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Marc Hill: Nach der Parallel­gesellschaft

Cover Marc Hill: Nach der Parallelgesellschaft. Neue Perspektiven auf Stadt und Migration. transcript (Bielefeld) 2016. 248 Seiten. ISBN 978-3-8376-3199-9. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Viele von uns haben eine Migrationsgeschichte, ohne dass sie Migranten sind. Und Städte – vor allem Großstädte – sind voll von solchen Menschen, die als Fremde in die Stadt kamen und blieben – und das macht den Fremden ja auch aus. Städte waren schon immer „Integrationsmaschinen“ (Simmel), die eine Vielzahl von unterschiedlichsten Individuen und Gruppen vereinigten und sie soweit integrierten, wie es für ein gedeihliches Zusammenleben notwendig war – und dies unter den Bedingungen kultureller Vielfalt und sozialstruktureller Differenzierung und der Pluralität von Lebensstilen, die die Großstadt und ihre Urbanität ermöglicht.

Die Rede von der Parallelgesellschaft unterstellt, dass es einen integrativen Lebensstil gäbe, der für diese oder jene Stadt typisch ist und an dem sich alle orientieren. Parallel gibt es dann einen Lebensstil, der nicht so richtig in die Stadt passt, dennoch vorhanden ist, sich aber der Integrationslogik der Stadt entzieht.

Autor

Dr. Marc Hill ist Assistenzprofessor im Lehr- und Forschungsbereich Migration und Bildung an der Universität Innsbruck.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in acht Kapitel:

  1. Perspektiven auf Stadt und Migration
  2. Marginalisierungswissen
  3. Machtverhältnisse
  4. Subjektposition in der Forschung
  5. Erkundungsfragen
  6. Biografieprotokolle
  7. Alltagspraxen
  8. Nach der Parallelgesellschaft

Den Kapiteln folgen ein Literaturverzeichnis und ein Anhang, der Beispiele für die Visualisierung von Biografieprotokollen enthält.

Zur Einleitung

In der Einleitung erläutert der Autor sein Thema und vor allem, warum er die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee für seine Forschungen und Erkundungen ausgewählt hat. Unter Jörg Haider geriet diese Stadt wegen ihrer rechtspopulistischen Politik in die Schlagzeilen. Die restriktive Migrationspolitik hat dem Land weit über die Grenzen Österreichs hinaus geschadet.

Außerdem beklagt Hill die Politik, die zu einer Abwertung der Migration und zur Marginalisierung von Migranten geführt hat. Der Autor möchte sich mit dem Phänomen der Stigmatisierung von Menschen mit Migrationsgeschichte beschäftigen, und dies in den stadtpolitischen Leitbildern aber auch in der diskreditierenden Darstellung in wissenschaftlichen Werken.

Die Marginalisierung von Einwandern, die sich in der sozialräumlichen Segregation und ihren negativen Folgen in den Städten manifestiert, muss vor dem Hintergrund reflektiert werden, dass damit auch eine städtische Wirklichkeit konstruiert wird, die es so nicht gibt. Städte sind nun mal kulturell heterogen und deshalb gibt es keinen einheitlichen Wertekanon, auf dem die Logik von Integration und Ausgrenzung beruht.

Der Forschungshintergrund des Autors ist ein Klagenfurter Bahnhofsviertel. Die Stadtentwicklung dieses Viertels wird aus der Sicht der dortigen Bewohnerinnen und Bewohner vor dem Hintergrund ihrer eigenen Marginalisierungserfahrung rekonstruiert. Diese Erfahrung ist durch die biographische Geschichte der Einzelnen im Schnittpunkt neuer Räume geprägt, die sich diese Menschen anders aneignen als Einheimische und damit werden auch andere Ortserfahrungen möglich. Diese Perspektive – so der Autor – ist eher selten, verspricht aber neue Erkenntnisse.

Im weiteren Verlauf der Einleitung stellt der Autor die einzelnen Kapitel kurz vor.

Zu 1. Perspektiven auf Stadt und Migration

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Marginalisierung von Stadtvierteln. Dabei interessiert den Autor die nationalstaatliche Perspektive, die in der Migration eher ein Problem sieht. Demgegenüber stehen die Alltagserfahrungen der Migranten, die das konkrete Leben in einem marginalisierten Stadtviertel beschreiben.

