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Gerd Bohlen: [...] Kinder und Eltern in der Erziehungsberatung

Rezensiert von Dipl.Psychol. Dr. Andreas Vossler, 03.05.2005

Cover Gerd Bohlen: [...] Kinder und Eltern in der Erziehungsberatung ISBN 978-3-8300-1585-7

Gerd Bohlen: Miteinander wachsen. Kinder und Eltern in der Erziehungsberatung. Förderung der Selbstwirksamkeit auf der Basis videogestützter Interaktionsdiagnostik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2004. 526 Seiten. ISBN 978-3-8300-1585-7. 98,00 EUR.
Reihe: Schriftenreihe EUB, Erziehung - Unterricht - Bildung - Band 111.

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Einführung

Es ist keine neue Erkenntnis, dass viele Studien aus der Psychotherapie- und Beratungsforschung so praxisfern angelegt sind, dass sie bei praktisch tätigen Berater/innen auf wenig Beachtung stoßen. Umso erfreulicher ist es daher, dass Gerd Bohlen als erfahrener Dipl.-Psychologe in der Erziehungs- und Familienberatung (17 Jahre Tätigkeit in diesem Bereich) mit seiner Arbeit einen Beitrag zur Überwindung der Kluft zwischen Forschung und Praxis vorgelegt hat. In seinem Buch entwickelt er ein theoretisch abgeleitetes Beratungskonzept zur Förderung der subjektiv empfundenen Selbstwirksamkeit (nach Bandura), das an einer für das Feld der Erziehungs- und Familienberatung typischen Fallkonstellation überprüft wird (qualitative Einzelfallanalyse). Sein selbst gewählter Anspruch ist es dabei, im Rahmen seiner Praxisforschung die Gesamtkonzeption eines Beratungsansatzes zu entwickeln, mit dem die Beratungsarbeit optimiert werden kann.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in vier Hauptteile mit insgesamt 19 Unterkapiteln untergliedert, wobei der empirische Teil (Falldarstellung) weniger als ein Viertel des Buches umfasst.

  1. Im ersten Teil (Kapitel 1 bis 4) mit dem Titel "Rahmensetzung" werden zum einen literaturgestützt die zentralen Charakteristika des Arbeitsbereiches Erziehungs- und Familienberatung sowie die typischen Klientenanliegen beschrieben. Dabei fällt, wie in gesamten Buch, auf, dass sich der Autor - gemessen an der zahlreich zitierten Literatur - nicht immer auf der Höhe des aktuellen Forschungsdiskurses befindet und sich beispielsweise auf den 8. Kinder- und Jugendbericht bezieht, dessen Veröffentlichung bereits 15 Jahre zurückliegt. Zum anderen wird im ersten Teil ein "metatheoretischer Rahmen beraterisch-therapeutischer Tätigkeit" aufgespannt.
  2. Der zweite Teil (Kapitel 5 bis 8) verspricht die "Herleitung und Begründung eines erziehungsberaterischen Ansatzes". Dazu wird in drei jeweilis eigenständigen Kapiteln eine umfassender Überblick über die wichtigsten Konzepte und Befunde aus den Forschungsbereichen Entwicklungspsychopatholgie, Bindungstheorie und zum Konstrukt der Entwicklungsaufgaben gegeben. Die daraus abgeleiteten zentralen Erkenntnisse für die Beratungspraxis, wonach (kurz gefasst) Bezugspersonen eine große Bedeutung für die Entwicklung von Kindern haben, Selbstwirksamkeitsüberzeugungen protektiv wirken können und eine aktive Hilfe zur Problembewältigung zu den wichtigsten Beratungsaufgaben zählt, können allerdings weder als sonderlich neu noch als überraschend bezeichnet werden.
  3. Im dritten Teil (Kapitel 9 bis 16) des Buches ("Selbstwirksamkeit und ihre Implikationen für die Praxis") werden verschiedene konzeptionelle und empirische Aspekte der von Bandura entwickelten Selbstwirksamkeitstheorie erarbeitet und für den Bereich der Erziehungs- und Familienberatung fruchtbar gemacht. Vor dem Hintergrund eines interaktionalen Verständnisses von Selbstwirksamkeit, deren Ausmaß demnach von der Kooperation zwischen Eltern und Kind bestimmt wird, skizziert der Autor verschiedene Wege, auf denen im Rahmen einer Beratung zur Steigerung der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen beigetragen werden kann. In diesem Kontext wird auch der Ansatz einer verhaltenstheoretisch orientierten Interaktionsanalyse vorgestellt, der es über die Videografierung der Interkationen zwischen Eltern und Kind ermöglichen soll, die subjektiv empfundene Selbstwirksamkeit der Beteiligten zu erheben und gezielt zu fördern.
  4. Diese Vorgehensweise wird schließlich im vierten und letzten Teil ("Empirischer Teil Praxis der Förderung von Selbstwirksamkeit"; Kapitel 17 bis 19) mithilfe eines Fallbeispiels ausführlich und nachvollziehbar dargestellt und dokumentiert, wobei die Entwicklung der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen bei Mutter und Kind als Kriterium zur Bewertung des Beratungserfolges herangezogen werden. Tatsächlich kommt es im Beratungsverlauf entsprechend der aufgestellten Ausgangshypothesen zu einer Steigerung der Selbstwirksamkeit bezüglich ausgewählter Verhaltensbereiche (Erledigung der Hausaufgaben, abends Schlafen gehen etc.). Bedingt durch die gewählte Untersuchungsmethode muss jedoch fraglich beleiben, ob sich die Erkenntnisse aus dem Vorgehen und dem Verlauf bei diesem geradezu "idealtypischen" Einzellfall ohne weiteres generalisieren lassen.

