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Alexandra Cavelius, Jan Kizilhan u.a.: Ich bleibe eine Tochter des Lichts

Cover Alexandra Cavelius, Jan Kizilhan, Shirin: Ich bleibe eine Tochter des Lichts. Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen. Europa Verlag (Zürich) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-906272-40-5. D: 18,99 EUR, A: 19,60 EUR.
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Thema

Hinter quasi hydraulischen Begriffen wie „Flüchtlingswelle“ oder „Asylantenstrom“ droht aus dem Blick zu geraten, um welche Einzelschicksale es oft geht – hier ist Gelegenheit, ein exemplarisches kennen zu lernen.

AutorInnen und Entstehungshintergrund

  • Alexandra Cavelius ist Journalistin und Autorin, unter anderem zweier vergleichbarer Biographien, der einer tschetschenischen Familie und der eines bosnischen Mädchens.
  • Prof. Dr. Dr Jan Kizilhan leitet als klinischer Psychologe und Orientalist ein Programm der Landesregierung Baden-Württemberg, das zum Ziel hat, über 1000 traumatisierten jesidische Frauen eine qualifizierte Psychotherapie unter sicheren Lebensbedingungen anzubieten; dafür wird ihnen ein mehrjähriger Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Prof. Kizilhan ist Leiter des Studiengangs „Soziale Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken“ an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen.
  • Shirin, ein 18-jähriges jesidisches Mädchen, beschreibt, wie ihr nordirakisches Heimatdorf von IS-Terroristen überfallen und sie als Sklavin von „Ehemann“ zu „Ehemann“ verkauft, vergewaltigt, misshandelt und gedemütigt, aber im Rahmen des o.g. Hilfsprojekts zumindest physisch gerettet wird.

Aufbau

Man könnte das Buch eine assistierte Autobiographie nennen: Frau Cavelius hat mit der jungen Frau ausführliche Interviews geführt, die zu einem autobiographischen Bericht kondensiert werden. Kizilhan, selbst kurdischer Abstammung und daher mit der Muttersprache und Kultur Shirins vertraut, gibt als Experte kurze fachliche Ergänzungen. Er kennt die Verhältnisse und auch Shirin aus persönlicher Erfahrung als Leiter des Hilfsprogramms.

Dramaturgisch geschickt gesetzten Einschübe des Experten sind eine gute Ergänzung und ein sachlicher Gegenpol zu der subjektiven Erzählung von Shirin. Sie verleihen ihr Glaubwürdigkeit und zeigen, dass es sich um ein exemplarisches Schicksal handelt und nicht um einen atypischen Sonderfall. Dabei ist ein Vorzug, dass die Passagen des Experten sich oft eng auf den Text der Erzählerin beziehen und so die subjektive Seite durch eine fachlich fundierte Außenperspektive ergänzen.

Inhalt

Shirin beschreibt zunächst ihr Leben in einer sicheren Unterkunft in Deutschland, zugleich aber auch ihren zerrütteten seelischen Zustand: „… so ein merkwürdiges Taubheitsgefühl… Ich fühlte nur, dass ich nichts mehr fühlte. Als ob ich durch eine Traumwelt wandelte und gar nicht mehr richtig vorhanden wäre.“ (S. 12) „Ich habe hier keine Angst mehr. Selbst wenn meine Freundinnen behaupten, dass ich jede Nacht schreien würde.“ (S. 20)

Der weitere Bericht erfolgt chronologisch, einsetzend mit der Beschreibung ihres Heimatdorfes, ihrer Familie, ihres Alltags und damit ihrer seelischen Wurzeln. Hier erzählt sie im Gegensatz zum Anfangskapitel in einem unbefangenen, aber auch selbstkritischen Ton, so dass ein authentisch wirkendes, keineswegs schönfärberisches Bild eines jesidischen Mädchens und seiner Lebenswelt entsteht. Die Gewalt, die Shirin und ihrer Familie widerfährt, hebt sich davon umso einschneidender ab.

Shirin gehört der über 4000 Jahre alten jesidischen Religion an, einer nicht-islamischen Glaubensgemeinschaft von Kurden vorwiegend im Nordirak. Da man nur als Kind zweier jesidischer Eltern Mitglied werden kann, ist der Religion eine Missionierung fremd. Dagegen haben immer wieder Vertreibung, Zwangskonversion und Ermordung durch die islamischen Nachbarn stattgefunden (S. 40 f.).

Das ganze jesidische Dorf wird von IS-Milizen verschleppt, Shirin als Haussklavin verkauft, was u.a. beinhaltet, dass sie sich zum Islam bekennen muss. Bald wird sie als „Ehefrau“ von Mann zu Mann weitergereicht, „wie Waren im Supermarkt verkauft“ (S. 250), ihr Widerstand wird durch einen professionellen Vergewaltiger unter Einsatz von Schlägen, Hunger und Medikamenten gebrochen, anderen Mädchen um sie herum widerfährt die gleiche Gewalt.

Nicht nur die traumatisierenden Ereignisse erzählt Shirin, sondern auch Versuche, die eigene seelische Stabilität wieder zu gewinnen. Das geht vom Kichern der Freundinnen über die dicken Hintern der im Knien betenden Männer (S. 162) bis zum Suizidversuch (S. 172) und einem Schwangerschaftsabbruch durch das absichtliche Heben überschwerer Lasten (S. 264). Ein zentraler Überlebensfaktor ist die Mutter, die ihr trotz innerer Zweifel, ob ihre Tochter nach dem sexuellen Missbrauch durch so viele Männer wieder ins Jesidentum aufgenommen werden kann, versichert: „Du bist und bleibst meine Shirin.“ (S. 242), während die Großmutter von vergewaltigten jesidischen Mädchen den Selbstmord fordert (S. 321). „Mutter hat weiter versucht, mir Trost zu spenden. Das hat sie selbst noch getan, als ich später mehr tot als lebendig war.“ (S. 137) Und geradezu heroisch schickt sie ihre Tochter schließlich auf die lebensrettende Flucht, obwohl sie sie dadurch für immer zu verlieren droht.

In einem Nachwort analysiert Kizilhan in klaren Worten die Entwicklung und Dynamik des IS, auch dies ein passendes und sachkundiges Gegenstück zur Geschichte von Shirin.

Diskussion

Shirins Geschichte wird so erzählt, dass man als Leser, der ihre Kultur, Religion und Lebensweise nicht kennt, gut folgen kann und nichts als befremdlich oder seltsam empfindet; diese Erschließungsleistung ist wohl der Coautorin Frau Cavelius zuzuschreiben. Wie schwierig die Aufgabe gewesen sein dürfte, macht folgende Passage Shirins deutlich: „Die Erinnerung wühlt mich so sehr auf, dass ich immer atemloser rede und haspele, als könnte ich dadurch fluchtartig zu Ende kommen. In Wirklichkeit aber verstolpere ich mich, falle, bleibe am Boden liegen… Ich weine und finde keine Worte mehr.“ (S. 238) Diese Worte werden Shirin in den Mund gelegt, sind aber wohl zugleich eine Beschreibung der mühsamen Arbeitssituation, wie auch das Nachwort von Frau Cavelius erläutert.

Über ihr politisches Verständnis vor dem Überfall des IS sagt Shirin: „Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt ohnehin kaum etwas über mein Land.“ (S. 282) oder „Politik interessierte mich nicht. Politik war mir so fremd. Ich blickte nicht durch, wer sich mit wem aus welchen Gründen verbündet hatte.“ (S. 295). Manche Passagen, die den Leser über die politische und religiöse Lage informieren möchten, klingen daher aus der Perspektive des unpolitischen Dorfmädchens nicht ganz überzeugend, etwa über das irakische Baath-Regime (S. 56) oder den syrischen Bürgerkrieg (S. 79 ff. ) oder die Rede des jesidischen Abgeordneten Vian Dakhil vor dem irakischen Parlament (S. 123 f.). Hier stößt das Konzept der assistierten Autobiographie an seine Grenzen, vielleicht hätte besser der Experte diese Fakten vermittelt, die wie nebenbei in Shirins Alltagserlebnisse eingebettet werden, so dass sie – das ist der Vorteil – weniger belehrend wirken.