Zunächst kritisiert der Autor die in klassischen Texten vorfindbare Herabsetzung der Menschen mit einer Migrationsgeschichte.

Friedrich Engels wirft er vor, dass er von Lohndumping durch die Einwanderung irischer Arbeiter nach England im Zuge der Industrialisierung spricht. Georg Simmel wirft er seine Einschätzung des Großstadtlebens mit seiner Reizüberflutung vor und bei dem mit der Chicagoer Schule verbundenen Robert E. Park sieht der Autor das Problem, dass Park ein Chaos aufkommen sieht, wenn sich die einheimischen Strukturen für die Migranten öffnen.

Diese Aussagen werden vom Autor ausführlich diskutiert und mit Texten unterlegt. Inwieweit diese Autoren in der Migration jeweils eine Gefährdung des Wirtschaftslebens, der Stadtgesellschaft oder der Psyche sehen, bedarf noch einiger Klärungen, auch in Hinblick auf die historisch-kritische Interpretation der vorgestellten Texte vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Entstehung der Großstadt im Zuge der industriellen Verstädterung.

Der Autor beschreibt dann noch die Suche nach neuen Perspektiven, indem er einige Studien referiert, die danach fragen, welche Rolle Migration in der heutigen globalisierten Welt spielt.

Zu 2. Marginalisierungswissen

Auch hier geht es noch einmal um die Frage, inwieweit die nationale Sicht auf Migration zu einer Stigmatisierung der Menschen mit Migrationsgeschichte führt und das in der Öffentlichkeit der Stadt wie in den Wissenschaften.

Hier wird auch die Frage nach dem Zusammenhang der Stigmatisierung der Menschen und der sozialräumlichen Segregation ihrer Wohngebiete oder Stadtviertel aufgeworfen. Dabei bleibt der Begründungszusammenhang zwischen der Struktur benachteiligter Quartiere und ihrer Bewohnerschaft und deren Verhalten ausgeblendet. Wann wird ein benachteiligtes, stigmatisiertes Quartier zu einem benachteiligenden, stigmatisierenden Quartier? Inwieweit trägt das stigmatisierte Viertel aufgrund seiner Struktur zu einer Stigmatisierung seiner Bewohnerinnen und Bewohner bei? Kann man von Quartierseffekten ausgehen, die mit der Bewohnerschaft nichts zu tun haben, sie aber prägen? Der Autor setzt sich dabei ausführlich mit dem Begriff des Stigmas auseinander, kommt zur Polarisierung und Spaltung der Stadt und kritisiert dabei die Sozialraumanalyse als Strukturanalyse der Stadt. Weiter setzt er sich mit Wilhelm Heitmeyer und Hartmut Häußermann auseinander, die sich u. a. kritisch mit der Wohnraumversorgungs- und Arbeitsmarktpolitik der Städte beschäftigten. Weiter werden einige Integrationsstudien in Österreich vorgestellt.

Der Autor stellt dann den Begriff der Parallelgesellschaft als Ort der Diversität vor. Der Begriff ist im Grund überfällig, weil es sich nicht um ethnisch und kulturell homogene Quartiere handelt, sondern um Gebiete einer in Grenzen ethnischer und sozialer Durchmischung.

Weiter diskutiert der Autor Leitbilder gegen Marginalisierung. Das Leitbild der sozialen Durchmischung ist für Hill aus der Angst vor der Bildung von Parallelgesellschaften gebildet. Der Rezensent kennt eigentlich kein einziges Stadtentwicklungsprogramm in Deutschland, das die Angst vor Marginalisierung von Stadtvierteln zum Anlass stadtentwicklungspolitischer Strategien, städtebaulicher Investitionen oder sozialer Programme der Aufwertung genommen hat. Im Übrigen ist soziale Durchmischung auch unter den Stadtentwicklern kein realistisch angestrebtes Ziel mehr; wenn überhaupt geht diese Durchmischung nur innerhalb bestimmter sozialer und sozialstruktureller Grenzen. Und natürlich kannte die europäische Stadt soziale Segregation! Das Programm „Soziale Stadt – Investitionen im Quartier“ strebt diese soziale Durchmischung durch Aufwertung in dieser Form nicht an. Und die Sorge der sozialen Entmischung ist dann berechtigt, wenn im Quartier nur noch Menschen wohnen, die keine Ressourcen mehr haben, um sich als Teil einer res publica zu verstehen und sich aktiv in die Gestaltung ihres Quartiers einbringen zu können.

