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Andrea Altenburg: Sexualität und Soziale Arbeit

Cover Andrea Altenburg: Sexualität und Soziale Arbeit. Zur Notwendigkeit Sexualer Bildung im Studium der Soziale Arbeit. Hochschulverlag Merseburg (Merseburg) 2016. 121 Seiten. ISBN 978-3-942703-48-2. D: 11,40 EUR, A: 11,80 EUR.

Sexualwissenschaftliche Schriften, Band 1.
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Thema

Von der Notwendigkeit Sexueller Bildung und Sexualpädagogik in der Sozialen Arbeit zu sprechen wirft in aktuellen Debatten zum einen professionstheoretische Fragen nach der Verortung der (neo)emanzipatorischen Sexualpädagogik auf. Ist sie als Teil der Sexualwissenschaften oder als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft verankert? Ist sie ein eigenständiges pädagogisches Forschungs- und Praxisfeld oder Querschnittsaufgabe der Allgemeinen Pädagogik, der Sozialen Arbeit sowie der Sozialpädagogik? Schulische ‚Sexualerziehung‘ ist schon seit 1968 durch Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) verankert. Sexualpädagogik kommt, nach Uwe Sielert, als Profession daher ‚zwar in die Jahre‘, konnte sich aber als erziehungswissenschaftliche Teildisziplin nicht vollständig etablieren. Zum anderen konstatiert der Begriff der Notwendigkeit, dass eine begleitende Unterstützung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in ihrer sexuellen Sozialisation durch pädagogische Fachkräfte gesellschaftlich und fachpolitisch gewünscht ist. Da dies grundsätzlich bejaht wird, stellt sich die Frage nach der quantitativen und qualitativen sowie curricularen Einbindung und Anerkennung qualifizierter sexualpädagogischer Ausbildungsinhalte an den Hochschulen und Fakultäten der Sozialen Arbeit. Dieser geht Andrea Altenburg mit einer empirischen Studie zur Einschätzung der aktuellen Implementierung von Ausbildungsinhalten und der Anerkennung der Notwendigkeit der Professionalisierung im Kontext Sexueller Bildung nach.

Autor_in

Andrea Altenburg hat sich zur Sozialpädagogin (B.A.), Sexualpädagogin (gsp) und Sexualwissenschaftlerin (M.A.) qualifiziert und arbeitet als Sexualpädagogin und Beraterin in einer Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familien und Sexualität sowie als freiberufliche Bildungsreferentin im Kontext Sexueller Bildung (vgl. http://sexuellebildung.net/).

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist als Masterarbeit im Rahmen des Studiengangs der Angewandten Sexualwissenschaften an der Hochschule Merseburg entstanden. Im hochschuleigenen Verlag werden innovative Abschlussarbeiten, die wichtige Beiträge für sexualwissenschaftliche Forschung und Praxis leisten, in der Reihe Sexualwissenschaftliche Schriften von den für den Studiengang verantwortlichen Professor_innen Ulrike Busch, Harald Stumpe, Konrad Weller und Heinz-Jürgen Voß herausgegeben

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau der Arbeit gliedert sich nach den folgenden Punkten:

  1. Theoretische Einordnung der zentralen Begriffe sowie Kontextualisierungen zu Sexualität und Sexueller Bildung als Thema in Praxis und Studium der Sozialen Arbeit
  2. Darstellung der Methodik der Arbeit sowie der empirischen Ergebnisse
  3. Kritische Betrachtungen der Bedarfe und Herausforderungen bei der Umsetzung von Angeboten Sexueller Bildung im Studium der Sozialen Arbeit

Im ersten Teil zur theoretische Einordnung der bestimmenden Konzepte arbeitet Andrea Altenburg die Komplexität der Debatten um die Frage, was Sexualität denn eigentlich sei,heraus. Sie beschreibt die unterschiedlichen Definitionsversuche und schließt sich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an, die erklärt, Sexualität sei ein „zentraler Aspekt des Menschseins über die gesamte Lebenspanne hinweg.“ (S. 14). Dementsprechend erarbeitet die Autor_in eine Perspektive auf Sexuelle Bildung als Förderung zu Selbstbestimmung und Selbstformung, sowie der Stärkung der „Entscheidungs-, Kritik- und Konfliktfähigkeit“ (S. 17) von Menschen im Kontext des Sexuellen. Im Weiteren stellt sie die Frage nach den unterschiedlichen Traditionslinien der Sozialpädagogik, der Sozialen Arbeit und sozialpflegerischer Berufe sowie deren differenten Zielgruppen, Handlungsmaximen und -praxen. Dennoch, so Andrea Altenburg, kommen alle pädagogischen Professionen in allen Handlungsfeldern des Pädagogischen mit Fragen der Sexualität ihrer Zielgruppen in Kontakt. Daher helfe eine qualifizierte Sensibilisierung pädagogischen Fachpersonals für die sexuelle Sozialisation ihrer Klient_innen dabei, ganzheitlichere Unterstützungsangebote zu unterbreiten. Daher erörtert Andrea Altenburg die Möglichkeiten der Professionalität, Professionalisierung und Verantwortungsübernahme pädagogischer Fachkräfte, Hochschulen und Institutionen und Interessenverbänden Sozialer Arbeit im Kontext Sexueller Bildung.

