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Gerd Schuster: Heim und Heimweh

Cover Gerd Schuster: Heim und Heimweh. Zur Sehnsucht alter Menschen an einem befremdlichen Ort. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 313 Seiten. ISBN 978-3-86321-305-3. D: 42,95 EUR, A: 44,20 EUR, CH: 52,40 sFr.
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Thema

Der Umzug in ein Pflegeheim ist ein tiefer Lebenseinschnitt. Der bisherige Wohnort, vertraute Gegenstände und geliebte Menschen müssen verlassen werden. Es ist eine emotional kritische Phase. Pflegemitarbeiter und Angehörige spielen eine wichtige, unterstützende Rolle. Heimweh ist schmerzlich, kann aber auch dazu beitragen, sich an das bisherige Leben zu erinnern und dies als Ressource zu nutzen.

Autor

Gerd Schuster, Dr. phil., Pflegewissenschaftler, Dipl.-Psychologe, Theologe, ist seit vielen Jahren in unterschiedlichen Führungspositionen im Bereich Altenhilfe tätig. Gegenwärtig leitet er das Forschungsinstitut für Bildung, Altern und Demografie (FIBAD).

Aufbau

Das Fachbuch ist folgendermaßen aufgebaut:

  1. Einleitung,
  2. Stand der Forschung,
  3. Gerontologische Aspekte,
  4. Die Institution Pflegeheim als Wohn- und Arbeitswelt,
  5. Methodologische Aspekte des Forschungsprojekts,
  6. Darstellung des Forschungsprojekts,
  7. Darstellung der Ergebnisse,
  8. Diskussion ausgewählter Ergebnisse,
  9. Ausblick.

Inhalt

Im ersten Kapitel stellt Gerd Schuster seine Forschungsmotivation und -fragestellung vor. Nach Ansicht des Autors ist bisher nicht über Heimweh alter Menschen im Pflegeheim bzw. der Sehnsucht nach Zuhause geforscht worden. Angesichts der Folgen des demographischen Wandels sieht er hier Bedarf. In den Kapiteln 2 bis 5 stellt er die theoretischen Grundlagen für sein Forschungsprojekt vor.

Das zweite Kapitel gibt einen Überblick über die aktuelle Forschungssituation zu Heimweh, Nostalgie und Sehnsucht. Der Autor erläutert u.a. den Ansatz von Van Tilburg über Heimweh, die Arbeiten von Wildschut zum Nostalgie-Gefühl und die Sehnsuchtsforschung nach Paul B. Baltes. Außerdem geht er zum Beispiel auf die Untersuchungen von Koch-Straube oder Koppitz zum Befinden von Pflegeheimbewohnern ein. Gesellschaftliche Altersbilder diskutiert Schuster im dritten Kapitel aus soziologischer, psychologischer und gerontologischer Sicht. Auf das vorherrschende Altersbild in der gesundheitlichen Versorgung und im Pflegeheim geht er ebenfalls ein. Der Autor zeigt Unterschiede, Widersprüche und Gemeinsamkeiten auf. Im vierten Kapitel analysiert Schuster die Institution Pflegeheim als Wohn- und Arbeitswelt. Er geht im Rahmen dessen auf gesetzliche Vorgaben, Regelkonzepte und demographische Prognosen ein. Des Weiteren gibt er einen Überblick über Theorien und Kritiken zu institutionellen Anforderungen an Pflegemitarbeiter und Bewohner. Im fünften Kapitel erläutert der Autor seine Methoden aus der qualitativen Sozialforschung. Er geht dabei u.a. auf die Heuristik und Grounded Theory ein.