Der Autor stellt dann noch die Reproduktion des Wissens von Marginalisierung in den Vordergrund der Diskussion.

Zu 3. Machtverhältnisse

Hier geht es Hill um die unsichtbaren und komplexen Mechanismen der Macht. Die stigmatisierende Wissensproduktion und der damit verbundenen Umgang mit Migrantinnen und Migranten werden hier exemplarisch diskutiert. Dabei setzt sich der Autor mit Michel Foucault auseinander und die Frage kann eine machttheoretische Frage sein, warum es zu einer Marginalisierung von Stadtvierteln kommt. Diese Frage kann aber nur im Gesamtkontext einer Stadtpolitik analysiert werden, die durch Privilegierung von Stadtvierteln andere Viertel benachteiligt und wie es zu einer spezifischen Verteilung der Bevölkerung in einem Stadtraum kommt.

Foucaults Konzept der Heterotopie wird ausführlich erörtert und seine Vorstellungen von Macht werden diskutiert.

Die Schlussfolgerung des Autors ist, dass der Begriff der Parallelgesellschaft durch die Wissenschaft konstruiert wurde und sich mit dem Begriff der sozialen Segregation verband. Der Autor nennt dabei drei Marginalisierungsdispositive: das der Parallelgesellschaft, das des Ghettos und das der brennenden Vorstädte. Diese Dispositive werden im Folgenden ausführlich erörtert. Bei der Parallelgesellschaft wird die oft zitierte Kölner Keupstraße gern zitiert und die dazu gehörigen Studien werden vom Autor auch aufgegriffen. Beim Ghetto werden die amerikanischen Ghettos der Schwarzen genannt und diskutiert und bei den brennenden Vorstädten ist man ganz schnell bei den Vorstädten der französischen Großstädte, den Banlieues. Diese Dispositive hätten sich in Europa durchgesetzt und werden immer wieder reproduziert, so Hill.

Zu 4. Subjektposition in der Forschung

Die in der theoretischen Diskussion vorfindbaren Thesen zur Marginalisierung werden hier noch einmal präzisiert:

  1. Es existiert eine historische Kontinuität der Marginalisierung von Migration.
  2. Marginalisierung von Stadtvierteln besteht aus Stigmatisierung, Verräumlichung sozialer Problemlagen, Polarisierungen sowie Diskreditierungen.
  3. Marginalisierungen wirken sich negativ auf den Erkenntnisgewinn über Stadt und Migration aus.
  4. Die Wissenschaft ist Teil der Marginalisierungsdiskurse.
  5. Hegemoniale Perspektiven erzeugen Marginalisierungsdispositive.

Diese Thesen werden noch einmal diskutiert und kritisch beleuchtet. Inwieweit sie einer kritischen Würdigung der Diskussion um Zusammenhänge von Marginalisierungsprozessen und anderen stadtsoziologischen Diskursen über die moderne Stadt standhalten, erfordert eine weitere Diskussion.

Zu 5. Erkundungsfragen

Noch einmal werden die Protagonisten der Auseinandersetzung um die Entstehung der Großstadt im Zusammenhang mit der industriellen Verstädterung diskutiert. Es gehörte zur damaligen Diskussion um Einwanderung in die industriellen Ballungszentren Europas, dass die unterschiedlichen Einwanderungsgruppen auch mit den neuen kulturellen und sozialen Verhältnissen ihrer jetzigen „Heimat“ in Konflikt geraten. Wenn Engels die irischen Arbeiterinnen und Arbeiter als Verursacher einer Krise beschreibt, dann meint er nicht die einzelnen Iren, sondern die Gruppe der Iren in ihrer gemeinsamen sozialen Lage und den damit verbundenen Erwartungen und Vorstellungen und nicht in ihrer ethnischen Verbundenheit und gemeinsamen nationalen Herkunft. Und Parks Hintergrund der Analyse von Stadtvierteln war kein analytischer, sondern eine journalistischer. Sein Ansatz ist nur vor dem Hintergrund der damals aufkommenden öffentlichen Presse und der Suche nach ihrer Identität und Funktion zur verstehen, zu der er als Gerichtsreporter gehörte.

