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Heike Lutzeyer: Malen mit alten und demenziell erkrankten Menschen

Cover Heike Lutzeyer: Malen mit alten und demenziell erkrankten Menschen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-437-25024-8. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Kreatives Malen kann eine Form der Aktivierung in der sozialen Betreuung älterer Menschen im stationären oder ambulanten Setting darstellen. Durch regelmäßig stattfindende Malangebote kann ein wertvoller Beitrag zum Erhalt von Fähigkeiten und der Selbstständigkeit älterer Menschen geleistet werden, was sich wiederum positiv auf die Lebensqualität auswirken kann (vgl. S. 5). Das therapeutische Malen beinhaltet eine verbale, nonverbale, biografisch- und ressourcenorientierte Vorgehensweise, sodass sich dadurch, insbesondere für Menschen mit Demenz, Möglichkeiten ergeben können, krankheitsbedingte Kompetenzeinbußen zu kompensieren (vgl. S. 6). Dabei sind Gruppen- und auch Einzelangebote möglich. Zudem kann das therapeutische Malen auch für pflegende Angehörige als psychosoziale Begleitung eingesetzt werden. Durch verschiedene Gestaltungsmöglichkeiten können sich für pflegende Angehörige Chancen für einen Perspektivenwechsel und zur Reflexion des eigenen Verhaltens ergeben (vgl. S. 10).

Autorin

Heike Lutzeyer ist Dipl. Rhythmikerin und psycho-soziale Kunsttherapeutin. Sie ist u.a. als Dozentin an der Fachschule für Sozialpädagogik in Crailsheim sowie als Dozentin für Kunsttherapie und Aktivierung an mehreren Fachschulen für Altenpflege tätig. Zudem arbeitet sie als Kunsttherapeutin in Seniorenheimen. Von 2007-2014 hat sie Ausstellungen mit Demenzartbildern begleitet.

Zielgruppe

Die vorliegende Publikation richtet sich an Betreuungsasssistent_innen und erfahrene Pflegende und bietet Anregungen zur Gestaltung von Betreuungsangeboten, wobei Vorerfahrungen im kreativen Malen nicht erforderlich sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile (A-D) gegliedert, die jeweils verschiedene Kapitel enthalten (Kapitel 1-18) und zum Teil weiter untergliedert sind.

Teil A – Theoretische Grundlagen (S. 3-11)

1. Was ist Lebensqualität im Alter? (S. 3) In diesem einleitenden Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit den Fragen, wie Lebensqualität im Alter erhalten, geschaffen und erhöht werden kann und wer dazu in welcher Weise beitragen kann.

2. Die Bedeutung des malerischen Gestaltens im höheren Alter (S. 5-10) Dieses Kapitel beinhaltet eine Darstellung der Prinzipien des therapeutischen Malens. Des Weiteren wird Malen als ein Medium zur Kommunikation beschrieben sowie die Schwerpunkte des therapeutischen Malens und Gestaltens in der Seniorenarbeit dargestellt. Anschließend geht die Autorin auf die Stärkung des Selbstwerts und des Selbstbewusstseins ein, wobei hier der Fokus auf Menschen mit Demenz gerichtet ist und Aspekte des chronisch progredienten Krankheitsverlaufes beschrieben werden. Danach folgt eine Betrachtung der Auswirkungen des Malens auf die Beweglichkeit. Abschließend geht die Autorin auf die Frage ein: Malen mit an Demenz erkrankten Menschen – eine Überforderung?

3. Wirkung des therapeutischen Malens auf ältere Menschen und pflegende Angehörige (S. 11) Dieser Abschnitt enthält die Erläuterung der Ziele der künstlerisch-therapeutischen Arbeit (u.a. Sensibilisierung der Körperwahrnehmung, Entspannung etc.) sowie eine Ausführung über das Malen zur Unterstützung pflegender Angehöriger.

Teil B – Basiswissen für die praktische Umsetzung (S. 13-24)

4. Besonderheiten einer Malstunde (S. 15-16) In zwei Teilabschnitten wird zum einen auf Malen in kleinen Schritten eingegangen, wobei verhaltenstherapeutische Grundsätze sowie mögliche Übungsstufen dargestellt werden. Zum anderen wird Malen zur Musik dargestellt, z.B. Hintergrundmusik als Bedeutung für die Arbeitsatmosphäre.

5. Thematisch zur Musik malen (S. 17) In diesem Kapitel wird u.a. an einem Beispiel die Möglichkeit aufgezeigt, thematisch zur Musik zu malen (Herbstbild zur Musik „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi).

6. Malen in der Gruppe (S. 19-24) Dieses Kapitel gibt konkrete Hinweise zur Gestaltung und Vorbereitung einer Gruppenstunde. Es werden neben Teilnehmerzahlen, Dauer einer Stunde sowie die Vorbereitung des Malraumes auch der genaue Stundenablauf und geeignete Techniken, Methoden und Materialien erläutert.

Teil C – Mal- und Gestaltungstechniken (S. 25- 146)

Dieses Kapitel ist das umfangreichste und bildet den Schwerpunkt des Buches. Es gibt zu jeder einzelnen Technik detaillierte Hinweise zu Vor- und Nachteilen sowie zur Vorbereitung der Materialien und Planung der einzelnen Gruppenstunden, deren Durchführung in einzelnen Teilschritten beschrieben wird. Zudem werden weiterführende Techniken bzw. Varianten und Tipps zur Durchführung ergänzt. Zur besseren Verständlichkeit sind Beispielbilder hinzugefügt.

7. Praktische Umsetzung – Malen mit Gouache-Farben (S. 27-53) Nach einer kurzen Erklärung der Gouache-Farben werden verschiedene Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt (z.B. Malen mit Schwämmen, Schablonentechnik, etc.).