Das sechste Kapitel umfasst die vier Studien für das Forschungsprojekt, die in vier Pflegeheimen in einer Region in Bayern geführt wurden:

  1. Studie 1 ist eine Auswertung der Heimprospekte mittels einer fokussierten Organisationsanalyse und Fotostudie. Leitend ist für den Autor: „Wie vermitteln, gestalten und organisieren Pflegeheime die neue Wohn- und Lebenswelt ihrer Bewohner?“
  2. Studie 2 umfasst die problemzentrierten Interviews mit Mitarbeitern. Die zugrundeliegende Frage dabei ist: „Wie erfahren und deuten Mitarbeiter von Pflegeheimen die Sehnsucht von Bewohnern nach ihrem ehemaligen Zuhause?“
  3. Studie 3 basiert auf problemorientierten Einzelinterviews mit Angehörigen. Wesentlich ist die Frage: „Wie stellt sich aus den Erfahrungen und Deutungen von Angehörigen heraus die Sehnsucht der Bewohner von Pflegeheimen nach ihrem ehemaligen Zuhause dar?“
  4. Studie 4 beinhaltet die teilstrukturierten Tiefeninterviews mit Pflegeheimbewohnern. Wesentlich ist hier die Frage: „Wie artikulieren alte Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen ihre Befindlichkeiten und Sehnsüchte in der neuen Umgebung?“

Das siebte Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen. Der Autor arbeitet die Rolle der Pflegemitarbeiter für die Integration in das Leben im Pflegeheim heraus. Belastende wie entlastende Faktoren für die Angehörigen, die sich mit dem Heimeinzug ergeben, werden behandelt. Schuster zeigt bei den Heimbewohnern, Gemeinsamkeiten, aber auch individuelle Unterschiede im Erleben und Äußern von Heimweh auf. Besondere Bedeutung hat das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte.

Seine Studienergebnisse setzt Schuster im achten Kapitel in Bezug zur bisherigen Heimwehforschung und verweist auf mögliche Anknüpfungspunkte. An einem Gesprächsbeispiel mit einer Bewohnerin vertieft er diese.

Das neunte und letzte Kapitel gibt einen kurzen Ausblick und Empfehlungen für die Praxis.

Diskussion

Das Phänomen Heimweh von Pflegeheimbewohnern rückt Schuster in den Mittelpunkt seiner qualitativen Forschungsstudien. Heimweh und Sehnsucht nach Zuhause sind Methapern für die emotionalen Prozesse des pflegebedürftigen, alten Menschen. Heimweh hat seiner Ansicht nach eine wichtige, integrierende Bedeutung. Im Gespräch über Heimat bzw. Zuhause können neue Deutungen der eigenen Lebensgeschichte entwickelt werden. Die Erinnerungen an Fähigkeiten und positive Erlebnisse können die eigene Identität stärken und Stabilität geben.

Der Autor will mit seiner Arbeit einen Beitrag zur Emotionspsychologie leisten und zugleich die Forschung zum Phänomen Heimweh in die Diskussion einbringen. Heimweh tritt besonders nach dem Umzug auf. Insofern kann der Ansatz von Schuster zu einer Weiterentwicklung von Standards für die Begleitung des Heimeinzugs und die Integration neuer Bewohner beitragen.

Das Fachbuch ist sehr dicht geschrieben, mit vielen Bezugnahmen auf unterschiedliche Theorien zu Heimat, Nostalgie und Sehnsucht.

Fazit

Gerd Schuster erarbeitet eine neue Perspektive auf die emotionale Situation von alten Menschen im Pflegeheim. Gefühle von Heimweh und Sehnsucht nach Zuhause sind Reaktionen auf den fremden Ort, als auch Anzeichen für eine Weiterentwicklung der eigenen Lebensgeschichte unter den Bedingungen der stationären Pflege.

Das Fachbuch kann neue gerontologische Einsichten geben und zur Reflexion über die Grenzen und Möglichkeiten der Institution Pflegeheim, ein neues Zuhause für die pflegebedürftigen Menschen zu bieten, dienen. Vor allem Mitarbeiter aus der Seelsorge, sozialpsychologischen Begleitung und in der Pflegeausbildung finden Anregungen.


Rezensentin
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 13.02.2017 zu: Gerd Schuster: Heim und Heimweh. Zur Sehnsucht alter Menschen an einem befremdlichen Ort. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-305-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21122.php, Datum des Zugriffs 29.07.2017.


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