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Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik

Cover Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2001. 2. Auflage. 2044 Seiten. ISBN 978-3-472-03616-6. 59,90 EUR, CH: 102,00 sFr.

Unter Mitarbeit von Karin Böllert, Gaby Flösser, Cornelia Füssenhäuser und Klaus Grunwald.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-01817-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Erste Einschätzung

Ein wahrhaft gewichtiges Werk – das neue Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik enthält auf 2016 Seiten im Dünndruck Beitrage zu insgesamt 198 Stichworten. Seit Oktober 2001 liegt dieses Handbuch – herausgegeben von Hans-Uwe Otto (Universität Bielefeld) und Hans Thiersch (Universität Tübingen) nun auf dem Ladentisch. Und es ist – soviel schon hier – sicherlich das umfassendste und aktuellste Nachschlagewerk zur Sozialen Arbeit auf dem deutschen Literaturmarkt – eine Übersicht über „the state of the art“ einer sozialwissenschaftlich begründeten Sozialarbeitswissenschaft.

Von der 1. zur 2. Auflage – zwei Jahrzehnte wissenschaftlicher Fortschritt

Das Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik erschien in erster Auflage im Jahr 1984 und wurde über eine Zeitstrecke von17 Jahren hinweg in mehrfachen unveränderten Nachdrucken aufgelegt. In diesen Jahren gehörte das Handbuch – neben dem Fachlexikon der sozialen Arbeit (Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 4. Auflage, 1997), dem Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit (F. Stimmer, 4. Auflage, 2000) und dem Wörterbuch Soziale Arbeit (D. Kreft, I. Mielenz, 4. Auflage 1996) – zu den Standardwerken für jeden, der sich unter wissenschaftlichem und/oder praktischem Vorzeichen mit Sozialer Arbeit befasste.

Vergleicht man 1. und 2. Auflage, so wird deutlich, in welch grossen Schritten sich der Wissensbestand der Sozialen Arbeit sowohl als wissenschaftlicher Disziplin als auch als handlungspraktischer Profession in den vergangenen zwei Jahrzehnten ausgeweitet und diversifiziert hat. Ins Auge fallen vor allem folgende Entwicklungen:

  • Die Diskurse zu einer theoretischen Begründung der Sozialen Arbeit als einer sozialwissenschaftlich orientierten und gesellschaftspolitisch engagierten Disziplin haben sich vervielfältigt.
  • Theorie- und sozialgeschichtliche Studien haben die historische (Selbst-) Vergewisserung der Sozialen Arbeit vertieft.
  • Fragen der anthropologischen und sozialethischen Begründung professionellen sozialen Handelns haben in der Diskussion an Gewicht gewonnen.
  • Die Brückenschläge zwischen der Sozialen Arbeit und einer soziologischen Theorie sozialer Probleme (Auseinandersetzung mit zentralen gesellschaftlichen Problemen wie soziale Ungleichheit, Armut und Abweichung, strukturelle Spaltung und Exklusion) sind schärfer herausgearbeitet worden.
  • Diskurse zu Selbstverständnis der Sozialen Arbeit und implizitem Menschenbild, zu institutionellen Arbeitsstrukturen, sozialrechtlichen Rahmenbedingungen und methodischen Handwerkszeugen haben einen signifikanten Bedeutungszuwachs erfahren.
  • Die Schnittstellen zwischen beruflich-entgeltlicher Sozialer Arbeit auf der einen und Selbsthilfe, bürgerschaftlichem Engagement und zivilgesellschaftlichem Handeln im Kontext von sozialen Bewegungen auf der anderen Seite haben eine stärkere Konturierung erfahren. Und schliesslich:
  • Fragen nach Organisation, Management, Evaluation und letztlich Qualität beruflich helfenden Handelns werden in Zeiten ökonomischer Knappheit und strittiger Legitimation drängender und haben die Leistungsfähigkeit der Sozialen Arbeit auf den Prüfstand der Sozialpolitik gestellt.

