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Farhad Khosrokhavar: Radikalisierung

Cover Farhad Khosrokhavar: Radikalisierung. Europäische Verlagsanstalt (Hamburg) 2016. 223 Seiten. ISBN 978-3-86393-066-0. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Die Publikation dreht sich um die dschihadistische Radikalisierung ausgehend von der historischen Herleitung des Phänomens zu seiner europäischen Ausformung. Khosrokhavar schafft dabei einen Überblick über die Genese und Formen dschihadistischer Radikalisierung und vergleicht diese mit weiteren Extremismusformen wie Rechts- und Linksextremismus.

Die Publikation richtet sich an ein breites Publikum, welches sich für soziologische Hintergrundanalysen interessiert und das Phänomen besser verstehen möchte. Sie eignet sich sowohl für ein akademisches Publikum als auch für Fachleute aus der Praxis, welche in der Jugendarbeit, im Bildungsbereich oder in der Präventionsarbeit und Strafverfolgung mit der Thematik konfrontiert sind.

Autor

Khosrokhavar, Farhad, französisch-iranischer Soziologe, ist Studienleiter an der EHESS (Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales) und Forscher am Centre d´analyse et d´intervention sociologique (CADIS, EHESS-CNRS) in Frankreich.

Aufbau

Die Publikation deckt folgende Themen ab:

  • Im einleitenden Teil werden die Bedeutung und Tragweite des Begriffs der Radikalisierung dargelegt sowie anschliessend die Geschichte der Radikalisierung mit Bezügen zu Anarchismus und Linksextremismus ausgeführt.
  • Diese Betrachtungen leiten über zum nachfolgenden Teil zur islamistischen Radikalisierung in der muslimischen Welt und der ihr zugrundliegenden Strategie, wie über das Netz junge Menschen auf mögliche Frustrationen angesprochen werden.
  • Im zweiten Teil wird das europäische Modell der Radikalisierung vor dem Hintergrund des französischen Kontexts analysiert und unterschiedliche Zugänge und Typen sowie Orte von Radikalisierung aufgezeigt.
  • Im Schlusswort synthetisiert er seine Analyse und liefert Anregungen bezüglich des Umgangs mit Rückkehrern und Deradikalisierung.

Inhalt

Das Buch, welches 2014 auf Französisch erschien und nun in übersetzter Version vorliegt, beginnt mit einem Vorwort von Claus Leggewie. Dieser verortet die dschihadistische Radikalisierung als „ultraminoritäres Phänomen“ (ebd. S.8) und weist darauf hin, dass es gerade dieses Phänomen, welches „sich einem sinnhaften Aufbau der sozialen Welt so drastisch zu widersetzen“ scheint, zu verstehen und zu durchdringen gilt.

Khosrokhavar stellt soziologische und politologische sowie auch historische Überlegungen an zu den Wechselwirkungen des Erstarkens der dschihadistischischen Radikalisierung mit dem arabischen Frühling an ebenso wie mit dem ideologischen Vakuum des Westens durch den „Niedergang des Politischen“, insbesondere der kommunistischen Parteien und ihrer schwindenden Bindekraft für die Unterschicht. Dadurch überschreitet er bisherige Deutungs- und Erklärungsmuster und weitet den Horizont für weitere mögliche Einflussgrössen, welche die Anziehungskraft der islamistischen Viktimisierungsideologie für weite muslimische Bevölkerungskreise in ganz unterschiedlichen geografischen und sozialen Kontexten zu erklären vermögen.

