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Volker Abdel Fattah: Flüchtlingskinder in der Kita

Cover Volker Abdel Fattah: Flüchtlingskinder in der Kita. Praxishandbuch zur Aufnahme und Betreuung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund. Carl Link (Kronach) 2016. 204 Seiten. ISBN 978-3-556-07044-4. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Die Flucht von vielen Hunderttausenden Familien vor Krieg, Zerstörung, Verfolgung und Not nach Deutschland haben auch Kinder mitgemacht. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass auch diese Kinder das Recht auf Bildung und Erziehung haben. Die Kindertagesstätten stehen vor einer großen Herausforderung, mit der sie sich jetzt intensiv befassen müssen.

Autor

Volker Abdel Fattah, Jg. 1971, ist seit 2011 im Landesverband Sachsen der Arbeiterwohlfahrt als Fachberater für Kindertageseinrichtungen tätig. Er stammt aus einer deutsch-ägyptischen Familie und ist teils in Sachsen und Thüringen, teils in Ägypten aufgewachsen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende „Praxishandbuch“ greift grundlegende und praktische Fragen auf, die dem Autor gestellt worden sind. Er beantwortet diese im politischen und rechtlichen Kontext, theoretisch fundiert, für die Praxis in der frühkindlichen Bildung.

Aufbau

Der Band ist in drei Teile gegliedert.

Im Teil I stellt er die Beweggründe und soziale Herkunft der Flüchtlinge vor, schätzt die Bedeutung von Handy und TV für sie ein, setzt sich mit dem Vorwurf der Kriminalität auseinander.

In Teil II diskutiert Fattah die Probleme, die auch bei Fortbildungen angesprochen werden: Wie können im Kita-Alltag Unterschiede

  • der Religion,
  • der Männer-Frauen-Rolle,
  • der Vorschriften zu Nahrung und
  • Kleidung,
  • im Umgang mit Gewalt gelöst werden?

Nach diesen fünf Abschnitten geht es im 6. um das Bildungsverständnis von Einwanderern und die Zweisprachigkeit.

Der 7. Abschnitt führt Aufgaben auf, denen sich die Kitas nur bedingt widmen können, mitunter aber Freiwillige, nämlich bei der Frage von Impfungen, beim Ausfüllen von Antragsformularen, bei Übersetzungen, bei Einschätzungen amtlicher Mitteilungen (Abschiebung?) etc.

Der Teil III, als Ziffer 8 in der Zählung, widmet sich ganz der Vorbereitung und Aufnahme der Kinder: „Willkommen in der Kita“.

Ein kurzes Fazit und ein Stichwortverzeichnis schließen den Band ab.

Inhalt

Der Autor stellt einige Informationen zum Verständnis des „Flüchtlingsproblems“ voran. Flüchtlinge aus dem arabischen Sprachraum stammen mehrheitlich aus der Mittel- und Oberschicht. Wenn sie in Deutschland ankommen, sind sie verschuldet und mittellos, da sie die Schlepper bezahlen mussten. Wenn sie Handys, insbesondere Smartphones benutzen, dann zeigt das nur, dass sie mit ihrer Heimat in Verbindung bleiben müssen. Die Leistungen für Asylbewerber (bekanntlich verkürzter Hartz IV-Satz) sind kein Beweggrund für diese riskante Reise. Die Gewaltexzesse der Kölner Silvesternacht begründen keineswegs, Flüchtlinge oder Immigranten insgesamt für kriminell zu halten. Sorgen bereiten indes die Gewalttaten gegen Asylbewerber.

Sobald eine Flüchtlingsfamilie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen und regelmäßigen Aufenthalt in einer Gemeinde angemeldet hat, haben die Kinder Rechtsanspruch auf Betreuung in der Kita gemäß SGB VIII.

Der Islam ist der religiöse Hintergrund der meisten Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, aber in höchst unterschiedlichen Ausformungen. Muslime sind selbst Opfer islamistischer Gewalt. In den Kitas sind muslimische Kinder grundsätzlich gleichberechtigt. Wenn in der Praxis christliche Traditionen dominieren, etwa bei den Feiern im Jahreslauf, sollen alle muslimische Eltern alle Möglichkeiten der Beteiligung und Mitgestaltung haben, sodass die Kita immer mehr auch die religiöse Vielfalt der Gemeinde abbildet.

Die Gleichberechtigung von Männern und Frauen gilt ohne Einschränkung auch in der Kita. Andere Auffassungen sind auch durch das Elternrecht nicht gedeckt; beim Aufnahmegespräch, Elternabend etc. sind immer beide (muslimischen) Eltern gefragt. Es ist nicht hinzunehmen, dass Väter Frauen in Leitungspositionen ablehnen oder ignorieren. Tragen Frauen Schleier, so ist das als religiöses Bekenntnis zu respektieren, darf aber nicht davon abhalten, dass die Mütter gegenüber dem (weiblichen) Kita-Personal, etwa bei Abholung des Kindes ihr Gesicht zeigen. Mitunter sind Flüchtlingen die Chancen und Grenzen einer Kita nicht klar, da in ihrem Herkunftsland zwischen der Familie und der Schule keine gesellschaftliche Institution agiert.

