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Benjamin Schmidt: Häusliche Pflege und Paternalismus

Cover Benjamin Schmidt: Häusliche Pflege und Paternalismus. Intergenerationelle Beziehungskonflikte und Belastungen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 216 Seiten. ISBN 978-3-86321-306-0. D: 37,95 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 46,30 sFr.
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Thema

Mit dem 2016 herausgegebenen Buch „Häusliche Pflege und Paternalismus – Intergenerationelle Beziehungskonflikte und Belastungen“, welches 2012 mit dem Titel „Paternalismus in Familien – Belastung bei der Betreuung älterer Familienangehöriger“ als Dissertation an der Tiroler Landesuniversität Hall i. T. eingereicht wurde, greift der Autor Benjamin Schmidt das Thema häusliche Pflege aus einer Perspektive auf, welche in der familiensoziologischen Alternsforschung als vernachlässigtes Thema eingeordnet werden muss und formuliert dabei den Anspruch und das Ziel, „sich dem Belastungserleben bei der Betreuung älterer Angehörige auf interdisziplinäre Weise zu nähern“ (S.12).

Autor

Benjamin Schmidt ist Pflegewissenschaftler und Diplom-Pflegewirt und arbeitet in Forschung und Lehre am Department für Gerontologie und demografische Entwicklung der Landesuniversität Tirol (UMIT) und am Forschungsinstitut für Bildung, Altern und Demografie (FIBAD).

Aufbau und Inhalt mit Diskussion

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel und stellt an den Anfang als Einleitung in Kapitel 1 den Aufbau der Arbeit.

Im zweiten Kapitel „Zum Stand der Forschung“ werden Generationenbeziehungen im Erwachsenenalter und die Situation pflegender Angehöriger in den Blick genommen. Unter Bezugnahme auf den Deutschen Alters-Survey (2000) sowie auf die aus den USA stammende Studie von Bianchi/Hotz/McGarry/Seltzer (2006) widmet sich Schmidt dem Thema der Generationenbeziehungen. Zur Situation pflegender Angehörigen zieht Schmidt einen Hintergrundreport mit Daten für Deutschland heran, der auf dem europäischen Forschungsprojekt EUROFAMCARE- Services für Supporting Family Care of elderly People in Europe basiert. Ein Großteil der daraus vorgestellten Ergebnisse ist seit den 1990iger Jahren bekannt; neue Erkenntnisse hingegen werden aus den Studien von Blinkert und Klie (2006) und der Studie von Karrer (2009) in Bezug auf die Abhängigkeit des sozialen Milieus formuliert, wobei die gewonnenen Ergebnisse der beiden Studien von Schmidt als widersprüchlich eingeordnet werden und von ihm daraus die Schlussfolgerung gezogen wird, nicht weiter nach einer Differenzierung des sozialen Status und des Lebensraumes zu schauen. Eine Konsequenz, die der Rezensentin nicht zwingend plausibel erscheint; wäre genau diese eine noch wenig erforschte Perspektive gewesen.

In Kapitel 3 „Intergenerationale Familienbeziehungen (Theorieteil I)“ geht Schmidt auf den Ansatz des Generationenkonzeptes, auf die Veränderungen der Familienstrukturen, familiale Unterstützungen und auf Generationenkonflikte ein. Hier wird zwar in Anlehnung an Kohli von einer „Generationenetikettierungswut“ gesprochen, die folgenden Ausarbeitungen lehnen sich aber eher unkritisch an die Ausarbeitungen zu den einzelnen Perspektiven des Generationenkonzeptes an. Die sich anschließenden Ausarbeitungen zu den Veränderungen der Familienstrukturen und der familialen Unterstützungen fallen einerseits sehr ausführlich aus, bleiben aber ohne Kontextualisierung zur Forschungsfrage und münden in der inzwischen allgemein bekannten Erkenntnis, dass sich „keine Anzeichen von Krisen der intergenerationalen Familienbeziehungen“ (S. 45) feststellen lassen, sondern Familie vielmehr durch „ein hohes Maß an Stabilität und Kontinuität“ (Hoff 2006, S. 266)“ (S. 45) gekennzeichnet ist. Das Thema der Sozialpolitik und familialen Unterstützungen unter 3.3.2 stellt sich der Rezensentin als nicht zwingend erforderlich für das Thema dar bzw. hätte hier eine stärkere Fokussierung auf die Frage von Gerechtigkeit und Gleichheit in den sozialen Unterstützungsleistungen eine Alternative dargestellt. Das sich anschließende Thema Generationenkonflikte unter wesentlicher Bezugnahme auf den Alters-Survey mündet in der nicht überraschenden Feststellung, „dass das so häufig in Medien postulierte Bild von intergenerationalen Familienkonflikten nicht zutrifft“ (S. 58).