Hill fragt in diesem Kapitel nach der subjektorientierten Sichtweise auf die Migration. Im einzelnen fragt er:

  • Welchen Beitrag leistet Migration für das Stadtleben?
  • Wie stellt sich das Leben in einem Marginalisierten Stadtviertel aus einer biographischen Perspektive dar?
  • Welche neuen Perspektiven auf Stadt und Migration ergeben sich jenseits hegemonialer Marginalisierungsprozesse?
  • Wie lassen sich Stadt und Migration bildungswissenschaftlich betrachten?

Dazu wechselt der Autor die Perspektive und befragt Migrantinnen und Migranten in einem marginalisierten Stadtviertel in der Nähe des Klagenfurter Bahnhofs. Als Menschen mit einem internationalen Hintergrund gehören sie zu den Gestaltungsakteuren der Stadt, die das Alltagsleben mit neuen Impulsen versehen können. Mit Hilfe halbbiographischer Interviews sollen sie ihren Lebensmittelpunkt und ihre lokalen Lebenszusammenhänge selbst definieren. Die Stadt bietet dazu eine Chance, mit nicht Vertrautem umzugehen, in einer Art unvollständigen Integration (Bahrdt) sich allmählich im öffentlichen Raum zurecht zu finden und mit bestimmten Bedingungen städtischen Lebens sich zu arrangieren.

Der Autor stellt dann die Methodologie vor. Er gründet seine theoretischen Vorstellungen auf der Grounded Theory, auf die er kurz eingeht.

Weiter diskutiert Hill die Bedeutung der Biographie in dieser Arbeit und definiert noch einmal das, was er unter einem Stadtviertel versteht.

Dann beschreibt er einige Phasen des Forschungsverlaufs und erörtert dann die Re- und Dekonstruktionen der Biographien.

Zu 6. Biograpieprotokolle

Biographieprotokolle sind datenbasierte Rekonstruktionen von Migrationserfahrungen, in denen geographische Mobilität, persönliche Erlebnisse und das unmittelbare Lebensumfeld berücksichtigt werden.

Zunächst stellt der Autor die Stadt Klagenfurt ausführlich vor und geht dann in die Beschreibung der Interviews über. Dabei werden die Interviewpartnerinnen und -partner vorgestellt und die Biographie einem bestimmten Typus zugeordnet.

Folgende Interviews werden erörtert:

  • Frau Panova – Marginalisierung färbt ab.
  • Frau Buckley – Ein Problem der Anderen.
  • Herr Stevo – Stigma-Management.
  • Frau Ibrahimi – Kulturexperimente.
  • Fatih – Sozialer Aufstieg.

Die Interviews sind folgendermaßen strukturiert:

  • Vorstellung der interviewten Person,
  • Erzählweise der eigenen Migrationsgeschichte,
  • Einschränkungen durch die Marginalisierung des Stadtviertels,
  • Urbane Kompetenzen,
  • Fazit.

Die Schlussfolgerung des Kapitels lautet: Migration wertet Städte auf. Diese These wird an Hand der Interviews noch einmal ausführlicher begründet.

Zu 7. Alltagspraxen

Die moderne Großstadt ist längst zu einem Ort kultureller Vielfalt und soziokultureller Pluralität von Lebensstilen und damit gewonnener Freiheiten geworden. Diese Vielfalt und die Freiheit der Optionen führen auch zu Spannungen und Ambivalenzen, die der Großstädter aushalten muss und auch lernt, damit umzugehen. Und trotzdem wird vor Vielfalt auch gewarnt, zumal nicht alle Vorstellungen der jeweils anderen auf Gegenliebe stoßen. Darauf geht der Autor in diesem Kapitel ein.

Einmal geht es um gesellschaftliches Differenzdenken, das sich ja nicht nur auf Migration bezieht, sondern auf die unterschiedliches Lebensstile und ihre Präsentationsformen, die man zu Kenntnis nimmt, aushalten aber nicht teilen muss.

Und weiter geht es um postmigrantische Alltagspraxen.

Menschen definieren im Alltag ethnisch-kulturelle Kategorien um, entwickeln ein anderes Verständnis der Aneignung von öffentlichen Räumen und protestieren auf diese Weise gegen eine Art „Entantwortung“ – so der Autor.

Im Folgenden werden einige Jugendliche vorgestellt, die auf ihre Art ein Verständnis von der Stadt und städtischem Leben entwickelt haben.

  • Liem ist ein Junge, der sich durch seine Selbstdarstellung gegen die hegemoniale Zuschreibung von außen wehrt.
  • Elias erreicht eine bestimmte Identifikation mit dem Viertel. Er findet Orte, die ihm als Treffpunkte etwas bedeuten und er trifft dort andere Jugendliche mit einer Migrationsgeschichte, mit denen er sich solidarisiert.
  • Tiada genießt den urbanen Lebensstil und ist bereit, auch andere Lebensstile zu akzeptieren, die zu einer Urbanität einer Stadt gehören. Sie will sich auf die Bildungsinstitutionen einlassen und die Matura schaffen, möchte auch ein Teil der städtischen Lebensweise werden.
  • Andhakari stellt andere zur Rede. Er ist mit seiner Familie aus Somalia geflüchtet, die alles tut, um ihn zu fördern. Seine Hautfarbe ist ein Stigma, das ihn im öffentlichen Raum auch diskreditiert. Er geht offensiv damit um und stellt andere deswegen auch zur Rede.
  • Anja kommt aus Bosnien und sie sollte eine Lehre machen, weil man in Bosnien eher solche Leute braucht, studiert aber inzwischen Sozialwissenschaften. Sie deutet bestimmte Zuschreibungen um, trägt aus Protest ein Kopftuch mit unterschiedlicher Wirkung.

Nun werden Jugendliche im städtischen Raum ohnehin nicht wahrgenommen und wenn, dann auch immer mit einem skeptischen Blick. Wir haben keine Kultur, in der Kinder und Jugendliche im öffentlichen Raum eine Bedeutung hätten. Jugendliche mit einer Migrationsgeschichte können davon auch profitieren, weil sie dann auch nicht immer mit den diskreditierenden Reaktionen konfrontiert sind.

Zu 8. Nach der Parallelgesellschaft

Es gab immer schon Marginalisierungsprozesse in der Stadt, auch von Fremden. Wer die anderen sind, gewinnt im urbanen Raum der Stadt erst dann eine Bedeutung, wenn sie bekannt sind oder so anders sind, dass sie in der Stadtgesellschaft auffallen oder die Stadtgesellschaft sie nicht erträgt. Ansonsten erlaubt ihre unvollständige Integration in die Stadt, dass sie von anderen zwar wahrgenommen werden – aber mehr eben nicht. In bestimmten Stadtvierteln konzentrieren sich bestimmte Ethnien, aber nicht wegen ihrer Ethnie allein, sondern meist wegen ihrer sozioökonomisch prekären Situation – und die entscheidet eher über die Marginalisierung als die Ethnie.

Der Begriff der Parallelgesellschaft suggeriert eine ethnisch homogene Struktur eines Quartiers oder Viertels. Dies entspricht nicht der Wirklichkeit, wird aber von außen an das Viertel herangetragen.

Diese Überlegungen leiten das letzte Kapitel dieses Buches. Dabei diskutiert der Autor zum wiederholten Mal die unterschiedlichen Marginalisierungsdispositive, und er wiederholt die Kritik am wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs der Migration.

Dabei geht es ihm darum, aus der Marginalisierung eine Zukunft zu gestalten. Er argumentiert, dass Migration die Gesellschaft bewegt und bildet und plädiert für eine marginalisierungskritische Bildungsperspektive für die Stadt. Diese Perspektive wird ausführlich erläutert.

