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Evelyn Hammes, Christiane Cantauw: Mehr als Gärtnern

Cover Evelyn Hammes, Christiane Cantauw: Mehr als Gärtnern. Gemeinschaftsgärten in Westfalen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 228 Seiten. ISBN 978-3-8309-3412-7. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland, Band 126. Herausgegeben von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen.Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
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Thema

Überall in europäischen Städten entstehen seit Beginn des Jahrhunderts gemeinschaftlich betriebene Gärten. Für ihre Mitstreiter sind sie mehr als eine Freizeitbeschäftigung, sondern „gesellschaftliches Gegenmodell, interkultureller Treffpunkt und Quelle sozialer Anerkennung“. Der Band stellt beispielhafte Initiativen aus Westfalen vor und lässt deren Betreiber ausführlich zu Wort kommen. Damit gibt er Einblicke in Motive, Hindernisse und Chancen dieser Bewegung.

Entstehungshintergrund und Autorinnen

Zugrunde liegt dem Buch eine zweijährige Feldforschung von Evelyn Hammes mit dem Ziel der Dokumentation verschiedener Gemeinschaftsgartenprojekte in Westfalen. Die Autorin besuchte die Gärten und führte 42 leitfadengestützte Interviews mit Akteuren durch.

Aufgrund beruflicher Verpflichtungen konnte sie das begonnene Werk nicht selbst zu einer Publikation ausarbeiten, was die Co-Autorin Christiane Cantauw übernahm, die fehlende Teile und Unterkapitel ergänzte.

Aufbau

„Urban Gardening“ ist ein Thema der Großstädte, bekannt sind die bunten und multikulturell geprägten Initiativen in zahlreichen Metropolen. Aber Westfalen? „Mit nur wenigen größeren Städten ist Westfalen nach wie vor eher ländlich geprägt“, vorherrschend sind Klein- und Mittelstädte und dörfliche Strukturen. Dennoch findet sich eine „erstaunlich große Bandbreite“ an Gemeinschaftsgarteninitiativen und -projekten. Deren Beteiligte standen im Rahmen der Befragung Rede und Antwort, das Buch verleiht ihnen eine Stimme, indem ihre Aussagen „so weit wie möglich in ausführlichen Interviewpassagen“ wiedergegeben werden. Ziel war, eine möglichst große Vielfalt unterschiedlicher Projekte einzubeziehen. Nach einer historischen Einordnung des Themas werden einzelne Gartenprojekte und ihre Genese ausführlich vorgestellt und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.

Inhalt

Gärten in der Stadt sind mehr als „Dekoration etablierten städtischen Wohlstands“, sondern werden in der Forschung als „Antworten auf spezifische politische, ökonomische, ökologische und/oder soziale Missstände diskutiert“. Einleitend geben die Autorinnen einen knappen, aber fundierten Überblick über den Stand der Forschung und die Genese und Entwicklung relevanter Gartentypen. „Gärten in der Stadt gab es schon immer“, aber bei dem „globalen Phänomen“ „Urban Gardening“ geht es dem Gros der Akteure ausdrücklich um Dinge, „die über das reine Gärtnern hinausweisen“. Der im Buchtitel verwendete Begriff „Gemeinschaftsgarten“ wird als gemeinschaftlich und durch freiwilliges Engagement betriebener Garten, Grünanlage oder Park „mit Ausrichtung auf eine allgemeine Öffentlichkeit“ charakterisiert. Generell gibt es eine „Tendenz weg vom Ziergarten hin zum Nutzgarten“ und den konsequenten Verzicht auf chemisch-synthetische Spritz- und Düngemittel; Motive des ökologischen Gärtnerns liegen in dem Ziel, gesunde Lebensmittel zu erzeugen, aber auch im Schutz von Umwelt und Natur. Hier unterscheiden sich Gemeinschaftsgärten von traditionellen Kleingartenanlagen und deren „normierten Verhaltensvorstellungen der Gartenpächter“, wobei es auch hier Veränderungsprozesse zu beobachten gibt.

2015 wurden deutschlandweit 465 Gemeinschaftsgarten-Projekte gezählt. Auf eine kurze Übersicht über Deutschland folgt auf 90 Seiten das zentrale Kapitel des Buches, die Vorstellung von „Gartenprojekten in Westfalen“. Anschaulich werden die einzelnen Initiativen vorgestellt; in aussagekräftigen wörtlichen Zitaten kommen Akteure zu Wort. Auf weiteren 60 Seiten findet sich in dem mit „Mehr als Gärtnern“ überschriebenem Diskussionskapitel eine lesenswerte, die Einzelbeispiele zusammenfassende Synthese. Unterkapitelüberschriften sind

  • „Kulturen des Selbermachens“,
  • „Orte des informellen Wissenstransfers“,
  • „Experimentierfelder für eine nachhaltige Gesellschaft“,
  • „Vergemeinschaftung, Inklusion und Interkultur“ sowie
  • „Stadt und Land“.

Dabei gehe es keineswegs um einen „idealistisch-verklärenden“ Blick auf Gemeinschaftsgärten, sondern um ein großes Spektrum unterschiedlicher sozialer Lern- und Übfelder bis hin zur „Praxis einer inklusiven Gesellschaft, in der jeder Mensch, ungeachtet von individuellen Fähigkeiten, Alter, Herkunft oder Geschlecht, die Möglichkeit einer vollständigen und gleichberechtigten Teilhabe hat“. Dies schließt explizit auch Flüchtlinge und Migranten mit ein.

Das Literaturverzeichnis und gut 60 Fotos im Anhang beschließen den Band.

Diskussion

Das Buch hält, was der Titel verspricht – die Analyse von Gemeinschaftsgärten belegt, dass es in diesen um mehr geht als um bloßes Gärtnern. Der Text liest sich trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs flüssig und die Einflechtung der wörtlichen Zitate lässt beim Leser ein lebendiges Bild der Initiativen entstehen. Schade ist, dass die sprechenden Fotos – sicherlich aus Kostengründen – geblockt am Ende des Buches auf den aus reinem Fließtext bestehenden Textteil folgen.

Fazit

Das Buch „Mehr als Gärtnern“ ist eine anschauliche wissenschaftliche Abhandlung über Gemeinschaftsgärten in Westfalen und geht über diese hinaus, indem die vorgestellten Gärten und die Motive ihrer Akteure analysiert und in den Kontext der „Urban Gardening“-Bewegung gestellt werden. Das Buch gibt einen guten Überblick in eine Bewegung, die mehr ist als eine Modeerscheinung – die Wiederentdeckung von gemeinschaftlich betriebenen Gärten im städtischen Umfeld.


Rezensent
Dr. Thomas van Elsen
Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft DASoL
Homepage www.soziale-landwirtschaft.de
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Zitiervorschlag
Thomas van Elsen. Rezension vom 15.11.2016 zu: Evelyn Hammes, Christiane Cantauw: Mehr als Gärtnern. Gemeinschaftsgärten in Westfalen. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3412-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21121.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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