Alle diese Diskurslinien finden sich in der vorliegenden Neubearbeitung des Handbuches wieder. Gegenüber der 1. Auflage, die von den Herausgebern als der Versuch einer ersten Positionsbestimmung und als Entwurf für eine sozialwissenschaftliche Begründung der Disziplin Soziale Arbeit verstanden wurde, spiegelt die aktuelle Auflage den in diesen zwei Jahrzehnten erreichten elaborierten Diskussionsstand und liefert dem Leser auf diese Weise einen ‚griffigen' Einstieg in die aktuellen fachlichen Problemdiskurse. Und trotz aller Veränderungen und Entwicklungen – es gibt auch Verbindendes: Die beiden Auflagen verbindet ein gemeinsames theoretisches und sozialpolitisches Programm. Hierzu schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort: „(…)Wir bewegen uns innerhalb des gleichen Verständnisses von Sozialer Arbeit und verfolgen die gleichen Absichten wie mit der 1. Auflage: die Stabilisierung und Fortschreibung der Traditionen, Erfahrungen und Erkenntnisse von Sozialarbeit und Sozialpädagogik hin zu einer integrierten Konzeption, sozialwissenschaftlich orientiert, gesellschafts- und sozialpolitisch engagiert und interdisziplinär offen“ (Seite V).

Struktur und Inhalt

Es ist im Rahmen dieser Rezension sicher nicht möglich, die Einzelbeiträge des Handbuches einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Konzentrieren wir uns daher auf das, was allen Beiträgen gemeinsam ist. Sämtliche Artikel sind als Originalbeiträge neu verfasst. Konzipiert sind die Einzelbeiträge (und das unterscheidet das Handbuch von den oben genannten Lexika) als thematisch relativ gross zugeschnittene Übersichtsartikel, die auf jeweils 8 bis 10 engbedruckten Seiten alles Wissenswerte zum jeweiligen Stichwort entfalten. Die Beiträge folgen hierbei (in jeweils unterschiedlicher Gewichtung) einem erkennbar einheitlichen Strukturgitter, das durch folgende Gliederungspunkte gekennzeichnet werden kann:

  • Gesellschaftliche Problematik
  • Problemgeschichte und Theoriediskurse
  • Sozialrechtlicher Rahmen
  • Institutionelle Strukturen beruflichen helfenden Handelns
  • Methodische Instrumente der Sozialen Arbeit
  • Ausblick: Entwicklungsperspektiven für die Soziale Arbeit.

Ein umfassendes Literaturverzeichnis (Datenstand: Frühjahr 2000) beschließt jeden Beitrag und lädt den Leser ein zu vertiefendem Studium. Ein detailliertes Stichwortregister im Anhang versucht, Bezüge, Schnittmengen und Komplementaritäten zwischen den Artikeln deutlich zu machen und Einzelinformationen zu erschliessen, die es dem Leser möglich machen, sich ein ihn interessierendes Thema auf unterschiedlichen Zugangswegen zu erschliessen.

Auch den AutorInnen der Einzelbeiträge ist etwas gemeinsam: Sie alle sind durch Forschung und Theoriediskurse für ihr jeweiliges Thema ausgewiesene ExpertInnen. Mit den Herausgebern verbindet viele von ihnen die gemeinsame Arbeit in der Sektion Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft, deren Arbeit seit mehr als zwei Jahrzehnten ‚Gütesiegel‘ für eine selbstbewusst-eigenständige Sozialarbeitswissenschaft unter dem Dach der Erziehungswissenschaft ist.

Die Beiträge des Handbuches sind von A (wie „Abweichung und Normalität“) bis Z (wie „Zivilgesellschaft“) alphabetisch sortiert – die Herausgeber haben auf eine thematische Strukturierung bewusst verzichtet. Hierzu schreiben sie: „(…) Wir haben intensiv diskutiert, ob sich diese (fachlichen Entwicklungen; N.H.) nicht in einer thematisch strukturierten Gliederung des Handbuchs wiederfinden sollten. Dies aber, so ergab sich schließlich, würde die offene und im Fluss befindliche Diskussion gegenwärtig noch überfordern. Deshalb bleiben wir – auch im Interesse einer hohen Nutzerfreundlichkeit – bei der gewohnten Form der alphabetischen Anordnung der Artikel, stellen aber einleitend einen Vorschlag zur Systematisierung thematisch verwandter Artikel und Sachfragen als Rahmenentwurf für eine Topologie sozialpädagogischer Problemstellungen und Diskurse voran.“ Es ist gerade dieses Systematische Verzeichnis (Seite XIII – XVIII), das besondere Erwähnung und Anerkennung verdient. Die Herausgeber und ihr Redaktionsteam geben dem Leser hier eine (offene und in Nuancen sicher auch veränderungsbedürftige) theoriegeleitete Sortierung der Artikel des Handbuches. Unter Überschriften wie z.B.