Der Theorieteil II „Weitere interdisziplinäre Grundlagen“ unter Kapitel 4 wird eröffnet mit dem Blick auf systemtheoretische Betrachtungsweisen. Diese Perspektive stellt sich als eine, für gerontologische Bezüge besondere dar und ist insbesondere mit der Verschränkung zum Thema der Parentifizierung interessant; leider stellt Benjamin Schmidt keinen Bezug zur Forschungsfrage her und unterscheidet auch nicht zwischen heranwachsenden und erwachsenen Kindern, davon ausgehend, dass es diesbezüglich eklatante Unterschiede gibt. Mit dem Konzept des Paternalismus befasst sich der Autor hinsichtlich eines allgemeinen und eines medizinischen Verständnisses sowie in der Perspektive auf Betreuungssituationen und konstatiert, dass insbesondere die von ihm in den Fokus genommene Sandwich-Generation in die Lage kommt, zum Wohle ihrer Angehörigen entscheiden zu müssen. Er ordnet dies als Paternalisierungsprozess ein und sieht ältere Menschen – alt gewordene Eltern – in der Gefahr stehend, „als Ziel paternalistischer Behandlung angesehen“ (S. 70) zu werden. Die für das Kapitel 4 abschließende Befassung mit relevanten gerontologischen Bezügen und pflegebezogenen Grundlagen stellt in den Augen der Rezensentin eine Überfrachtung des Theorieteils bei fehlender Kontextualisierung zur Ausgangsfragestellung dar. Erst mit dem Unterkapitel 4.4.2 nimmt Benjamin Schmidt den roten Faden wieder auf und führt die in Kapitel 3 dargestellten theoretischen Grundlagen wieder zusammen und kommt am Ende zu den relevanten Aussagen, wenn er formuliert, dass „das Gelingen von Familienleben und Beruf in Bezug auf die Kindererziehung und -betreuung […G. K.} um den Aspekt der Pflege und Fürsorge von Angehörigen weiter ergänzt werden [sollte G.K.] (S. 88).

Kapitel 5 „Methodik und Forschungsprojekt“ leitet in die Methodik des Forschungsprojektes ein, indem zunächst die methodologischen Aspekte erörtert und im Anschluss daran das Forschungsprojekt vorgestellt wird. Es gelingt dem Autor gut, sich zweier unterschiedlicher forschungsmethodologischer Auswertungsmodelle zu bedienen, wobei die Frage offen bleibt, warum im Rahmen der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring nicht auch die Bildung von deduktiven Kategorien vorgenommen wurde. Insgesamt lässt der Forschungsteil nicht erkennen, wie groß die einzelnen Forschungsgruppen waren und wie der Zugang organisiert wurde