Ausgehend von den Fragen „Wer radikalisiert sich? Warum? In welchen Prozessen?“ erläutert der Autor die begriffliche Definition und Beschreibung des Phänomens der Radikalisierung sowie Erklärungsansätze für die Entstehung von Radikalisierung, welche er historisch einbettet, um dann unterschiedliche Aspekte, wie etwa die Radikalisierung von Frauen und Intellektuellen oder die Bedeutung des Internets zu analysieren. Interessanterweise fokussiert er dabei nicht allein auf die dschihadistische Radikalisierung, sondern macht jeweils Querbezüge zwischen unterschiedlichen Extremismen, indem er insbesondere die Gemeinsamkeiten der ideologischen Radikalisierung im Linksextremismus der 1970er Jahre und dem islamistischen Extremismus aufzeigt. Hier stellt er erstens die Delegitimierung der Demokratie aufgrund Behauptung, dass undurchsichtige Mächte anstelle des Volkes die Geschicke der Staaten lenken und zweitens die Brandmarkung respektive Ausschlachtung des westlichen Imperialismus als wichtige Parallelen in den Vordergrund. Der Antiimperialismus bekomme dann in der dschihadistischen Auslegung eine theologische Bedeutung, indem ihm die Absicht, die Muslime weltweit vernichten zu wollen, angelastet wird (vgl. ebd. S.91).

Die Verbreitung dieses Gedankenguts über das Netz trägt angesichts der Logik einer Globalisierung mit der „einprägsamen und simplifizierten Botschaft der Unterdrückung durch den Westen“ (vgl. ebd., S.96) zum medialen Dschihadismus bei, welche den direkten Kontakt der Rekruteuren zu potentiellen Anhängern für deren Missionierung und Rekrutierung nicht mehr notwendig machen. Das Netz beschreibt er dabei treffend als einen sektiererischen und „polarisierenden Raum, der diejenigen zusammenführt, die wahlverwandt sind“ und zu ihrer Vereinnahmung führt bei gleichzeitiger Abschottung von Andersdenkenden – und dies alles dank modernster Informationskanälen und Algorithmen.

Khosrokhavar zieht Identitätskonzepte, wie etwa dasjenige der „doppelten Nichtzugehörigkeit“ heran, deren Vakuum durch Sinnstiftung über alles erklärende Ideologie und innige Gemeinschaft gefüllt wird. Diese Überlegungen führt er weiter bis zum Bombenbauer, welcher sich als „negativer Held und Superstar“ zum Herrn über das Schicksal der Anderen zu machen.

Als Soziologe reicht sein Blick weiter als individuelle Ursachenfaktoren und er sucht nach Faktoren und Akteuren, welche hinter den Kulissen agieren, wenn er der Frage nach der Finanzierung oder der Orte der Radikalisierung nachgeht. Dabei untersucht Khosrokhovar sowohl real als auch virtuelle Entstehungsbedingungen, die Rolle des Salafismus und politischer Strömungen in muslimischen Ländern und deren Kräfte, welche über ideologische und religiöse Versatzstücke mit Hilfe von Vermarktungsstrategien und Finanzierungsquellen das Netz der Indoktrination spannen, um Mitstreiter/innen und Kämpfer zu mobilisieren.

Diskussion

Diese Publikation leistet einen wichtigen Beitrag zu einem hochaktuellen Thema und ist bietet sachkundigen Lesenden informative Einblicke und interessante soziologische Analysen von Entstehungszusammenhängen und Ausformungen des Phänomens. Schade, dass die Übersetzung verschiedene kleinere Mängel aufweist, welche die Lektüre manchmal etwas holperig machen.

Die Spannbreite an Subthemen der Oberthematik Radikalisierung, welche diese Publikation abdeckt, ist beachtlich, wobei die Gefahr der Oberflächlichkeit aufgrund der profunden Kenntnisse und wissenschaftlichen Vorgehensweise des Autors trotz der Informationsfülle vermieden wird.