Diskussion

Der Begriff der Parallelgesellschaft ist kein analytischer Begriff der Stadtforschung; es ist ein politischer Begriff. Sicher kennen wir in den Großstädten Quartiere – meist in weniger attraktiven Wohngebieten am Rand der Innenstädte – in denen Migranten wohnen. Dort wohnt auch eine deutsche Bevölkerung der unteren und mittleren Mittelschicht mit geringeren Einkommen. Die Wohnungen sind finanziell erschwinglich und lassen Spielraum für eine Lebensqualität auf einem etwas niedrigeren Niveau. Dort finden wir auch eine bestimmte Schicht der Migranten, die sich in solchen Quartieren niederlassen und auch eine lokale Ökonomie entwickeln, die mit einer spezifischen Kultur verbunden ist. Zu dieser Ökonomie und Kultur haben irgendwann auch die deutschen Bewohnerinnen und Bewohner einen Zugang – auch wenn sie am Anfang etwas fremd wirken. Je höher der Anteil der Migranten im Viertel ist, desto stärker bilden sich diese Ökonomie und die dazugehörige Kultur aus, und beides prägt dann auch das soziale Zusammenleben im Quartier und auch die Urbanität der Stadt.

Aber diese Ökonomie und die dazu gehörigen kulturellen Muster der Kommunikation und des Verhaltens sind auch auf eine gewisse Urbanität angewiesen. Es braucht einer gewissen städtebaulichen Gestaltung des Quartiers; es bedarf öffentlicher Räume, Plätze und Straßen, die Treffpunkte sein können, die Beziehungen ermöglichen und Anonymität und Distanz zulassen. Dass diese Räume von Migranten anders besetzt werden, anders gedeutet werden, mit anderen Kommunikations- und Verhaltensmustern belegt werden, kennen wir von anderen Gruppen der Gesellschaft auch – das ist nicht etwas Besonderes der Migrationssituation. Die Keupstraße in Köln ist so ein Viertel, Berlin-Kreuzberg auch, und das Klagenfurter Bahnhofviertel scheint auch ein solches Viertel zu sein.

Wir kennen ja auch die Situation, dass Migranten in räumlich segregierten, benachteiligten Quartieren wohnen, die kaum eine urbane Struktur aufweisen und in denen der überwiegende Teil der Migranten wohnt. Dort kann sich eine solche Kultur und lokale Ökonomie nicht ausbilden und deshalb kommt es dort eher auch zu Spannungen und Konflikten, weil dort auch eine deutsche Bevölkerung wohnt, die Ausgrenzungserfahrungen kennt und nach Anerkennung strebt, in prekären ökonomischen Verhältnissen lebt und oft auf Transfereinkommen angewiesen ist. Es gibt also auch eine Abhängigkeit vom Grad der Urbanität und der Struktur der städtischen Verhältnisse, einer bestimmten sozialen Schicht der Migranten einerseits und der Entfaltung einer lokalen Ökonomie und Kultur im Kontext dieser städtischen Strukturen.

Der Autor nennt die Parallelgesellschaft als eines der Marginalisierungsdispositive. In der Tat bündelt der Begriff die Ängste und Sorgen einer von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden Kultur und eines subkulturellen Milieus, in dem andere Normen und Werte gelten, die sich auch der sozialen Kontrolle entziehen. Wir sehen in dem sich entwickelnden kulturellen Milieu nicht die Differenz, das Andere, aber Gleichwertige, sondern das Defizitäre, die Abweichung. Insofern handelt es sich um eine soziale Konstruktion, die in der Wirklichkeit nur insofern stimmt, als dass man auf bestimmte Regeln der Kommunikation und des Verhaltens achten muss. Mit dieser Situation ist der Großstädter aber vertraut. Aber der Begriff wird politisch benutzt, um Misstrauen zu säen.

Die anderen beiden Marginalisierungsdispositive müssen noch einmal differenzierter betrachtet werden. Die Situation der brennenden Vorstädte, der Banlieues, ist längst keine Migrationssituation mehr. Sie ist die Situation der sozialen und sozioökonomischen Exklusion einer maghrebinischen Bevölkerung und die Banlieues sind längst auch nicht mehr nur das Symbol dieser Ausgrenzung, sondern ihre zentrale Ursache. Im Übrigen kennen wir „bessere“ Banlieues, in denen auch eine französischstämmige Bevölkerung wohnt, die die gleichen Ausgrenzungserfahrungen macht.