Dies erschließt sich in Ansätzen erst im anschließenden Kapitel 6, in dem die „Darstellung der Ergebnisse“ vorgenommen wird. Dabei bedient sich der Autor in Kapitel 5 der Untergliederung der Ergebnisse zunächst in der Forschungsgruppe 1 und der Forschungsgruppe 2, um daran anschließend eine Gegenüberstellung der Ergebnisse dieser beiden Gruppen und anknüpfend die Darstellung der Ergebnisse der Forschungsgruppe 3 vorzunehmen. Die Darstellung der Kategorien und Subkategorien mit der Dokumentation von Ankerbeispielen gelingt überzeugend und in der Darstellung sehr übersichtlich. Durch die Integration von Interviewpassagen erhält die Arbeit einen sehr praxisbezogenen Wert und schildert anschaulich den Alltag, die Beziehungsdynamiken und das Belastungsempfinden von pflegenden Angehörigen. Allerdings bleibt die Frage offen, warum offensichtlich einzelne Interviews nicht in die Auswertung einbezogen wurden und es bleibt die kritische Anmerkung, dass der Autor nach eigener Beschreibung in dem Forschungsprozess einen häufigen Rollentausch – vom Forscher in den Berater – vornehmen musste: für einen Forschungsprozess eine nicht zwingend günstige Voraussetzung. Einen Teil der Interviewpartner_innen konnte der Autor über berufliche Kontakte gewinnen; hier bleibt die Frage nach subjektiven Einflüssen und erklärt mitunter die o. b. Rollenkonfusion, die der Autor selbst beschreibt (S. 140).

In Kapitel 7 wird die „Diskussion relevanter Ergebnisse“ mit einer Strukturierung der Interpretationsansätze, einer kritischen Würdigung der methodischen Vorgehensweise und dem Blick auf Belastungserleben und Auswirkungen auf Beziehungen vorgenommen. Am Ende dieses Kapitels fokussiert Schmidt sehr stark auf das Belastungs- und Beziehungserleben, dass – so seine These – sehr stark von Schuld geprägt und beeinflusst ist.

Damit wird in Kapitel 8 ein neues Thema eröffnet, welches nicht zwingend den roten Faden fortführt, sondern den Leser/die Leserin auffordert, sich mit einer neuen Thematik „Schuld und Beziehungen“ auseinanderzusetzen. Leider wird damit nicht an die vorher erarbeiteten intergenerationalen Familienbeziehungen in Kapitel 3 anknüpft und es wird auch kein Kontext zu der systemtheoretischen Betrachtungsweise aus Kapitel 4 herstellt.

Mit einem „Ausblick“ in Kapitel 9 schließt Schmidt die Arbeit in Form einer Zusammenschau, einer Limitation und der Formulierung weiteren Forschungsbedarfs ab. Diese Kapitel fällt eher knapp aus und der Leser/die Leserin wünscht sich an dieser Stelle vielleicht einen stärker inhaltlichen Impuls; leider wählt der Autor anstatt eines Ausblicks einen Text von Christian Morgenstern, der der Rezensentin im Kontext der Arbeit und der gewonnenen Ergebnisse wenig geeignet scheint.

Fazit

Trotz der o. g. Kritikpunkte liefert das Buch von Benjamin Schmidt eine neue spannende Perspektive auf Generationen- und Familiendynamiken im Kontext häuslicher Pflege. Mit dem Wissen, dass die Familien- und Angehörigenpflege das größte Pflegepotenzial darstellt, sind Arbeiten wie die von Benjamin Schmidt notwendig, um den Blick zu schärfen für Menschen mit einem Pflege- und Unterstützungsbedarf und für deren Angehörige.

Insbesondere für Studierende ist die Lektüre empfehlenswert, weil sie einerseits eine theoretische Fundierung und ein interessantes Forschungsdesign aufweist und andererseits mit der Dokumentation von Interviewpassagen den Alltag von pflegenden Angehörigen anschaulich nachempfindbar macht.

Leider ist die Studie nicht zufriedenstellend lektoriert und korrigiert worden; Druckfehler finden sich auf den S. 98, S. 105, S. 136, S. 140, S. 141, S. 167. Ebenso fehlt die Anwendung einer gendersensiblen Schreibweise oder zumindest eine Erklärung zu dieser.


Rezensentin
Prof. Dr. Gabriele Kleiner
Evangelische Hochschule Darmstadt, Fachbereich Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Gabriele Kleiner. Rezension vom 10.04.2017 zu: Benjamin Schmidt: Häusliche Pflege und Paternalismus. Intergenerationelle Beziehungskonflikte und Belastungen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-306-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21123.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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