach beruflicher Ausbildung auf den Arbeitsmarkt (Kap.3) und den Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktintegration und (subjektiver) Gesundheit von (n= 902) Erwachsenen mit Behinderungen (Wiedereingliederung) nach dem Durchlaufen von beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen (Kap 4.).

Die komplexen Erkenntnisse werden von der Autorin in einem Abschlussresümee (Kap.6) kursorisch zusammengefasst und durch offene Fragen erweitert.

Fazit

Der Eigenbeitrag der Autorin besteht darin, eine Sichtung, theoretische Fundierung und Einordnung von drei verschiedenen Forschungen zur beruflichen Rehabilitation in Deutschland zu liefern. In der Konsequenz tragen die gewonnenen Erkenntnisse, einschließlich der noch in weiteren Forschungen zu prüfenden offenen Fragen (Kap.6), dazu bei, ungeeignete Rahmenbedingungen bei Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation zu identifizieren und neue Parameter für eine erfolgreiche (Re)-Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu gewinnen.

Insoweit handelt es sich um eine insgesamt wichtige, lesenswerte und hochinteressante Arbeit, die dem Erkenntnisgegenstand und dem Anspruch „ einige Forschungslücken im Bereich der beruflichen Rehabilitation zu schließen“(S.109) durchaus gerecht wird. Die Lesbarkeit des Werkes leidet allerdings unter der Fragmentierung durch die kumulativen Dissertationspapiere, in denen jeweils Teilfragestellungen analysiert werden. Das Bemühen der Autorin, den roten Faden immer wieder sichtbar werden zu lassen, mündet zwangsläufig in mehrere Wiederholungen, um die Einzelthemen dem Ganzen wieder zuordnen zu können.

Vielleicht wäre es einfach gewesen, sich für eine eigenständige Publikation zu entscheiden, sich von dem Dissertationskonzept zu lösen, den Spagat zwischen übergreifender theoretischer Fundierung/ Zuordnung/Kommentierung und der vollständigen Wiedergabe der Dissertationspapiere aufzugeben und statt dessen die gewonnenen Erkenntnisse aus diesen Dissertationsprojekten den Ausgangsfragestellungen zuzuordnen.


Rezensent
Prof. em. Dr. phil. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
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Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 14.02.2017 zu: Nancy Reims: Berufliche Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen. Einfluss auf Gesundheit und Erwerbsintegration. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-4107-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21093.php, Datum des Zugriffs 20.01.2019.


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