socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gottfried Böttger, Siegfried Frech u.a. (Hrsg.): Politische Dimensionen internationaler Begegnungen

Cover Gottfried Böttger, Siegfried Frech, Andreas Thimmel (Hrsg.): Politische Dimensionen internationaler Begegnungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-7344-0275-3. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das SGB VIII garantiert im § 11 die Förderung von Kindern und Jugendlichen durch Jugendarbeit, u.a. mit den Mitteln der außerschulischen, insbesondere auch politischen Bildung und in Gestalt der Internationalen Jugendarbeit.

Dabei kann es nützlich sein, das Verhältnis zwischen diesen beiden Formaten der Jugendarbeit immer wieder neu zu überprüfen und zu optimieren: Internationale Jugendarbeit kann politische Bildung transportieren, politische Bildung kann sich der Möglichkeiten internationaler Begegnungen bedienen.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Gottfried Böttger war Gymnasiallehrer, bei der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg und im Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Bonn tätig.
  • Siegfried Frech ist Referent der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und Honorarprofessor für Didaktik der politischen Bildung an der Universität Tübingen.
  • Dr. Andreas Thimmel ist Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der TH Köln.

Zu den Autorinnen und Autoren zählen Erziehungswissenschaftler/innen, wissenschaftliche Mitarbeitende an Hochschulen, einer einschlägigen Austauschorganisation bzw. einer Stiftung.

Aufbau

Der Band wird von den drei Herausgebern eingeleitet. Es folgen zehn Beiträge, zwischen 8 und 20 Seiten Länge. Drei Beiträge widmen sich internationalen Begegnungen in der Trägerschaft von Schule, drei Beiträge stellen eine Organisation bzw. Institution vor. Auf diese sechs Beiträge gehe ich zunächst nicht ein.

Inhalt

Die Beziehungen zwischen der Internationalen Jugendarbeit und der Politischen Bildung werden in folgenden Beiträgen diskutiert:

  • Benedikt Widmaier benennt, in historischer Sicht, die Begründungszusammenhänge internationaler Jugendarbeit. Der demokratie- und außenpolitisch motivierten „Völkerverständigung“ steht die individualisierte, entpolitisierte interkulturelle Kompetenz gegenüber, die sich in die „Employability“ fügt. Die EU-Förderung hat, ganz ähnlich der politischen Bildung, auf „Active Citizenship“ gesetzt.
  • Andreas Thimmel arbeitet „Elemente in der internationalen Jugendarbeit“ heraus, in denen die politische Dimension deutlich wird, nämlich allein schon durch die Gleichberechtigung der beteiligten Individuen, Organisationen und Länder; Internationale Jugendarbeit bietet die Chance, die Konstrukte von Kultur und Nation zu reflektieren.
  • Helle Becker bezieht sich auf das EU-Förderprogramm „Jugend in Aktion“, das europäische Jugendarbeit nach wie vor, ja vielleicht sogar wieder mehr zur politischen Bildung führt. Die geförderten Projekte haben die Partizipation junger Menschen nicht nur thematisiert, sondern praktiziert.
  • Ulrich Ballhausen preist die Internationale Jugendarbeit als idealen Lernort für politische Bildung, nämlich dann, wenn sie die ungleiche Verteilung von Macht und deren Überwindung thematisiert und zugleich, gerade auch durch die Diversität der Gruppen, Demokratie als Lebensform vermittelt.

Diskussion

Man wundert sich. Die vorliegende Publikation in der Reihe „non-formale politische Bildung“ ist nicht stimmig. Selbstverständlich können Lehrkräfte, die den Austausch mit einer Partnerschule im Ausland organisieren, von außerschulischer Expertise profitieren; übrigens verbinden sich Jugendzentren, Vereine, Schulen am Ort häufig, wenn es um die Partnerstadt geht. Aber zum Titel und Thema passt das nicht.

Wenn es um Internationale Jugendarbeit geht, sollte klar werden, was dazu gehört, was nicht. Das lesenswerte Selbstporträt über Youth for Understanding vermittelt einen guten, reflektierten Einblick in die Tätigkeit dieser Organisation. Aber es geht um den drei- bis 12monatigen Schulbesuch mit Familienunterbringung im Ausland – explizit nicht um Gruppenbegegnung, nicht um Freizeit, nicht um Austausch (Reziprozität), doch der Autor belässt es beim Begriff „Jugendaustausch“.

Das Spektrum Internationaler Jugendarbeit ist in Hinsicht auf Träger und Formen nur angedeutet. Freiwilligendienste im Ausland sind gut, aber Workcamps doch auch. Es gibt doch auch internationale Zusammenarbeit bei der Sportjugend, der Gewerkschaftsjugend, im BDKJ, der AEJ, den Pfadfindern! Sind sie nicht auch (via DBJR) im IJAB vertreten, weshalb hier aber außen vor? Wird der IJAB so häufig hervorgehoben, weil die vorliegende Publikation auf Studien (insbesondere Innovationsforum 2014!) zurückgeht, die der IJAB Auftrag gegeben hat und – differenzierter und ausführlicher – dort zum Download bereitstehen?

Man wundert sich auch, wie verhuscht sich die politische Bildung darstellt. Sind es nur die „großen“ Themen, sog. Schlüsselprobleme (Umwelt etc., nach Hilligen und Klafki) die sie politisch macht? Sind es nicht auch die großen Ziele und Werte (Menschenrechte)? Sicher ist mit interkulturellem Lernen oder Diversity-Bezug oft (nur) ein Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung gemeint, wird aber doch auch der Umgang mit den Rechten von Minderheiten, mit Diversität und Komplexität praktiziert. Der Vergleich politischer Systeme fasziniert und ist – im Dialog – erkenntnisreich. Jugendbegegnung als Übung friedlicher, fairer Konfliktregelung, Landeskunde und persönliche Beziehung als Start in die (internationale) Solidarität usf. wären Stichpunkte gewesen. Es hätte gut getan, Beispiele guter Praxis zu sehen, die Wissen, Fertigkeiten und Werte/Einstellungen zusammenbringen.

Die vorliegende Publikation bleibt weit hinter dem zurück, was Titel und Thema versprechen.

Fazit

Was internationale Jugendarbeit und politische Bildung miteinander verbindet und bereichert, ist ein wichtiges, ein gutes Thema. Dazu wäre ein theoretisch fundierter, begrifflich klarer, konzentrierter Blick auf die breite Praxis der Jugendarbeit nötig gewesen.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.08.2016 zu: Gottfried Böttger, Siegfried Frech, Andreas Thimmel (Hrsg.): Politische Dimensionen internationaler Begegnungen. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-7344-0275-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21109.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Vorstand (w/m/d), Aschaffenburg

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung