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Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser

Cover Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser. Galiani bei Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2016. 160 Seiten. ISBN 978-3-86971-128-7. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Autor

Michael Angele ist stellvertretender Chefredakteur der Zeitung „Der Freitag“. Zuvor stand er unter anderem an der Spitze der Internetpublikation Netzeitung.

Aufbau

Das kleine Büchlein ist aufgebaut als klassischer Essay. In einem nicht allzu langen Text werden ohne feste Struktur Gedanken zum Thema Zeitungslesen präsentiert.

Inhalt

Thomas Bernhard hat es Michael Angele wahrlich angetan. Der Schriftsteller fasziniert den Autoren des Buches „Der letzte Zeitungsleser“ offenbar so sehr, dass er ihn zum Dreh- und Angelpunkt seiner Ausführungen macht. In einer Art Protagonistenrolle wird die Mediennutzung Bernhards analysiert und als weitgehend typisch dargestellt. So erwähnt Angele, wie häufig und gerne Bernhard in Caféhäusern gesessen und Zeitung gelesen habe. Selbst die Tatsache, dass Bernhard zuweilen Leserbriefe an Zeitungsredaktionen schickte, ist Angele eine detaillierte Schilderung wert.

Michael Angele hat sein Werk als Mischung von Selbstreflexion und Beobachtung angelegt, hinzu kommen Begegnungen wie beispielsweise ein Interview mit dem Theaterregisseur Claus Peymann. Angele nutzt seine gedankliche Reise durch die Welt des Zeitungs-Nutzens zu einer Aufzählung ihrer traditionellen Vorteile. Dabei geht es weniger allein um die Abgrenzung von digitaler Kommunikation, sondern schlicht und ergreifend um die Kultur- und Verhaltensgeschichte rund um die Zeitung. So bezeichnet Angele die Rezeption von Zeitungstexten prinzipiell als „Erregungskunst“: „Wer Zeitung liest, befindet sich ja in einem ständigen Zwiegespräch, mit dem Leitartikler etwa, über den er sich noch liebe aufregt, als dass er ihm zustimmt“, schreibt Angele: „Es geht beim Zeitungslesen nie nur um Informationsgewinnung und freie Meinungsbildung, sondern auch um starke Gefühle. Um das Recht, sich aufzuregen.“

Der Autor beschreibt, dass es Menschen gebe, die regelrecht süchtig nach Zeitungen sind. Er selbst scheint dazu zu gehören, denn er räumt freimütig ein, dass ein Sonntagsfrühstück ohne die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung für ihn nicht denkbar sei. Insgesamt gehe es häufig aber auch darum, sich eine Zeitung zu besorgen, bloß um sie lesen zu können. Man komme ohnehin nicht dazu, immer alle Artikel tatsächlich zu studieren.

Michael Angele schildert in seinem locker-persönlichen Text so manche Lebenssituation, in der Zeitungen aus seiner Sicht bisher eine wichtige Rolle gespielt haben: Als Informationsmedium natürlich, aber auch als Inspirationsquellen für Schriftsteller (wie Thomas Bernhard), als Vorwand zur Beobachtung von Menschen im Café, als Lektüre auf den Sanitäranlagen, als Mitteilungsplattform für Todesnachrichten oder als Erkennungsmerkmal für Milieus, die allesamt die gleiche Zeitung lesen und sich daran charakterisieren lassen.

Letzten Endes ist Angele jedoch pessimistisch, was die Zukunft der Zeitung angeht. Nicht umsonst beschreibt er schon im Buchtitel das drohende Ende einer Kultur. Daran, dass die Zeitung verschwinde, „daran zweifelt keiner“, prognostiziert der Autor. Als Gründe dafür nennt er beispielsweise, dass kaum noch jemand den „Stolz des Lesers auf sein Abo“ verspüre und dass immer mehr Zeitungsredaktionen aus Kostengründen fusionieren, um letztlich dann das Gleiche zu schreiben. Die Haltung der Journalisten gegenüber ihren Lesern sei auch problematisch: Zu viele „Verstehenshilfen“ im Blatt seien der „Tod des leidenschaftlichen Zeitungslesens“, kritisiert Angele moderne Erklärstücke. Außerdem seien Medienmacher oft abgehoben, wenn es um das Bild ihrer Leser geht: „Sie stellen sich den Leser als großes Kind vor: etwas begriffsstutzig, dabei nicht gutmütig, sondern reizbar und schnell beleidigt, das Abo praktisch schon gekündigt.“

Diskussion

Es ist ein übersichtliches Werk, gesetzt in nur einer zeitungsähnlichen Spalte pro Seite – also ein Büchlein, das sich schnell lesen lässt. Über den Wert einer Zeitung zu reflektieren, die positiven und erfahrungsreichen Seiten der Zeitungslektüre heraus zu stellen, ist eine Bestandsaufnahme in Zeiten des digitalen Wandels, der als Liebeserklärung an das gedruckte Werk gelesen werden kann. Einzig die Aussicht, dass Zeitungen definitiv verschwinden würden, zeugt von einem unangemessenen Kulturpessimismus. Gleichwohl beobachtet Michael Angele mit feinem Blick die Veränderungen, die sich durch den Vormarsch digitaler Medien in der Gesellschaft ergeben – und was das für den Zeitungsleser als Typ bedeutet.

Fazit

Der ideelle Wert der Zeitung und ihrer Lektüre wird von Michael Angele in seinem Essay auf vielfältige Weise beschrieben. Das Buch ist somit eine lesenswerte Bestandsaufnahme, die viele Aspekte nennt, die heutigen und künftigen Zeitungsmachern Stoff zum Nachdenken geben. Angele führt aus, dass Zeitungslektüre Inspiration für Schriftsteller geben kann. Für dieses Werk hat der Journalist die Seite gewechselt und versucht seinerseits in der Rolle des Schriftstellers Inspirationen für Zeitungsmacher zu geben. Für (passionierte) Zeitungsleser ist das Buch eine spannende Lektüre, bei der man sich in vielen Stellen selbst wieder erkennt und eben dazu angeregt wird, den Wert des gedruckten Wortes auf Papier zu unterhaltsam zu reflektieren.


Rezensent
Prof. Dr. Frank Überall
Medien- und Politikwissenschaftler an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft; www.politikinstitut.de
Homepage www.politikinstitut.de
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Zitiervorschlag
Frank Überall. Rezension vom 19.10.2016 zu: Michael Angele: Der letzte Zeitungsleser. Galiani bei Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2016. ISBN 978-3-86971-128-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21114.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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