Khosrokhavar versucht ein europäisches Modell der Radikalisierung zu entwickeln, welches stark auf der Anomietheorie aufbaut und die Marginalisierung und Demütigung muslimischer Unterschichtsangehörigen ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Daraus folgert und deutet er den radikalen Islamisten als Auflehnung gegen diese gesellschaftlichen Opfererfahrungen. Dabei blendet er anders geartete europäische Entstehungskontexte etwas aus und konzentriert sich auf das französisch geprägte Milieu der Banlieues. Nichtsdestotrotz formuliert er interessante und scharf analysierte Foki, wie etwa mit der Kapitelüberschrift „Das Gefängnis: Den Hass auf die anderen ausbrüten“, wo er den Prozess eines Straftäters von der Erfahrung der Geringschätzung des Islams in ihrer institutionalisierten und depersonalisierten Form bei gleichzeitig wachsendem Einfluss der Salafisten innerhalb der Gefängnismauern beschreibt. Solche Desozialisierungsprozesse zeigt er auch anhand der Gruppenbildungs- und gegenseitigen Abwertungsprozesse in den französischen Banlieues auf, welche sich zum Teil auch auf andere Kontexte mit Ausgrenzungs- und Marginalisierungspotential übertragen lassen, aber ein Stück weit aufgrund der historisch geprägten sozialen und kulturellen Bedingungen Frankreichs auch als spezifisch betrachtet werden müssen.

Diese Partikularität tritt besonders deutlich bei seiner Typenbeschreibung der Maghrebiner als „les Gris“ und den weissen Unterschichtsfranzosen „les Petits Blancs“ und ihrer Hassbeziehung zu Tage, welche mit ein treibender Faktor darstellen mag, aber für deutschsprachige Lesende nur beschränkt von Interesse sein mag. Hier äussert sich der Autor manchmal in etwas plakativen Verallgemeinerungen: „Der Petit Blanc passt nicht ins Bild, das junge gettoisierte Araber sich vom Blanc gemacht haben, den sie wegen seiner Arroganz, seiner Selbstgefälligkeit und seines guten Gewissens hassen, während sie ihn zugleich um sein angeblich „erfülltes“ Dasein beneiden“ (ebd., S.120). Ebenso formuliert er mitunter gewagte oder provokative Thesen, etwa wenn er vom Fundamentalismus als Bollwerk gegen die Radikalisierung spricht.

Im Feld der Radikalisierungsforschung werden manchmal etwas vorschnell – auch unter dem Einfluss der Security Studies, welche den Terrorismus ins Scheinwerferlicht stellen – von individuellen Täterpersönlichkeiten auf soziale Entstehungszusammenhänge geschlossen und Ursachen in gesellschaftlichen Missständen gesehen. Oder wie Claus Leggewie in seinem Vorwort anmerkt „bei aller Einzigartigkeit der Einzelfälle produziert die Soziologie ein Inventar an Radikalisierungsvarianten“ (ebd. S.10), welche es zu ergründen gilt. Und diesen Bogen mit einem scharfen analytischen Blick eines Soziologen zu schlagen, ist das zentrale Verdienst dieser Publikation.

Fazit

Eine informative Publikation mit soziologischer Perspektive, welche einen guten Einblick in Radikalisierungsprozesse bietet, um das Phänomen in seiner Komplexität und Widersprüchlichkeit besser zu verstehen. Dahinter steht die Motivation über das differenzierte, soziologisch eingebettete Verstehen auch Präventions- und Interventionsperspektiven zu entwickeln, um sich damit auch „gegen die immense Gefahr“ (Leggewie 2016, S.11), welche von der Radikalisierung im westlichen Milieu ausgeht, zur Wehr zu setzen. Dabei setzt die Gesellschaftsanalyse Khosrokhavars am Gefühl der Deklassierung und Ausgeschlossenheit der zweiten und dritten Generation der Bevölkerung vorab maghrebinischer Herkunft der Banlieues an, welche nach Kompensation der empfundenen Ohnmacht, der Wut und des Hasses – auch über einen negativen Heldenstatus – rufen.


Rezension von
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 28.09.2016 zu: Farhad Khosrokhavar: Radikalisierung. Europäische Verlagsanstalt (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-86393-066-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21102.php, Datum des Zugriffs 16.01.2021.


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