  • Sozialpolitik
  • Recht und Rechte
  • Geschichte und Theoriegeschichte der Sozialen Arbeit
  • Gesellschaftstheorie und Soziale Probleme
  • Methoden
  • Organisation, Planung und Management
  • Handlungsfelder der Sozialen Arbeit
  • Internationale Soziale Arbeit

werden die jeweils ‚passenden‘ Artikel aufgelistet und miteinander verknüpft. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit des Lesers beim Lesen eines Beitrags auf thematisch verwandte, weiterführende und ergänzende Artikel gelenkt. Dieses Systematische Verzeichnis dient somit als eine Art thematischer Leitfaden, der es dem Leser möglich macht, eine eigene Ordnung in die Vielfalt der Artikel zu bringen und sich auf je individuellen Wegen einen übergreifenden Themenzusammenhang zu erschliessen.

Abschliessende Anmerkungen

Das vorliegende Handbuch ist mit Sicherheit das zurzeit beste Nachschlagewerk für die Lehre, das Studium und die Praxis der Sozialen Arbeit. Besondere Anerkennung verdient die Leistung der Herausgeber und ihres Redaktionsteams:

  • In 198 Einzelbeiträgen gelingt es ihnen, den weiten theoretischen, institutionell-strukturellen, methodischen und sozialpolitischen Horizont abzustecken, die dem die Sozialarbeitswissenschaft und der Handlungsalltag der Sozialen Arbeit gegenwärtig verortet sind. Dass in dieser Fülle einzelne bedeutsame Stichworte (z.B. Sozialethik und Menschenbild der Sozialen Arbeit; Empowerment und ressourcenfördernde Soziale Arbeit; Stadtentwicklung und sozialökologische Verortung sozialer Probleme; Soziale Gerechtigkeit u.a.) fehlen, fällt hingegen weniger ins Gewicht, zumal diese Leerstellen bei künftigen redaktionellen Bearbeitungen geschlossen werden können.
  • Ein besonderes Verdienst ist es, dass es dem Herausgeberteam gelungen ist, für die Mehrzahl der Stichworte die in der Wissensgemeinschaft meinungsführenden AutorInnen zur Mitarbeit zu gewinnen. Das Autorenverzeichnis liest sich entsprechend wie ein „Who‘s who“ der (universitären) Sozialarbeitswissenschaft.
  • Die in diesem Handbuch versammelten Beiträge zeichnen sich durch eine hohe Aktualität aus. Diese Aktualität verdankt die Veröffentlichung dem Umstand, dass zwischen der Fertigstellung der Manuskripte (Ende 1999) und der Veröffentlichung des Handbuches nur ein vergleichsweise geringer Zeitraum gelegen hat – Zeichen einer intensiven und produktiven Redaktionsarbeit. Der Übersichtscharakter der Beiträge ist zudem Garant dafür, dass die Beiträge ihren Informationsgehalt über eine lange Zeitetappe hinweg behalten werden.

Ein kleiner ‚Wermutstropfen‘ zum Schluss: Die Artikel sind sprachlich dicht und voraussetzungsvoll formuliert. Sie wenden sich an LeserInnen, die zum jeweiligen Stichwort zumindest mit den groben Linien der Fachdiskurse bereits vertraut sind und die es gewohnt sind, sich in soziologisch eingefärbter Diktion zu bewegen. Diese recht hohen Anspruchshürden bringen es mit sich, dass Studierende der Sozialen Arbeit (zumindest im Grundstudium) sich die Beiträge des Handbuches nur mit Mühe im Eigenstudium werden aneignen können und dass diese Artikel somit der ergänzenden Vermittlung und Erläuterung in der Lehre bedürfen.

Fazit

Trotz kleiner Einschränkungen: Das vorliegende Handbuch Sozialarbeit/Sozialpädagogik ist ein unverzichtbares Grundlagenwerk für Lehre, Studium und soziale Praxis, das schon jetzt das Zeug hat, zu einem ‚Klassiker‘ der Literatur zur Sozialen Arbeit zu werden.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 30.04.2002 zu: Hans-Uwe Otto, Hans Thiersch (Hrsg.): Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2001. 2. Auflage. ISBN 978-3-472-03616-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/211.php, Datum des Zugriffs 24.01.2022.


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