Nach dieser theoretischen Einordnung stellt die Autorin im zweiten Abschnitt die empirischen Ergebnisse dar. Diese wurden anhand eines vollstandardisierten Fragebogens mit geschlossenen und hybriden Fragen erhoben, an dem 3 Institutionen und 44 Hochschulen teilnahmen. Hierbei bestätigen 74% der Hochschulen, Ausbildungsinhalte für Studierende bereitzuhalten, und 45% der befragten Hochschulen hätten diese Inhalte curricular verankert. Altenburg kommt daher zu dem Schluss: „Die vorliegenden Untersuchungsergebnisse stimmen positiv“ (S. 108), Sexualität werde von den Hochschulen als wichtiges Thema in der Sozialen Arbeit anerkannt.

Im letzten Abschnitt fokussiert Andrea Altenburg die kritischen Betrachtungen der Bedarfe und Herausforderungen bei der Umsetzung von Angeboten Sexueller Bildung im Studium der Sozialen Arbeit und stellt die unterschiedlichen schon vorhandenen Qualitätskriterien und Rahmencurricula zur Ausbildung im Bereich der Sexuellen Bildung vor, die bspw. von der Bundezentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erarbeitet worden sind. Zudem erörtert sie die Problematik, wie „zieltheoretische, hochschuldidaktische, strukturelle und konzeptionelle Fragen der Qualifizierung behandelt werden können“ (S. 92), und verweist mit Bezug auf Uwe Sielert und Karlheinz Valt auf die Notwendigkeit, Sexuelle Bildung und Ausbildung in den Ebenen der Makro-, Meso- und Mikrodidaktik zu denken.

Diskussion

Nach dem Befund der BZgA aus dem Jahr 2003, nach dem sich „pädagogisch Tätige im professionellen Umgang mit Sexualität durchweg unzureichend ausgebildet“ (S. 35) fühlen, liefert dieser aktuelle Band wichtige empirische Ergebnisse zur Ausbildungssituation an deutschen Hochschulen und Fakultäten der Sozialen Arbeit. Trotz der Anmerkungen der Autor_in, dass die Studie nur „erste Hinweise“ (S. 88) liefert und aufgrund des quantitativen Rücklaufes der Fragebögen sowie zu vermutender falsch positiver Verzerrung der Daten nicht repräsentativ ist, liegen nun dennoch Ergebnisse vor, die die theoretisch schon postulierte Notwendigkeit der Implementierung Sexueller Bildung in die pädagogische Ausbildung weiter untermauern.

Neben der empirischen Untersuchung bietet die Publikation zudem die Möglichkeit, die ambivalenten Felder der Professionalisierung und Tabuisierung der Sexualpädagogik als Querschnittsthema zu reflektieren. In diesem Spannungsfeld kann ebenso die Problematik verortet werden, dass Sozialarbeiter_innen sexualpädagogisch handeln müssen – ohne Ausbildung werden diese Handlungen aber notwendigerweise durch eigene Haltungen strukturiert. Die Möglichkeit, dass unbewusste, unreflektierte und ungeprüfte Haltungen, Vorurteile und Stereotype Grundlage pädagogischen Handelns sein könnten, verweist zum einen auf die Gefahr der Unprofessionalität von Pädagog_innen und zum anderen auf die Gefahr der Produktion und Reproduktion eines, wie Rüdiger Lautmann es nennt, „sexualkulturellen Normalismus“ (S. 32).

Daher kann dieses Buch denjenigen empfohlen werden, die sich für die Entwicklung und Etablierung eines professionellen Umgangs mit Sexualität in sozialarbeiterischen und pädagogischen Beziehungen in Ausbildung und Praxis fundiert informieren möchten.

Fazit

Der vorliegende Band behandelt professionstheoretische Fragestellungen zur Verortung der Sexuellen Bildung und Sexualpädagogik im Studium der Sozialen Arbeit und bietet zudem erste empirische Überblicke über die aktuelle Situation von Ausbildungsangeboten für Studierende der Sozialen Arbeit im Bereich der Sexuellen Bildung. Ausgehend von der These, dass Sexualität in allen pädagogischen Handlungsfeldern und in der Arbeit mit allen Zielgruppen hochrelevant ist, die von den Hochschulen und Fakultäten der Sozialen Arbeit bestätigt wird, plädiert die Autorin für die Notwendigkeit der Anerkennung und Implementierung sexualpädagogischer Ausbildungsinhalte in die Rahmencurricula der Sozialen Arbeit und diskutiert die Möglichkeiten und Herausforderung der Professionalisierung der Sozialen Arbeit und der Sexuellen Bildung. Die Publikation bietet damit für Forschende, Lehrende und Praktiker_innen eine gute Möglichkeit, sich über die aktuellen professionstheoretischen Debatten der Sexualpädagogik zu informieren.


Rezensent
Johannes Nitschke
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät / Universität Leipzig
Homepage www.erzwiss.uni-leipzig.de/component/profcontrol/?v ...
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Zitiervorschlag
Johannes Nitschke. Rezension vom 29.08.2016 zu: Andrea Altenburg: Sexualität und Soziale Arbeit. Zur Notwendigkeit Sexualer Bildung im Studium der Soziale Arbeit. Hochschulverlag Merseburg (Merseburg) 2016. ISBN 978-3-942703-48-2. Sexualwissenschaftliche Schriften, Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21118.php, Datum des Zugriffs 21.10.2018.


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