Viele Fragen, die etwa bei Fortbildungen gestellt werden, betreffen die Kita-Praxis generell. So wie die Gemeinschaftsverpflegung auf Allergien oder besondere Bedürfnisse einzelner Kinder Rücksicht nehmen soll, ist es auch mit dem Schweinefleisch (oder auch Gummibärchen mit Gelatine aus Schweineknochen) zu handhaben: Alle Eltern sollen hier ihre Wünsche einbringen und an neuen Regelungen mitwirken. Die Frage, ob Kleinkinder unbekleidet im Wasser herumtollen können, wird in der gesamten Elternschaft und beim Kita-Personal sehr kontrovers diskutiert und gehandhabt.

Kinder haben Verfolgung, Krieg und Flucht erlebt, sind oft traumatisiert. Die Kitas sollen ein Raum sein, in dem die Kinder Ruhe und Sicherheit erfahren, Aufmerksamkeit und Zuwendung erhalten. Beim Aufnahmegespräch sollte geklärt werden, ob bestimmte Anlässe (Hundegebell, Motorenlärm etc.) Reaktionen auslösen könnten. Generell ist die Therapie unbedingt den Fachkräften zu überlassen.

Schon immer ist es die große Aufgabe der Kitas, eine Willkommenskultur für alle Kinder zu schaffen. Die Kindertagesstätten tun gut daran, alle Kinder aufzunehmen, und dies immer schon mit der Selbstverständlichkeit, Kinder aus den unterschiedlichsten Milieus als Bereicherung zu begrüßen. Es mag auch mal ein Elternabend sinnvoll sein, der die Sorgen und Ängste aufnimmt, die mancherorts bestehen mögen oder gemacht werden, weil Flüchtlinge ankommen und am Gemeinwesen teilhaben wollen. Wieso aber, das fragt Fattah, hat niemand die Idee, dass sich alle Bestandskinder und -eltern auf jeden Neuankömmling vorbereiten?

Diskussion

Fattah konzentriert sich aus guten, aktuellen Gründen auf Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien, also mit einer gewissen Bleibeperspektive. Die ungeheure Spannung, in der Familien leben, wenn sie von Abschiebung bedroht sind, bleibt da außen vor; auch nicht thematisiert wird die besondere Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge.

Davon abgesehen liefert er eine, kluge, lebens- und praxisnahe Bestandsaufnahme. Die Tatsache, dass Familien mit Fluchterfahrung ganz besondere Unterstützung brauchen, andererseits aber auch die selben Rechte beanspruchen und Mitgestaltungsmöglichkeiten nutzen sollen, bringt er gut in Balance.

Was etwas vorsichtig und defensiv erscheint, ist vielleicht nur dem Grundsatz geschuldet, dass sich die Flüchtlinge auch schon selber um ihre Belange kümmern mögen. Dennoch verwundert ein Satz wie der folgende: „Für den Alltag einer deutschen Kita dürfen die islamischen Feste kaum relevant sein“ (S. 48). Da macht der Autor es sich und seinen Sachsen doch zu leicht.

Der Text ist nicht immer konsistent. Zunächst betont Fattah die Vielfalt auch innerhalb der muslimischen Welt, etwa bei der Koranauslegung, übernimmt dann aber sozusagen kampflos einen Beitrag aus dem Netz, der besagt, dass bei der Frau „ihr gesamter Körperbereich vollständig bedeckt sein“ müsse.

Im 7. Kapitel stellt sich Fattah auf die Seite der ohnehin „überlasteten“ Kita-Teams. So wünschenswert ehrenamtliche Unterstützung und freiwilliges Engagement auch sein mögen, einfordern kann man diese ja nun nicht, räumt er doch ein. Richtig ist die Forderung (an wen eigentlich?), mehr und schneller Dolmetscher beschäftigen zu können.

Die Schrift endet mit dem großen Appell an alle Eltern gleich welcher Herkunft, gemeinsam eine Willkommenskultur in der Kita zu schaffen. Der anschließenden „Tipp“ für die Kita-Fachkräfte, die eigene Meinung in der „Flüchtlingsfrage“ zu vertreten und die „offene Haltung“ gegenüber (!) Flüchtlingsfamilien zu verdeutlichen, klingt nach Skepsis, nicht Begeisterung, verspricht Anstrengung, nicht interkulturelle Lernchancen.

Fazit

Das locker gegliederte, gut lesbare Handbuch stellt wichtige und konstruktive Überlegungen an, wie Kita-Teams sich vorbereiten können, Flüchtlingskinder in ihre Einrichtung aufzunehmen. Der Autor tut dies behutsam, vorsichtig, will Vorbehalten und Unsicherheiten entgegentreten. Für manches Kita-Team sicher hilfreich!21107


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 23.08.2016 zu: Volker Abdel Fattah: Flüchtlingskinder in der Kita. Praxishandbuch zur Aufnahme und Betreuung von Kindern mit Flucht- und Migrationshintergrund. Carl Link (Kronach) 2016. ISBN 978-3-556-07044-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21108.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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