Die Akte sexueller und anderer Gewalt werden klar und sachlich geschildert, ohne dass ein sadistisch-voyeuristischer Beigeschmack aufkommt. Dagegen sind manche Besprechungen des Buchs in der deutschen Presse in Gefahr, in einen reißerisch-respektlosen Ton zu verfallen, etwa im „Focus“ unter dem irreführenden Titel: „Den anderen Mädchen wünsche ich den Tod: Jesidin über Qualen der IS-Geiselhaft“, wo drastische Formulierungen gezielt herausgepickt werden, um mit einer Mischung aus Sex und Gewalt Leser für das Buch zu gewinnen; auch ein eingebettetes Video: „Schockierende Aufnahmen: IS-Terroristen reißen Frauen aus den Armen ihrer Familie“ bläst in dieses Horn und schlägt dem achtsam-vorsichtigen Ton des Buchs sozusagen ins Gesicht. Damit macht sich eine solche Presse zum ungewollten Verbündeten des IS, der sexuelle Gewalt nicht nur als private „Belohnung“ für ihre Kämpfer einsetzt, sondern auch als gezieltes Mittel, um im politischen Kampf Furcht und Schrecken zu verbreiten, die angegriffenen Gruppen zu zerstören und seine Macht dadurch auszudehnen.

Der Leser bekommt ein anschauliches und mitvollziehbares Bild von der Gewalt, die Shirin angetan worden ist, obwohl sie gleichzeitig über sich sagt: „Vieles ist durcheinandergewirbelt in meinem Kopf. Ich habe noch niemandem zuvor meine ganze Geschichte erzählt. Manches habe ich tief in mir vergraben. Ich weiß nicht, ob ich alles wiederfinde. Vielleicht will ich das auch gar nicht.“ (S. 21) Wie kommt die klare Darstellung dann zustande?

„Shirin ist eine Kämpferin. Sie möchte wieder zurück ins Leben finden und das Unrecht beim Namen nennen“, berichtet die Autorin Frau Cavelius, und: „Meist hat Shirin Gefühle und auch Personen beim Erzählen einfach ‚wegrationalisiert‘ und das Erlebte in Form nackter Fakten geschildert. So nüchtern, dass das Grauen am Ende weniger grauenhaft erschien.“ (S. 362) Diese beiden – einander bedingenden – Elemente, der kämpferische Antrieb Shirins und ihre rationalisierende Bearbeitung der traumatischen Erinnerungen, ermöglichen es der Autorin, ein Bild des Geschehens zusammenzusetzen. Shirin allerdings wird dadurch für den Leser ein wenig zu einer Kunstfigur, die ihre schrecklichen Erlebnisse sachlich und einfach zu erzählen scheint – in einer bewegenden literarischen Qualität.

Der Titel „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ ist keine schlichte Feststellung oder ein trotziges Beharren auf der eigenen religiösen Überzeugung, wie es in christlichen Märtyrer-Geschichten oft dargestellt wird, sondern bezeichnet die existentielle Problematik, ob Shirin ihre seelische, soziale und religiöse Identität trotz allem, was ihr angetan wird, retten kann. Bis zum Schluss bleibt offen, welchen langfristigen seelischen Schaden sie durch die anhaltende Traumatisierung genommen hat. „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ meint auch die Hoffnung, sich einen unzerstörten Persönlichkeitskern bewahrt zu haben.

Fast nebenbei ein sehr politisches Buch: man erfährt viel über die Lage im Irak, sozusagen von innen. Andererseits beschränkt es sich wohltuend und bietet keine globale Lösungen für das syrisch-irakisch-kurdische Flüchtlingsproblem an oder fordert sie gar ein. Durch die persönliche Erzählung gewinnt der IS, der sich dem westlichen Medienkonsumenten als ein anonymes, dogmatisches System darstellt, persönliche Facetten, es ist von Menschen die Rede, die mitmachen oder Widerstand leisten, der Fanatisierung verfallen oder viel riskieren, um zu helfen.

Fazit

Ein Buch, das in der gegenwärtig polarisierten Situation in Deutschland zum differenzierenden Nachdenken anregt, zugleich ein lebendiges Lehrstück psychischer Traumatisierung.


Rezensent
Prof. Dr. Winfried Sennekamp
Duale Hochschule Baden-Württemberg, Studienbereich Soziale Arbeit Villingen-Schwenningen, seit 2013 im Ruhestand
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Zitiervorschlag
Winfried Sennekamp. Rezension vom 25.07.2016 zu: Alexandra Cavelius, Jan Kizilhan, Shirin: Ich bleibe eine Tochter des Lichts. Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen. Europa Verlag (Zürich) 2016. ISBN 978-3-906272-40-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21105.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


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