Diskussion und Fazit

Die Gesamtbewertung des Buches fällt durchaus ambivalent aus: Die Arbeit überzeugt auf der einen Seite durch ihre Praxisnähe. Im Text wird an vielen Stellen deutlich, dass hier ein Berufspraktiker sowohl relevante theoretische Konzepte als auch die Praxis des eigenes Handlungsfeld gründlich und fundiert unter die Lupe genommen hat, um daraus Implikationen abzuleiten, die für die Praktiker/innen in diesem Feld nachvollziehbar und verwertbar sind. Dem Autor kommt darüber hinaus der Verdienst zu, mit der Förderung von Selbstwirksamkeitsüberzeugungen bei Kindern und Eltern eine Zielgröße in die Qualitätsdebatte eingebracht zu haben, bei der - ähnlich wie bei der Kohärenzsinnförderung - die ressourcenorientierte "Hilfe zur Selbsthilfe" zum Maßstab für Beratungsbemühungen gemacht wird. Mit dem vorgestellten Fallbeispiel kann das zuvor theoretisch abgeleitete Konzept einer selbstwirksamkeitsorientierten Eltern-Kind-Beratung zwar nicht für eine breite Klientengruppe empirisch valide überprüft werden. Es gelingt jedoch, das Vorgehen anschaulich zu illustrieren und eine Reihe von weiterführenden Hypothesen für zukünftige Studien mit größeren Stichproben zu entwickeln.

Andererseits muss jedoch bezweifelt werden, ob die vom Autor skizzierte Vorgehensweise tatsächlich den von ihm selbst und im Klappentext formulierten Anspruch gerecht wird, "Anwendung auf im Grunde alle Problemlagen und Anliegen von Eltern und Kindern" finden zu können. Systemische Perspektiven oder lebensweltorientierte Beratungsansätze, die in der postmodernen Praxis der Erziehungs- und Familienberatung angesichts der vielfältigen und oftmals komplexen Problemstellungen der Klienten unverzichtbar geworden sind, bleiben in seinem vor allem verhaltentheoretisch ausgerichteten Praxiskonzept leider nur randständig. Das Buch ist insgesamt durch eine individualisierende bzw. familiarisierende Betrachtungsweise gekennzeichnet. So fehlen beispielsweise Hinweise und Überlegungen dazu, dass das Selbstwirksamkeitsempfinden von Kindern und Eltern in starkem Maße von den realen gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Menschen abhängig ist, die von einer Beratung in einer verunsichernden Gesellschaft verstärkt in den Blick genommen und thematisiert werden müssen.

Der Leser/innenfreundlichkeit des Buches hätte es schließlich gut getan, wenn das aus der Dissertation des Autors hervorgegangene Buchmanuskript spürbar gestrafft und einige Längen und Redundanzen dabei beseitigt worden wären. So werden den Leser/innen 526 lange Seiten mit insgesamt 370 Fußnoten zu einem stolzen Preis von 98.- Euro zugemutet, was gerade auf Praktiker/innen eher abschreckend wirken könnte.

Rezension von
Dipl.Psychol. Dr. Andreas Vossler
Senior Lecturer in Counselling Psychology
London Metropolitan University
Department of Psychology
London / UK
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Es gibt 2 Rezensionen von Andreas Vossler.

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Zitiervorschlag
Andreas Vossler. Rezension vom 03.05.2005 zu: Gerd Bohlen: Miteinander wachsen. Kinder und Eltern in der Erziehungsberatung. Förderung der Selbstwirksamkeit auf der Basis videogestützter Interaktionsdiagnostik. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2004. ISBN 978-3-8300-1585-7. Reihe: Schriftenreihe EUB, Erziehung - Unterricht - Bildung - Band 111. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2112.php, Datum des Zugriffs 25.07.2024.


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