8. Malen mit Aquarellfarben (S. 55-61) Hier wird die Durchführung der Aquarelltechnik, insbesondere die Nass-in-Nass-Technik erklärt.

9. Malen mit Pastellkreide (S. 63-67) Inhalt dieses Abschnitts sind das themenbezogene Malen und die Monotypie/Frottage-Technik.

10. Drucken, Stempeln und Gestalten (S. 69-91) In diesem Kapitel werden verschiedene Varianten der Drucktechnik dargestellt, z.B. Druckstöcke aus Moosgummi, Korkdruck etc.

11. Ungewöhnliche Materialien im Einsatz (S. 93-113) Neben dem Vorstellen einiger Materialien, die originär nicht zum Malen gedacht sind, wie z.B. Deoroller, Topfkratzer etc., wird auf die sorgsame Prüfung der Eignung der Materialien und die individuelle Einschätzung der Teilnehmer hingewiesen, da besonders demenziell erkrankte Menschen irritiert reagieren könnten.

12. Malen und Gestalten mit Ölkreiden (S.115- 122) Diese Technik ist mit einem relativ hohen Kraftaufwand verbunden. Anwendungsmöglichkeiten sind die Abspreng- und Wachsbügeltechnik.

13. Formen zeichnen – Malschwungübungen (S. 123-143) In diesem Kapitel werden geeignete Formen zu Schwungübungen aufgezeigt, die durch motorische und rhythmische Bewegungen verschiedene Bereiche der malenden Person anregen können. Hier hat sich der zusätzliche Musikeinsatz mit unterschiedlichen Taktarten bewährt sowie gesprochene Verse etc. zur Unterstützung beim Malen.

14. Mandala (S. 145-146) Der Einsatz von Mandalas kann besonders beim Erstkontakt mit dem Malen geeignet sein. Durch die vorgegebenen Strukturen können sie Sicherheit geben, behindern jedoch unter Umständen den individuellen Gestaltungsausdruck.

Teil D – Spezielle Aspekte (S. 147-165)

15. Auf dem Weg zur Öffentlichkeitsarbeit – Wir stellen unsere Bilder aus (S. 149-153) Die Autorin setzt sich in diesem Kapitel mit der Bedeutung des „Kunstbegriffs im Allgemeinen“ (S. 149) auseinander und plädiert für die Präsenz in der Öffentlichkeit. Grundlage für Ausstellungen können längerfristige Malprojekte zu bestimmten Themen sein, was exemplarisch an zwei Beispielen dargestellt wird.

16. Einzeltherapie (S. 155-156) Hier wir kurz auf die Biografiearbeit, die Auswirkung der psychosozialen Begleitung und auf Erfahrungen aus der Praxis eingegangen.

17. Die Wirkung der Farben (S. 157-159) Thematisiert werden in diesem Kapitel harmonische und charakteristische Farbklänge, charakterlose Farbzweiklänge sowie die biografische Bedeutung von Farben.

18. Jahreszeitliche Gedichte zur Inspiration (S. 161-165) Inhalt des letzten Kapitels sind geeignete Gedichte zu verschiedenen Jahreszeiten.

Das Literaturverzeichnis; Verweise auf weiterführende Literatur zur Aktivierung alter Menschen, auf Gedichte (Internetportal) und auf Bildbände (S. 166) bilden den Abschluss des Buches.

Diskussion

Insgesamt ist das vorliegende Buch gelungen und ansprechend gestaltet. Es gibt konkret hilfreiche Anregungen zur Gestaltung von kreativen Malangeboten für ältere Menschen, die im Rahmen von Betreuungs- und Aktivierungsmaßnahmen in Betracht kommen.

Besonders hilfreich sind die Schritt-für-Schritt-Anleitungen bei den vorgestellten Techniken, so dass auch des Malens unerfahrene Betreuungskräfte diese einsetzen können. Durch die individuelle Anpassung der verschiedenen Techniken und Materialien und Berücksichtigung der Fähigkeiten und Ressourcen der einzelnen Teilnehmer_innen kann zudem ein individueller Gestaltungsspielraum ermöglicht werden. Dafür sind jedoch biografische Kenntnisse über die einzelnen Teilnehmer_innen unabdingbar. Besonders bei Menschen mit Demenz in ihren unterschiedlichen Krankheitsstadien sind ein sensibles Vorgehen und viel Erfahrung erforderlich. Hier wären weitere Ausführungen wünschenswert gewesen. Ebenso fehlen Details zur Frage, wie mögliche Belastungs- oder Überforderungssituationen vermieden werden können.

Unklar bleibt der Begriff des „therapeutisches Malens“. Diese Form des Malens erfordert eine besondere Qualifizierung und ist von Betreuungskräften oder von Pflegenden ohne entsprechende Zusatzqualifikation nicht leistbar.

Fazit

Das Buch ist in jedem Fall empfehlenswert und liefert konkrete Anregungen für den Einsatz in der Praxis. Im stationären oder ambulanten Setting kann kreatives Malen eine Form der Aktivierung in der sozialen Betreuung älterer Menschen darstellen. Betreuungskräfte und erfahrene Pflegende, die in diesem Rahmen Gruppen- oder Einzelangebote initiieren möchten, können sich an den vorgestellten Maltechniken und Materialien orientieren und diese auch ohne Vorkenntnisse direkt umsetzen.


Rezensentin
Angelika Rüther-Schwermer
Krankenschwester, M.A. Pflegewissenschaft; wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaften, Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Angelika Rüther-Schwermer. Rezension vom 27.02.2017 zu: Heike Lutzeyer: Malen mit alten und demenziell erkrankten Menschen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2016. ISBN 978-3-437-25024-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21119.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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