Für das Ghetto gilt ebenfalls die gemeinsam geteilte Ausgrenzungserfahrung der Ghettobewohnerschaft. Marginalisierung bedeutet ja doch, dass man am Rande der Gesellschaft lebt, aber immer von Exklusion bedroht ist. Dennoch gehört man zur Gesellschaft. Das Ghetto marginalisiert nicht, sondern grenzt aus. Ghettobewohnerinnen und -bewohner machen nicht die Erfahrungen, dazu zu gehören, anerkannt zu sein, Vertrauen in die Strukturen der Alltagsbewältigung im Kontext der lokalen Zusammenhänge zu entwickeln und sie erfahren nicht, dass sie eine Bedeutung für andere haben. Das ist die Erfahrung der Exklusion.

Der Autor nennt einige Protagonisten, die in ihren Arbeiten einem national geprägten Migrationsverständnis aufgesessen sind. In der Tat hat sich im Zuge der Durchsetzung einer industrie-kapitalistischen Wirtschaftsverfassung eine Nationalökonomie entwickelt und der Nationalstaat stand auf dem Zenit seiner Entwicklung. Dass dabei Einwanderung zu einem Entwicklungsmodus wurde und Einwanderungsgruppen auch immer skeptisch betrachtet wurde, aber dennoch gebraucht wurden, kann man an der Entwicklung vieler industrieller Großstädte nachvollziehen. Und Großstadt war für die damalige Zeit ein Novum, ihre Entwicklung wurde kritisch begleitet, war sie doch Ausdruck einer anderen Moderne. Dem Rezensenten fielen vor F. Engels, G. Simmel und R. E. Park ganz andere Protagonisten ein, die in der Tat eine konservative Großstadtkritik formuliert haben: Ferdinand Tönnies mit seiner Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft oder Heinrich Wilhelm Rhiel mit seiner Naturgeschichte des deutschen Volkes als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik. Hier hätte eine historisch-kritische Einordnung der industriellen Verstädterung auch zu einem besseren Verständnis beigetragen. Denn in der Tat ist die Industriestadt eine Zäsur in der historischen Entwicklung der Stadt, die wenig mit der Bürgerstadt des 17. Und 18. Jahrhunderts gemein hat.

Interessant an dem Buch ist der Forschungsansatz einer subjektorientierten Perspektive mit den biographieorientierten Erforschung und Erkundung der Marginalisierungserfahrung und Betroffenen.

Fazit

Vor dem Hintergrund der österreichischen Migrationspolitik in einem konservativ regierten Bundesland Kärnten erforscht der Autor die Situation der Marginalisierung von Migranten in einem Großstadtviertel in Innsbruck. Seine These ist, dass sowohl die Wissenschaft als auch die Politik ein national orientiertes Migrationsverständnis unterstellen und damit auch dem Begriff der Parallelgesellschaft Vorschub leisten. Die dafür heran gezogenen Beispiele lassen einen Interpretationsspielraum offen und laden zum Diskurs darüber ein. Die vom Autor vorgestellten und diskutierten Marginalisierungsdispositive bieten wichtige Erkenntnisse. Aber auch hier hätte eine Auseinandersetzung mit der Stadt als Daseinsform der Moderne, ihrer Entwicklung und ihren Strukturen mehr Aufschluss über die städtische Logik von Integration und Ausgrenzung gegeben.

Summery

Before the background of the Austrian migration policy in a conservative part of Austria (Kärnten) discusses the author the situation of marginalization of migrants in quarter of a big City. His thesis is that both, the scientific discourses and the policy as well have a national orientated understanding of migration which encourages the term of “parallel society“. The given examples let a lot of interpretation possibilities open.

The author discusses three aspects of marginalization:

  1. the parallel society, which exists as a subcultural milieu parallel to the main society;
  2. the ghetto, in which all have the same experience of exclusion before the background of a common culture,
  3. The “burnig quarters“ in the French big cities, the Banlieues, where lives a north African population, which is social an socioeconomic excluded.

The presented and discussed aspects of migration are interesting give impulses for discussion. But here would be a discussion about the City as a special living form of the modern society requested which gives an explanation about the specific urban logic of inclusion and exclusion.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 01.09.2016 zu: Marc Hill: Nach der Parallelgesellschaft. Neue Perspektiven auf Stadt und Migration. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3199-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21111.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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